Tag 14 – Das schlechte Gewissen

Ich liege im Bett, neben mir das friedlich schlafende Baby. Es ist gleich halb elf, morgens, ich sehe einem faulen Tag entgegen. Gegen drei werde ich das Kind vom Kindergarten abholen. Bis dahin habe ich nur das Baby und es ist großartig.
Überhaupt ist dieses kleine, grade mal einen Monat alte Wesen so unfassbar toll. Alles am Baby ist toll oder allermindestens tolerierbar. Dabei ist das Baby viel anstrengender als das Kind in dem Alter war. Das Baby schreit viel mehr, viel lauter, viel unvermittelter und viel untröstlicher. Es will total unregelmäßig stillen, mal alle anderthalb Stunden, mal schläft es nachts vier Stunden am Stück und ich liege mit schmerzenden Brüsten wach. Die Haare gehen ihm aus, die Klamotten werden zu klein, die Speckringe viele und meine Rückenmuskulatur hält mit seiner Gewichtsentwicklung nicht Schritt. Und alles was ich denke ist „Aaaaawwww!“ und „So what?“.

Und da ist es, das schlechte Gewissen. Weil das beim Kind nämlich nicht so war.

Man muss dazu sagen, wir hatten einen ungünstigen Start. Das Kind wollte sich am Ende der Schwangerschaft partout nicht ins Becken senken, alle Befunde meiner körperlichen Verfassung beim Frauenarzt lauteten auf „nicht geburtsbereit“. Der errechnete Geburtstermin verstrich, ich fühlte mich riesig und war genervt und der Frauenarzt „drohte“ mit Einleitung und ich hatte Angst. Vor allem. Vor der Geburt, davor dass die Geburt nicht von selber in Gang kommen würde. Vorm Muttersein. Dann platze die Fruchtblase im Bett, das Fruchtwasser war grün und eklig und viel und saute alles ein. Das Kind hatte ins Fruchtwasser gekackt. Ich musste den Krankenwagen rufen, um liegend ins Krankenhaus transportiert zu werden. Als ich echte Wehen bekam, überrollte mich der Schmerz so dermaßen, dass ich nicht mehr aufrecht stehen konnte und nur noch weinte. Ich hatte das Gefühl, dieses Kind arbeite irgendwie gegen mich, erst wollte es einfach nicht raus und dann doch so schnell und so plötzlich. Einige wenige aber interventionsreiche Stunden später wurde das Kind dann mit der Saugglocke aus meinem Körper gezogen, da ich keine Ahnung hatte was ich machen sollte, irgendwie machte ich alles falsch und spüren konnte ich auch nichts mehr. Dann war es endlich da, unser Baby, und ich wartete auf das extreme Glücksgefühl, das da angeblich kommen sollte. Ich starrte das kleine Baby, was da aus meinem Körper gekommen war, ungläubig an, und alles was ich dachte war „Krass!“ und „Ach du Scheiße.“

Die ersten Wochen waren hormonrauschbedingt noch ganz ok, aber dann wurde mir extrem langweilig. Das Kind fanden alle süß, ich fand das auch, aber es war als wäre ich bei mir selbst zu Besuch und würde ein fremdes Kind angucken. Ich ging zu Stilltreffs und zum Babyschwimmen und zur Babymassage, in der Hoffnung andere Mütter zu treffen, denen es vielleicht genauso ging, die musste es doch geben. So unnormal konnte das doch nicht sein, nicht totaaaaaal glücklich herumzuschweben. Leider waren, genau wie auch schon im Geburtsvorbereitungskurs und in der Rückbildungsgymnastik, 90 % der anderen Mütter doof, oder hatten komplett andere Lebensentwürfe, oder gaben mir noch mehr das Gefühl als Mutter spektakulär zu versagen, weil ich so viel negatives an dem Leben mit Kind sah. Ich meine, hey, das Kind hatte mein Leben komplett umgekrempelt. Aber ich weigerte mich standhaft, „so eine Mutter“ zu werden.

