Tag 301 – Mein großer Spatz

Michel ist ja jetzt schon dreieinhalb. Erst dreieinhalb. Man weiß gar nicht, wie man es ausdrücken soll. Ich glaube, oft weiß er das selbst nicht. Natürlich sagt er oft, er sei „ein großer Junge“, vor allem um sich von Pippi abzugrenzen oder irgendwelchem vermeintlichen „Babykram“ zu entgehen. Andererseits will er aber auch oft Kuscheln, auf den Arm, getragen werden oder auf dem Schoß sitzen. (Exkurs: als ich klein war, hat sich meine Mutter immer beschwert, ich hätte spitze Knochen am Po. Ich fand das doof. Heute weiß ich was sie meinte.) 

Deshalb ist er auch immer noch mein Spatz: ein kleiner (dicker, Michel war ein pummeliges Baby), oft sehr dreckiger, lustiger Hüpfe-Vogel. Aber jetzt ist er eben ein großer Spatz. Halb klein, halb groß. Eben noch mein Baby, jetzt schon ein großes Kind, das alle seine Kindergartenfreunde zu uns nach Hause einlädt. Aber noch wenig Verständnis dafür hat, dass die und auch wir mitunter anderes am Nachmittag vorhaben. Aber eben ein Kind, das Freunde hat. Richtige zwischenmenschliche Präferenzen, nicht mehr nur „Ach, ich hau jedem der mit mir im Sandkasten sitzt freundlich die Schippe übern Kopp!“. Ein großes Kind mit großen Gefühlen, gerade enttäusche Freundschaft ist da ganz schlimm und bei „Der H. hat mir XYZ weggenommen! Wääähhhhhh!!!“ bricht mir das Herz. Dafür wird H. aber auch stürmisch umarmt, oder es wird so begeistert nach E. gerufen, dass die Stimme überschnappt. 

Oft scheint es im Moment so, als wüsste er selbst nicht so ganz wohin mit all seinen Gefühlen. Das sieht dann für uns oft widersprüchlich aus. Wenn zum Beispiel ein Heidentheater gemacht wird, wegen nix, weil das was er eigentlich will unsere ungeteilte Aufmerksamkeit ist. Die bekommt er ja dann auch, nur eben dass wir sauer und ungeduldig und laut (ich, Herr Rabe wird nie laut) werden. Aber einmal drin im Wutrad kommt man da wohl nicht so schnell raus. Ein anderes Beispiel ist, dass er gerne von Oma ins Bett gebracht werden möchte. Nur nicht heute. Morgen. Oder noch zwei mal Schlafen. Das sagt er jetzt seit letztem Donnerstag. Ich glaube er möchte das wirklich nachmittags gerne, er merkt dann ja auch wie sich die Oma drüber freut, aber abends, wenns auf die Bettzeit zugeht, dann wirds ihm doch zu mulmig. Ohne Mama und Papa ins Bett? Hmmnee, lieber nicht. Morgen vielleicht. 

Zu all den großen Gefühlen kommen dann noch große Gedanken, viel zu große für so einen kleinen Kopf, wie ich finde. „Mama, du alt wirst, du auch vielleicht kaputte Knochen kriegt, wie Oma. Du aufpassen, ich auch auf dich aufpassen!“ „Papa sagt, da Friedhof alte tote Leute eingegraben. Warum da so Steine drauf? Leute nicht wieder rauskommt vielleicht?“ Tja, und dann stehe ich da und hatte doch gehofft, dass wir solche Themen erst irgendwann mal besprechen müssen. Tod, Krankheit, nich immer alles glauben, was die Oma (egal welche) so sagt. Dass er alles, was kreucht und fleucht gern hat, ist ja eigentlich total schön, aber manchmal fühlt er sich für meinen Geschmack doch etwas sehr in kleine Tiere hinein. Oder überträgt von sich, das ist wohl wahrscheinlicher, wenn wir eine halb tote Fruchtfliege nach draußen gesetzt haben und er behauptet, die würde jetzt sicher Mama und Papa suchen, weil sie die vermisst hat (auch hier bricht mir dann kurz das Herz). Kein Wunder eigentlich, dass er nachts mit den Zähnen knirscht: es geht eben viel vor in ihm. 

