Tag 1154 – Back in the game (for now).

Heute habe ich gearbeitet. Haha. Ja, doch, echt. In der Chipsfabrik, mit dem Chipsmann. Ich weiß jetzt, wie der italienische Kollege es da ausgehalten hat, ohne verrückt zu werden: er wusste, dass er da bald weg ist. Mir ist jetzt, mit der Kündigung in der Tasche, alles einigermaßen egal. Der Chipsmann kann seine Ideen ventilieren, er kann leugnen, Sachen gesagt zu haben, er kann von mir aus sogar versuchen, Verantwortung auf mich abzuwälzen, er kann versuchen mir Angst zu machen, damit ich einknicke und gewisse Dinge rückgängig mache, kann er alles machen: ist mir egal. Bald bin ich da weg. Mit Glück noch diese Woche und dann ist es gegessen, falls Pippi sich morgen früh wirklich als zu warm erweist* vielleicht noch bis Ende des Monats, aber das halte ich dann auch noch durch und wenn nicht, gehe ich halt wieder zur Ärztin. Er kann mir nichts und ich lasse nicht zu, dass er mich kaputt macht. Das ist jetzt mein Mantra.

Morgen sowieso erstmal wieder kein normaler Arbeitstag, denn ich habe… was vor, ich möchte noch nicht so viel drüber reden. Donnerstag auch nicht normal, denn es kommt hoher Besuch in die Firma (möchte ich auch noch nicht so viel drüber reden), Freitag normal, ab Montag will der Chipsmann in Tromsø sein. Oder in Finnsnes. Oder sonstwo, jedenfalls nicht in der Chipsfabrik.

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*Montag soll ja die Mandel-OP sein, dafür muss sie aber gesund sein. Ein fiebriger Infekt, der jetzt ganz schnell wieder abklingt wäre da vielleicht noch im Rahmen, eine fette Erkältung eher nicht. So ein Mist, dabei dachte ich im Urlaub, als sie fröhlich vor sich hin schnodderte noch „besser jetzt als nächste Woche“. Hrmpf.

Tag 1111 – Schnaps! Schnaaahaps!

(Und bis zur nächsten Schnapszahl dauert es wieder über drei Jahre! Kinder, wie die Zeit vergeht!)

Bei der Arbeit läuft alles seinen gewohnt absurden Gang, außer dass der Kollege ob seiner nächste Woche anstehenden Prüfung immer nervöser und dadurch reizbarer wird. Das überträgt sich auch auf mich und ich bin eh vielleicht grad etwas reizbar, das ist keine so gute Kombi. Aber so ist es eben jetzt, wir haben uns bis zum Hals in Artikeln eingegraben, damit wir besser einschätzen können, ob es das wert wäre, den einen oder anderen Prozess eingehender zu untersuchen und morgen früh sollen wir das dem Chipsmann dann präsentieren. Ähäm. Okay. Der Chipsmann selbst versucht Loyalitäten auszuloten und wenn ich was nicht leiden kann, dann wenn man versucht, mich zu manipulieren, ich bin dagegen, wie Michel sagen würde, allergisch, denn ich kriege Kopfschmerzen von diesem vielen Gedenke und nicht-Aussprechen und Geheimnisse haben. Urgs. Schreckliche Situation.

Apropos Michel: der meint auch, er sei allergisch gegen Licht, weil er morgens schlechte Laune und manchmal Kopfschmerzen hat. Ich denke ja, das liegt am Schlafmangel, genau wie Dauergeheul am Nachmittag/Abend. Leider hab ich heute auch wieder unter Beweis gestellt, das meine Mutter-Skills nicht so auf der Höhe sind, weil ich das mit dem Schlafmangel und „es ist eigentlich auch schon wieder Bettzeit“ ausgesprochen habe (–> mehr Geheul) und mir dann bei Michels Aufzählung, wie lange er sparen muss um sich irgendein Objekt der Begierde zu kaufen, nämlich „UND WIE LANGE SOLL DAS DAUERN, HÄH? SIEBEN UND SIEBEN UND SIEBEN UND SIEBEN UND SIEBEN MAL? UND SIEBEN UND SIEBEN…“ ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte –> „MAMA LACHT ÜBER MICH!!! WÄÄÄHÄHÄHÄHÄHÄ!“.

Tjanun. Muss alles, wird alles werden, irgendwie. (Heute für mich keinen Schnaps, morgen klingelt der Wecker auch wieder früh.)

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Auto-Lobhudelei: Ich werd durch den Job noch sowas wie diplomatisch.

Tag 1107 – Verantwortung.

