Tag 978 – Gemischtes.

Heute war ich beim NAV. Das kam so:

Ich habe seit inzwischen 5 Wochen kein Arbeitslosengeld bekommen. Es wurde mir ja von Anfang an klargemacht, dass ich in den zwei Wochen vor der Disputation kein Arbeitslosengeld bekäme, weil ich in der Zeit „in Ausbildung“ sei und deshalb ja keine Jobsuche betreiben könne (dass ich auch in der Zeit Bewerbungen abgeschickt hab: Schwamm drüber, ne?). Ich müsse das dann in den „Meldekarten“ entsprechend angeben. Die Meldekarten muss man alle zwei Wochen ausfüllen, aber online dauert das keine fünf Minuten, ist also echt kein großes Ding. Und normalerweise geht das dann auch fix, dass man das Geld bekommt, also so etwa 2-3 Tage. Nun. Ich füllte diese Meldekarten rund um die Disputation also entsprechend aus und halte für den Zeitraum zwei Wochen vor der Disputation „in Ausbildung“ an. Und dann gingen die zwei Meldekarten zur „manuellen Behandlung“. Ganz toll, vielen Dank auch, dachte ich mir, aber sonst auch nix weiter. Bis dann jetzt für die neue, ganz stinknormale Meldekarte auch kein Geld kam. Da sah ich heute morgen nach und fand heraus, dass die quasi in der Pipeline hinter den anderen beiden feststeckt, die nicht bearbeitet wurden. Ich grmpfte also und rief die Hotline an. Die Dame bei der Hotline teilte mir dann freundlich mit, dass die zwei Meldekarten „durchgefallen“ seien und deshalb auch die dritte nicht bearbeitet wurde. Moment, durchchgefallen? Ja, weil ich „in Ausbildung“ angekreuzt hatte. Das „in Ausbildung“ gilt nur für „vom NAV aberkannte Kurse und Studien“. AHA! Das hätte mir ja auch mal wer sagen können, nicht wahr? Ich hätte da, so die Dame weiter, „Abwesend“ anhaken müssen. Obwohl ich ja sehr anwesend war. Tjanun. Und da gäbe es jetzt leider nur die Möglichkeit, das zu korrigieren, indem ich persönlich da hinginge und mit meiner Betreuerin spräche. Ich grmpfte noch viel mehr, ging aber heute Mittag da hin. Und war schockiert. Ich kam direkt von der Eingangstür in einen Raum voller Leute, die scheinbar ungeordnet herumstanden. Einige sag ich an Computern mitten im Raum stehend Dinge tun, einige sitzend auf Sofas, zwischendrin auch welche am Drucker, und hier und da Leute mit roten Westen. Ich dachte zuerst, ich wäre in den abschließenden Mingling-Teil irgendeines Seminars geraten und wollte schon wieder umdrehen, aber irgendwie kam mir seltsam vor, dass die Leute so scheinbar gar nicht mingelten. Und auch nichts offenkundig gemeinsam hatten. Ich blieb also unentschlossen einfach stehen und besah mir das ganze. Die roten Westen (mit dem Charme einer Bauarbeiterkluft) hatten eine Aufschrift mit „NAV.no – 24/7 geöffnet“ (oder so), die schienen also hierher zu gehören. Und wuselten manchmal zielgerichtet herum, dann aber wieder nicht und guckten aufmerksam Leute an. An einem Ende des Raumes war so eine Art Tresen, an dem mehrere Leute standen und dahinter mehrere rote Westen, also schien es mir ratsam, mal zu schauen, ob das ein Empfang oder sowas war (ich suchte die ganze Zeit nach einer Gelegenheit, eine Nummer zu ziehen, weil das in Norwegen ja immerimmerimmer so ist, dass man einfach eine Nummer zieht und dann die Nummer aufgerufen wird und fertig). Und wie ich da so versuchte, die Schlange am Tresen zu erkennen, rief eine der roten Westen „Wir haben hier keine Schlangenordnung!“. WHAAAAAT? Keine Nummer, keine Schlange, soll man die im Ernst einfach ansprechen? Bis ich mich gesammelt hatte, war die rote Weste natürlich besetzt. Dann drängelte sich jemand vor (oder so, gab ja keine Schlange, aber ich bin ganz sicher, dass die nach mir gekommen sind) aber die nächste rote Weste war dann meine. Der erzählte ich also – mitten im Raum, umgeben von Leuten (!!!) – meine Geschichte und sie fragte nach meinem Ausweis. Ich habe keinen Lichtbildausweis mit meiner Personnennummer drauf, also zog sie dann mit meinem Führerschein plus Krankenversicherungskarte (meinem einzigen Ding mit der Personnennummer drauf, abgesehen vom offiziellen Registrierungsbeweis) von dannen. Bis sie wiederkam, hörte ich unfreiwillig die komplette Geschichte des sehr laut sprechenden, älteren Rumänen mit, der vorgestern erst angekommen ist und noch eine Personnennummer braucht. Weil er noch keine Arbeit hat, hat ihn der Skatteetaten schon weggeschickt und er verstand nicht, wieso ihm niemand eine Nummer zuteilen wollte, ohne die doch in Norwegen nichts funktioniert. Kurz bevor er wirklich sauer wurde, kam meine rote Weste zurück, mit zwei Zetteln zur Korrektur der zwei Meldekarten. Die füllte ich auf der Sitzfläche eines Stuhls aus und gab sie ihr unterschrieben und mit der falschen Jahreszahl (Hupsi, aber ist ja auch noch so neu, das Jahr…) versehen zurück, sie sagte Danke und dass das jetzt korrigiert wäre und das war’s. Dann war ich wieder draußen. Auf der Pro-Liste also eindeutig: Geht fix, deren System.

