Tag 2815 – Piep.

Es läuft weiterhin ganz ok, Dinge werden getan wie geplant, nur Schlaf wird nicht priorisieren, aber das kann ich ja nächste Woche nachholen (haha. Das Haus ist komplett voll, außer uns und der Schwägerin sind noch Herr Rabes Neffe und Freundin, der Schwiegervater und ein Schwager da. Wir reden hier nicht von einem Palast, sondern von einem typischen englischen Haus, in dem die Schwägerin sonst allein lebt. Es wird voll, da schlafe ich auch eher nicht aus).

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Große Dinge werfen ihre Schatten voraus, ich habe heute zum ersten Mal eine internationale Inspektion offiziell angekündigt (we hereby announce…) und gestern die Reise gebucht. Korea steht also.

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Die Kinder können es beide kaum erwarten, nach England zu reisen. Es ist ein bisschen niedlich, weil sie da sehr ähnlich sind, aber auch sehr unterschiedlich. Pippi fragt jeden Tag, warum wir nicht an dem jeweiligen Tag schon fahren können. Die Antwort ist immer gleich – Herr Rabe arbeitet ( = ist auf der Konferenz), ich arbeite, Kinder müssen zur Schule (wir haben sie ja für Freitag schon befreien lassen). Es wird trotzdem nach ein paar Stunden die gleiche Frage gestellt. Michel hingegen versteht ja all diese Gründe, flippert aber trotzdem durch die Gegend und hat auch schon seit vorgestern alles fertig gepackt – und packt es teilweise täglich wieder aus, weil er es ja noch braucht. Dazwischen sagt er mir ständig, dass er es nicht erwarten kann.

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Jetzt Bett. Hilft ja alles nichts, ich muss zumindest versuchen, zu schlafen.

Tag 2814 – Rotier, rotier.

Uff, ich weiß nicht, wie andere das machen, inklusive Herrn Rabe, wenn ich nicht da bin. Aber ich bin schon nach zwei Tagen fix und alle. Dabei läuft es eigentlich ganz gut, so insgesamt. Pippi war beim Schlagzeugunterricht (pünktlich), dann war sie beim Korps (pünktlich), ich habe sie abgeholt (pünktlich) und Michel abgeliefert (überpünktlich). Alle haben was gegessen, ich war pünktlich beim Ballett, ok, Michel musste auf mich 20 Minuten nach dem Korps warten, das war aber so abgesprochen und ihm so lieber, als mit irgendwem mitzufahren. Pippi war sehr stolz, dass sie alleine zu Hause sein durfte, während ich beim Ballett und Michel beim Korps war. Es ist so aufgeräumt, dass die Putzhilfe kommen könnte (die hat aber eben angekündigt, dass sie doch Donnerstag erst kommt, was mir so ganz lieb ist, ehrlich gesagt). Der Müll, der morgen abgeholt wird, ist draußen. Beide Kinder schwören, dass sie die Hausaufgaben schon in der Schule gemacht haben. Michel trägt seine Zahnspange zum ersten Mal über Nacht.

Aber ich kann kaum schlafen, weil die Gedanken in meinem Kopf Flipper spielen und ich das ständige Gefühl habe, etwas ganz Wichtiges vergessen zu haben. Ächz.

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Was ganz anderes: ich habe mal wieder Medikamente aussortiert und brav zur Apotheke gebracht, damit sie sachgerecht entsorgt werden können. Bei der Apothekenfiliale hier im Ort arbeitet nicht nur eine nette Bekannte (und der Trauzeuge einer Arbeitskollegin, wie sich neulich herausstellte), sondern bei der Kette bin ich auch im Kundenclub, weil man dann einfacher rezeptpflichtige Medikamente vorbestellen kann. Und wenn man im Kundenclub ist, kriegt man, wenn man ein Tütchen abgelaufener Medikamente mitbringt, einen kleinen Bonus, in diesem Fall eine Tube Wund- und Heilsalbe, die man ja echt immer mal gebrauchen kann. Außerdem läuft die nach dem Öffnen eigentlich recht schnell ab. Ich bin nicht so sicher, ob das System der Apothekenkette da so ganz durchdacht ist.

