Tag 574 – Bekymring: Fredag 08-16

Liebes Tagebuch,

Ich war gerade bei der DoktorandInnen-Beratung der Uni. Wegen meinem Fertig-sein und Fertig-werden, die sich leider gegenseitig blockieren. Ich schreibe die Ergebnisse des Gespräches jetzt sofort auf, bevor ich alles wieder vergesse. Du weißt ja, ich kann mich grade manchmal nicht so gut konzentrieren.

Also erstmal: in Trondheim gibt es wirklich wenige Jobs. Die Cecilie weiß das, die hat nämlich selbst einen Dr. in Molekularer Medizin und arbeitet jetzt als Studienberaterin. So kanns gehen… Aber insofern gut, dass wir noch örtlich flexibel sind. Die meisten Firmen sind um Oslo rum, wie vermutet. Soviel zum rein praktischen.

Cecilie schlug vor – und ich halte das für eine gute Idee – einen Plan B zu haben. Einen realistischen, nicht „Ich mache eine Kneipe auf.“. Ein realistischer Plan B wäre dann doch ein Postdoc, den man dann gut dazu nutzen könnte, sich weiter zu orientieren, während man Erfahrung mit der eher wirtschaftlichen Seite der akademischen Welt sammelt. Macht sich im Zweifel auch gut im CV. IST ABER NUR PLAN B! Auf der Konferenz kann man da aber bestimmt schon mal herumschnuppern, wer eventuell als Kooperationspartner in Frage käme und – vor allem – soll ich da mein Gesicht zeigen. Fragen stellen. Vorbereitet sein. Gut, das hatte ich ja eh vor.

Plan A bleibt weiterhin das Suchen eines „normalen“ Jobs. Dafür hatte sie die üblichen Tipps: einfach mal anrufen und fragen, was geht. Vielleicht eine Karte anlegen, wo welche Firmen sind und welche davon interessant sein könnten. Und, wichtig: Nicht davon ausgehen, dass man sofort den perfekten Job findet. Eher davon ausgehen, dass man anfangs ein paar mal wechseln muss und auf den perfekten Job hinarbeitet. Aber Fuß in der Tür ist wichtig. (Ok, das letzte wusste ich, den Rest eigentlich auch, aber irgendwie war mir der Rest in letzter Zeit etwas abhanden gekommen.) Wegen der Wechsel-Option macht es eben Sinn, nach Clustern von Firmen zu suchen, damit nicht die Kinder jedesmal wieder die KiTa oder später Schule wechseln müssen.

Die zwei wichtigsten Tipps die Cecilie hatte, waren aber die folgenden: erstens muss ich mir wieder mehr klar machen, was ich kann. Worin ich gut bin. Was ich geschafft hab. Nicht die wissenschaftlichen Ergebnisse, die sind auch gut, aber letztlich für die Industrie eher so semi interessant. Was ich geschafft habe, wäre eher so die Kategorie: Erkennen, dass das Ursprungsprojekt ein halbtotes Pferd ist, um ein Ersatzprojekt bitten, mich da reinhängen, eine relevante Konferenz suchen und komplett alles dafür zu organisieren, statt einfach mit ihm auf die vom Chef vorgeschlagene Konferenz zu fahren und ihn machen zu lassen. Sowas. Eigenverantwortung und Eigeninitiative. Organisation. Was sie auch gelobt hat, war das Erkennen, dass es mir gerade schlecht geht und das Einleiten diverser Schritte (Krankmeldung, Klarkommen, Homeoffice) um es aus dem Loch raus zu schaffen. Naja. Ich versuche mich dann mal auch dafür zu loben. Der zweite Tipp war: aufhören zu denken. Es bringt nix, sich immerimmerimmer die gleichen Gedanken und Sorgen zu machen. Hab ich ja auch verstanden. Stattdessen soll ich mir lieber einen festen Termin setzen (wo ich doch so ein durchstrukturierter Mensch bin), sie schlug eine Woche nach den Experimenten vor, in der ich mir gehörig Sorgen machen kann. Aber nicht vorher. (Meine anvisierte Woche ist vom 08.-12. Mai, KW 19) Immer wenn ich mir Sorgen machen will, werde ich versuchen, mich selbst auf KW 19 zu verweisen. Wenn ich anfange, mich statt vor dem Ende des PhDs vor KW 19 zu gruseln, soll ich mir einen kurzfristigeren Termin zum Sorgen machen suchen: „Bekymring: Fredag 08-16.“ nannte sie das. Und eben wieder krankschreiben lassen, wenn es nicht anders geht.

