Tag 2243 – Neuentdeckung.

Also, ich rasiere mir ja ganz unfeministisch die Beine und Achseln, aus Gründen der Hautfreundlichkeit und der mangelnden Zeit und der eigentlichen Unnötigkeit des Ganzen aber nur ein Mal die Woche. Ich hatte dazu sehr lange so einen Damenrasierer mit austauschbaren Klingen, Aloe Vera-Streifen und dem Namen einer römischen Göttin. Die Klingen dazu sind sehr teuer und hier noch mal mit Reiches-Öl-Land-Zuschlag versehen, also quasi unbezahlbar, zumal ich jede Klinge maximal zwei mal benutzen konnte, danach wuchsen mir immer derart viele Haare ein, dass ich mich tagelang an den Beinen kratzte, als hätte ich Krätze. Was mich aber seit einiger Zeit noch mehr störte als der Preis dieser Klingen, war das Wegwerfen. Jede Klinge in einem Plastikdingelchen mit Plastikdeckel und dann noch jeweils 8 Klingen in der Plastikverpackung mit etwas bedruckter und beschichteter Pappe, die man vermutlich auch kaum noch recyceln kann. Und dann schmeißt man alle zwei Wochen so ein Plastikdings mit Metall drin weg, das vermutlich weder als Metall noch als Plastik recycelt werden kann. Für Nachhaltigkeit geb ich dem lieb gemeinte 2 von 10 Punkten, und das auch nur, weil man immerhin den Griff immer wieder benutzen kann.

Nun kam es aber so, dass mir wegen Corona und keinen Heimatbesuchen die Klingen ausgingen. Im Laden stand ich vor dem Regal mit den Auswechselklingen und hatte große Unlust, für ein Produkt, das ich eigentlich aus Umweltgründen gar nicht haben will, sehr viel Geld zu bezahlen.

Herr Rabe hat so einen Rasierhobel aus Edelstahl, in den man einfach Rasierklingen legt, die kommen in so einer kleinen Schachtel und sind zwar einzeln in ein komisches Papier eingewickelt, aber insgesamt ist der entstehende Müll kaum der Rede wert im Vergleich zur Göttin. Ich habe aber ja große Angst vor scharfen Klingen und mich deshalb nicht getraut – bis letzte Woche Herr Rabe nicht da war und mich deshalb auch niemand für versehentlich aufgeschlitzte Schienenbeine auslachen konnte. Da probierte ich das einfach mal.

Und siehe da: das geht super gut. Geschnitten habe ich mich, am Schienenbein, aber kaum was davon bemerkt. Die Stelle war auch nur klein. Ich hatte letzte Woche und heute gehörigen Respekt vor der Schärfe der Klingen, besonders unter den Achseln. Aber auch das ging problemlos unter der Dusche mit ein bisschen Duschgelschaum, um die Klinge an Gleiten zu halten. In der letzten Woche sind mir auch keine Haare eingewachsen, obwohl ich die ganze Woche mit Hosen herumgelaufen bin, was normalerweise zu einwachsenden Haaren führt. Aber dieses Mal nicht.

Doppel-gut also, weniger Müll und scheinbar (n=1 reicht noch nicht für eine zuverlässige Aussage) bessere Hautverträglichkeit. Ich glaube, damit sind die Tage für mich und die Göttin gezählt und ich brauche keine teuren Rasieraufsätze mehr kaufen, sondern nur Rasierklingen und die sind Centartikel. Den Edelstahlhobel können wir gut teilen.

Hurra!

Tag 2242 – Voll.

Herr Rabe bezeichnete mich als „voll“, und meinte damit nicht betrunken, sondern von allem anderen voll. Ich bin wieder zu Hause, habe alle Kinder gedrückt und eines in den Schlaf gekuschelt, habe mit Herrn Rabe geknutscht und dann lief ich ein bisschen über nach der Woche. Emotional übervoll und ausgelutscht, Überdosis Menschen, kalter Entzug von der Familie, lieben Worten und ständigem Körperkontakt, Überdosis Arbeit und das sehr verwirrende Gefühl, das alles sehr gerne genau so zu machen, und trotzdem nach einer Woche [ok, es waren 2 Inspektionen und, weiß nicht, so 70 Arbeitsstunden?] komplett durchgenudelt zu sein.

Es ist wirr und ich muss jetzt sehr dringend schlafen. Am Wochenende möchte ich nur in Notfällen mit Menschen außerhalb meiner Familie reden, das erscheint mir als Sofortmaßnahme ratsam.

Tag 2241 – Piep.

Ja hmm das war nichts mit dem nahezu normal langen Arbeitstag, danken wir alle meiner Excel-Clumsyness und der der Kollegin, was eine Scheiße, aber jetzt wenigstens behoben.

Die Pandemie lässt man in Norwegen weiter durch die Kinder eskalieren, es gibt exakt null Maßnahmen dagegen, wurde heute durch die Pressekonferenz bestätigt. Als Trostpflaster sollen jetzt aber die 12-15-Jährigen eine Impfung angeboten bekommen. Aber nur eine Dosis, weil man weiß ja nicht*, vielleicht sind zwei Dosen ja gefährlich** und eine Dosis reicht ja auch***.

