Tag 1067 – Aufregend.

Der Umzug und der neue Job sind für mich furchtbar aufregend. Positiv meist, aber auch ein bisschen angespannt. Für den Umzug ist einfach noch viel zu tun, ich muss ja auch noch den tatsächlichen Kredit mit Banken aushandeln und dafür muss das Geld aus Deutschland endlich hier ankommen*. Dann habe ich keine Ahnung**, wie wir die ersten sechs Wochen über die Bühne bringen sollen, in denen ich noch kein Gehalt aber logischerweise auch kein Geld vom NAV mehr kriege. Ob Michel einen Hortplatz kriegt, wissen wir ja auch noch nicht, die Schule hat offenbar Ferien und da erreicht man niemanden***. Aber es werden so viele Dinge gut, dass es das einfach wert sein muss. Keine Wäsche mehr im Wohnzimmer trocknen zum Beispiel, das wird super. Einen Garten haben. Endlich den grünen Schrank und all die Bücher, die noch bei meiner Oma auf dem Dachboden liegen, aus Deutschland holen. Ein Gästezimmer haben und viel besseren Gewissens Leute einladen können. All das wird einfach toll. Aber dann ist da halt auch der neue Job und so spannend das alles ist, fühle ich mich, als hätte ich einfach gar keine Ahnung. Vermutlich, weil ich gar keine Ahnung habe. Ähäm. Naja, ich kann das ja lernen, ne? (Uiuiui.)

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Auto-Lobhudelei: Mir eine lange Weile im Bad genommen und fast ohne schlechtes Gewissen ausführliches Körperpflegeprogramm gemacht. Meine Haare sind jetzt wieder silbrig-blau. Und abends endlich den Antrag geschrieben, den ich das ganze Wochenende schon wegen „Ich habe aber doch gar keine Ahnung!“ vor mir hergeschoben habe.

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*Ich frage mich ja, was mit dem Geld zwischen „Bank in Deutschland schickt es ab“ und „Bank in Norwegen nimmt es in Empfang“ passiert, das rechtfertigt, dass das gerne mal ne Woche dauert.

**Naja, doch, die Lösung heißt „Zahlungsaufschub“ und könnte man zum Beispiel beim Möbelschweden machen, aber schön fühlt sich das nicht an.

***also Sonntags eh nicht, aber auch die ganze letzte Woche war niemand zu erreichen.

Tag 1066 – Schränke weg, Backenzähne da.

Wir haben den ganzen Tag lang gepackt, vornehmlich im Schlafzimmer. Herr Rabe und ich schwanken beide zwischen „SO VIEL ZEUG OH MEIN GOTT!“ und „Ach, so viel ist das echt gar nicht.“ sowie „NUR NOCH ZWEIEINHALB WOCHEN ACH DU SCHEISSE WIE SOLLEN WIR DAS SCHAFFEN!“ und „Ach, eigentlich sind wir schon echt weit und zweieinhalb Wochen recht viel Zeit.“. Jedenfalls wurde heute weiter reduziert, ich habe drei riesige Taschen voll Zeug zum Fretex-Container geschleppt und einen Kinderschlafsack und zwei Schränke verschenkt. Jetzt sieht unser Schlafzimmer voll groß aus.

Die Kinder sind entsprechend der Situation gelangweilt, Eltern, die den ganzen Tag Sachen in Tüten und Kisten stecken sind keine gute Unterhaltung. Michel wird dann gern extra anhänglich und sitzt zum Beispiel oben auf der Leiter und nölt vor sich hin. „Orrrrr, was soll ich machen? Mir ist soooooo langweilig! Mama! Was. Soll. Ich. Machen??? MAMA! LAAANGWEILIG!“. Heute kroch er mir auf den Schoß. „Mama? Was machen wir noch?“ „Ich weiß nicht, kitzeln vielleicht?“ sagte ich und kitzelte ihn durch und wie er da so lachte sah ich mehr Zähne als ich erwartet hatte. Er hat sich nämlich klammheimlich zwei bleibende Backenzähne oben wachsen lassen und unten guckt auch einer schon raus. Hatte ich gar nicht bemerkt. Und der Schneidezahn wackelt auch nach wie vor, jetzt aber der daneben auch. Schwupps, großes Kind mit Wackelzähnen. Apropos großes Kind: er hat von seiner Kindergartenfreundin so eine Art Liebesbrief bekommen und es gar nicht geschnallt. Sie hat sich und ihn gemalt, wie sie im Bett liegen und Händchen halten und um sie rum ist ein Haus und obendrüber steht „Kjærestehus“, also „Pärchenhaus“. So niedlich, ich falle um. Und bald Schule. Der kleine große Zwerg*.

