Tag 2322 – Nacht.

Nach vier Stunden Schlaf und mit Restcorona* in den Knochen war heute arbeiten irgendwie ne schlechte Idee. Im Zug auf dem Rückweg schlief ich ein (bei uns ist ja Endhaltestelle, insofern egal) und jetzt geht nichts mehr. Mir ist furchtbar kalt und die Augen tränen.

___

*müdemüdemüde und wie bei vielen Erkältungskrankheiten sind jetzt im Nachgang meine Ohren zu. Da hilft mir erfahrungsgemäß nur Nasenspray, Geduld und Eukalyptusölkapseln, die, ich sage es lieber dazu, meines Wissens nach in klinischen Studien keinen über den Placeboeffekt hinausgehenden Effekt zeigen konnten. Ich mag aber den Placeboeffekt, vom Nasenspray bekomme ich Nasenbluten (deshalb bin ich sehr bemüht, die Behandlungszeit damit möglichst kurz zu halten) und, ganz wichtig, es ist keine Nasendusche involviert.

Tag 2320 – Es werde Licht.

Uff, Ende November in Norwegen, es gibt schöneres. Es ist kalt, aber schneit nicht, es ist nass, und vor allem ist es dunkel. Da hilft auch alles künstlich zugeführte Vitamin D nichts. Noch vier Wochen, dann wird es wieder heller.

Strom, immer so ein Thema. Jetzt verrät mir die App, dass bei uns Beleuchtung, was so ziemlich das einzige Thema ist, an dem wir noch, ohne erstmal was zu investieren, Strom sparen können, im Schnitt 3% unseres monatlichen Stromverbrauchs ausmacht. Tja, hmm. Vielleicht kann ich dann aufhören, mich ständig zu ärgern, dass die Kinder immer überall Festbeleuchtung machen und anlassen. Großverbraucher, nicht überraschend: Heizung, Warmwasser, Autos. Alles nichts, bei dem man in der Menge wirklich sparen kann. Kalt duschen kommt nicht in die Tüte, im Kalten sitzen auch nicht, die Autos tanken nun mal Strom. Letztere laden wir bereits nachts, wenn der Strom am billigsten ist. An unserem Stromverbrauch 2019-2021 sieht man aber sehr schön zwei Dinge: wann wir Carona bekommen haben (Verbrauchssprung), wann wir den Durchlauferhitzer bekommen haben (kleine Einsparung) und dass Cardos den Kohl nicht fett macht, im Gegenteil, dadurch dass wir ein bisschen weniger Carona laden müssen, sparen wir Strom. Es ist halt schon auch ein Unterschied ob ein Auto mehr oder weniger Strom pro 100 km verbraucht. Wir haben nahezu die beiden Verbrauchsextreme vor der Haustür stehen, obwohl Cardos ja schon älter ist und modernere E-Autos in seiner Größe sicherlich noch effizienter sind. Jedenfalls, ich schweife ab, was ich eigentlich sagen wollte: wir haben dieses Jahr einen geringeren Verbrauch als letztes Jahr zur gleichen Zeit (war es da kälter?), die Rechnung ist aber doppelt so hoch und mehr. Es ist frustrierend. (Gleichzeitig bin ich froh, dass wir das jeden Monat direkt merken und nicht irgendwann eine Jahresendabrechnung mit einer ganz bösen Überraschung kommt.)

Gesundheitlich geht es eindeutig bergauf. Herr Rabe war auf den Beinen und hat unter anderem Post von der Post geholt und Kleinigkeiten eingekauft, ich war auf den Beinen und habe mich darauf sogar lange genug halten können, um Geige zu spielen. Danach habe ich aus Gründen „how to play chords on violin“ gegoogelt und festgestellt, dass ich das intuitiv richtig mache, nur noch zu langsam bin. Wie immer zu langsam.