Wunderbar ist es, ihn mit seiner kleinen Schwester zu sehen. Denn meistens ist er ziemlich fürsorglich und liebevoll und stolz, so eine tolle kleine Schwester zu haben. Da wird der Oma der neue Zahn angepriesen, oder dass Pippi an den Händen läuft oder „selber“ Zähne putzt. Oder Pippi wird umarmt oder geküsst oder ihr Essen gereicht. Es ist wirklich goldig. Und auch in den nicht ganz so goldigen Momente wird nur verbal getobt und nicht ihr gegenüber.  „Du Pippi wegnehmen! Ääähhhhhh, Pippi das kaputt macht! Pippi soll nicht kaputtmachen! DU PIPPI JETZT WEGNEHMEN!!!“ Als wüsste er, dass sie nichts dafür kann. Vielleicht weiß er das ja auch. Vielleicht ist das sowas, was Kinder eben wissen, dass kleinere Kinder eben noch nicht so viel wissen. Ich glaube, Michel freut sich auch schon sehr drauf, dass Pippi auch bald in seinen Kindergarten geht. Zumindest wird den Betreuer*Innen schon versichert, dass „Pippi Geburtstag hat, bisschen älter ist, Pippi auch mit mir Kindergarten geht.“. Kein Wunder, dass die anderen Kindergartenkinder immer sagen, Pippi sei „Michels Baby“. Sie gehört ja auch irgendwie zu ihm und das ist tausend mal mehr als ich mir erhofft hatte, nach nicht ganz einem Jahr sagen zu können. Ein superduper großer Bruder ist Michel. 

Alles in allem ein rundum toller großer kleiner Spatz. 

Ja. Hachz.  

Drei Jahre und fast acht Monate. <3

Tag 224 – 8 Monate

Mein liebes kleines Mausemädchen,

Jetzt bist du schon acht Monate alt. Acht Monate die vergingen wie im Zeitraffer. Vor fünf Minuten bist du das erste Mal gekrabbelt. Gestern warst du noch ein kleines Minibaby, das mich zum ersten Mal angelächelt hat und damit mein Herz zum platzen brachte. Vorgestern hielt ich dich zum ersten Mal im Arm, zeternd und nass und blau und wunderschön. Vor einer Woche streichelte ich meine runde Babymurmel – nur um sofort von dir in die Rippen oder die Blase oder gegen die Beckenknochen geknufft zu werden. Und vor drei Wochen hielt ich das Stäbchen in der Hand, mit den sehr deutlichen zwei Strichen drauf und dachte gleichzeitig „Hupsi“ und „Wie schön“.

Jetzt liegst du hier auf meinem Bauch und verpennst den Tag. Du bist krank, Fieber und Rotznase und Gesabber. Dein Papa meint, du kriegst Zähne. Ich glaube nicht daran. Obwohl es zu dir passen würde, alles ganz anders zu machen als dein großer Bruder und die ersten Zähne unter größtmöglichem Trara zu bekommen. Manchmal macht es mich wahnsinnig, wie starrsinnig du bist, und wie sehr du mich und NUR mich brauchst. Papa scheinst du ganz ok zu finden – solange du ihn von meinem Schoß aus beobachten kannst. Bei jedem neuen Menschen ziehst du das vorwurfsvollste Gesicht, das ich je gesehen hab und weinst, bis ich dir ausreichend glaubhaft versichert habe, dass ich in deiner Nähe bleibe. Und egal bei wem du bist, wenn dir auffällt, dass ich nicht in deinem Wohlfühlradius von 5 Metern bin, brüllst du bis ich angelaufen komme. Wenn du dann auf meinem Arm bist, lachst du und siehst den anderen Menschen mit diesem „Siehste? Das ist meine Mama, die hab ich lieb, die ist toll!“-Blick an. Das muss für die anderen ganz schön verletzend sein. Aber du weißt halt, was du willst. 

Überhaupt deine Blicke. Als wir neulich Geburtstag feierten, hattest du alles voll im Blick und wundertest dich ganz offensichtlich sehr über unser Treiben. Dein Gesichtsausdruck in Richtung der Bestrn Freundin sagte wirklich eindeutig „Die sind ja ganz nett, aber eben leider alle irre…“. Sogar das „Ganz ruhig, gleich kommt jemand der Sie an einen ganz schönen Ort bringt!“-Lächeln hast du schon voll drauf. Dein großer Bruder fand (und findet) es gut, wenn man sich für ihn zum Affen machte. Du scheinst das alles zu durchschauen und würdigst es höchstens mit einem „Gaaaanz toll, Mama!“-Blick. Würdest du klatschen können, würdest du wohl noch ein Slow-Clap dazu machen. Dafür lachst du über ganz andere Sachen. Dein Spiegelbild. Bauchpupse. Deine eigenen Pupse. Wenn ich pfeife. Wenn ich schnalze. Wenn Michel Quatsch macht. Essen. Trinken. Wenn du das Babypixibuch gefunden hast und dessen behauptete Unkaputtbarkeit testest. Michels Autos. 