Trotzdem, liebes NAV: warum?!? Warum keine Nummern? Wir mögen Nummern ziehen! Das ist fair, das kann wirklich fast jede*r, selbst Leute mit richtig schlechter Sozialkompetenz schaffen es, ne Nummer zu ziehen und im Zweifel eben draußen oder in der Ecke eines der schicken Sofas sich unsichtbar machend darauf zu warten, dass sie dran sind. Dieses System, was ihr da habt, ist echt (wie jemand auf Twitter sagte) Apple Store gone wrong. Für Leute mit psychosozialen Problemen ein echtes Hindernis, für alle anderen mindestens unfair und total unübersichtlich, keine Privatsphäre, und dass die Mitarbeiter*Innen da nicht komplett irre werden, ist echt ein Wunder.

So.

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Pippi wollte heute nach der KiTa nicht nach Hause laufen. Aber auch nicht Laufrad fahren. Was ich also tragen musste. Plus die schwere und volle Tasche Kram aus der KiTa (unter anderem der Winteranzug, mit dem Michel, als ich kam, auf den Knien über den gestreuten Asphalt robbte und meine Fresse, das Ding hat über 100€ gekostet und hat jetzt Löcher in den Knien. War. (und bin) ich. sauer.). Also beide Arme voll und bockige Pippi, die einfach stehen blieb. Viele unserer Nachbarn aus dem Viertel kennen jetzt die deutsche Mutti, die ihr Kind anschreit. Und ein paar deutsche Flüche.

Nach sowas möchte ich echt immer gern aufn Arm oder direkt ins Bett.

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Sport gemacht und, weil ich ein neues Sportprogramm angefangen habe, den „Physical Fitness Test“ wiederholt, allerdings ohne Laufen, ich laufe ja nicht. (Ich gehe. 19256 Schritte heute.) Und ich muss schon sagen: ich bin stolz auf mich. Die >-Zeichen heißen, dass noch ein paar mehr gegangen wären, aber es mir zu blöd wurde.

(Ach ja: Push-ups sind Liegestütze, in dem Fall ganz normale und nicht auf den Knien, sondern auf den Füßen, Squats sind Kniebeugen, Plank heißt, dass man sich auf Unterarme und Zehen aufstützt und den Rest halt wie ein Brett macht, also vom Boden weg, aber flach, in einer Linie von den Schultern bis zu den Fersen abfallend ohne, dass der Po angehoben wird. Flexibility wird da bestimmt, indem man quasi eine Klappmesser-Übung macht und musst, wie weit man mit den Händen an den Fersen vorbei strecken kann (oder, wenn man nicht bis zu den Füßen kommt, halt -x cm). Ich glaube, das ist bei mir nah am maximal erreichbaren, bei dieser Übung bin ich schon sehr flexibel, ich lege den kompletten Oberkörper auf meinen Beinen ab und die Unterarme auf den Boden neben die Waden, was soll da noch groß gehen, wenn meine Arme nicht durch gewisse Laufradtragereien noch deutlich länger werden?)

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Ein lustig aussehendes Brot gebacken, nach einem Rezept von Ketex.