Zum Heulen. Alles einfach nur noch zum Heulen. Nicht mal Fische hab ich gesehen.

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*doch

**nein

***nein

Tag 2240 – Überraschung.

Norwegens Gesundheits-Spitzen-Das-Sagen-Habende sind total überrascht, dass ohne Maßnahmen Delta einfach mal quer durch die Ungeimpften rollt. Jeden Tag neue Rekorde, Schulen komplett durchseucht, Testsystem bricht zusammen, die Krankenhäuser füllen sich und das konnte man alles seit Wochen kommen sehen, aber jetzt sind plötzlich alle total überrascht. Also nicht alle, denn wer mal kurz sein Hirn eingeschaltet hat in letzter Zeit, kann jetzt eigentlich nicht überrascht sein. Aber die ganz oben genannten Personen sind alle überrascht und haben folglich ihr Hirn in letzter Zeit nicht aktiv benutzt, so sie denn eines besitzen. Inzwischen zweifle ich dran.

Derweil säuft man im Werk wieder unter zweifelhaften Bedingungen redestillierte Lösemittel und plant die Rückkehr ins Büro ab Oktober und dass wir bis dahin umgebaut oder zumindest umgeräumt haben, und einen total hyggeligen Ausflug mit Übernachtung für alle, im Oktober oder November. Echt wahr. Ich scherze nicht.

Ich weiß nicht, was die angemessene Reaktion auf sowas alles ist und begnüge mich mit verständnislosem Kopfschütteln und der Erkenntnis, dass alle unter massivem Realitätsverlust leiden.

Tag 2238 und 2239 – Im Kaninchenbau.

Eigentlich könnte ich vermutlich die nächsten Tage auch gleich mit drauf schreiben. Es kommt grad vieles zusammen: Inspektion generell (viel Arbeit), erste on-site Inspektion seit fast einem Jahr (aufregend!), sehr viele Menschen auf einmal, sehr enger Kontakt mit Menschen, die ich seit vielen Monaten nur auf Bildschirmen gesehen habe und dass ich all das auch vermisst habe.

Trotzdem schlaucht das natürlich ungemein. Gestern bin ich abends über einer Folge RuPauls Drag Race eingeschlafen und habe dann beschlossen, nicht zu bloggen sondern einfach das Licht auszuschalten.

Anekdoten:

  • Meine Kollegin wurde bereits Mette-Marit genannt. Die Ähnlichkeit ist, äh, frappierend, oder so, so wie bei Äpfeln und Melonen ca.
  • Heute haben wir in schicker Krankenpflegekluft gearbeitet
  • Ich habe zwar alles Metall aus meinen Ohren entfernt bekommen, aber den einen Ring kriege ich nicht mehr rein
  • Eigentlich hätte ich hier nur ein paar Socken mit hinnehmen müssen (merken für‘s nächste Mal)
  • Es gibt hier zwei brauchbare Restaurants, plus das Hotelrestaurant, aber der Koch des Hotelrestaurants ist krank, also fällt das weg. Es gibt also wohl 2 x Pizza und 2 x Sushi.

Ich lieb meinen Job sehr. Er ist bekloppt aber liebenswert.

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Norwegen hat binnen einer Woche Dänemark und Schweden überholt und ist jetzt Pandemie-Erster aber wir haben die Pandemie überhaupt nicht losgelassen, nein nein! Üüüüüberhaupt gar nicht! (Hier hartes Augenzucken vorstellen.)

Tag 2237 – Hotelzimmer(-aussichten) postpandemisch neu gezählt 1.

Hahahaha wie lustig ich bin, postpandemisch. As if, 1. ist Norwegen nicht der Nabel der Welt, 2. rollt auch hier die Kinderwelle ja grad erst an und auch hier versucht man nicht mal, sie zu bremsen, und ich darf da gar nicht so viel drüber nachdenken, sonst will ich einfach nur noch alles kurz und klein hacken.

Jedenfalls bin ich seit Ewigkeiten mal wieder in einem Hotel und hab ein super Zimmer.

Da ist sogar ein Sofa hinter meinem Bett!

Allerdings ist dieses Ding „Jobbreise“ so aufregend nach so langer Zeit, dass ich direkt erst mal eine ordentliche Migräne bekommen habe und dann sind drei Stunden im Auto gar nicht mal so schön. Langsam wirken aber die Medikamente, außerdem bin ich frisch geduscht in einem Bett ohne weitere Menschen und ich glaub, ich werd jetzt einfach schlafen wie ein Stein, es liegt eine arbeitsreiche Woche vor uns.

Tag 2235 – Gras und ein halber Zoo.