(Ein interessanter Tipp, für dessen Befolgen ich aber erst über meinen deutschen Schatten springen muss, ist auch: warum nicht einfach einen Tag pro Woche zu Hause bleiben, soviel „Homeoffice“ (sie machte echt Luftkommata!) machen, wie ohne Druck geht, wenn ich dafür die anderen vier Tage effektiv arbeiten kann sei das doch besser, als fünf Tage pro Woche planlos und unkonzentriert zu sein. HmmHmm. Mal sehen.)

Also, so war es bei Cecilie. Ich mache mir dann in KW 19 weiter Sorgen. Vorher nicht.

Tag 560 – Was ich noch lernen muss.

Gute Nachrichten zuerst: ich kam heute halbwegs klar. Stellen Sie sich jetzt vor, wie ich mir selbst auf die Schulter klopfe. 

Poster basteln ist aber eher so eine Herausforderung. Das Problem ist in meinem Fall: hohe Ansprüche an die Ästhetik kollidieren mit der Auswahl der Programme. Postervorlagen der Uni gibt es in PowerPoint (meine Nackenhaare stellen sich hoch) und in InDesign. Die Abbildungen, von denen ich jeweils Teile (nicht die ganzen Abbildungen, leider, das würde vieles einfacher machen) verwenden will, habe ich als .pdf und als .eps. Mein Computer bei der Arbeit sagt, .eps kann er nur mit Illustrator öffnen und bearbeiten (Herr Rabe sagt das stimmt nicht, aber, Tjanun, der Computer war sehr stur). Beim .pdf habe ich das Problem, dass die Auflösung zur Darstellung auf einem A0-Poster zu schlecht ist, wenn ich das dann entsprechend hochskalieren muss. (Kurzer Exkurs: es wundert mich immer wieder, wie Menschen, die immerhin ganze Bücher mit vielen und detailreichen Abbildungen versehen, alles in Word und PowerPoint machen. So wie mein Chef. Und der Ex-Chef von Herrn Rabe. Ich verstehe es wirklich nicht, gerade Word ist bei großen Dokumenten ein einziger großer Mist. Dieses Meme „In Word einen Punkt eingefügt. Word verschiebt alle Abbildungen, ändert die Sprache auf Koreanisch und bestellt die 35 mit extra Chilli.“ kommt nicht von ungefähr. Aber da lebt Mensch scheinbar mit, solange es einen wysiwyg-Editor bietet, freundet man sich mit den schrulligen Macken die es sonst so hat, eben an. Und dann alles per Copy-Paste. „Kannste doch einfach per Snapshot aus dem .pdf kopieren und dann einfügen!“ Gruselig.)

Lange Rede kurzer Sinn: Illustrator und InDesign sind beides keine Programme, die man sich mal so eben erschließt. Auch nicht mit fertiger Vorlage*. Die Abbildungen sind zwar jetzt halbwegs ok, aber eben auch nur halbwegs und allein das Skalieren kostet mich Nerven, die ich nicht habe. Aber ich habe ja den allerbesten Mann der Welt, der nach einem verzweifelten „Ich glaub ich machs doch einfach in PowerPoint, dann sieht’s halt kacke aus, mir doch egal!“ nach LaTeX-Vorlagen googelt und mir Hilfe bei der Bearbeitung der Abbildungen anbietet. 

Ich lieb den sehr. 

Aber seine Hilfe annehmen, das muss ich noch lernen. 

*die Vorlage ist auch so ein Witz: bis auf das Maß und einen Footer in Corporate Dings-Blau mit Logo der Uni hat die nix. Weiße Fläche und Arial. Meh. 

Tag 559 – Und nun.

Ein paar kleine Updates. 