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Auto-Lobhudelei: klar kommuniziert, dass ich vor Überforderung schreiend im Kreis laufen möchte und Anweisung brauche, was ich tun soll.

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*Nach all dem Genöl über die Wut des Wutzwerges muss ich ja jetzt auch mal loswerden: es ist grad viel viel besser. Als wäre es für ihn auch einfacher mit dem konkreten „in drei Wochen ziehen wir daundda hin“ umzugehen als mit dem Rumgeeier und dem Damoklesschwert davor. Wer kann’s ihm verdenken, ich jedenfalls nicht. Aber ich freue mich, auch vor allem für ihn, dass er jetzt entspannter ist.

Tag 1063 – Ferientag 3. Vom Schenken.

Herr Rabe und ich haben einen Mini-Disput darüber, wie wir mit den Dingen verfahren, die wir nicht mit in das neue Haus nehmen wollen. Herr Rabe sagt: alles zu Geld machen. Ich sage: nervt mich zu sehr mit Leuten wegen 50 Kronen rumzudiskutieren und Hauptsache das Zeig ist weg und wir müssen es nicht noch entsorgen. Wohlgemerkt reden wir hier nicht von tollen Dingen. Es dreht sich um zwei Schränke, die wir 2013 hier für 500 Kronen gebraucht gekauft haben, ein Kinderbett, das wir selbst geschenkt bekommen haben (für die Matratze haben wir damals noch 60 Euro bezahlt, das ist aber auch schon 5 Jahre und zwei Kinder her), Herr Rabes (ur-)alten Teppich, den er seit seinem Auszug von seinen Eltern fleißig von Wohnung zu Wohnung schleift*, einen weiteren Teppich, der 2013 der billigste Ikea-Teppich in dieser Größe war und den wir nur haben, weil Michels Zimmer damals immer so kalt am Fußboden war, sowie etwa drei Kisten Kinderklamotten, eine mit Schwangerschafts- und Stillklamotten und eine mit Draußenanzügen, Schuhen und sonstigem Gedöns, aus dem die Kinder herausgewachsen sind. Die Kinderklamotten habe ich neulich schon ins Netz gestellt, dann Anfang der Woche in GROSSBUCHSTABEN die Preise auf die Hälfte runtergesetzt und so immerhin gestern die kleinsten Größen (50-68) verschickt. Ich würde das ganze Gesumse ja auch in den Altkleidercontainer stopfen, hätte ich nicht Angst, dass die dann Wischmöppe draus machen. Das mache ich mit meinen eigenen Sachen**, aber bei den Kinderklamotten wäre das wirklich die letzte Möglichkeit. Wenn das Zeug hier am 30. noch steht, wird es so sein, dann geht der Kram in den Container und dann hoffe ich mal, das jemand noch die Wollsachen herausfischt, Wollwischmöppe sind nicht so prall, habe ich gehört.

Aber wie gesagt, es sind ja noch andere Sachen da. Heute haben mir die Kinder beim Bücher einpacken geholfen und dabei fielen mir 4 Bücher in die Hände, die ich definitiv*** nicht mehr lesen werde. Nachdem wir uns mit Herrn Rabe auf ein Eis getroffen hatten, bequatschte ich dann die Kinder dazu, noch ein Stückchen weiter zu einem Bücherschrank zu gehen. Da setzte ich die Bücher aus und wir machten uns auf den Rückweg, ich erleichtert, Pippi auf dem Laufrad und Michel auf seinem Roller.

Auf dem Weg kamen wir an einem Spielplatz vorbei und weil Pippi unbedingt wollte, hielten wir da nochmal kurz an. Pippi turnte, schaukelte, kletterte, Michel murrte herum, ich saß im Schatten und tat gar nix. Das war auch sehr schön. Neben uns saß eine Familie auf einer Picknickdecke, mit Kindersitzen am Rad. Ziemlich abgerockten Kindersitzen. Wir haben auch so einen Sitz, von der gleichen Marke, leider ist die Halterung an Herrn Rabes gestohlenem Fahrrad gewesen und so ohne Halterung bringt der Sitz ja auch nix. „Sagt mal,“ sagte ich also, „sind das bei den Sitzen immer die gleichen Halterungen?“ „Ja, glaub schon.“ sagte der Papa. „Möchtet ihr nen neuen Sitz haben? Wir haben einen ohne Halterung und dann muss ich den nicht erst noch ins Netz stellen.“ Ja, und so kam keine Stunde später die Familie vorbei, nahm den Sitz und die dazugehörige Regenpelle mit und jetzt hab ich ein Dings weniger, über das ich mit Herrn Rabe diskutieren muss.