Herr Rabe befindet sich dieses Wochenende auf einem Field Trip mit seiner Arbeit, sie machen lauter Sachen, die reiche Boomer jung gebliebene, erfolgreiche Geschäftsleute gut und hip finden, wir Rafting und auf Berge steigen. Michel hofft, dass sich Herr Rabe dabei keinen Fuß bricht, das hoffen wir natürlich alle. Mein Kollege bezeichnete mich deshalb heute als „Graswitwe“ und es dauerte ein bisschen, bis ich schnallte, dass das wohl das norwegische Wort für Strohwitwe sein muss. Dann scherzten wir ein bisschen vorfeierabendlich herum und ich dachte im Nachhinein noch darüber nach und bleibe dabei, was ich ihm sagte: im Vergleich zu vielen Müttern, die ich kenne, wird mein (großes) Bedürfnis nach Alleinzeit hier eigentlich schon recht gut respektiert, deshalb bin ich auch nicht „froh“ dass Herr Rabe aus dem Haus ist. Ich freue mich für ihn, dass er raus kommt und Boomerdinge tut, und ich schaukele das hier zu Hause schon, aber ich freue mich nicht über mehr Alleinzeit. Herr Rabe nervt ja nicht.

Wo das gesagt ist, muss ich aber wenigstens erwähnen, dass ich „mein“ Bett, in dem ich theoretisch ja heute Nacht total viel Platz hätte, mit zwei Kindern und einem halben Zoo aus Kuscheltieren teile. Das hat Gründe, die viel mit sehr müden Kindern und Dingen, die anders sind als immer, zu tun haben, aber so richtig mega begeistert bin ich darüber nicht. Jetzt gerade hat Pippi Herrn Rabes Hälfte vom Bett, während Michel halb auf mir und halb auf seinem riesigen Kuscheltier „Bunti“ liegt.

Aber was soll‘s. Ich bin ab Sonntag sechs Nächte in einem Hotel und da sind keine anderen Menschen in meinem Bett, da kann ich nach- und vorschlafen.

Tag 2234 – Orakunke.

Heute Mittag sagte ich noch zu meiner Kollegin: es fehlt noch, dass Erna oder Høie ne Pressekonferenz ankündigen, Zack, war ne Stunde später ne Pressekonferenz angekündigt (von Høie). Die 4. Welle ist da (die, die vor ein paar Wochen noch „nicht sicher“ war, ob sie überhaupt kommt, weil hier ja Andersland ist und wir magisch davor gefeit sind einfach durch Willenskraft und Wollunterwäsche!) und bricht jetzt schon alle Rekorde. Das spitzenmäßig ausgedachte System, Kontakte von Menschen U18 zu testen statt (!) zu isolieren, bricht nach nur einer Woche schon in den größeren Städten zusammen, weil, Überraschung, Jugendliche ohne irgendwelche Begrenzungen dann schnell mal 200 Kontakte haben – Schule, Sport, Hobby, Freunde, Nebenjob, you name it.

Aber wie ich auch zu meiner Kollegin und meinem Kollegen sagte: zu befürchten haben wir wohl eher nichts (in Bezug auf die Inspektion nächste Woche), denn die Regierung wird vermutlich keine neuen nationalen Maßnahmen verhängen, sondern das schön auf die neue Regierung abwälzen. Vermutlich wird eine der ersten Aktionen einer neuen Regierung sein, dicht zu machen, weil es dann doch viel ist, wenn alle Kinder gleichzeitig krank werden.

Andererseits: das wäre dann jetzt potentiell das dritte mal, dass zugemacht wird, während ich auf einer Inspektion bin. So spannend! Vielleicht kriege ich die Hand ja sogar in dieser Pandemie noch voll. Ich bin da inzwischen etwas abgestumpft und zur Zeit ziemlich zynisch statt nur resigniert. Ich mach’s mir halt im Homeoffice schön und hoffe darauf, dass meine Kinder glimpflich durch die Coronainfektion kommen.

May the odds und so weiter.

Tag 2233 – Effekt.

Es könnte alles schlimmer sein, aber ich merke schon, dass ich gestern diese Impfung bekommen habe. Der Arm tut weh, der Rest tut auch weh und ich bin schon den ganzen Tag hundemüde.

Leider (1) muss ich jetzt auch schnell schlafen, weil ich morgen super früh ins Krankenhaus (argh!) fahren muss, um eine Blutprobe zu nehmen. Die Levaxintabletten habe ich vorsorglich schon weit weg getan und in meinen Rucksack gelegt.

Leider (2) muss ich noch kurz was arbeiten, aus Gründen. Abspazieren ist nicht, stattdessen sind Überstunden angesagt (immerhin bezahlt).

Leider (3) schießen die Infektionszahlen hier in die Höhe, kein Wunder, bei Schulen auf grünem Niveau. Die Welle wird nun ein Mal durch die ungeimpften Gruppen ziehen, hier in Norwegen sind das hauptsächlich Menschen unter 18. Aber dafür auch einfach mal alle Menschen unter 18, minus der Handvoll 12-18-Jähriger, die so schwere Vorerkrankungen haben, dass sie bereits geimpft wurden. Und da dürften auch viele Immunsupprimierte bei sein, die keinen ausreichenden Impfeffekt haben. Es ist zum Heulen. May the odds be ever in our favor.