Mein Kollege meinte neulich schon, wir sollten eine Sitcom aus der Firma machen. Ich wäre da sofort dabei und bin auch sicher, das würden sich Leute anschauen. Das ist alles nämlich dermaßen absurd da, das glaubt mir keiner. Heute zum Beispiel hatten wir ein Meeting mit der Geschäftsführung, das wieder ganz anders lief, als ich vermutet hatte. Ich dachte ehrlich gesagt, dass meine hübsche* Präsentation etwa das letzte ist, was ich für die Algen mache, weil die Geschäftsführung den Laden dichtmachen würde. Taten sie aber noch gar nicht, stattdessen soll ich jetzt die Präsentation nochmal schicken, zwei der Cases gründlicher und gewohnt kritisch** durchrechnen, dann schauen wir weiter, ob wir das weiter verfolgen, dann würde ich wohl doch nochmal einen Abstecher ins Labor machen, allerdings ein gemietetes und voll ausgestattetes, um zu gucken, ähhh*Betriebsgeheimnis*, dann schauen wir nochmal, ob sich der Prozess wirklich lohnen kann und dann würden wir wohl wirklich einen der beiden oder sogar beide Prozesse*** da hinstellen. Allerdings erst dann und nicht jetzt schon, weil, bei aller Liebe: der Plan einen 1,5 Kubikmeter fassenden Bioreaktor zu kaufen, wenn man noch gar nicht weiß, was man drin machen will und wozu, ist komplett hirnrissig und wird jetzt wohl sehr zum Missfallen des Chipsmanns auch auf Eis gelegt. Möglicherweise hat der Chipsmann dann gar keine Lust mehr mit uns zusammen zu arbeiten und ich kann nicht sagen, dass mich das übermäßig traurig stimmen würde.

Jedenfalls habe ich noch mindestens eine Woche lang einen Job, und (mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit, aber trotzdem!) würde immer mehr Verantwortung übernehmen können, für die eingeschlagene Richtung, für den Prozess und die Leute****. Und ich… freue mich drauf. Es ist schön, wenn einer zugehört wird. Wenn die Meinung was gilt und die Erfahrung. Und wenn sich die Arbeit, in die man ziemlich ungeplant***** geworfen wurde, auszahlt.

Leider wurde das Hochgefühl kurz getrübt, als ich den Zug ganz knapp verpasste und dann erst 5 Minuten nach 5 (also 5 Minuten zu spät) beim SFO war um Michel abzuholen. Da kam ich mir sehr verantwortungslos vor, kurz jedenfalls. Michel hat es aber ganz gut verkraftet, ich hatte ja auch direkt als der Zug ohne mich gefahren war angerufen und er wusste Bescheid. Trotzdem sollte das natürlich keine Gewohnheit werden.

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Auto-Lobhudelei: Dieses Meeting, ne? Ich war da schon echt gut. Und ich hab über mich gelernt, dass ich mir, wenn man mich mit unangenehmen Fragen in Verlegenheit bringt, in den Haaren und am Hals rumfummle und kann das beim nächsten Mal hoffentlich besser unterdrücken.

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*naja, was man halt so in drei Stunden zusammengekloppt bekommt

**die sind recht dankbar, nach langer Zeit mit sehr, sehr! optimistischen Produktivitäts- und Umsatzberechnungen mal eine Realistin da sitzen zu haben

***es ist kompliziert und nichts davon ist, was der Chipsmann eigentlich möchte. Aber was der Chipsmann möchte, wird sich niemals rechnen, so leid mit das tut

****Ich wurde auch endlich! mal gefragt, wieviele Leute denn so benötigt würden, um so eine Fabrik zu betreiben. Spoiler: ich allein kann’s nicht.

*****Ich bin eingestellt als Process Engineer, mir macht diese Rechnerei aber echt Spaß, sieht man davon ab, das die vor einem Jahr hätte passieren müssen

Tag 1104 – Gesagt, nix getan.

Nun, also, der Chipsmann, aka der Algenmann, also mein Chef eben ist seit heute aus dem Urlaub zurück. Er kam erst nachmittags, das fand ich um neun, als ich das nach einer Stunde Warten in Erfahrung brachte, nur so mittel. Dann musste ich aber eh zum NAV und zwar in Eidsvoll (nicht da wo ich arbeite, sondern da wo ich wohne) und das auch bitte zwischen 12 und 14 Uhr, also fuhr ich da hin und natürlich kam just in dem Moment als ich in Eidsvoll wieder aufbrach, der Chef in die Firma. Tjanun. Ich kam dann ja auch wieder zurück und dann lief alles mal wieder nicht so wie geplant, weil er in seinem Büro einfach die Tür zumachte und der Kollege damit vom Gespräch ausgeschlossen war. Auch wieder: tjanun.