Was die Kinder angeht habe ich nur eine Anekdote von Michel zu teilen. Ich glaube nämlich langsam, dass er ohne uns im Grunde besser schläft, als wenn wir ewig neben ihm sitzen bleiben. Weil er, solange wir da sitzen, einen so leichten Schlaf hat, dass er SOFORT, wenn wir irgendwann aufstehen (egal, wann das ist), senkrecht im Bett sitzt und fragt, was wir wollen. Heute sogar ganz eindeutig im Schlaf, denn auf meine Antwort „runter zu Papa, soll ich die Tür auflassen, damit du uns hören kannst?“ kam nur unzusammenhängendes Gestammel zurück, und kaum lag er wieder, schnarchte er. Wenn ich aber irgendwann genervt aufgebe und er allein, mit Musik an, Nachtlicht und offener Tür einschläft (wenn auch unter Protest und manchmal leider auch Heulen und Zähneklappern), schläft er meistens die ersten Stunden wie ein Stein und manchmal sogar im eigenen Bett die ganze Nacht durch. Aber dass diese Erkenntnis von allein kommt, oder irgendeine magische Hirnreife eintritt und mein Baby seinen Schnuller selbst an den Weihnachtsmann schicken will (hoppla, falsches Alter), darauf warten wir bei Michel vielleicht einfach vergebens. Was ok ist, so ist er halt, er braucht da mehr Vorgaben und Regeln als manch ein anderes Kind. Vielleicht führen wir demnächst mal eine neue Regel ein, die in die Richtung geht, dass wir vorlesen, noch x Minuten kuscheln und dann seine Einschlafmusik anmachen und gehen. Ich glaube, das würde uns allen gut tun. Ich glaube aber auch, dass Michel von der Idee nicht begeistert sein wird, weil sich in seinem Kopf schon sehr festgesetzt hat, dass er alleine nicht einschlafen kann.

Tag 2317 – Schlapp.

Im Grunde fühle ich mich wie wenn ich ne richtig fette Erkältung kriege. Schlapp, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Nase zu. Heute hab ich zwei Meetings wahrgenommen, eins davon aber weitgehend nur hörend und dabei im Bett liegend. Ansonsten lag ich den Großteil des Tages im Bett. Abends konnte ich mich lange genug auf den Beinen halten, um Milchreis aufzusetzen und Apfelmus zu kochen, danach war aber auch gut mit Action und ich musste wieder ins Bett.

Ein Scheiß ist das.

Die Schule hatte heute Plantag, deshalb waren auch beide Kinder den ganzen Tag hier. Nicht ganz, denn Michel (der ja von uns der einzige ist, der sich wieder frei bewegen darf) war am Nachmittag drei Stunden beim „Juniorclub“, einem Freizeitclub für 4.-6.-Klässler*Innen. Michel gefällt es da sehr gut und viele seiner Freunde gehen auch jeden Mittwoch da hin. Man kann dort Musik machen, basteln, werkeln, Billard und Ähnliches spielen und zusammen an Konsolen zocken. Außerdem gibt es Mittagessen, das ist aber bei Michel vergebliche Liebesmüh, der hat ja einen sehr eingeschränkten Speiseplan. Ich finde das Angebot super, in unserem Kaff ist ja sonst die Auswahl eher so „Fußball oder Marschkapelle?“.

Ansonsten möchte Michel jetzt ein gesünderes Leben führen. Er trainiert und meditiert jetzt täglich, seit gestern, die Routine ist also noch nicht so ganz eingeübt. Mit der Meditation möchte er seine Wut in den Griff bekommen, mit dem Training „halt stärker werden“. Ich finde es sehr niedlich, wie das dürre Kind mit seinen Spargelärmchen meine 2 kg-Hanteln hebt, oder mich wütend anherrscht, weil ich es gewagt habe, unser Schlafzimmer zu betreten, obwohl es im Schneidersitz auf dem Bett thront und seine innere Ruhe sucht. Ich glaube zwar nicht, dass das nötig ist, aber beides wird wohl erst mal nicht schaden und im besten Fall tatsächlich zu größerer Ausgeglichenheit beitragen. Das wünsche ich in erster Linie ihm, aber auch uns als Familie.

Tag 2316 – Warten.