Heute denke ich, das war das Hauptproblem. Ich konnte und wollte mich nicht auf das Kind einlassen, weil das geheißen hätte, eine „Mutter“ zu sein. Und das wollte ich nicht. Auf gar keinen Fall. Ich kann und konnte nicht mal benennen, was denn so schrecklich daran wäre, „so eine Mutter“ zu sein. Ich wollte es jedenfalls nicht. Ich wollte so bleiben wie ich war und dass das zum Scheitern verurteilt war habe ich schlicht ignoriert. Nein, Babys kann man nicht zum Feiern mitnehmen. Auch nicht auf private Feiern. Nicht, wenn die Freunde keine Kinder haben. Nein, das Kind kann nicht in dem einen Raum in dem nur die Jacken von allen liegen schlafen, während im Raum nebenan eine gemietete Anlage volle Möhre dröhnt. Es. Geht. Nicht. Ich weiß das, denn ich habe es versucht. Danach klopfte ich mir selber auf die Schulter, was ich für eine coole Mutti bin. Und fand mich insgeheim echt scheiße. Dieses Zerrissensein zwischen meinen eigenen Erwartungen an mich als Mutter und an mich als Frau/Mensch/Freundin prägten die erste Zeit mit dem Kind für mich.

Im Endeffekt brauchte es mehr als ein Jahr Muttersein und einen Umzug 1600 km weg von meinem alten Leben, das ich so ungern loslassen wollte, um als Mutter anzukommen. Und weitere eineinhalb Jahre, um darüber nachzudenken, warum ich mich so dagegen gesträubt habe, wo es doch so toll ist, eine Mama zu sein. Das Leben ist ja nicht vorbei, das weiß ich jetzt, es ist nur anders. Nämlich unendlich bereichert durch diesen kleinen Zwerg, der einem wirres Zeug aus dem Kindergarten erzählt, der „Pitsch-Patsch-Pinguin“ zum Einschlafen hören will, der wild herumtobt, sich dann einen mikroskopisch kleinen Kratzer holt und unter theatralischem Geheul ein Pflaster einfordert. Der nachts zu uns ins Bett getappst kommt und schon wieder schläft, bevor er überhaupt richtig liegt. Der wenn er krank ist immer noch auf mir drauf schlafen will, obendrauf auf dem riesigen 10. Monats-Bauch. Der keine Küsse will. Der stark genug ist zu sagen, dass er keine Küsse will, auch nicht von Mama.

Im Nachhinein tut es mir sehr leid dass ich mich anfangs nicht auf das Kind einlassen konnte. Dass das Baby jetzt die Früchte erntet, die das Kind erst sähen musste. Dass das Baby von Anfang an eine Vollblutmama hat.

Aber ändern kann man das ja jetzt auch nicht mehr. Jetzt kann ich nur noch so oft wie möglich sagen: Ich hab dich lieb. Du bist mein großer Schatz.

Tag 9

Ich hab das Kind ins Bett gebracht und bin dabei eingeschlafen. Jetzt fühle ich mich so, wie man sich halt fühlt nach 45 Minuten auf einem Barhocker, schief zur Seite hängend, den Kopf in die (eingeschlafenen) Hände gestützt. Gnärfz.

Heute hatte ich mir vorgenommen „nichts“ zu machen. Um neun hatte ich zwei Briefe per Hand geschrieben, ein Paket gepackt, ein neues Passfoto vom Baby eingetütet (das eine was wir an die Botschaft geschickt hatten, war verloren gegangen), dem Baby die Fingernägel geschnitten UND mir die Fingernägel geschnitten. Dann etwas Pause da eine Adresse erst angefragt werden musste, um zwölf war ich bei der Post, um eins wieder hier und dazwischen hatte ich noch fürs Grillen eingekauft. Dann muss irgendwas gewesen sein, jedenfalls gings erst so gegen zwei weiter mit gemächlich ca. eine Milliarde Dinge ins Auto packen, SalatGurkeTomate waschen und schneiden, den Grill vom letzten Mal leeren und mit neuer Kohle füllen und um viertel nach drei waren dann ich, das Baby und all unser Kram auf dem Weg, das Kind abholen. Dann Herrn Rabe abgeholt und auf zum See (diesmal ein anderer, ich find den ja noch schöner, aber Herr Rabe schätzt den Komfort vom Mülltonnen und einem public Grill an dem anderen).