Ich war dann sehr erwachsen und nüchtern und erzählte alles frei heraus, jetzt ist es halt gesagt und die Reaktion war ganz und gar nicht wie erwartet*, sondern auch der Chef ist dankbar und rechnet mir die Ehrlichkeit und Offenheit hoch an**. Ich weiß nicht, ob er die Tragweite des Ganzen verstanden hat, das wird sich morgen zeigen, wenn wir nochmal en Detail durch die Rechnungen gehen. Unerfreulicher Weise scheint sich eine Situation anzubahnen, in der sich Geschäftsführung und Chef gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, aber erfreulicher Weise habe ich noch immer einen Job.

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Michel hat heute das I und das i gelernt. Michels Schreiblernbuch ist nicht sonderlich politisch korrekt und illustriert das mit einem amerikanischen Ureinwohner zum Ausmalen. Mal schauen, ob sich da noch Empörpotential ergibt.

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Auto-Lobhudelei: vernünftig geredet, keine Haare gerauft, den Chef nicht geschüttelt.

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*Heulen und Zähneklappern auf Norwegisch, vielleicht „Hrm!“ und den Raum verlassen um eine Runde durch den Wald zu drehen.

**das ist ja schön und gut und freut mich wirklich sehr, aber damit kann ich im Supermarkt leider nicht bezahlen.

Tag 1097 – Alles so spannend!

Meine beiden Kollegen und ich haben heute den Pilotreaktor in Betrieb genommen. Das ist ja schon ziemlich spannend, auch wenn das alles quick and dirty und genau genommen sehr Fußnagelhochrollend unsauber geschehen ist, aber wir haben ja nix und es ist eh nur um dem CEO und dem CFO, die am Donnerstag vorbei kommen wollen, zu zeigen, dass wir was tun. Bisschen ungünstig halt, dass der Chef (CTO, wobei, vielleicht bin das auch ich, man weiß es nicht so genau bei dem Laden) locker flockig durch die Berge wandert und der Rest die geballte Kompetenz von einem Maschinenbauer (in den Endzügen des Bachelors), einem Biotechnologen (in den Endzügen des Masters) und mir halt (noch nie mit Mikroalgen gearbeitet, aber einen PhD, immerhin, und Grundschulmathematik kann ich auch*) besitzen, was nicht viel ist. Aber egal. Alles für den Vorstand, alles für den Club.

Apropos Donnerstag: da wird ja Michel eingeschult und deshalb habe ich heute Zeug für die Schultüte besorgt. Jaja, nicht grad früh. Zum Ausgleich bekommt er auch keine mega fancy Sachen** sondern etwas besondere Stifte, Erstklässlerhefte zum Schreiben/Zahlen/Uhrzeit üben, einen Kinderkrimi aus seiner Lieblingsreihe und Anziehsachen. Ein bisschen Schlickerkram und, stimmt, ein Zip-Licht. Pippi kriegt auch eine kleine „Schul-„Tüte mit einem Ziplicht und einem Zahlenbuch, weil ich grad die Nerven einfach gar nicht habe, um empörtes Geheul während der Einschulung des großen Bruders aufzufangen. Meine Nerven werden ja damit beschäftigt sein, rechtzeitig beim Meeting aufzulaufen und dann einen, äh, souveränen Eindruck zu machen und nicht durchblicken zu lassen, dass ich am liebsten schreiend vor der Firma davonrennen würde.

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Auto-Lobhudelei: ganz viel Sachen entschieden, einige Sachen auch gegen leichten Widerstand durchgedrückt, nur wenig Haare gerauft bei „Warum hat denn niemand das Medium aus dem Kühlschrank geholt?“ und ich weiß seit heute dann auch, wie man mit dem Prius einem anderen Auto Starthilfe gibt. Und schamlos die neue Stelle in neue Bewerbungen eingearbeitet (Sachen entscheiden! Sachen durchdrücken! Sachen planen! Budgets ausrechnen!).

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*kleine Spitze, aus Gründen

**Ich bekam damals einen Anspitzer, das weiß ich noch, der war so schön. Aber es gab heute keine schönen. Ich bekam auch damals so dicke Buntstifte, die Stummel davon habe ich heute noch. Und eine Uhr, die habe ich aber irgendwann in der Schwimmbadumkleide verloren, irgendwie.

Tag 1091 – Bloß nicht zu viel Routine.