Du kannst schon so viel und bist doch unersättlich darin, Neues zu lernen. Grade Rollen gelernt? Du willst krabbeln. Du kannst krabbeln? Du willst stehen. Du ziehst dich selbst an Sachen hoch und stehst? Du lässt los, frei stehen ist jetzt das Einzige was zählt. Dabei nimmst du Rückschläge (meistens in Form von Umfallen, Hinfallen, Wegrutschen) nicht gerade gelassen hin, es scheint auch nicht in erster Linie der Schmerz, die Beule oder die Schramme zu sein, die dich schreien lässt. Du bist wütend. Auf den weggerutschten Hocker, auf den Schrank, der da steht und der dir einfach gegen den Kopf gesprungen ist, auf deine eigenen Beine, die eben doch noch nicht so ganz sicher stehen. Kurzes Zorngeheul und getröstet werden und du bist bereit für den nächsten Versuch. Unermüdlich. Mein starkes kleines Mädchen. 

Heute rieche ich an deinem Kopf. Den ganzen Tag. Ein bisschen erinnert es mich an den Neugeborenenduft von vor ein paar Monaten. Aber es ist so viel dazu gekommen. So viel Zuhause und Liebe und Familie. Ein Duft, der genauso gewachsen ist wie du. Und der mich unbeschreiblich glücklich macht. Wie du. 

Murch!

Deine Mama

Tag 164 – Ein halbes Jahr

Ein halbes Jahr bist du jetzt alt, kleines Mäuschen. Das ist für mich ganz unfassbar, denn einerseits warst du gestern noch ganz miniklein, hattest keinen Hals*, dünne Beinchen und nen dicken, schwarzen Haarschopf, andererseits weiß ich fast gar nicht mehr, wie das war, als du noch nicht da warst. Ich weiß noch, dass ich mir große Sorgen gemacht hab, ob ich wirklich noch ein Kind so lieb haben kann wie deinen großen Bruder. Und ja, doch, das kann ich. Ich kann euch beide unendlich doll liebhaben und ich kann auch von euch beiden genervt sein. Wenn dein Bruder weinerlich ist, weil er Hunger hat und es nicht schnell genug geht mit dem Essen. Wenn du nachts brüllst und durch absolut nichts zu beruhigen bist. Wenn du meckerst, sobald ich dich irgendwo kurz ablege, um irgendwas zu tun, was eben nicht so gut mit Baby auf dem Arm geht. Wenn dein Bruder zum drölfzigsten Mal brüllt: „Æ hab Käääääse esacht, WEISST DU???“. Aber weißt du was mich sofort wieder runterholt und es mir ganz warm ums Herz werden lässt? Wenn dein Bruder nachts im Halbschlaf fragt „Baby is?“ und nur wieder einschläft, nachdem ich ihm versichert hab, dass du auch schläfst. Wenn du morgens aufwachst und erst mich angrinst und dann anfängst, dich nach deinem Bruder umzusehen. Wenn ihr zusammen spielt. Wenn dein Bruder dir die Welt erklärt („Ikke wegnehmen hier Puschen, Baby, Tür zufällt dann, weißt du?“) oder dich unter dem Badezimmerschrank hervorzieht. Wenn du ihn beim Essen ansiehst und man quasi sehen kann, wie Millionen Synapsen in deinem Kopf entstehen. Wenn du wieder irgendwas neues tolles machst und dein Bruder ganz aufgeregt rumhopst „Baby klarte det!“. Neulich morgens habe ich dich aus dem Bett geholt, du warst noch ganz verschlafen. Und das Kind sagte: „Baby drücken will!“, drückte dich ganz fest und murmelte in deine Schulter „Baby lieb hab.“ Da platzte mein Herz in tausend kleine Herzsplitterchen und diese verwandelten sich in Schmetterlinge die in den Regenbogen… Nein, jetzt geht’s mit mir durch, aber ich war wirklich zu Tränen gerührt. Das hat das Kind nämlich noch nie zu irgendwem gesagt. Nur zu dir. 

Kann man Liebe lieben? Ich glaube jedenfalls, die Geschwisterliebe zwischen euch, die kann ich lieben. 