Die Schränke werden vermutlich am Samstag abgeholt, es läuft also alles, ganz entspannt und man macht noch Leute glücklich.

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Auto-Lobhudelei: viel und erfolgreich gerödelt.

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*irgendwie hatte ich mir eingebildet, dieser Teppich sei schon längst irgendwie verschwunden, aber da war wohl der Wunsch die Mutter des Gedankens

**heute noch eine große Tüte aussortiert, aber klar, ich BRAUCHE ca. 25 Strumpfhosen, darunter geht’s einfach nicht

***ehrlich gesagt habe ich zwei davon nicht mal ganz gelesen. Aber irgendwer denkt bestimmt „Boah, Moby Dick. Wollte ich immer schon mal lesen.“. Dieser Person wünsche ich dann schon mal viel Spaß und Kaffee.

Tag 1060 – Packen und Schnacken.

Ach, den Herrn Rabe mag ich ja schon auch sehr. Mit dem ergeben sich beim Kisten packen* solche Gespräche:

„Wir sind aber schon so welche, die rumgehen und sich den Nachbarn vorstellen, oder?“

„Ja, ich würd das ja so machen, dass man rumgeht und sagt „Hallo, wir sind die neuen Nachbarn, wir machen nächsten Samstag ein Barbecue, kommt alle!“.“

„Dann müssen wir noch nen Gasgrill** kaufen.“

„Es ist schlimm. Wir können sie sonst auch zum Fernsehen auf unserem 55“-OLED-Fernseher*** einladen. „Wir haben diesen Fernseher und deshalb konnten wir uns keinen Grill mehr leisten.“.“

„Oder wir gehen hin und sagen „Wir sind die neuen Nachbarn, wir machen ein Barbecue, könnt ihr uns nen Grill leihen?“.“

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Auto-Lobhudelei: nur kurz und nur etwas panisch geworden weil noch so viel zu tun ist.

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*Es ergeben sich auch andere Gespräche, wie „Wieso fängst du eigentlich ausgerechnet mit meinen Sachen an, während ich Fußball gucke?“ – „Ich hab nicht mit deinen Sachen angefangen. Ich hab oben angefangen und da standen halt deine Sachen.“ Nicht dass Sie denken, das wär hier alles immer nur harmonisch.

**Wenn schon Reihenhaussiedlungsspießertraum, dann aber auch richtig.

***siehe auch *. Wie viel Konfliktpotenzial so ein *hust* absurd teurer und riesiger *hust* Fernseher bietet, man macht sich ja keine Vorstellung.

Tag 1053 – Weiter aufregend.

Heute habe ich Michel gesagt, dass wir jetzt definitiv umziehen werden. Sehr spontan erzählte ich ihm das, als er nämlich daran erinnerte, dass ich mal zugesagt* hatte, dass er zu den Sommerferien dann ein Haustier bekommt. Ich habe es dann aber geschafft, ihn auf „nach dem Umzug“ runterzuhandeln, weil das ja für so HamsterMäuseMeerschweinchen** sicher sehr stressig wäre, umzuziehen. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass es da, wo wir hinziehen, nicht weniger sondern ganz sicher mehr Tierläden*** sind, als hier, ließ er sich darauf ein. Und möchte jetzt, dass wir bitte was mit Garten kaufen, weil er dann nämlich den HamsterMäuseMeerschweinchen zwei Hütten bauen will, eine für den Sommer und eine warme für den Winter****. Hachja. Der ist schon toll.

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Auto-Lobhudelei: fast gar nicht total verrückt gemacht heute. Nahezu total entspannt geblieben.

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*Ich erinnere mich nur noch vage daran und glaube, meine Reaktion war eher jaja, hmm, soso, als ein enthusiastisches Ja!

**Kleinnager it is, aus Allergiegründen keine Katze (ich bin deswegen sehr, wirklich sehr traurig), aus Zeitgründen kein Hund. Ich hatte auch schon Kleinnager und kenne mich gut genug aus, um die meisten typischen Anfängerhaltungsfehler nicht nochmal zu machen und vor allem um Foren zu meiden. Foren sind die Pest.