Herr Rabe und ich haben heute, als die Babysitterin da war (da hatte ich mich neulich im Tag vertan, spielt aber ja eigentlich keine Rolle), einen Ausflug gemacht. Erstmal saß ich noch eine gute halbe Stunde mit Pippi bei der Babysitterin, weil die sich noch nicht so gut kennen. Als ich das Gefühl hatte, dass es jetzt ok wäre zu gehen und außerdem beide Kinder plus Babysitterin mit Bügelperlen und -brettern versorgt waren, machten wir uns auf den Weg. Das Wetter war wirklich grausig, wir spazierten (immerhin händchenhaltend) durch eiskalten Regen, fanden in 2 Cafés keinen Platz, das dritte hatte zu und als wir beim 4. ankamen, waren wir gut durchgeweicht und schlotterten ein bisschen. Aber egal: 2 Stunden eine normale, erwachsene Unterhaltung über normale Erwachsenendinge waren es wert. Natürlich sprachen wir auch (kurz) über die Kinder, aber nicht viel, dafür gibt es grade genug anderen Kram der ansteht, wie zum Beispiel…

… Mein Plan zum Klarkommen. Tja. Kurz gesagt: kleine, erreichbare Tagesziele setzen, mir bei der Arbeit jemanden suchen, dem gegenüber ich die auch formuliere (nicht mein Chef, der macht immer gleich ein halbstündiges Meeting aus sowas). Das Denken an „was ist in einem halben Jahr?!?“ sein lassen (das wird hart). Öfter mal Home Office machen, dafür TeamViewer auf meinem Rechner installieren (mein Plan für morgen), damit ich auch von zu Hause ins Intranet und an Daten kann. (Home Office nimmt, so meine Vorstellung, drei Sorten Druck: zeitlich mit Hinbringen zum oder Abholen aus dem Kindergarten; den Druck, irgendwie menschlich aussehen zu müssen und andere Dinge als Jogginghosen zu tragen; sozial (mit der wichtigste Punkt): ich mag manchmal nicht mit Menschen reden und das dann auch nicht zu müssen stelle ich mir sehr schön vor.) Ich glaube ich würde nicht wirklich oft Homeoffice machen, aber eine Absprache mit meinem Chef, sodass ich davon Gebrauch machen kann, wäre schon ein Erfolg. Natürlich vorausgesetzt, dass keine Experimente anstehen, aber solche Tage oder sogar Wochen hat man ja auch immer mal wieder. Weiterer Plan, der eher das Private betrifft: unbedingt die Putzhilfe behalten. Und Dinge, die mich extrem frusten ohne irgendwie zu fruchten (so wie die Heimaturlaubsplanung) vermehrt an Herrn Rabe delegieren oder zumindest ihn mehr mit einbinden. Und dann mal sehen. Wenn ich merke, dass das alles noch nicht hilft und ich einfach keine 37,5 h-Woche durchhalte, gibt es ja immernoch die Möglichkeit einer partiellen Krankschreibung. Oder den Psychologen. Wie gesagt: mal sehen. 

Mehr delightful: Die Kinder sind so niedlich! Pippi spricht jetzt viel mehr und versucht, ganze Sätze zu sagen. Außerdem ist sie im Nachplapperalter angekommen und sagt alles, was man möchte. Oder wiederholt alles, was man nicht möchte. Eine ihrer Standardantworten ist aber momentan „Blablabla.“. Da kann ich nicht anders als drüber lachen, wenn die Situation ungefähr so ist:

Ich: „Ey, Pippi, nicht mit dem Essen werfen! Wenn du satt bist, lass es einfach stehen!“

Pippi: „Blablabla.“

Michel spricht ja viel besser Norwegisch als Deutsch, aber wir versuchen ihn im Moment mehr zum Deutsch sprechen zu animieren. Es wäre schon schön, wenn wir für Familienmitglieder nicht dauernd die Übersetzer geben müssten. Manchmal ist es aber auch unheimlich lustig, wenn er norwegische Dinge falsch versteht. So sagte er in den letzten Tagen häufiger voller Enthusiasmus „Jeg er en potet!“ („Ich bin eine Kartoffel!“). Darauf folgte stets irgendeine Ausführung oder Idee, wie irgendwas sein könnte oder wer irgendwas gemacht haben könnte. Es dauerte eine Weile, bis mir die Idee kam, dass er Dinozug (falsch) zitiert und eigentlich „Jeg har en hypotese!“ („Ich habe eine Hypothese!“ meint. 

Auch mehr delightful: neues Schneckenbild, weil heute sauber gemacht. Wir haben jetzt (aus Gründen) zwei große (ich nehme an, ausgewachsene) und zwei kleinere Schnecken. Eier gelegt haben sie immer noch nicht, nicht, dass ich darauf scharf wäre, aber ich mache mir etwas Gedanken, ob was nicht stimmt, oder ihnen was essenzielles fehlt.