Murch :* –

Deine Mama
* Die wohl lustigste Aussage, die ich je von jemandem über ein neugeborenes Baby gehört habe. „Oh! Kein Hals!“

Tag 105 – 4 Monate und 1 Tag

Mein liebes kleines Mausemädchen,
heute bist du vier Monate und einen Tag alt.
Vor vier Monaten und einem Tag um diese Zeit saß ich auf dem Sofa, las* und veratmete sehr regelmäßige und einigermaßen schmerzhafte Wehen. Und hoffte sehr darauf, dass dein Bruder schnell in den Schlaf finden würde und meine Taktik „Ich setz mich jetzt hier auf den Poppes, es heißt ja Bewegung treibt die Geburt voran, dann tut Stillsitzen bestimmt das Gegenteil“ aufgehen würde.
Und jetzt sitze ich auf dem gleichen Sofa, du liegst auf meinem Schoß und schläfst, um mich rum das Chaos. Dein Papa ist beim Fußball und dein Bruder schläft schon, bei uns im Bett, denn er ist krank. Genauso wie vor vier Monaten und 2 Tagen, Fieber und Schlappsein und Husten.
Wenn ich an deine Geburt und die Tage drumherum denke, kommt mir das schon alles ganz verrückt vor. Aber so war es halt, dein Bruder war einen Tag vorher noch ziemlich krank, die Großeltern grade einen Tag vorher abgereist, ich war am Tag deiner Geburt noch einkaufen (mit Wehen) und habe Marmelade gekocht (mit Wehen) und hatte Besuch von einer lieben Freundin, die mir eröffnete, sie sei auch schwanger (mit Wehen, also ich). Diese Freundin hat jetzt einen sehr hübschen kleinen Babybauch, aber ich schweife ab.
Das passiert mir immer öfter, das Abschweifen. Es muss die Stilldemenz sein. Ich habe das Gefühl, im gleichen Tempo wie du Sachen lernst, werde ich vergesslicher und mein Gehirn siebiger. Und du lernst schnell. Seit ein paar Tagen befühlst du deine Spielzeuge und dein Spieltrapez. Neulich noch konntest du höchstens mal ungezielt dagegen hauen, jetzt steckst du deine Arme aus und die Hände untersuchen alles, was sie zu fassen bekommen. Am interessantesten findest du mein Gesicht, meine Nase, Augen, Lippen. Alles wird befühlt und manchmal auch übermütig gekniffen oder gerissen (Au.). Überhaupt bist du unheimlich aufmerksam und wissbegierig. Ich kann nichts mehr essen oder trinken, ohne dass du mir alles in den Mund guckst. Dein Bruder ist dein größter Held, wenn er da ist, bist du fast immer fröhlich und verfolgst alles was er tut. Bloß wenn er weint, dann weinst du sofort mit, denn dann muss ja mindestens der Weltuntergang bevorstehen. Dein erster Blick morgens ist zu mir: breites Grinsen. Der zweite ist zum Kind: breites Grinsen und dann: Fokus. Was macht es? Turnt es? Spricht es? Vom Kind lässt du dir auch alles gefallen, alles ist ja irgendwie trotzdem interessant. Oh, so fühlt sich das also an, wenn sich jemand im Bett auf meine Hand kniet. Faszinierend. Hand im Gesicht. Aha. Auto auf dem Kopf. Hihi, das kitzelt.
Seit ein paar Tagen kannst du richtig herzlich lachen, wenn ich dich mit viel Geräusch auf die Wangen küsse. Ein meckerndes Babylachen, bei dem mein Herz platzt.
Nur wenige Sachen findest du richtig scheiße. Baden zum Beispiel. Das macht dir irgendwie Angst und ich finde das sehr schade, weil wir anderen eigentlich alle Baden ganz toll finden. Aber du brüllst wie am Spieß und siehst mich mit diesem „Rette Mich!!!“-Blick an, dass mir fast die Tränen kommen. Manchmal findest du Auto fahren doof. Manchmal deinen Kinderwagen. Manchmal die Trage. Und immer: angezogen werden.
Du bist unheimlich stark, du willst nicht babymäßig auf dem Arm liegen, mindestens sitzen und eigentlich stehen. Du kannst dich schon prima aufsetzen, wenn man dir die Hände hinhält und eine Hand reicht dir zum Festhalten, um ein, zwei Minuten stabil zu sitzen. Du rollst dich dauernd auf den Bauch und kullerst mir so im Bett hinterher, wenn ich mal zwei Zentimeter von dir wegrutsche. Überhaupt weißt du sehr genau, was du willst: Ständig in meiner unmittelbaren Nähe sein, möglichst herumgetragen werden. Schlafen nur auf der Seite oder auf dem Bauch oder auf dem Bauch auf meinem Bauch. Wenn du Hunger hast, ziehst du mich quasi mit Blicken aus. Du magst wenn ich singe, egal was und egal wie falsch. Du liebst Massagen. Und wenn wir mal nicht machen, was du möchtest, wird gnadenlos gebrüllt. Da ist keine Geduld, kein anfängliches Gemecker, du schöpfst sofort dein ganzes stimmliches Repertoire aus.