***siehe auch **, nein, ich gehe nicht in einen Baumarkt und kaufe da irgendein Tier.

****siehe auch **, nein, ich plane keine Hamsterzucht im Garten oder Draußenmäuse. Das werden alles Freigänger. Ich mache dann Klickertraining mit denen und dann kommen die bestimmt abends auf Zuruf alle wieder ins Häuschen gelaufen. <— Das war Ironie.

Tag 986 – Alltag einer Arbeitssuchenden.

Heute ein großes Auf und Ab. Morgens noch neben Pippi auf dem Laufrad hergehachzt, zu Hause dann aber doch erstmal gelernt und nicht direkt Sport gemacht – ein Fehler, weil ich so als die Recruiterin von vorletztem Freitag anrief, grad sehr konzentriert Zeug zu Guter Herstellpraxis las. Die hatte zwar gute Neuigkeiten, denn ich darf zu einem zweiten Interview nächste Woche kommen, und außer mir darf das nur eine weitere Person, was bestimmt in einem anderen Kopf als meinem total positiv klingt, aber es ist halt nächste Woche und mein Gehirn irgendwo in allgemeinen Aspekten zur Wichtigkeit von Qualitätsmanagementsystemen verloren, deshalb sagte ich etwas unbedacht, ich sei nächste Woche leider Mittwoch verreist und käme erst Donnerstag zurück. Oh wo ich denn sei, ach, London, wie schön, hmm, aber vielleicht könnte ich ja auf dem Rückweg, wenn ich eh nen Zwischenstopp habe, und überhaupt und by the way, was ich denn da machen würde, ob ich in anderen Bewerbungsverfahren weit gekommen wäre? Tja. Jemand(TM) ist ja „too honest for her own good“ und sagte also wies ist: Dass ich in London am Auswahlverfahren für eine Stelle bei einer Behörde teilnähme, dass das alles noch sehr in den Sternen stünde und ich aber total viel grad lerne, das ich auch bei der Stelle in Oslo gut einbringen könnte und gerne würde. Nunja, und danach fühlte ich mich ziemlich mies, das ging auch durch Sport nicht weg. Einmal diplomatisch geschickt sein und die glauben lassen, sie wären die einzig wahre Stelle für mich… Hrmpf.

Ich lernte noch irgendwie weiter und dann kam die Familie zurück, als ich grad aus der Tür und Spazieren gehen wollte, das war irgendwie vom Timing her auch blöd. Immerhin kochte ich dann sehr leckeres Abendessen und alles schien halbwegs ok, bis ich (Volltrottel, echt mal!) in Michels Hörweite zu Herrn Rabe sagte: „Weißt du was mir eingefallen ist? Wenn wir zu Ende Juli die Wohnung kündigen wollen würden, müssten wir das bis nächsten Montag tun.“ Dann hatte ich einen sehr aufgelösten Fünfjährigen auf dem Schoß, der einfach nur hier wohnen bleiben will, seine Freunde behalten will, auf die Stadtteilschule gehen will. Das bricht mir je-des-mal das Herz. Immerhin konnte ich selbiges dann nach dem Kinder ins Bett bringen bei Herrn Rabe ausschütten und dann gings wieder, da kam mir tatsächlich sehr gelegen, dass ein verabredeter Telefontermin sich etwas nach hinten schob. Dieser Telefontermin war dann sehr nett und überaus hilfreich, denn ich sprach mit jemandem, die auch in einer EU-Agentur arbeitet und die fragte mich viele Dinge, die sie in dem Test vermuten würde, vieles konnte ich beantworten, einiges aber auch nicht. Überraschung, bei der EU arbeiten Menschen und die leiten Ausschüsse und sind aus Ländern und so. Menschen, mit Namen. Sollte man vielleicht wissen, wer so wo für „public health“ zuständig ist und was dieses „public health“ eigentlich umfasst. *hüstel*. Nunja, ansonsten war das aber wirklich nett, ich bin einigermaßen beruhigt und weiß, wo ich nochmal was nachlesen sollte und hoffe jetzt für die nette Gesprächspartnerin, dass die Stimmzettel ganz schnell fertig werden.

(Stillleben Lernchaos.)

Jetzt aber Bett. Vielleicht nehme ich mir noch so ne kleine Guideline mit, als Nachtlektüre. Öhöm.