Am See wars Bombe, das Kind hat gebadet, ewig lang und wollte gar nicht mehr raus. Meine Beine haben bis zum Knie gebadet, ebenso Herr Rabes. Es gab nur wenige Knotts (Kriebelmücken) dafür viel Sonnenschein und noch nicht mal eine Katastrophe, als sich das Kind am Fuß verletzte und wir keine Pflaster dabei hatten. Wir haben vegetarische Burger und Würstchen gegessen, das war ein Test der einzigen verfügbaren Marke und er wurde mit Sternchen bestanden. Mjammi. Das Kind hat gar nicht gemerkt, dass es keine „echten“ Pølse waren. Jede Menge andere Kinder, wenns keine Norweger gewesen wären also theoretisch Spielkameraden.

Dann mit Sack und Pack wieder nach Hause, das Kind ist leider kaputt, es schläft nicht mehr im Auto ein, jedenfalls dann nicht, wenn wir es extra schon im Schlafi ins Auto setzen. Deshalb bin ich dann ja auch neben seinem Bett eingeschlafen.

Und morgen mache ich wirklich gar nichts.

Tag 6

Heute auch wieder nur ein kurzer Eintrag, es ist schon spät und so.

Es war wieder ein sehr schöner Tag, der mich rundum zufrieden und selig zurücklässt. Es waren viele Grade auf der Temperaturskala involviert, Sonnenschein, „Ausschlafen“,  ein drei Kilometer langer Spaziergang mit Herrn Rabe, dem Kind und dem Baby, ein Eis und eine Waffel, ein drei Kilometer langer Spaziergang zurück zum Auto, Wald, Fjord, der Geruch von Sonnencreme und gemähten Wiesen, gebadete Kinder und dieses wunderbare Foto, dass ich von meinem kleinen Pelztierchen gemacht habe:

2015-08-16 19.40.23

Das Kind ist auf dem Hinweg UND dem Rückweg sogar 2/3 des Wegs auf seinem Laufrad gefahren. Das Baby hat, wie üblich, alles verschlafen.

Und ich habe sogar geschafft, endlich meine selbstgenähten Geschenke für eine gute Freundin fertig zu stellen, sodass ich die bald verschicken kann.

Hachz.

Aber jetzt ab ins Bett.

Tag 5 – Schafe

Wir haben einen Freund, und der hat Schafe. Er wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern auf der anderen Seite vom Fjord und hat grob geschätzt 80 Schafe, plus zur Zeit 100 Lämmer. Norwegisches Wildschaf, eine Rasse, die mit den Witterungsbedingungen und dem Nahrungsangebot hier gut zurecht kommt. In Glennkill-Sprech ist es weder eine Fleisch- noch eine Wollrasse, obwohl sehr schmackhaft und auch sehr schöne Wolle. Unser Freund lässt jedes Jahr einen (Groß-)Teil der Lämmer und einen (kleinen) Teil der Schafe schlachten, vertreibt das Fleisch und die besonders schönen Felle und finanziert sich so sein Hobby, also die Schafe. Die Schafe sind eigentlich immer draußen, außer die drei Böcke, die muss er einsperren wenn die Schafe brünstig sind, sonst bekommt er viel zu viele Lämmer. Trotzdem sind die Schafe ziemlich zahm, manche haben auch Namen, und sie werden neben dem Gras auf den riesigen Weiden oft mit Hafer oder trockenem Brot aus der Hand unseres Freundes und seiner Familie verwöhnt. Die vierjährige Tochter hat dieses Jahr ein verstoßenes Lämmchen mit der Flasche aufgezogen. Alles in allem für uns Stadtpflanzen die reinste Bauernhofidylle.