Und dabei bist du so unfassbar niedlich**, dass man dich einfach lieb haben muss.

Murch und :* –

Deine Mama

 

*Allerdings weiß ich nicht mehr, was. Gab spannenderes.
**Dieses Lachgrübchen! Dieses Haarwirbelchen! Diese Speckfüßchen! Diese perfekten kleinen Hände!

Tag 84 – Weiter wachsen

Mein liebes großes Kind,

drei Jahre. Sogar schon drei Jahre und drei Wochen bist du jetzt alt. Das letzte Jahr ist wie im Flug vergangen. An deinem zweiten Geburtstag waren wir am Meer, das Wetter war grau aber wir hatten uns und mitgebrachte Muffins und Spaß. Du hast deine ersten ernsthaften Versuche mit richtigen Klos gemacht zu dieser Zeit. Gestern bist du das erste mal ohne eine Schlüpferwindel ins Bett gegangen – weil du das so wolltest. Ich habe dich gefragt, zum ersten mal, ob du überhaupt eine Windel anziehen willst, und du sagtest nein. Ohne zu überlegen. Und ich sagte ok, dachte aber ehrlich gesagt „Ach du scheiße!“. Aber ich hab dir vertraut, noch nicht aus tiefer Überzeugung heraus aber ich habe mir gedacht, wenn du das entscheidest, wird es wohl klappen. Und das tat es auch. Heute bist du wieder ohne Windel ins Bett gegangen. Du hast gesagt, du bist schon ein großer Junge. Und das stimmt. Du machst so vieles schon alleine. Heute bist du auf den Klositz geklettert, weil du an die Klobürste wolltest. Mein erster Impuls war „Waaahhhhh“, aber du wolltest unbedingt und ich hab dich gelassen. Du hast super gut das Klo saubergemacht, genau wie ich das machen würde. Als du danach den Bürstenteil angefasst hast und ich gesagt habe, du musst dann jetzt Hände waschen, hast du das sofort gemacht. Wir sind ein gutes Team.
Meistens. Manchmal weigerst du dich auch standhaft, Dinge zu tun, die du eigentlich schon kannst. Du sagst dann, du musst noch weiter wachsen, du bist noch nicht groß. Und auch das stimmt. Bei vielen Sachen brauchst du einfach noch Hilfe oder möchtest Hilfe haben. Reißverschlüsse sind zum Beispiel oft noch schwierig zusammenzufummeln, hoch und runter ziehen geht aber schon alleine. Du kannst auch deine Schuhe selbst anziehen, aber wenn der Klettverschluss wirklich fest geschlossen sein soll, damit der Schuh nicht vom Fuß rutscht, brauchst du Hilfe. Morgens willst du am liebsten behandelt werden wie ein kleines Baby, und das ist auch meistens ok. Dann sitzt du auf meinem Schoß und ich puste jeden Löffel von deinem Frühstück kalt. Ich muss dich aus- und anziehen, obwohl das zu jeder anderen Tageszeit prima alleine klappt. Und irgendwie genieße ich das sogar ein bisschen. Denn dass du schon so groß bist ist auch für mich oft toll und manchmal ein bisschen doof.

<3 –
Deine Mama

Tag 77 – Ikke lov! *kann Spuren von mütterlicher Gefühlsduselei enthalten*

Mein liebes großes Kind,
Ich weiß, du glaubst ich seh das nicht, aber ich weiß genau, wie lieb du das Baby hast. Mir platzt jedes Mal fast das Herz wenn du angerannt kommst und aufgeregt rufst „Baby wach ewort!“ oder „Oh Nein! Baby weint!“, als hätte ich das nicht schon selbst mitbekommen. Wenn wir uns morgens anziehen, um zum Kindergarten zu gehen, fragst du ständig, ob auch das Baby mitkommt. Das Baby muss natürlich auch Mütze, Jacke und Handschuhe anziehen, so wie du. Wenn wir zum Tanzen gehen, soll auch das Baby ein Kleid anziehen, damit es gut mittanzen kann. Deine Kindergartenkumpels dürfen das Baby noch nicht mal ansehen, geschweige denn streicheln. Das Baby soll mit dir zusammen baden. Wenn du spielst, fahren deine Autos auch über das Baby und wenn das Baby unter seinem Spieltrapez liegt, stupst du das Bärchen an, damit es klingelt. Du erklärst dem Baby, dass es Sachen nicht in den Mund nehmen darf oder nicht hauen darf oder mich nicht beim Stillen beißen darf. Dass es nicht an seinen Fingern lutschen soll. Alles was du nicht darfst wird beim Baby von dir mit einem empörten „Ikke lov!“ kommentiert, „Nicht erlaubt!“. So gibst du dein Wissen weiter. Und wenn du denkst, ich sehe nicht hin, nimmst du manchmal seine kleine Hand in deine etwas größere. Oder streichst ganz vorsichtig mit zwei Fingern über die weichen Babyhaare. Da wird mir immer ganz warm ums Herz und ich bin unheimlich stolz, ein so unfassbar tolles und liebevolles und empathisches Kind zu haben.

