Tag 719 – Allein daheim Tag 5.

Ich bin gar nicht zu Hause. Ich sitze in meinem Lieblingsrestaurant. Alleine. Also natürlich sitze ich hier nicht alleine, es ist sogar ziemlich voll, aber an meinem Tisch, da sitze nur ich. Und auch wenn mich die Ahnung beschleicht, dass das hauptsächlich der vorübergehenden Natur meines Alleinseins geschuldet ist, finde ich das ganz großartig. 

Hinter mir sitzt eine Geburtstagsgesellschaft. Die reden laut und sind wohl auch schon eine Weile hier, auf jeden Fall hat die Gastgeberin eben die letzte Runde ausgerufen, danach sollen die Gäste selbst zahlen. Daraus, dass fast keiner sofort zum Bestellen aufsprang, ließe sich vieles schließen, aber ich lasse das einfach. Die haben alle Spaß und bestimmt bin ich jetzt alleine und mit meiner Rentierpizza indirekt auf ganz vielen Fotos. 

Ein paar Tische weiter sitzt unsere Nachbarin von oben. Mit ihrem Freund. Den kannte ich bisher nur akustisch. Auch da: ich lasse das einfach. Das Starren und das Spekulieren. 

Mir gegenüber hängt ein Bild vom Trondheimer Leuchtturm. Offenbar ist der etwas schief. Ist mir in echt noch nie aufgefallen. Aber eine kleine Kontrolle in der Fotomediathek ergibt: doch, ist schief. 

Links von mir hängt auch ein Bild, aber das ist gemalt. Ich habe sehr viele Fragen zu diesem Bild. Darauf ist (von unten nach oben): eine schemenhaft angedeutete Frau, die etwas wedelt, was aussieht wie so ein Band von der Rhythmischen Sportgymnastik. Aber mit mehreren Enden. Das Band ist rosa. Ein schemenhaft angedeuteter Mann (blau), der eine Glaskugel in der Hand hält. Irgendwelche Dinger, die ein bisschen aussehen, wie Eisskulpturen. Dinge, die aussehen wie Blumenranken, aber in blau. Das zentrale Element ist eine Art verästelte Wurzel, hinter der ein überdimensionales Katzengesicht abgebildet ist. Oben mündet die Wurzel in… nichts, nur mehr Wurzel, die dann an der Oberfläche, die eher Wolke als Erde ist, sich flach ausbreitet. Das Katzengesicht hat keine Schnurrhaare und das irritiert mich wohl am meisten. Über dem Ganzen thront in einer Ecke ein märchenhaft anmutendes Schloss mit vielen Türmchen. 

Rechts von mir hängt eine Fotografie von den Häusern am Fluss, die man von der Gamle Bybro aus sieht. Bei Nacht und mit hübscher Spiegelung der Häuser und Lichter im Wasser. Ich witzele gerne mal, dass das Trondheims einziger schöner Spot ist, weshalb er auch auf 90% der Postkarten abgebildet ist. Das Bild kostet 7900 NOK. Aber dafür ist es vom Fotografen signiert. Signiert man üblicherweise Fotografien? Offenbar. Zumindest dieser Fotograf tut das. Ich schmunzle kurz über den Gedanken, mir dieses Bild zu kaufen und dann irgendwo hin zu hängen, wenn wir mal nicht mehr hier wohnen. Den einzigen schönen Spot Trondheims. 

Auf der anderen Straßenseite ist ein Haus, in dem viele Geflüchtete wohnen. Viele improvisierte Gardinen hängen da, damit die Leute vom Restaurant gegenüber nicht direkt in die Wohnung gucken können. In ein Fenster hat jemand ein billiges Metalldekodings gestellt, in ungleichmäßig großen Buchstaben steht da „HOME“. 

Tag 718 – Allein Daheim Tag 4. 

Es geht mir sehr gut. Ich arbeite viel, aber in meinem Tempo, hier ist es sauber und ordentlich, ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich erst spät nach Hause komme. Die Sonne scheint, ich kann jeden Tag zu Fuß gehen, die Blasen an meinen Füßen heilen auch langsam. Ich gucke Fernsehen, alles nötige (und ein bisschen mehr) ist fertig geölt, das Öl ist jetzt auch fast leer. Ich esse einen Haufen getrocknete Tomaten zu allem und wenn das nicht reicht*, kippe ich noch selbstgemachten Ketchup drüber. Außerdem esse ich einen Haufen Erdbeeren. Heute habe ich drei Kilo gekauft, um nochmal Marmelade zu kochen. Außerdem habe ich heute die Anmerkungen vom Chef in die Diss fertig eingearbeitet und die Abschnitte, bei denen noch Referenzen fehlten, mit diesen gefüllt. Damit bin ich jetzt – soweit – fertig, es fehlen noch Tabellen, Abbildungen und ein wenig Prosa. Ich habe auch bei jemandem nochmal angerufen, dessen Firma ich gestern eine Bewerbung geschickt habe, nur um zu sagen, dass die Bewerbung da sein müsste und hoffentlich bald auf seinem Tisch landen wird. „It’s good that you follow up!“. 

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich freue mich sehr darauf, dass Herr Rabe und die Kinder bald wieder da sind. Ich vermisse sie auch wirklich doll. Als wir heute telefoniert haben, hatte ich das Gefühl, Pippi spricht plötzlich viel mehr und ich verpasse alles. Und als sich Michel dann wehtat, wollte ich so gerne was tun können. Aber nichtsdestotrotz genieße ich gerade die Zeit alleine auch in vollen Zügen. Ich überlege sogar, ob ich morgen Abend einfach so alleine ein Bier trinken gehe. Weil ich’s kann.

 Dochdoch. Es ist schon alles in Ordnung so. 

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*Heißhunger auf Tomaten, ist doch bestimmt irgendein Mangel. Vitamin K? Ist aber eigentlich auch egal.