Tag 2813 – Nur noch grad schnell.

Die „nur noch grad schnell“-Krankheit ist bei uns in der Familie ja stark verbreitet. Auf Norwegisch „skal bare“. Es nervt mich bei den Kindern, insbesondere Pippi, meistens zu Tode, aber ich bin ehrlich gesagt gar nicht besser. Zum Beispiel war ich heute überhaupt kein Stück besser, und wollte nur noch kurz diesen einen Test für das IT-Projekt fertig machen, damit ich morgen nicht direkt wieder mit Testen anfangen muss. Hahahhahahaha. Natürlich kam es, wie es kommen musste, und aus dem einen Test wurde ein halb angefangener Test, zu viel Detektivarbeit für eine, die eigentlich diese ganzen IT-Dinge gar nicht kann (an welcher Stelle der Frustration darf man sich sowas eigentlich in den CV schreiben? „2021 – heute Product owner – IT-Projekt und trotzdem noch ein paar Nerven beisammen, kann System besser als manche Entwickler und alle anderen Sachbearbeiter*Innen“) und drei (DREI!) dokumentierten Bugs. Nach zehn Uhr abends ist sowas eine totale Schnapsidee. Das weiß ich, aber tappe immer immer wieder in solche Fallen.

Bis Donnerstag 15 Uhr noch, dann ist Urlaub.

Tag 2812 – Strohwitwe.

Herr Rabe brach am frühen Mittag nach London auf, ich bin jetzt also bis Donnerstag Abend allein für alles zuständig. Heute Abend war schon mal super, denn keins der Kinder wollte mein mit Liebe zubereitetes Essen (Fischstäbchen und Pommes) essen. Ich würde mich da ja gerne von lossagen, aber ich hab dann doch zu viel davon selbst gegessen, weil mir Essen wegwerfen irrational stark widerstrebt.

Der Rest vom Tag war aber ok. Die Kinder sind ja auch schon ziemlich groß und einigermaßen verständig. Morgen werde ich dann für spektakuläre 6 Stunden oder so ins Büro fahren, weil Montag ist (also sein wird) und aber ja auch Nachmittagsaktivitäten und allgemeiner Abhol-Stress stattfinden. Wirklich keine Ahnung, wie man sowas macht, wenn man nicht nur sporadisch mal allein ist.

Immerhin kann ich mit offenem Fenster schlafen, hehehehehe.

Tag 2811 – Nix los gewesen.

Hier ist heute nicht so wirklich was passiert. Herr Rabe hat gepackt und Michel die Haare geschnitten. Das war das spannendste, was heute passiert ist.

Morgen fährt Herr Rabe schon mal nach England vor, da geht er auf eine Konferenz. Wir kommen am Donnerstag nach, dann sind wir eineinhalb Tage in London und fahren danach die Schwägerin besuchen. Das ist alles sehr aufregend, finde ich jedenfalls. Alleine reisen mit den Kindern, das habe ich seit 7 Jahren nicht mehr gemacht, glaube ich. Aber das ist ja erst Donnerstag, also noch nicht heute aufregend.

Jetzt ist es auch Zeit, die Äuglein zu schließen, morgen ist wieder der Arsch-Tag, an dem die Zeit kaputt gemacht wird. Donnerstag dann wieder und auf dem Rückflug auch, uff ey, warum machen wir das eigentlich.

Tag 2810 – Auch sowas wie Routine.

Zwei Tage Kurzinspektion (eigentlich nur anderthalb), einmal nach Bergen jetten und zurück bitte. Aus Gründen viel darüber nachgedacht, ob das auch remote gegangen wäre und zu dem Schluss gekommen, dass das nicht gegangen wäre, nein.

