Tag 2336 – Mittwoch.

Schon die halbe Woche rum, erst die halbe Woche rum. Faszinierend.

Nach einem eigentlich doch normalen Arbeitstag (einem Inspektions-Arbeitstag on Site, also 8 Stunden) bin ich ziemlich Pudding und, was mich mehr erstaunt, meine Kollegin auch. Sie sagte sogar, das sei ja doch nach der ganzen Homeofficezeit sehr ungewohnt und anstrengend, plötzlich den ganzen Tag mit Menschen in 3D zusammen zu sein. Vielleicht ist das doch gar nicht so selten. Blöd ist, dass wir nach dem on Site Teil ja noch weiterarbeiten. Gut ist, dass es diesmal alles recht smooth läuft und wir nicht mehr so viel weiterarbeiten müssen.

Ich schlafe im Hotel so gut, dass es mir fast peinlich ist. Ich mag Mann und Kinder ja schon sehr, aber…

Tag 2335 – Back in the game.

Wheee, endlich wieder in echt inspizieren, ohne Bildschirm und Internet dazwischen. Morgen gucke ich einen Prozess und ganz viele bestimmt shiny neue Maschinen an. Mit Sicherheitsschuhen und Helm statt im Reinraumsanzug, was ja auch mal eine nette Abwechslung ist.

Hotelzimmeraussicht ist allerdings extrem langweilig, auf der einen Seite ist in 30 cm Entfernung die nächste Hauswand, auf der anderen in 1 m ein Fenster mit einer Gardine und Wand drumrum.

Allerdings ist es auch eeeeetwas anstrengend, plötzlich wieder 14 Stunden am Stück (minus Klopausen) mit Menschen zusammen zu sein. Deshalb ist jetzt auch Bettzeit. Letzte Nacht habe ich geschlafen wie ein Stein, mal sehen, ob ich das noch mal schaffe.

Tag 2333 – Alte Routinen ausgraben.

Eigentlich hatten die Jobreise-Routinen ja kaum Zeit, welche zu werden, bevor Pandemie losging. Und naja, das Packen hätte schneller gehen können, aber es war auch schon mal schlimmer. Da ich zum ersten Mal mit dem eigenen (!) Auto fahre, muss ich auch keinen Platz sparen und nichts umfüllen außer Shampoo, weil das hier im Haus alle benutzen. Ich habe sogar kurz überlegt, meine Geige mitzunehmen, das dann aber wegen dünner Hotelwände und eh abends meistens wenig Zeit verworfen. Stattdessen habe ich Nagellack mitgenommen, das müsste bei der Firma nächste Woche kein Problem darstellen und ich werde ja bis Freitag auch nicht Geige spielen. Heute habe ich noch mal ausgiebig geübt und das sehr genossen. Anders als Freitag nach der Arbeit, als irgendwie nichts funktionieren wollte, ging heute vieles wieder recht gut bis „ ich mache die Augen beim spielen unwillkürlich zu“.

Worauf ich mich freue: vier Nächte allein in einem Doppelbett, mit Fenster auf. Letzte Nacht schlief ich so und es war königinnenlich, ich hab so gut geschlafen wie seit langem nicht mehr. (Natürlich ist es trotzdem schön, dass Herr Rabe wieder da ist.)

Tag 2332 – Hadern.

Die guten Dinge zuerst: Michel hatte heute Distriktsmeisterschaft im Korps-Musizieren und das war sehr gelungen. Wenn auch früh. Michels Korps trat in der Anwärterklasse an, da bekommen noch alle einen Preis und alle machen den 1. Platz und alles ist insgesamt ganz pädagogisch wertvoll. Aber das ist ja auch richtig so, wenn man schon dringend so Meisterschaften haben muss, muss man den Kindern ja nicht direkt alle Spielfreude nehmen, indem man ihnen an den Kopf knallt, dass das Schlagwerk rennt, die Posaunen schleppen und die eine Klarinette quiekt. So konnten die Kinder ein bisschen Bühnenluft atmen, ein bisschen Wettbewerb haben und vor allem Spaß haben. Michels Korps war der allerkleinste, aber wir sind ja auch ein Kaff. Michel hat das, trotz aller Aufregung, super gemacht und ist direkt bestimmt einen Meter gewachsen.