Anfang der Woche hat das Kind uns davon reden hören, dass sich schon wieder so viel trockenes Brot hier angesammelt hat, wir aber ja noch tonnenweise Semmelbrösel vorrätig haben und gar nicht wissen wohin damit und was also tun mit dem Brot? Ich schlug vor, mal wieder die Schafe zu besuchen IRGENDWANN und das Brot zu verfüttern. Quasi als kleine Investition in ein leckeres niedliches Lamm. Unvorsichtiger Weise sagte ich das im Beisein des Kindes, das fortan täglich schon beim Aufstehen der Meinung war, heute wäre der ideale Tag um die Schafe zu füttern. Unser Einwand, das ginge erst am Wochenende, weil unser Freund ja auch arbeiten müsse und er ginge ja auch in den Kindergarten wurde lediglich mit einem empört-verzweifelten „Schafe guckääääään!!! Wääähähäää! Nicht Kindergarten, Schafe guckäääähähääään!!!“ in Endlosschleife quittiert. Täglich. Hurra.

Heute war es dann endlich soweit. Mit Sack und Pack und Nudelsalat auf zum Schafe gucken, die Familie des Freundes ist zwar grad in Kroatien, also keine Spielpartner da, aber 100 Lämmer sollten ja wohl reichen als Entertainment. Unser Freund fuhr gerade als wir kamen Mist mit dem Traktor durch die Gegend, beim Anblick des Traktors vergaß das Kind sogar kurzzeitig die Schafe, bis unser Freund abstieg und das Kind fragte, ob er denn die Schafe besuchen wolle, da gabs dann kein Halten mehr. Fix das Baby ins Tagebuch geschnürt, das Brot gepackt und dem Kind hinterhergerannt, das schon auf dem Weg mitten in die Schafherde war. Die Schafe waren aufgrund der sommerlichen Temperaturen ziemlich faul und ließen sich etwas Bitten, aber wir haben ja ein ausgesprochen höfliches Kind, deshalb war das mit dem Bitten nicht das Problem. „Hier, Bitteschön!“ wurden die Schafe brotwedelnd angebrüllt angelockt. Nachdem sich die mutigeren Leitschafe dann auch mal ranbequemt hatten und das Kind völlig aus dem Häuschen herumhüpfte und „Hier, Bitteschön!!!“ das Brot gönnerhaft unter den Schafen verteilte, passierte, was immer passierte: Es kamen ca. 25 Schafe gleichzeitig angerannt und wollten auch was vom Kuchen. Ich muss sagen, ich fühl mich dann auch nicht mehr allzu wohl, wenn ich mich in der wolligen Masse nicht mehr bewegen kann, insbesondere die Böcke machen mir etwas Angst, aber für das noch nicht mal einen Meter große Kind ist das sehr furchteinflößend. Aber man wird ja zur Löwenmama in solchen Situationen, pflügt mühelos die gierigen Schafe beiseite und hievt das Kind auf die hintere Hüfte (vorne hängt ja noch das Baby!). Immer darauf bedacht, die Bremsen zu verscheuchen, die mit den Schafen gratis mitgeliefert werden. Ich war sehr froh, als kurz drauf das Brot alle war. Sonst wäre ich wohl durchgebrochen.

Später haben wir dann noch gegrillt (Gemüse, kein Lamm ;) ) und den Nudelsalat gegessen und Herr Rabe hat selbstgebrautes Bier mit unserem Freund getrunken und unser Freund war ein bisschen neidisch, weil unsere Babys so lieb sind und die ganze Zeit schlafen und unsere Kinder deshalb auch gar nicht eifersüchtig sind, weil die Babys ja keine Bedrohung darstellen.

Nach all dieser Idylle musste das Baby dann natürlich die halbe Rückfahrt schreien und das Kind musste nörgeln, weil es wegen des Babygeschreies nicht gut schlafen konnte.

Aber es war ein sehr schöner Tag.