(Ich glaube, die Teiglinge lagen ein bisschen sehr nah aneinander, deshalb haben die beim Aufgehen im Ofen so eine Art Brücke gemacht und sich gegenseitig hochgedrückt. Aber sonst tadellos, wir werden sehen, wie es schmeckt, so schwierig, wie’s im Rezept klingt, fand ich es jetzt nicht.

Tag 911 – Karriereberatung: Ich war dabei!

Und es war, wie ich es vorhergesehen hatte: sinnlos und furchtbar.

Aber fangen wir vorne an. Das NAV (das Norwegische Amt für Arbeit und Soziales) hat ja, obwohl ich im Fragebogen zu meiner Arbeitslosigkeit extra den Haken bei „Möchten Sie ein persönliches Gespräch haben?“ auf „Ja“ gesetzt habe, einfach bestimmt, dass ich alleine einen Job finden kann. Zackbumm. Nix Gespräch. Aber, so schlug es die Sachbearbeiterin, zu der ich via fancy online-dialog Kontakt hatte, vor: es gibt eine kommunale Karriereberatung, die sei kostenlos und da könne ich ja mal hingehen.

Nun, ehe mir Untätigkeit vorgeworfen wird, machte ich also einen individuellen Termin mit den Karriereberatern und ging zusätzlich heute zu einem Kurs „CV, Bewerbung, Vorstellungsgespräch“, in der Hoffnung irgendwas abzugreifen, das nicht auf den einschlägigen Websites schon zigfach steht, allerdings in der Erwartung, dass es eben genau das sein würde: eine Wiederholung der „schlauen“ Tipps, über die Personaler*Innen ganz sicher schon nur noch müde gähnen.

Zuerst mal über die Gruppe: Neun Personen mit guter Ausbildung. Eine Juristin, eine BWLerin, eine ITlerin, Ich, eine Bauingenieurin, eine, die 10 Jahre lang irgendwo in der Verwaltung (öffentlich) war, eine mit >30 Jahren Berufserfahrung als Buchhalterin, einer, der 20 Jahre lang ein Hotel in Mossul geleitet hat. Nur eine Person hatte keinen Uniabschluss oder ewig lange Erfahrung und die suchte auch hauptsächlich Zimmermädchen-Jobs. Also 9:1. Auch 9:1: 9 Frauen, 1 Mann. 9 Ausländer*Innen, 1 Norwegerin. Und wir alle saßen da nun, weil wir keinen Job kriegen. Man könnte meinen, das spiegele eventuell die „Problemfälle“ auf dem Norwegischen Arbeitsmarkt wieder: gut ausgebildete oder sehr erfahrene Menschen aus dem Ausland, die übereinstimmend von ähnlichen Schwierigkeiten berichten: Berufsabschlüsse nicht anerkannt, Norwegisch reicht nicht um nen Fuß in die Tür zu kriegen, zu alt, Name ist nicht grad Sissel… Und dann noch ne Frau. Aber das bin nur ich, ich höre da gern das Gras wachsen, es stach mir nur ins Auge. Am Engagement haperte es jedenfalls bei uns allen nicht, sonst würde man seinen frustrierten Hintern ja nicht zu so ner Veranstaltung schleppen. Nunja, es schien die Vortragenden jedenfalls nicht zu bekümmern, oder sie haben beide ein gutes Pokerface.

Aber kommen wir zu den Inhalten: pfffffffft. Haben Sie das gehört? Das war der Inhalt. Ich musste spätestens ab der Hälfte echt auf meine Wangen beißen um nicht laut loszulachen. Insgesamt wollte ich einfach wie Loriot ab und zu „Ach.“ in den Raum werfen. Ach was, dauernd. Ich greife mal ein paar Punkte auf:

  • Think outside the box! – Vielleicht wär ja Busfahrerin was, die suchen immer.
  • Initiativbewerbungen rulen total. Also ehrlich: wenn ein Hotel Rezeptionisten einstellt, werden die Stellen quasi nie ausgeschrieben!
  • Immer zu den Firmen hingehen und das Gesicht zeigen, wenn man das macht und seinen CV dalässt: ein Bild von sich auf den CV (sonst egal, Geschmackssache, solange es nicht ein Foto vom letzten Besäufnis mit den Kumpels ist).
  • Ein Bewerbungslog führen (ähhhh, das hat NAV auf der Homepage, das schien denen allen gar nicht klar zu sein).
  • Wenn der CV eh schon voll ist, kann man auf „Persönliche Eigenschaften“ verzichten. Sonst unbedingt ein paar Plattitüden raushauen Schlüsselworte wie Engagiert, Durchsetzungsstark, Kreativ, whatever da hinschreiben. GUT DASS MEIN CV EH SCHON SO VOLL IST! Obwohl ich kurz darüber nachgedacht habe, in Zukunft in die Kopfzeile (da ist Platz für ein Zitat vorgesehen, das dann, glaube ich, in schicker Schrift und grau dargestellt wird) zu schreiben „I get shit done.“
  • LongJohn1992@hotmail.com oder suessesmausi20@gmail.com sind keine guten E-Mail-Adressen für solche Zwecke.
  • Schule vor der 10. Klasse interessiert keine Sau.
  • Ob du verheiratet bist, wieviele Kinder du hast, ob du katholisch bist, was deine Eltern gearbeitet haben: interessiert keine Sau.
  • Aus leidvoller Erfahrung konnte ich dann noch beitragen: Achtung! Manche Firmen wollen auch gar keine Info zu anderen Dingen wie Alter, Foto, Geschlecht, … Muss man halt drauf achten, wird sonst peinlich.
  • Für jede Stelle ein neues Anschreiben schreiben.
  • Drauf achten, dass nicht in Bewerbung B noch die Anschrift oder der Name von Bewerbung A steht.
  • Buzzword-Bingo mit der Stellenausschreibungen machen: Wenn die jemanden suchen, der engagiert, offen für Neues und mit innovativen Problemlösungsstrategien arbeitet, dann ist man wortwörtlich genau das.
  • ABER UM HIMMELS WILLEN NICHT VERSTELLEN!
  • Und nicht aus dem Internet abschreiben.
  • Sich auf das Interview vorbereiten. Mal auf die Homepage gehen.
  • Sich Fragen ausdenken.
  • Pünktlich sein.
  • Wissen wo man hin muss und wie man da hin kommt.
  • Nur Kopien der Zeugnisse mitbringen, keine Originale.
  • Nicht gleich nach Geld fragen.
  • Nochmal Buzzword-Bingo mit der Ausschreibung spielen.
  • Sauber und ordentlich angezogen sein.
  • „Dress for the job you want.“ (Ich stelle mir dann immer vor, wie ich da im Kittel auflaufe. Gut, dass ich eh nicht mehr ins Labor will, wenn es sich vermeiden lässt. Und man weiß ja nie, an wen man gerät. Wäre ich Personalerin, ich würde mich über jemanden kaputtlachen, der im Kittel kommt und sagt, „they always tell you to dress for the job you want, so I did, but as we’re not sitting in the lab right now, I’ll take this off for the moment“, weil, hey, ganz mein Humor! Aber mit Humor ist das ja so ne Sache. Das kann total schnell nach hinten losgehen.)
  • Händedruck soll fest sein.
  • Augenkontakt!
  • Sei ganz du selbst! Es sei denn, du bist zu schüchtern, oder zu bossy, dann sei Batman nicht ganz so sehr du selbst.

Also insgesamt echt nichts, was man nicht auch auf jeder x-beliebigen Bewerbungs-Tipps-Website findet. Damit die Zeit nicht ganz vergeudet war, ging ich rund um den Termin ein bisschen spazieren, das war auch schön. (Und geschminkt hatte ich mich sehr schön. Ha!)

Aber ein Gutes gibt es ja doch noch zu sagen: Da ich meinen Bewerbungsfrust immer recht ungefiltert ins Internet kübele, kam ich heute in Kontakt mit einer Dame, deren Unternehmen immer gute Leute sucht, die (grob) sowas können wie ich. Und überhaupt kriege ich immer so viel Unterstützung hier. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar und das wiegt so sinnfreie Veranstaltungen wie heute tatsächlich mehr als auf.

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Auto-Lobhudelei: Veranstaltung ohne Lachkrämpfe und „Ach.“ zu rufen überstanden, Nachmittag und Abend alleine mit den Kindern gut hinbekommen, alle liegen jetzt satt, sauber und in den Schlaf gekuschelt* in ihren Betten und ich habe nicht rumgebrüllt, das war auch schon mal anders. Außerdem indirekt die Bestätigung bekommen, dass meine Bewerbungen schon so passen wie sie sind, aber das ist ja nicht Auto- sondern Außen-Lobhudelei.

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*dabei noch souverän Michel getröstet, den urplötzlich die große Trauer überkam, weil er am Dienstag eigentlich noch Hunger gehabt hatte, als er ins Bett gegangen ist. Kinder sind manchmal recht merkwürdig.