Ich denke dann einfach nicht weiter drüber nach, warum Norwegen, wo doch alle gleich sind, nahezu zwanghaft Wettbewerbe in allem haben muss.

Ich hingegen hadere mit mir. Wahrscheinlich ist das immer noch eine Nachwirkung von gestern und auch heute, jede Aktion isoliert wäre vielleicht noch gegangen, aber beide waren viel zu viel. Auf dem Rückweg hätte ich am liebsten beide Kinder bei Burger King vergessen, weil die einfach viel zu laut und zu lebhaft waren. Es sind halt Kinder! It’s not them, it’s me. Von dem Gruppenspaziergang noch erschöpft mit zu wenig Schlaf in Räume voller Menschen, zwei eigene kleine Menschen dabei, die Aufmerksamkeit wollen und brauchen (und so Dinge wie essen, trinken, Klo, das wollen die ja auch ständig, können die das nicht unterdrücken, wie Mama? Spaß, aber nur zum Teil.), eng gesteckte Zeitpläne und dann auch noch mit allen möglichen Leuten reden müssen und möglichst niemanden anschreien, weil MUSS DAS KIND DENN JETZT GENAU HIER WEINEN oder MEINE FRESSE PUTZ DEINE NASE UND WARUM BIST DU MIT LAUFENDER NASE ÜBERHAUPT UNTER MENSCHEN??? Ich schreie innerlich und danach gehe ich ins Bett. Ich habe noch mal drei Stunden geschlafen und war auch den Rest des Tages wahrlich nicht mein sozialstes Selbst. Vermutlich wirkte ich beim Einkaufen sogar ziemlich unhöflich, aber mehr Konversation als „Hallo“, „Nein“ (zur Tüte) und „Ja“ (zum Kassenbon) war einfach nicht drin. Vielleicht sollte ich mir ein Schild basteln „sorry, Worte sind für heute aus“.

Und mal ehrlich: das ist doch irgendwie auch ziemlich kacke. Es kann doch nicht sein, dass ich mich von einem Spaziergang mit einer Handvoll Leute (die ich halbwegs gut kenne und mag) und ein paar netten Gesprächen zu nicht-fachlichen Themen erst mal tagelang erholen muss. Ist das mein neues Leben? Freitag bin ich auf einer kleinen Geburtstagsfeier, also kann ich den Rest des Wochenendes abschreiben für alles außer schlafen? Treffen nur noch 1:1, maximal 1:2? Ist alles wenig erquicklich, ich bin ja gleichzeitig keine Eremitin. Warum hat Mama drinnen eine Sonnenbrille auf und Kopfhörer drin? Ach, sie hat bloß mit ihren Kollegen Mittag gegessen und muss sich jetzt abschirmen, damit sie nicht ausflippt oder irgendwo einschläft.

Das war doch früher nicht so extrem? Es soll wieder wie früher sein.

Tag 2330 – Ende 30.

Die Welt geht vor die Hunde, Baby, aber Leute haben trotzdem Geburtstag, sogar so signifikante Geburtstage wie der 37. passieren täglich überall auf der Welt.

Ich finde älter werden weiterhin im Großen und Ganzen gut. Die Haare werden grau, das Gesucht wird ein bisschen faltig, der Bauch, der Po und die Arme werden weicher (gut, das würde mehr Training vermutlich richten, ähäm). All das ist gut. Wehwehchen, hier mal Rücken, da mal Knie, werden schleichend mehr, das ist nicht so schön. Was aber eigentlich am Besten ist, ist, dass mir, ebenfalls schleichend, eine innere Scheißegalhaltung gegenüber äußeren Erwartungen wächst. Man kann’s eh nicht allen recht machen und der Versuch ist voll anstrengend, warum sollte ich das also tun? Bester Effekt des Älterwerdens. Wer weiß, vielleicht schaffe ich es sogar noch bis zum 20. Abijubiläum, die so weit auszubauen, dass ich da hin gehe und nicht, wie beim 10. den Organisatoren mit „eher schieße ich mir in den Fuß“ antworte.

