Tag 1964 – Kurze Meldung.

Wir hatten einen sehr schönen Tag, haben in 3-D echte Menschen gesehen (sogar ein ganz ganz niedliches, 3 Monate altes Baby) und ich trau mich kaum das zu schreiben.

2020 kann echt langsam weg, meiner Meinung nach. Auf ganz vielen Ebenen hab ich die Schnauze voll davon. Zum Beispiel ein schlechtes Gewissen haben, weil man völlig normale Dinge tut.

Tag 1960 – Keine Neuigkeiten.

Ab morgen müssen wir Mundschutz auch in unserem Kaff in Läden tragen. Mache ich schon seit Wochen, aber es wird hier jetzt auch Pflicht. Ich hab da keine große Meinung zu, ich mache es halt (wie gesagt, schon lange), schaden wird es ja nicht. Des Weiteren dürfen wir uns indoor nur noch mit 19 weiteren Menschen treffen, „verantwortlicher Arrangeur“, fest montierte Sitze und Meter hin oder her. Als Nächstes erkennen sie noch Aerosole an, das wäre ja mal was.

Ansonsten war das hier ein normaler Homeoffice-Arbeitstag. Ich habe meinen Kurs weiter gemacht und perfektioniere langsam das stumpfsinnige Beschäftigen meiner Hände und meines abschweifenden Kopfes beim langen, konzentrierten Zuhören. Heute habe ich sehr viel Wäsche verräumt, und später am Tag während des Kurses gekocht. Ich habe während Meetings auch schon gebügelt und Stoff zugeschnitten. Ich kann mich tatsächlich so deutlich besser konzentrieren, als wenn ich auf meinem Hintern sitze und gar nichts tue außer Zuhören, denn da dödeln meine Gedanken bei zäheren Themen sehr schnell weg. In Meetings, in denen von mir aktive Teilnahme erwartet wird, habe ich meine Glitzerflasche, Glitzer beim Glitzern zugucken ist genau das richtige Maß an „Ablenkung“, um nicht abgelenkt zu werden.

Klingt komisch, ist aber so.

Tag 1947 – Mal wieder Dugnad, Geld, Onesies.

Erstmal bitte ich um Entschuldigung, dass ich gestern im Volltran spät abends von HMS gefaselt habe. Ich dachte, die Abkürzung sei ja auf Englisch die gleiche, und die kennt man ja. HMS ist SHE, wie wir sehen, quasi die gleiche Abkürzung. Die Abkürzung steht für Helse, Miljø, Sikkerhet, also Gesundheit, Umwelt, Sicherheit. Arbeitsschutz. Wir sollen auch im Homeoffice die Arbeitsschutzrichtlinien einhalten, ich nehme ganz stark an, dass den Arbeitgeber*Innen langsam aufgeht, dass sie da eine Verantwortung haben, so lange wie das schon dauert. Da hilft ein unter völlig anderen Prämissen (nämlich „Homeoffice gelegentlich, nicht mehr als 25 Tage im Jahr“) unterschriebener Wisch aus dem Januar leider wenig, wenn wir uns auf Küchenstühlen grad alle den Rücken ruinieren. Meine Chefin war leider nicht sonderlich offen für Übernahme von Kosten für bessere Ausstattung. Mal sehen, was das noch gibt.

Wir hatten heute den letzten Termin mit der Finanzberaterin, jetzt ist unsere Umstellung erst mal abgeschlossen. Uff. Das war ein ziemlicher Aufriss. Aber es hat sich gelohnt, wir werden jetzt weniger als vorher sparen und anlegen und damit mehr erreichen. Niemand wird im Alter am Hungertuch nagen müssen und wir können in ein paar Jahren die Küche renovieren, ohne dafür noch mal den Kredit erhöhen zu müssen. Das ganze System ist deutlich verschlankt, wir müssen nur noch eine Überweisung im Monat nach Deutschland tätigen und vor allem haben wir keine unnötigen Versicherungen mehr, die im Fall der Fälle eventuell eh gar nicht zahlen würden, sofern wir nicht zum Beispiel Gutachterpersonen einfliegen wollen um z.B. einen deutschen Pflegegrad zu bekommen. Ich freue mich vor allem drauf, mich jetzt wieder eine Weile nicht groß darum kümmern zu müssen.

Am Nachmittag war hark-Dugnad [Gemeinschaftsarbeit] im Kindergarten. Unser Kindergarten hat grad wegen Krankheit echte Personalprobleme und da harken die nicht auch noch nebenher. Verständlich. Aber es stehen riesige, alte Linden überall auf dem Gelände und das ganze Laub kann da nicht bleiben. Also harkte ich und fuhr auch noch einige Schubkarren voll Laub weg, dann wurde es aber zu dunkel. Pippi hat natürlich sehr kräftig mitgeholfen und war sehr stolz, dass Mama auch Dugnad macht. Integrierter geht kaum.