Heute hast du das Baby, das meckerte, weil es sich auf den Bauch drehen wollte und nicht weiterkam, einfach herumgedreht. Unendliche Dankbarkeit sprach aus dem Blick des Babys. Überhaupt bist du für das Baby das Allergrößte. Wenn du da bist, kann es seinen Blick kaum von dir losreißen. Wenn du weinst, weint es mit. Ich bin sicher, es hat dich genauso lieb, wie du es.

Sicher werden auch noch andere Phasen kommen. Ihr werdet euch streiten, wie es nur Geschwister können. Und dann werdet ihr euch vertragen, wie es auch nur Geschwister können. Und das ganze mehrmals täglich. Aber diese besondere Beziehung zwischen euch, die bleibt. Ob ihr es wollt oder nicht.

<3 Deine Mama (die einen kleinen Bruder hat, den du nicht kennst)

Tag 46

Ich bin müde und schlecht gelaunt und ich möchte gerne um neun ins Bett, deshalb fasse ich mich kurz.

War beim Muttisport. War gut, hab ordentlich geschwitzt aber so soll das ja auch. Das Baby lacht sich über die bunten Gymnastikbälle total kaputt, das ist sehr süß. Dann haben wir die Babys wieder etwas rumgewuppt, das fand das Baby so mäßig cool und dann hab ichs zum Angeben und um die tummy-time für heute abzuhaken auf den Bauch gelegt. Und es hat sich auch brav hochgedrückt und fröhlich das Baby auf der nächsten Matte angelacht. 5 Minuten lang. Ha. Mein Baby ist das stärkste.

Nach dem Training noch kurz gestillt (es ist absolut göttlich, wenn nach den Stunden da neun, zehn verschwitzte Frauen im Kreis auf den Sofas sitzen und stillen) und dann fix Dosendusche und umgezogen und zu einer Veranstaltung der Hochschule für Kindergartenlehrer gegangen. Ja, Erzieher ist hier ein Studiengang. Und die Hochschule hatte zu einem „Säuglingscafe“ eingeladen. Mit Vorträgen über alle möglichen Baby- und Kleinkindthemen von Lehrenden der Hochschule und gratis. Als wir ankamen, wären wir grade perfekt pünktlich zum 2. Vortrag gewesen, aber das Baby brüllte wie am Spieß und beruhigte sich auch in der Trage nur sehr langsam, weshalb wir dann effektiv genau pünktlich zum (gratis) Lunch da waren. Es gab Wraps und ausnahmsweise auch mal ne vegetarische Variante. In jedem Wrap war ne Olive versteckt, na gut, kann man ja rauspulen, aber irgendwie schmeckte der Feta in unmittelbarer Oliven-Nähe auch sehr olivig. Egal, ein Hoch auf die vegetarische Version, das ist nämlich in Norwegen ganz und gar nicht selbstverständlich (leider). Die Vorträge nach dem Lunch waren auch gut, es ging um Abenteuer und Märchen in der Erziehung und um Freundschaften im Kleinkindalter. Ich habe mitgenommen, dass Kinder ihre Freunde selbst aussuchen (jau) und man den Freundschaften, egal wie weird sie auch erscheinen mögen, Raum geben soll (ok). Und dass man Kindern alles erzählen kann, aber wichtiger als der Inhalt die Gestik und Mimik des Erzählten sei und dass selbst ganz kleine Kinder schon „Geschichten“ mit unterschiedlicher Dynamik erfinden.