Geburtstag war so weit allerdings unspektakulär. Ich habe mich sehr über viele Glückwünsche gefreut und mein bestes Geschenk ist ein sehr kleiner Kaktus/Sukkulent in Herzform von Michel, sowie dass sich die Kinder damit angefreundet haben, Essen zu gehen, und sich dort sogar benommen haben. Pippi hat der Bedienung im indischen Restaurant ein deutsches Buch vorgelesen, das war schon ziemlich niedlich. Der Kuchen ist lecker, wenn auch die Glasur nicht gut temperiert war und nicht knackig wurde. Herr Rabe hat sich um alle Kaffees des Tages gekümmert und war mit Michel beim Zahnarzt. Ich habe in Frieden gearbeitet und habe im Flow auch noch ein Meeting vergessen.

(Derweil behauptet der Kriegsverbrecher, er hätte von dem Krankenhaus gar nichts gewusst und überhaupt würde man keine Zivilisten angreifen. Ich habe keine Worte mehr für diese Abscheulichkeit.)

Tag 2329 – Ein bisschen Vorfreude.

Realitätsflucht Kuchen backen, weil ich Geburtstag habe. Morgen.

Derweil bombardiert der Kriegsverbrecher Kinderkrankenhäuser*.

Draußen kamen heute fast schon Frühlingsgefühle auf. Was eine signifikante Anzahl Tageslichtstunden so ausmacht, ist doch immer wieder verwunderlich. Es ist ja weiterhin alles mit einer dicken Schicht Eis bedeckt.

Sprich: im Kleinen alles prima, im Großen alles furchtbar.

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*nicht von unabhängigen Quellen verifizierte Information

Tag 2327 – Lachs.

Neue Sitzplatzordnung (aka „feste Base, freie Platzwahl“) ausprobiert. War so geht so. Technische Schwierigkeiten, ich will meinen Stuhl wirklich WIRKLICH gerne behalten, und permanentes Umstellen des PC von lautlos (im Großraumbüro) auf Ton (in Gesprächen über Teams) nervt und wird dauernd vergessen. Wir werden sehen, was das für eine neue Routine wird.

Dafür aber gut: kein Gemecker wegen normalen Gesprächen zwischen Kolleg*Innen. Ich hege die leise (no pun intended) Hoffnung, dass Atmen und gelegentliches Frustschnauben über die Technik auf unserer neuen Etage erlaubt sein wird. Auch gut, dass ich den ganzen Tag über produktiv war, unter den Augen der Kolleg*Innen.

Die Lieblingskollegin hat Covid und es geht ihr schlecht. Wir haben nächste Woche Inspektion zusammen geplant, da weiß ich jetzt auch nicht so ganz, was ich machen soll. Die Lieblingskollegin hat es außerdem entweder aus dem Büro oder vom Weg ins Büro, weil sie sonst niemanden trifft. Das ist natürlich extra bitter. Immerhin war es nicht ich, weil ich ja letzte Woche aus Trotz gar nicht im Büro war.

Zu Hause erwartete mich mein neuer Pass. In einer Farbe, die ich irgendwie nicht erwartet hatte. Aber man kann wohl kaum den Pass (und alles damit zusammenhängende) zurückgeben, weil einer die Farbe nicht gefällt?

Auf dem Bild kommt es nicht so ganz rüber, aber die Farbe ist die von ordentlich mit Farbstoff gefüttertem, norwegischen Zuchtlachs.

Von der Farbe abgesehen: wie effizient ist bitte die norwegische Passproduktion? Von Antrag bis ID-Karte im Briefkasten waren es 4 Werktage, bis zum Pass 6 Werktage. Man muss halt erst mal nen Termin kriegen, aber da ist es ja fast echt eine Option, in irgendeine Distriktskommune zu gurken, statt mehrere Monate auf einen Termin in Oslo zu warten. Das soll jetzt nicht heißen, dass Hamar ein Kaff ist! Von uns aus gesehen ist Hamar eine große Stadt. Hat immerhin mit seinen 31500 Einwohnenden fast 1/5 mehr als wir und es hat eine Uni! Quasi eine Metropole.