Ist schlechte Laune ein Coronasymptom? Oder ist das ein Symptom von productownership? Vermute letzteres, glaube aber auch, dass das eher eine Folge von Fehlanwendung ist. (Aus der Reihe „Dumme Entscheidungen von Frau Rabe“ ist eine aktive Rolle im IT-Projekt anzunehmen eine neue, spannende Staffel. Am Ende der Staffel, nach einigen Plottwists á la „Wir verlängern das Projekt um ein halbes Jahr, sagen es aber keinem“ brennt vermutlich alles, wie immer.)

Corona-Raben-Update: Pippi weiterhin fit, Herr Rabe langsam auf dem Weg der Besserung, ich müde, verstopfte Nase rechts, Kopfschmerzen und seit heute Abend auch Halskratzen. Alles nicht dramatisch schlimm, aber lästig.

Optiker und Augenarzt sind informiert und reagierten gelassen. „Kommt jetzt aus allen Richtungen, danke fürs Bescheid sagen“, war der Tenor. Es bedeutet bei denen keine Quarantäne, denn die kriegen nur Ungeimpfte nahe Kontakte – 10 Minuten mit Abstand und Maske in einem Raum sein, reicht in norwegischen Maßstäben nicht, um als solcher zu gelten.

Mit meinen Symptomen habe ich jetzt trotzdem Isolation bis mindestens Freitag gewonnen, was ja auch ok und richtig ist, aber mich zum Nachdenken gebracht hat. Denn, obwohl ja inzwischen hinreichend bekannt ist, dass auch Geimpfte sich infizieren und das Virus (wenn auch in geringerem Maß und kürzer und so weiter) weitergeben können, auch wenn sie keine Symptome haben – warum empfiehlt man dann hier in Norwegen voll geimpften, symptomlosen Nahkontakten (zum Beispiel Familienmitgliedern) ausdrücklich keine Tests, und ordnet, falls sie doch positiv getestet werden, nur 2 Tage Isolation ab Test an? Das macht für mich keinen Sinn, außer man möchte gerne, dass voll geimpfte, symptomlos Infizierte durch die Gegend laufen und Virus verteilen. Ganz so, als wolle man Immunitätslücken durch breite Streuung der Infektion schließen. Aber sowas würde ja ein verantwortungsvoll handelnder Staat nie tun, das wäre ja viel zu riskant, sowohl in Anbetracht der Auslastung des Gesundheitssystems, als auch unzureichend abschätzbaren Nachwirkungen der Erkrankung, als auch der Entwicklung von Immune-Escape-Varianten.

Ich für meinen Teil habe jedenfalls heute noch mal bei Oda bestellt und mich vor dem Schlafengehen an den Tipp von der Impfung erinnert und zwei Paracetamol genommen, in der Hoffnung, dass ich mich morgen besser und nicht schlechter fühle. Abwarten, hilft ja eh alles nix.

Ach, um es gesagt zu haben: hier in Norwegen ist Quarantäne = zu Hause bleiben, bei Symptomen testen, keinen Besuch empfangen, man darf aber z.B. in den Garten und im eigenen Haus leben wie immer. Das wird Nahkontakten empfohlen. Isolation = wenn man PCR-positiv ist. Zu Hause bleiben, keinen Besuch, zu Haushaltsmitgliedern nach Möglichkeit 2 Meter Abstand halten, man darf aber seine Kinder schon noch versorgen (ausdrücklich auch Fürsorgebedürfnisse erfüllen). Nur Isolation ist im norwegischen Corona-Infektionsschutzgesetz (Paragraf 8) verankert und infolge Paragraf 24 ist Übertretung dessen auch strafbar. Quarantäne kann nur empfohlen werden (keine gesetzliche Handhabe), außer Einreisequarantäne, die ist sehr genau reguliert. Sowas interessiert mich ja inzwischen aus beruflichen Gründen immer brennend: wo ist das „hjemmel“?

Tag 2314 – Weiter geht’s.