Danach hab ich mit beginnenden Kopfschmerzen (in dem kleinen Raum waren ca. 50 Muttis mit Babys gewesen!) das Kind abgeholt, das aber grad im Kindergarten einer erzieherischen Maßnahme unterzogen wurde, deshalb musste ich noch kurz warten. Das Kind hatte Quatsch gemacht („bråk“, das heißt Krach/Lärm/Radau), es wurde ihm gesagt, es solle das lassen, ob es das verstanden hätte. Das Kind antwortete nicht und versuchte, den Erzieher offensiv zu ignorieren. Daraufhin durfte es mit dem Erzieher so lange in der Küche sitzen, bis es eine zufriedenstellende Antwort auf die Ausgangsfrage gegeben hatte. Juchhe, Autonomiephase und noch mehr juchhe, dass wir nicht die einzigen sind, die sich mit dem manchmal weit über die Stränge schlagenden Kind herumschlagen müssen. Das Kind darf ja sehr viel bei uns, es muss sich ja auch ausprobieren, aber manche Sachen gehen eben nicht (mit Töpfen gegen die Wände hauen etc.) und genau das mit „ich tu so als hätte ich die Mama/den Papa/den Erzieher nicht gehört und mache einfach weiter“ haben wir hier auch oft. Und ja, ich nehme das Kind dann auch beiseite, erkläre ihm, wieso ich nicht möchte dass es das macht (weil es mich zu Tode nervt!!!) und ringe ihm ein „okay…“ ab. Meistens macht es dann genau den selben Scheiß nicht nochmal, sondern wandelt minimal ab. Also nimmt dann die Pfanne und haut damit gegen den Tisch z.B…. Das hat man dann vom konkret sein.

Nun gut, zu Hause angekommen waren die Kopfschmerzen dann doch recht ordentlich und das Baby am schreien und das Kind am nerven, sodass wir uns erstmal aufs Sofa gesetzt haben und ziemlich lange Bobo Siebenschläfer-Folgen geguckt haben. Dann gab es die letzten drei Pickerts vom letzten Jahr aufgetaut zum Abendessen und ich musste an meine Großeltern denken und wurde ein bisschen traurig, ok nicht nur ein bisschen sondern ganz schön doll, weil der Himmel einfach zu weit weg ist, aber ich glaube ich bin auch einfach müde und geschafft, es war ja auch ein langer Tag. So und deshalb: Gute Nacht.

Ach ja: der neue Schnuller funktioniert tatsächlich. Zielsicher hat das Baby als einzig akzeptable Schnullerform die kieferschädlichste überhaupt ausgesucht. Naja, aber unsere Finger sind erstens noch kieferschädlicher und zweitens furchtbar unhygienisch und das Kind konnten wir auch nach ca. nem halben Jahr auf eine andere Form umpolen, weil auch das Kind nämlich nur die kiefertötenden haben wollte anfangs und die aber schwer zu bekommen sind. Erstmal bin ich sehr froh, dass das Baby jetzt überhaupt einen Schnuller mal nimmt. Ehrlich, so Vollblut-Attachment-Parenting ist nix für mich. Aber dazu gibts auch noch mal einen gesonderten Artikel irgendwann.

Tag 43 – Zwei Monate

Liebes Baby,

jetzt bist du genau zwei Monate und zwei Minuten alt.
Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Das sagen immer alle, und es nervt, dass man es dauernd hören muss. Es nervt, weil es stimmt.
Du kannst schon deinen Kopf super selber halten, auch in Bauchlage drückst du dich richtig hoch, noch mit erstauntem Gesicht zwar, aber voller Begeisterung.
Du kannst dich auf die Seite drehen, aber nur wenn du nackig bist.
Du redest mit mir, Papa, dem Kind, dem Bienchen, dem Bärchen und allem, was dir freundlich gesinnt erscheint. Dein Vokabular reicht von Quietschen und Jauchzen über Höck und Grgl zu Ao.
Manchmal willst du deine Faust in den Mund stecken und du wirst super sauer, wenn das nicht klappt. Manchmal klappts aber auch und dann wird gelutscht, was das Zeug hält.
Wenn du pillerst machst du ein sehr lustiges Gesicht, als wolltest du von dem ablenken, was du gerade tust.
Wenn du stillst, sieht es aus, als würdest du mich aufessen wollen. Und es hört sich auch so an. Da bist du ganz konzentriert bei der Sache.
Deinen neuen Haaren kann man beim wachsen förmlich zusehen, auch der kleine Wirbel an der Stirn ist wieder sehr deutlich zu erkennen. Ich glaube, du wirst blond, wie das Kind. Und später dann braun, wie der Papa. Deine Augen werden jedenfalls langsam braun.
Das alles ist in zwei Monaten passiert. Und es fühlt sich an wie gestern, dass Herr Rabe und ich ins Krankenhaus fahren wollten, ich mich vorm Einsteigen ins Auto noch schnell an der Tür festhalten musste um eine Wehe zu veratmen und just in dem Moment der Nachbar vorbeikam.