Lauter Haufen.

Tatsächlich war es ganz schön, sich bei Tageslicht draußen zu bewegen und auch (mit sehr viel Abstand) ein paar Worte mit den anderen Kindergarteneltern zu wechseln.

(Homeoffice ist echt nicht gut für mich.)

Apropos Homeoffice: Herr Rabe und ich haben uns gestern Onesies bestellt. In einer eeeeetwas anderen Qualität als die in großen Kindergrößen von Lindex, die wir haben. Diese Homeofficescheiße geht ja vermutlich noch den ganzen Winter so weiter, dann bald stilecht und leicht peinlich obendrein im Partnerlook.

Michel hat sich auch einen weiteren Onesie gewünscht und hat jetzt einen im Schneeleopardenlook. Es ist sehr niedlich.

Er wollte ihn eigentlich heute zur Schule anziehen, aber das konnten wir abwenden.

Tag 1946 – Langsam leicht balla balla.

Das Rumgeeier angesichts der explodierenden Pandemie hier in Norwegen lässt mich mehr und mehr Haare raufen. Unser R-Wert ist jetzt bei 1,4 (vor grad mal zwei Wochen war er ja angeblich noch bei 0,99, wir hatten keine zweite Welle und alles war total rosig) und die Prognosen sagen düsteres voraus. Aber die Tanzschule ist ein Fitnesscenter und kein Breitensport, darf bei uns also auf bleiben. Aber nicht in Oslo (oder Bærum oder Asker), da sind Fitnesscenter geschlossen. Es ist alles kompliziert. In Hurdal (oder war’s Nannestad? Ums Eck jedenfalls) muss man in Läden auch Mundschutz tragen, bei uns aber nicht. Als würden sich Leute nie zwischen den Kommunen bewegen. Ha. Ha. Bei uns darf man noch ins Restaurant, in Oslo auch, aber bei uns gibt’s Alkohol immerhin bis 22 Uhr, in Oslo jetzt gar nicht mehr.

Ich komme mit meinem Homeoffice weiter nur so Mittel gut klar. Mein Arbeitgeber hat sich jetzt überlegt, dass wir HMS auch in 330 Homeoffices (und diversen Hütten vermutlich) beachten müssen und ich hab dazu morgen ein Gespräch. Bin gespannt, ob dann aus Klagen über schlechte Bedingungen auch Taten folgen, oder ob nur traurig genickt wird und mit „das ist verständlich, aber so geht es allen und wir können da leider gaaar nichts machen!*“ geantwortet wird.

Die Laune sinkt umgekehrt proportional zur Inzidenz.

*was Geld kostet

Tag 1941 – Bier nur noch zu Hause.

Wir wohnen zwar nicht in Oslo, auch nicht in einer angrenzenden Kommune, sondern in zwei Kommunen weiter, aber ich gebe unserem Kaff noch zwei Wochen, bis wir vergleichbar strenge Maßnahmen wie Oslo haben. Die sind ab in fünfzehn Minuten: alles schließt um Mitternacht, ab 22 Uhr darf keiner mehr rein, es gibt keinen Alkohol und man muss Mundschutz tragen, solange man nicht am Tisch sitzt. Meine Theorie dazu: ausgehen soll so wenig Spaß wie möglich machen, damit man es einfach gleich bleiben lässt. Darüber hinaus sind alle Freizeitaktivitäten für Erwachsene verboten*. Kinos, Theater, Fitnesscenter: zu. Party zu Hause/im Garten/egal wo mit mehr als 10 Leuten: verboten. Oberstufe: Homeschooling.

Wie gesagt, ich gebe Viken noch zwei Wochen.

Ganz hedonistisch ist mir das grad alles egal, ich bin heute wieder nach Hause gekommen, um zehn nach neun, recht fertig und mit ganz leichtem Fließschnupfen, yeah. Das einem eine ganz leicht laufende Nase mal derartig peinlich sein kann, hätte ich ja auch nicht gedacht. Keine Sorge: ich rieche noch alles und huste auch nicht.

Am Wochenende wird zu Hause gerödelt. Der Onesie ruft.

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Verboten as in: tatsächlich verboten. Strafrechtlich verfolgbar.

Tag 1940 – Im Eimer.

Jöss, ich bin so müde. Inspektion ist anstrengend. Auch interessant. Wieder was anderes. Aber – uff.

