Tag 911 – Karriereberatung: Ich war dabei!

Und es war, wie ich es vorhergesehen hatte: sinnlos und furchtbar.

Aber fangen wir vorne an. Das NAV (das Norwegische Amt für Arbeit und Soziales) hat ja, obwohl ich im Fragebogen zu meiner Arbeitslosigkeit extra den Haken bei „Möchten Sie ein persönliches Gespräch haben?“ auf „Ja“ gesetzt habe, einfach bestimmt, dass ich alleine einen Job finden kann. Zackbumm. Nix Gespräch. Aber, so schlug es die Sachbearbeiterin, zu der ich via fancy online-dialog Kontakt hatte, vor: es gibt eine kommunale Karriereberatung, die sei kostenlos und da könne ich ja mal hingehen.

Nun, ehe mir Untätigkeit vorgeworfen wird, machte ich also einen individuellen Termin mit den Karriereberatern und ging zusätzlich heute zu einem Kurs „CV, Bewerbung, Vorstellungsgespräch“, in der Hoffnung irgendwas abzugreifen, das nicht auf den einschlägigen Websites schon zigfach steht, allerdings in der Erwartung, dass es eben genau das sein würde: eine Wiederholung der „schlauen“ Tipps, über die Personaler*Innen ganz sicher schon nur noch müde gähnen.

Zuerst mal über die Gruppe: Neun Personen mit guter Ausbildung. Eine Juristin, eine BWLerin, eine ITlerin, Ich, eine Bauingenieurin, eine, die 10 Jahre lang irgendwo in der Verwaltung (öffentlich) war, eine mit >30 Jahren Berufserfahrung als Buchhalterin, einer, der 20 Jahre lang ein Hotel in Mossul geleitet hat. Nur eine Person hatte keinen Uniabschluss oder ewig lange Erfahrung und die suchte auch hauptsächlich Zimmermädchen-Jobs. Also 9:1. Auch 9:1: 9 Frauen, 1 Mann. 9 Ausländer*Innen, 1 Norwegerin. Und wir alle saßen da nun, weil wir keinen Job kriegen. Man könnte meinen, das spiegele eventuell die „Problemfälle“ auf dem Norwegischen Arbeitsmarkt wieder: gut ausgebildete oder sehr erfahrene Menschen aus dem Ausland, die übereinstimmend von ähnlichen Schwierigkeiten berichten: Berufsabschlüsse nicht anerkannt, Norwegisch reicht nicht um nen Fuß in die Tür zu kriegen, zu alt, Name ist nicht grad Sissel… Und dann noch ne Frau. Aber das bin nur ich, ich höre da gern das Gras wachsen, es stach mir nur ins Auge. Am Engagement haperte es jedenfalls bei uns allen nicht, sonst würde man seinen frustrierten Hintern ja nicht zu so ner Veranstaltung schleppen. Nunja, es schien die Vortragenden jedenfalls nicht zu bekümmern, oder sie haben beide ein gutes Pokerface.

Aber kommen wir zu den Inhalten: pfffffffft. Haben Sie das gehört? Das war der Inhalt. Ich musste spätestens ab der Hälfte echt auf meine Wangen beißen um nicht laut loszulachen. Insgesamt wollte ich einfach wie Loriot ab und zu „Ach.“ in den Raum werfen. Ach was, dauernd. Ich greife mal ein paar Punkte auf:

  • Think outside the box! – Vielleicht wär ja Busfahrerin was, die suchen immer.
  • Initiativbewerbungen rulen total. Also ehrlich: wenn ein Hotel Rezeptionisten einstellt, werden die Stellen quasi nie ausgeschrieben!
  • Immer zu den Firmen hingehen und das Gesicht zeigen, wenn man das macht und seinen CV dalässt: ein Bild von sich auf den CV (sonst egal, Geschmackssache, solange es nicht ein Foto vom letzten Besäufnis mit den Kumpels ist).
  • Ein Bewerbungslog führen (ähhhh, das hat NAV auf der Homepage, das schien denen allen gar nicht klar zu sein).
  • Wenn der CV eh schon voll ist, kann man auf „Persönliche Eigenschaften“ verzichten. Sonst unbedingt ein paar Plattitüden raushauen Schlüsselworte wie Engagiert, Durchsetzungsstark, Kreativ, whatever da hinschreiben. GUT DASS MEIN CV EH SCHON SO VOLL IST! Obwohl ich kurz darüber nachgedacht habe, in Zukunft in die Kopfzeile (da ist Platz für ein Zitat vorgesehen, das dann, glaube ich, in schicker Schrift und grau dargestellt wird) zu schreiben „I get shit done.“
  • LongJohn1992@hotmail.com oder suessesmausi20@gmail.com sind keine guten E-Mail-Adressen für solche Zwecke.
  • Schule vor der 10. Klasse interessiert keine Sau.
  • Ob du verheiratet bist, wieviele Kinder du hast, ob du katholisch bist, was deine Eltern gearbeitet haben: interessiert keine Sau.
  • Aus leidvoller Erfahrung konnte ich dann noch beitragen: Achtung! Manche Firmen wollen auch gar keine Info zu anderen Dingen wie Alter, Foto, Geschlecht, … Muss man halt drauf achten, wird sonst peinlich.
  • Für jede Stelle ein neues Anschreiben schreiben.
  • Drauf achten, dass nicht in Bewerbung B noch die Anschrift oder der Name von Bewerbung A steht.
  • Buzzword-Bingo mit der Stellenausschreibungen machen: Wenn die jemanden suchen, der engagiert, offen für Neues und mit innovativen Problemlösungsstrategien arbeitet, dann ist man wortwörtlich genau das.
  • ABER UM HIMMELS WILLEN NICHT VERSTELLEN!
  • Und nicht aus dem Internet abschreiben.
  • Sich auf das Interview vorbereiten. Mal auf die Homepage gehen.
  • Sich Fragen ausdenken.
  • Pünktlich sein.
  • Wissen wo man hin muss und wie man da hin kommt.
  • Nur Kopien der Zeugnisse mitbringen, keine Originale.
  • Nicht gleich nach Geld fragen.
  • Nochmal Buzzword-Bingo mit der Ausschreibung spielen.
  • Sauber und ordentlich angezogen sein.
  • „Dress for the job you want.“ (Ich stelle mir dann immer vor, wie ich da im Kittel auflaufe. Gut, dass ich eh nicht mehr ins Labor will, wenn es sich vermeiden lässt. Und man weiß ja nie, an wen man gerät. Wäre ich Personalerin, ich würde mich über jemanden kaputtlachen, der im Kittel kommt und sagt, „they always tell you to dress for the job you want, so I did, but as we’re not sitting in the lab right now, I’ll take this off for the moment“, weil, hey, ganz mein Humor! Aber mit Humor ist das ja so ne Sache. Das kann total schnell nach hinten losgehen.)
  • Händedruck soll fest sein.
  • Augenkontakt!
  • Sei ganz du selbst! Es sei denn, du bist zu schüchtern, oder zu bossy, dann sei Batman nicht ganz so sehr du selbst.

Also insgesamt echt nichts, was man nicht auch auf jeder x-beliebigen Bewerbungs-Tipps-Website findet. Damit die Zeit nicht ganz vergeudet war, ging ich rund um den Termin ein bisschen spazieren, das war auch schön. (Und geschminkt hatte ich mich sehr schön. Ha!)

Aber ein Gutes gibt es ja doch noch zu sagen: Da ich meinen Bewerbungsfrust immer recht ungefiltert ins Internet kübele, kam ich heute in Kontakt mit einer Dame, deren Unternehmen immer gute Leute sucht, die (grob) sowas können wie ich. Und überhaupt kriege ich immer so viel Unterstützung hier. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar und das wiegt so sinnfreie Veranstaltungen wie heute tatsächlich mehr als auf.

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Auto-Lobhudelei: Veranstaltung ohne Lachkrämpfe und „Ach.“ zu rufen überstanden, Nachmittag und Abend alleine mit den Kindern gut hinbekommen, alle liegen jetzt satt, sauber und in den Schlaf gekuschelt* in ihren Betten und ich habe nicht rumgebrüllt, das war auch schon mal anders. Außerdem indirekt die Bestätigung bekommen, dass meine Bewerbungen schon so passen wie sie sind, aber das ist ja nicht Auto- sondern Außen-Lobhudelei.

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*dabei noch souverän Michel getröstet, den urplötzlich die große Trauer überkam, weil er am Dienstag eigentlich noch Hunger gehabt hatte, als er ins Bett gegangen ist. Kinder sind manchmal recht merkwürdig.