Heute den ganzen Tag Projektplanung betrieben. Naja, da hatte ich ja drum gebeten, mehr am Rechner und weniger im Labor zu sitzen, nicht wahr? Und immerhin habe ich einen eigenen Arbeitslaptop, zum ersten Mal überhaupt. Sonst haben wir nix da in der Chipsfabrik, aber einen Rechner und der ist jetzt meiner. Ha! Um das zu feiern und weil ich vorhin damit nicht fertig geworden bin, bis die Familie mich abholen kam, hab ich den Laptop gleich mal mitgenommen und halt das schlafunwillige kleine Kind in den Schlaf gearbeitet. Jetzt muss ich nur noch den Drucker suchen, auspacken, installieren, mein schickes Chart, für das ich den ganzen Tag gebraucht habe (erstes Mal und so, jetzt kann ich’s aber und Hurra für Chrome, sag ich mal), fünfmal ausdrucken und es morgen dann in einem ganztägigen Meeting an alle verteilen. Das Meeting ist in Oslo, das kleine Kind muss aber trotzdem nach Årnes in den Kindergarten, es ist alles ein neues Level an logistischem Aufwand aber da kann ich mich gleich mal dran gewöhnen, denn wenn ich den Projektplan mit dem Budget für Bemannung der Chipsfabrik abgleiche, werde ich da entweder sehr sehr viel sein oder frühzeitig (lies: morgen) anmerken müssen, dass das nie im Leben hinhauen kann. Voll schön so am dritten Tag. Aber ich wollte ja gern mehr zu sagen haben, nicht wahr?

Da wandern wieder Punkte aufs Erwachsenenkonto, das läuft wirklich bald über.

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Auto-Lobhudelei: nur einmal laut „Jesus!“ gesagt, als ich eine Schublade öffnete. Meine Kollegen haben’s nicht so mit Ordnung. Liebe Kollegen: so geht das nicht. Kussi – die neue Lab-Managerin slash Prozessingenieurin slash Einkäuferin slash Leitfähigkeitselektrodenbeauftragte.

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Tag 1090 – Mein erster Tag in der Chipsfabrik.

Vermutlich ist es an der Zeit, Ihnen die Sache mit der Chipsfabrik mal zu erklären, wenigstens etwas. Ich arbeite nämlich ja seit heute neben der Chipsfabrik. Da werden Kartoffelchips gemacht, leider nicht von meiner Lieblingssorte, dafür the one and only Potetgull, was übersetzt Kartoffelgold heißt und Entschuldigung, aber wie witzig sind die Norweger manchmal*? Aber wie gesagt, ich arbeite daneben, nicht darin, bzw. halt auf dem Gelände und eigentlich habe wir mit der Chipsfabrik selbst gar nix zu tun, wir mieten da eben eine große Halle. Und langfristig möchten wir das Chipsfabrikabwasser anzapfen, denn da drin ist ziemlich viel Dünger und Stärke und den Dünger und zum Teil** auch die Stärke brauchen Mikroalgen zum Wachsen. Mikroalgen, umgangssprachlich je nach Stamm auch Braun- oder Blaualgen genannt, kann man für alles mögliche nutzen, zum Beispiel kann man damit direkt Muscheln oder Garnelen (in Zuchten) füttern, man kann die aber auch in ihre Bestandteile zerlegen und die einzelnen Produkte als Tierfutter benutzen (auch wieder Fisch, aber auch Geflügel zum Beispiel). Man kann diese Einzelbestandteile auch, sofern man sie sauber genug bekommt, als Nahrungsergänzungsmittel an Menschen verscherbeln oder sich die auf die Haut schmieren oder oder oder. Der Möglichkeiten sind da viele. Was genau wir da machen werden verrate ich mal noch nicht, aber Mikroalgen sind es. Ich werde also jetzt sehr viel neues Zeug über Mikroalgen lernen und mein Wissen über Aufreinigung von Zeug aus Zellen einbringen und…

Ich weiß es doch auch nicht.

Ich bin jetzt mal ganz ehrlich: Ich habe überhaupt keine Ahnung von Mikroalgen***. Möglicherweise war das die beknackteste Idee überhaupt.

Ich hoffe mal dass nicht, aber grad geht mir der Arsch ein wenig auf Grundeis.

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Auto-Lobhudelei: Weder geweint noch in hysterisches Gelächter ausgebrochen. Äußerlich voll souverän geblieben. Bombig ausgesehen.

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*Ich bin sehr müde, entschuldigen Sie bitte.

**Halt Zucker, als Kohlenstoffquelle. Aber nicht in der Masse.

***Nun ja, es kann einfach wirklich nicht schwerer sein als Säugetierzellen.