Pippi hat keine Symptome, aber einen wirklich eindeutigen Schnelltest. PCR-Ergebnis von ihr, mir und Herrn Rabe kommt vermutlich morgen oder Dienstag. Herr Rabe und ich hatten heute negative Schnelltests, Herr Rabe ist aber verschnupft und ich habe ziemliches Magengrummeln und Bauchkrämpfe. Wenn ich was falsches gegessen hab, wäre es komisch, dass nur ich das habe, wenn ich irgendwas nicht vertragen habe, wäre das eine neu entwickelte Unverträglichkeit von irgendwas, das ich regelmäßig zu mir nehme. Beides kann natürlich trotzdem sein. So oder so ist es unangenehm.

Weil ja vermutlich auch nächste Woche unsere Putzhilfe nicht kommen kann und wir langsam im Chaos versinken, haben wir heute gemeinschaftlich aufgeräumt und wenigstens das nötigste (Küche und Bäder) geputzt. Ein sauberes und aufgeräumtes Haus haben ist sehr schön, aber der Weg dahin so lästig. Die Putzhilfe ist hier wirklich jede Øre wert, denn letztlich erkaufe ich mir damit Freizeit, Herr Rabe erkauft sich Freizeit und wir beide erkaufen uns erleichterte Harmonie, weil ein Punkt, der in allen Zeiten, in denen wir selbst putzen mussten, regelmäßig zu Streit geführt hat, wegfällt. Freizeit und Harmonie sind eigentlich unbezahlbare Güter. Hoffentlich ist das hier alles bald vorbei, damit wir unsere normalen Routinen wieder aufnehmen können.

Apropos Routinen: morgen dann weder für mich noch für Herrn Rabe Office-Tag. Falls mein PCR-Test positiv sein sollte, freue ich mich auch schon drauf, eine sehr bissige Nachricht ans Werk zu schreiben, weshalb ich leider, leider Dienstag nicht am Hurra-Pandemie-vorbei-Tag teilnehmen kann. (Falls er negativ ist, kann ich trotzdem bissig schreiben, immerhin scheinen meine beiden Kinder diese Krankheit, die wir ja jetzt nicht mehr bekämpfen müssen, genau jetzt durchzumachen und ich kann mich die nächsten Wochen als Bonus noch ein bisschen vor PIMS und LongCovid gruseln.) Ich könnte natürlich trotzdem hingehen, wenn ich keine Symptome habe, auch ohne Test, und gegebenenfalls ein paar meiner älteren Kolleg*Innen anstecken. Mal gucken, ob ich die Impfgegner*Innen ausfindig machen kann, indem ich alle gezielt anatme und dann Buch drüber führe, wer übernächste Woche krank ist. 5 Stunden Seminar, 2 Stunden „Vorspiel“ (norwegische Bezeichnung fürs Fest vor dem Fest, kann ich ja auch nichts für, dass das so heißt) und 3 Stunden Essen im Restaurant, alles mit Hunderten von Leuten in geschlossenen Räumen ohne Masken klingt für mich wie das Rezept für ein Superspreadingevent.

So müde von allem.

Tag 2298 – Sollte…

… nicht schreiben mit diesem Müdigkeitslevel. Wirklich einfach nein. Ich nehme mir jetzt zu Herzen, was ich Michel neulich gesagt habe, nämlich dass alles, was vorm einschlafen schlimm, schrecklich und furchtbar erscheint, morgens meistens schon viel besser ist.

(Das Meerschwein ist es nicht, auch wenn es dem nach wie vor nicht gut geht.)

Tag 2288 – Nichts zu erzählen.

Den halben Tag verbrachte ich in Wollsocken, Wollpuschen, Strumpfhose, T-Shirt und Onesie vorm Computer (den Strompreisen bockig trotzend). Den Rest des Tages kreiste ich um die Kinder, abends fuhr ich zum Ballett. Die Babysittermama weiß jetzt aus erster Hand, wie das mit Michel und Schlafen momentan* ist und immerhin teilt jemand meine Sicht, dass das nicht mehr so ganz innerhalb des Normalen liegt. Was wir machen sollen, weiß sie aber auch nicht.

___

*momentan as in „seit Monaten, oder Jahren, eigentlich schon immer, seit er aus dem Säuglingsalter raus ist“