Jetzt bin ich wieder zu Hause und gar nicht so erschossen wie sonst auch schon öfter. Vielleicht werde ich ja langsam doch eine von den erfahrenen Inspekteurinnen, die „sowas“ mal grad aus dem Ärmel schütteln. Abends habe ich sogar noch ein bisschen Geige geübt und befürchte jetzt leider, dass dieses Vivaldi-Concerto etwas langweilig werden könnte. Es wird sich noch zeigen, denke ich, aber ich bin eher gewohnt, bei den ersten Malen nicht sonderlich weit zu kommen und mit vielen Fragezeichen die Noten anzustarren (looking at you, Bach). Das heute (den 1. Satz) hab ich nahezu einfach runtergespielt. Ohne Murmel allerdings, vielleicht sollte ich es mit einer Murmel zu Schwierigkeitsgrad „unmöglich“ befördern. Oder doppelt so schnell spielen. Oder so.

Jetzt freue ich mich auf Schlafen im eigenen Bett und ohne Regenprasseln. Das ist nämlich erst schön, wird dann aber nervig und irgendwann ist man kurz davor, sich IRGENDWAS ins Ohr zu stopfen, nur damit es aufhört, das habe ich letzte Nacht zur Genüge getestet. Heute, während wir in einem innen liegenden Meetingraum saßen, war draußen dagegen die ganze Zeit schönster Sonnenschein. Ich glaube, das Wetter hasst mich oder will mich zumindest verarschen.

Tag 2809 – The Bergen Experience.

Heute Morgen dachten wir noch, wir hätten irgendwas falsch gemacht. Wir stiegen aus dem Flugzeug aus (reichlich seltsam übrigens, das ist so eine Verbindung, die nehmen manche hier wie nen Bus zur Arbeit und so fühlte es sich auch für mich heute an) und es war trocken, klar und überall grün. Dabei regnet es in Bergen doch immer. Immer immer. Vor allem im Frühling.

Nun, wie soll ich sagen. Seit dem Mittag regnet es, seit dem Nachmittag schüttet es wie aus Eimern. Dabei kommt Wind aus allen Richtungen gleichzeitig, mir ist schon drei mal der Schirm umgeklappt und meine Schuhe sind von den 100 Metern Weg vom Hotel zum Restaurant durchgeweicht. Genau hier, genau jetzt sind Dürren in Europa sehr weit weg.

Tag 2807 und 2808 – Entwicklungen.

Gestern und heute waren etwas anstrengend, ehrlich gesagt. Erst nahm Korea noch mehr Form an. Dann hat Michel seine Zahnspange bekommen und ist sehr groß damit. Er muss jetzt langsam die Tragedauer steigern bis zu 16 Stunden am Tag und wenn das erreicht ist, wird auch langsam das Schräubchen immer weiter gedreht. Neulich war der noch ganz klein und wir rannten uns die Hacken nach der richtigen Schnullerform ab. Jetzt hat er eine Zahnspange und schlürft schon wie ein Großer. Außerdem wissen wir seit heute sicher, dass er ADHS hat. Vielleicht nur das, vielleicht auch nicht, aber sicher das. Das hat nach den letzten Monaten mit all den Fragebögen keinen mehr so richtig überrascht, außer vielleicht die Schule, mit der haben wir aber noch nicht gesprochen. Aber ich freue mich schon sehr auf das Gespräch mit der Psychologin und der Schule, wo so Dinge angesprochen werden, wie „ein Kind das schon Hausaufgaben, die über eine Woche aufgegeben werden, nicht organisiert bekommt, kann dies erst recht nicht über zwei Wochen“. Und nein, man kann nicht von allen Kindern erwarten, dass sie das „dann halt lernen“, und in manchen Familien führt sowas auch zu inakzeptablen Ausrastern und Streits, was in der Konsequenz eher zu nicht zwingend gesunden Coping-Strategien als zu echtem Lernen führt. Am Ende wird das Kind zwanghaft wie seine Mutter…