Von meiner Elternzeit ist jetzt schon fast 1/4 rum.
In nochmal zwei Monaten kannst du, wenn du Bock hast, ab und an von unserem Essen naschen.
Noch vier Monate und wir können deinen ersten Zahn erwarten. Das Kind wird sicher genau verfolgen, was dein Zahnstatus so macht. Und da unser Argument ja immer ist „das kann das Baby nicht essen, es hat ja noch keine Zähne“, wird dir das Kind ab Erscheinen des ersten Zähnchens höchstwahrscheinlich alles in den Mund stecken, was es selbst gerne mag. Also alles außer Tomaten.
Wahrscheinlich wirst du in vier Monaten auch sitzen können und dann wird es Zeit für den Buggy. Falls du den denn magst. Ich trag dich sonst auch gerne noch ne Weile herum, aaaaber…
… noch fünf mal diese zwei Monate, die so schnell vergangen sind, und du wirst vielleicht laufen können. Und ein minibisschen sprechen. Es wird Sommer sein und dein erster Geburtstag. Ich werde Kuchen backen und ein Tränchen verdrücken oder zwei. Und kurz darauf wirst du in den Kindergarten gehen. Hoffentlich in den selben wie das Kind. Der ist nämlich ganz ganz toll. Trotzdem werde ich dann auch wieder ein Tränchen verdrücken.
Von der voraussichtlichen Wickelzeit ist auch schon ca. 1/15 rum. Hurra!

Ich möchte jetzt gerne die Zeit ein bisschen langsamer laufen lassen können. Im Moment vergeht sie mir viel zu schnell.

Deine Mama

Tag 40 – Schwitzekind

Heute hab ich das Kind zum allerersten mal in eine Kindertanzgruppe gebracht. Wir sind dafür extra ganz früh (um halb acht) aufgestanden und sind dann zu dritt (Baby, Kind und ich) in das rosa Fitnessstudio gefahren. Mit dem Bus. Ich fand das auch sehr mutig von mir, ja. Wie dem auch sei, das Kind hatte sich schon ewig auf den Kurs gefreut, weil es tanzen einfach ganz ganz toll findet. Es musste natürlich sein Kleid anziehen, weil man „ohne Kleid nicht gut tanzen kann“. Ich sehe da noch Bedarf an einigen aufklärenden Tanzvideos auf Youtube mit normal™ gekleideten Menschen. Vorschläge willkommen.

In dem Kurs waren erwartungsgemäß ein Haufen kleiner rosa Ballerinas* aber auch viele Jungs, alle mit Eltern da, die meisten mit zwei Elternteilen, manche auch noch die Oma dabei. Unheimlich voll der Raum, Geräuschkulisse schon ohne Musik leicht belästigend. Da das Kind immer erst etwas schüchtern ist, musste ich die ersten 15 Minuten mit ihm an der Hand mitmachen, aber spätestens bei „und dann rennen alle ganz schnell im Kreis und wenn die Musik anhält stehen alle auf einem Bein!“ kam ich beim im Kreis rennen hinter dem kleinen Roadrunner nicht mehr hinterher und blieb einfach irgendwo stehen und sah dem Flitzer beim Rennen zu, während ich einen Riesen Haufen Rührungstränen herunterschluckte. Das müssen diese Hormone sein, aber ich hatte einfach die ganze Zeit Pipi in den Augen. Da rennt mein eben noch kleines Baby im Kreis, rudert wild mit den Armen, Kopf schon knallrot vor Anstrengung (ganz die Mama) und schwitzig in den Haaren und kann einfach nicht genug kriegen. Die Augen leuchteten so hell vor Freude, dass ich nicht mal mitbekam, dass ich beknackte Kinderlieder sang und fröhlich dazu klatschte und tanzte. Am Ende wollte das Kind auf gar keinen Fall nach Hause und ich sehe schon die Wutausbrüche kommen, wenn wir ihm sagen, dass der Kurs nur alle zwei Wochen stattfindet.

Aber mehr würden meine Nerven (und inkontinenten Tränendrüsen) auch nicht aushalten.

*Was ich beim Ballett trage? Strumpfhose (schwarz), Body, Hose die lang genug ist um die Cellulite zu verdecken, T-Shirt oder Top. Schläppchen (schwarz). Kein Kleid. Kein Rosa. Kein Tütü.