Tag 1973 – Schulung und Schule.

Ich hab heute wirklich viereckige Augen, nach sechs Stunden online-Seminar mit Teilnehmenden aus der ganzen Welt und danach noch „normaler“ Arbeit. An der Pandemie ist ja eines wirklich gut: ich muss nicht nach London fliegen, kann „dort“ aber an einem Kurs oder einem Symposium teilnehmen. Ich muss auch nicht nach Istanbul oder nach Helsinki fliegen, kann „dort“ aber an Seminaren teilnehmen. Wenn ich nicht wollen würde, könnte ich sogar in den Seminar-Workshops einfach rumsitzen und die anderen reden lassen, die Konvention, die Kamera bei Meetings mit Interaktion anzulassen ist ja eh offenbar noch nicht flächendeckend durchgesetzt (ich finde das furchtbar, mit blauen Kreisen mit Initialien drin zu sprechen, viel, viel furchtbarer als die occasional office cat oder hässliche Weihnachtsdeko im Hintergrund). Andererseits wäre ich heute eingeschlafen, wenn ich bei dem Workshop nicht aktiv teilgenommen hätte, also war ich halt… naja, sehr aktiv. Die Diskussion, die ich mir erhofft hatte, fand dann leider auch nur zwischen 3 von 8 Teilnehmenden statt. Formloser Austausch ist bei Webinaren also eher holprig.

Aber geschlaucht hat das trotzdem, auch ohne Reise.

Hier war heute übrigens der Nikolaus. Ich hatte ja gedacht, dass die Kinder das gar nicht auf dem Schirm haben, weil das in Norwegen gar keine Tradition hat, aber da hatte ich Michel mit seinem Elefantengedächtnis unterschätzt. Der fragte nämlich gestern morgen, wann denn der Nikolaus noch mal komme. Tja, äh. Mit Michel kann man ja ehrlich sein, also sagte ich, das Stiefel rausstellen haben wir, Papa und ich, vergessen, aber wir können das nachholen, wenn er möchte. Michel wollte, also tischten wir Pippi die Geschichte auf, dass der Nikolaus ja erst aus Deutschland zu uns reiten muss, das dauert eben. Michel will sowas ja auch immer gerne glauben, ist aber eigentlich zu abgeklärt. Für Pippi spielt er mit und fragt auch nicht nach. Er ist jetzt auch in dem Alter, in dem er noch gerne an den Weihnachtsmann glauben möchte, aber starke (berechtigte) Zweifel hat, und wir versuchen, ihm den Zauber zu bewahren und ihn nicht brutal zu desillusionieren, wenn er das will, und gleichzeitig möglichst ehrlich zu sein, wenn er das will und das ist ein ziemlicher Balanceakt.

Generell glaube ich ja, acht Jahre alt sein ist gar nicht mal so einfach.

Heute hat Michel auch sein „Zeugnis“ bekommen, also seine Halbjahresbeurteilung. Norwegische Kinder bekommen ja erst ab der 8. Klasse Noten*, bis dahin ist es eingeteilt in „kann“, „könnte besser können“ und „kann noch nicht“. Michel kann das allermeiste was er können soll, die 3er und 4er-Reihe muss er noch ein bisschen üben und seine Norwegischbewertung ist etwas lustig – er schreibt so gern so viel und so kreative Geschichten, dass dabei vor lauter Eifer seine Handschrift nachlässt und die Geschichten etwas konfus werden. „Er hat viel in seinem Kopf, das heraus will.“ Ja, das ist doch mal eine treffende Beschreibung.

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*und sitzen bleiben kann man gar nicht. Ist nicht möglich. Ich finde das bisher gut und besser als das deutsche Schulsystem, in dem in meiner Außenwahrnehmung super viel Druck schon auf recht kleinen Kindern lastet.

2 Gedanken zu “Tag 1973 – Schulung und Schule.

  1. Sunni schreibt:

    Herrlich, Michel! Der kommt noch, ja doch, der Nikolaus. Und das Schulsystem würde so manchem kleinen Zwerg und größerem das Leben leichter machen, und vielleicht den Eltern auch. Mann kann ja auch aus Worten Möglichkeiten ablesen, wenn man will. Sitzenbleiben fand ich immer schon total mies.Und auch die nette Umformulierung: Macht eben 2 in 3 ist stigmatisierend, finde ich. Und ich darf das durchaus sagen nach 40 Jahren Schulbetrieb.Es gibt ja sogar solch sadistische Kollegen, die genau darauf warten, einen, der schon wiederholt hat, also nicht mehr kann, dann am Tag der Zulassung zum Abitur grinsend den einen notwendigen Punkt in einem einzigen Fach zu verwehren, obwohl man das lange Zeit hat kommen sehen. Ich hab dadurch einmal einen fast-Suizid erlebt, das möchte ich keinem wünschen, wirklich nicht.3 Minuten später und es war vorbei (der „Leute“ wegen, der Arzteltern wegen, der Schmach wegen…)… Zum Glück wurde aus dem total am Boden befindlichen jungen Mann ein wunderbarer Handwerker, den ich öfter noch treffe. Aber selbst heute, 20 Jahre später, können wir nicht über diese Sache lachen. Denn da gibt es nichts zu lachen. Leider. Happy Nikolaus noch für die 2 Rabennasen!

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