Tag 1098 – Neun Jahre (die zweite).

Herr Rabe und ich sind heute neun Jahre kirchlich verheiratet. Ja, kirchlich, keine Ahnung, was uns da geritten hat, ich konnte noch nie viel mit Kirche anfangen und auch Herr Rabe ist inzwischen ausgetreten. Aber damals war uns das irgendwie wichtig und wir hatten Gespräche mit einem echten Pastor in unserer Küche damals und das war schon alles einigermaßen faszinierend. Ich erinnere mich nicht an viel aus der Zeremonie, es war alles etwas zu aufregend geworden, weil mein Fahrer an der falschen Adresse auf mich wartete und ich ohne Handy und Schlüssel zu Hause vor der Tür stand, während die Glocken schon läuteten. Als die Glocken aufhörten zu läuten war ich dabei in voller Montur loszurennen um nicht meine eigene Trauung zu verpassen, da kam das Auto. Herr Rabe stand sehr bleich vor der Kirche und wir sprinteten dann mehr oder weniger zum Altar, da kann man schon mal ein bisschen neben sich stehen. Ich weiß noch, dass meine beste Freundin in der ersten Reihe bei „Ihr beide mögt Bäume.“ ziemlich laut losschnaubte um ihr Lachen zu unterdrücken, verständlicherweise. Wenigstens kamen in der Kirche, im Gegensatz zum Standesamt, keine Nietzsche-Zitate.

Fast forward neun Jahre, Herr Rabe packt sehr geduldig die Bücher für die Schultüte ein, weil er das einfach besser kann, ich richte Brotdosen für zwei Kinder und mich. Nebenher schreibe ich What’s App-Nachrichten mit meinem neuen Kollegen, der ist nämlich verliebt, aber es ist alles kompliziert und offenbar beratschlagen die heute 24-Jährigen jede Antwort auf Nachrichten der Gegenseite mit mindestens drei Personen. Putzig finde ich das und ein bisschen beneide ich ihn darum, nur für sich Verantwortung zu tragen. Klar ist Herzschmerz nicht schön und das Dauer-Drama meiner eigenen Anfangzwanziger muss ich echt nicht zurückhaben, aber, hach, so frisch verliebt sein, jaja, das vermisse ich manchmal. Aber dann sehe ich wieder Herrn Rabe an und dann wünsche ich meinem Kollegen einfach, dass am Ende seines eigenen Dauer-Dramas auch so ein wundervolles Ergebnis dabei rauskommt. Ob Kirche oder nicht.

<3

Murch

(Wenn mir meine Tante nicht gestern dieses Bild geschickt hätte, hätte ich unseren Hochzeitstag vergessen wie jedes Jahr.)

Tag 1060 – Packen und Schnacken.

Ach, den Herrn Rabe mag ich ja schon auch sehr. Mit dem ergeben sich beim Kisten packen* solche Gespräche:

„Wir sind aber schon so welche, die rumgehen und sich den Nachbarn vorstellen, oder?“

„Ja, ich würd das ja so machen, dass man rumgeht und sagt „Hallo, wir sind die neuen Nachbarn, wir machen nächsten Samstag ein Barbecue, kommt alle!“.“

„Dann müssen wir noch nen Gasgrill** kaufen.“

„Es ist schlimm. Wir können sie sonst auch zum Fernsehen auf unserem 55“-OLED-Fernseher*** einladen. „Wir haben diesen Fernseher und deshalb konnten wir uns keinen Grill mehr leisten.“.“

„Oder wir gehen hin und sagen „Wir sind die neuen Nachbarn, wir machen ein Barbecue, könnt ihr uns nen Grill leihen?“.“

___

Auto-Lobhudelei: nur kurz und nur etwas panisch geworden weil noch so viel zu tun ist.

___

*Es ergeben sich auch andere Gespräche, wie „Wieso fängst du eigentlich ausgerechnet mit meinen Sachen an, während ich Fußball gucke?“ – „Ich hab nicht mit deinen Sachen angefangen. Ich hab oben angefangen und da standen halt deine Sachen.“ Nicht dass Sie denken, das wär hier alles immer nur harmonisch.

**Wenn schon Reihenhaussiedlungsspießertraum, dann aber auch richtig.

***siehe auch *. Wie viel Konfliktpotenzial so ein *hust* absurd teurer und riesiger *hust* Fernseher bietet, man macht sich ja keine Vorstellung.