Ich vermisse die Kinder, eins ist krank (natürlich, denn es ist immer ein Kind krank, wenn ich auf Inspektion bin) und schreibt mir süße Nachrichten, es ist zum Knutschen.

Hotelbett ist schon auch nice, aber wohl für ne Weile wieder das letzte Mal. Maaaaann. Scheiß Corona.

Tag 1938 – Hotelzimmeraussichten Teil 5.

Pittoresk.

Es ist wirklich richtig hübsch hier. Vielleicht ist meine Wahrnehmung auch gefärbt davon, dass es das erste mal seit März ist, dass ich in einem Hotelbett liege und nach Hotelshampoo rieche. (Habe ich eigentlich mal erwähnt, wie toll ich es finde, dass ich kurze Haare habe? Es ist super gut, einfach färben, bleichen, schneiden und weirde Shampoos ausprobieren zu können, weil alles maximal ein paar Monate hält. Ich ruiniere nicht durch Haarfarbe meine Spitzen und damit die durch jahrelange, mühselige Pflege erreichte Länge, und wenn die Spülung die Haare schwer macht, so what, sie sind ja kurz und kleben nicht am Kopf. Kurze Haare for life!)

Im März, beim letzten Hotelaufenthalt, waren wir am Anfang der 1. Welle und die Inspektion wurde wegen sehr spontanem Lockdown hauruckmäßig in drei statt vier Tagen durchgezogen. Jetzt sind wir am Anfang mittendrin in der 2. Welle, es wird endlich auch so benannt Hallelujah und der Gesundheitsminister kündigt neue Maßnahmen noch diese Woche an. Mal sehen, ob wir diese Inspektion wie geplant fertig machen dürfen.

Ich wollte echt nie in spannenden Zeiten leben. März fühlt sich an wie hundert Jahre her und was ich an meinem Geburtstag schrieb wie die total weltfremde Einstellung einer 15-Jährigen. 2020 könnte meinetwegen jetzt vorbei sein. 2021 auch, wenn wir schon dabei sind, ich sage nämlich schon mal gewohnt positiv voraus, dass die spannenden Zeiten noch so ein Jährchen dauern dürften.

Tag 1932 – Nicht aufregen.

Alles geht weiter, irgendwie. Im März war Deutschland nach Norwegen dran mit den Kontaktbeschränkungen durch geschlossenes alles mögliche, dieses Mal wird es wohl anders herum sein. Weil wir ja keine zweite Welle haben.

Carona hat jetzt Winterreifen drauf und Caronas Bremsen wurden geschmiert. Der Winter kann kommen. Dafür ist das Konto leer.

Morgen fahre ich wieder Model 3, Hurra. Morgen fahre ich wieder im Berufsverkehr nach Oslo, damn.

Die norwegische Regierung hat beschlossen, die Sprachanforderungen für Leute, die die norwegische Staatsbürgerschaft beantragen wollen, zu ändern. Überall stand „verschärfen“, tatsächlich verschärft wird aber nur der mündliche Teil. Der schriftliche – entfällt! Tadaaa. Ist mir egal, Herrn Rabe nützt es gegebenenfalls sogar, weil er keinen strukturierten Assay über Umweltpolitik oder Zivilcourage oder sowas schreiben muss, sondern nur drüber palavern können muss. In normalem Tempo, ohne, dass das Gegenüber extra langsam spricht. Wenn man dafür keine 300 Stunden Sprach- und Gesellschaftskundekurs mehr belegen muss, finde ich das erleichternd statt verschärfend, aber da hab ich bestimmt einfach irgendwelche Politikdinge übersehen. Wie auch immer, bis das entsprechende Gesetz geändert ist, fließt noch ne Menge Wasser die Glomma runter.

So, Michel ist in seinem Bett wieder eingeschlafen, nachdem ich ihn eben quer in unserem Bett auf der Decke und einem Klamottenstapel liegend auffand. ich hab den ja schrecklich lieb, aber der ist langsam echt groß und unser Bett nicht mitgewachsen. Ich gehe jetzt aber auch endlich schlafen.

Tag 1931 – Keine Welle.

So hier sieht das aus, wenn Norwegen keine 2. Welle hat.

Ernsthaft, die, die diese Zahlen rausgeben, sagen, das sei keine 2. Welle.

Ja dann!

(Heute endlich offiziell Bescheid bekommen, dass wir weiter Homeoffice haben. Forskrift om forebygging av koronasmitte, Oslo kommune, Oslo Paragraph 4 erfüllt, Check.)

Los, komm, wir sterben endlich aus.