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Kleines Update: eine Murmel zwischen Daumen und Geige halten ist wirklich hardcore. Also geht, aber dann spielt eine halt nur Tonleitern im Schneckentempo. Aaaaber: tatsächlich minimiert das sehr effektiv jede Bewegung in der linken Hand, weil einfach sofort die Murmel runterfällt, sobald man zu doll zuckt. Der Daumen ist auch ganz locker, aber bei mir immer noch eher da, wo ich ihn hinlege und nicht da, wo der Lehrer ihn haben will. Aaaandererseits: vielleicht ist es einfach Wumpe, wo der linke Daumen ist, solange es funktioniert? Ich muss das noch ein bisschen probieren. Damit ich auch noch andere Dinge als Tonleitern üben kann, nehme ich Würfel, die Rollenspielwürfel sind sehr gut geeignet, den Schwierigkeitsgrad langsam zu steigern. Ein Nachteil an allem: das sind alles harte Dinge, die schnarren, wenn man sie an die Geige hält. Macht keinen Spaß, so rein akustisch.

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Morgen fliege ich nach Bergen, um 7 Uhr muss ich im Zug sitzen. Deshalb jetzt Licht aus.

Tag 2805 – Höhenflug.

Meine Geigenstunde war um Längen besser. Warm machen hat geholfen, und sich nicht mehr in die Hose machen, dass der Lehrer bestimmt lacht und/oder sagt, dass man ein hoffnungsloser Fall ist und die Geige lieber als Feuerholz verwenden als darauf herumstümpern sollte, wahrscheinlich noch mehr. Die unterkomplexen Etüden darf ich dann jetzt sein lassen (Hurra!) und mich einer komplexeren Etüde und einem Concerto von Vivaldi widmen. Ansonsten habe ich weiter viele Punkte bekommen, an denen ich arbeiten kann/darf/soll, aber das ist ein sehr langfristiges Projekt, und, wenn man dem Internet Glauben schenkt, auch recht typisch für so halb fortgeschrittene Schüler*Innen wie mich. Kurz gesagt: zu wenig Gewicht im linken Arm, dadurch zu viel Bewegung in den Fingern, dadurch eine angespannte Hand, langsame Finger und schnelle Ermüdung. Ich merke die Symptome ja auch. Und ich erinnere mich auch noch mit gemischten Gefühlen an meine Geigenlehrerin, die immer immer immer wieder daran erinnerte, dass der Daumen locker sein soll. Jetzt soll ich erst mal einfache Dinge wie Tonleitern (oder die eine unterkomplexen Etüde) üben und mir dabei irgendwas, das runterfällt, wenn man zu doll drückt (wie eine Murmel oder ein kleiner Würfel) zwischen Geige und Daumen klemmen. Ich werde da morgen mal suchen, Murmeln hab ich ja jetzt. Ich habe auch angesprochen, dass ich die Bogenhaltung, die er möchte, zwar gut für Kontrolle finde, für lockere Passagen aber zu unflexibel. Wir kommen darauf zurück, aber erstmal soll ich es mehr so machen und weniger flexibel. Also rechts fester, links Daumen abhacken, äh, locker lassen. Um die Geige an sich höher zu bekommen müsste ich vermutlich eine andere Schulterstütze haben, eventuell auch wieder (meh) eine andere Kinnstütze, das ist nämlich so wie er meint, dass es richtig ist, für mich weniger stabil und auch leicht unbequem. Dafür hab ich nicht mehr immer den Abdruck der Schraube der Kinnstütze am Hals, hmm.

Jedenfalls, das war heute echt schon fast gut. Vielleicht hab ich ja irgendwann keine Angst mehr vor ihm.

Mehr war nicht. Reicht auch, so neben allem anderen.