Tag 2347 – Altes und neues Genörgel.

Alljährlich muss ich kurz mal meckern über die immer noch nicht abgeschaffte Uhrzeitumstellung. Dieses Jahr hatte ich auch wieder versäumt, die Aufstehzeit allmählich nach früher zu verschieben, also hatte ich mir heute „einfach“ einen Wecker auf 8 Uhr gestellt, damit ich heute Abend trotzdem halbwegs ok ins Bett komme. Mein Plan war auch, dann die Kinder zu wecken. Naja, die Kinder waren schon wach, ich hörte sie rödeln, als der Wecker klingelte. Ich hingegen dachte „was zum… es ist Wochenende, Herrschaftszeiten!“ und stellte den Wecker 1 h weiter. Döste noch die Stunde weiter, daddelte etwas am Handy und quälte mich um halb zehn aus dem Bett. Also eigentlich halb neun, an einem Sonntag, an dem nichts ansteht. Das ist doof, ich möchte das nicht.

So, bis in einem Jahr, wenn es wieder heißt „Wer hat an der effing Uhr gedreht, hatte die EU nicht irgendwie vor, den Kack abzuschaffen, warum passiert da nichts, HMMMMM?“

Neues Gemecker: Steuererklärung. Ja eigentlich in Norwegen super einfach. Außer man hat Konten im Ausland, Rentenversicherungsverträge im Ausland, einen Kindergarten, dessen Buchhaltungsbüro aufgrund Konkurs des Kindergartens kurz vor Weihnachten hingeschmissen hat (und der deshalb nicht zu Neujahr automatisch die Betreuungskosten gemeldet hat) und einen Sport-Hort, der aus unbekannten Gründen nicht automatisch an die Behörde gemeldet hat. Dann muss man ziemlich viele Belege zusammensuchen. Besonderer Spaß, wenn man im Vorjahr mittendrin die Bank gewechselt hat und dementsprechend Belege in drei Banken (ausländische mitgerechnet) und einem e-mail-Fach liegen. Immerhin ist das meiste eh elektronisch, außer dem Kram von der Rentenversicherung, die mögen Papier und mögen auch, das ins Ausland zu schicken.

Einziger Pluspunkt: ich habe festgestellt, dass ich bei der Bank in Deutschland offenbar inzwischen als Steuerausländerin geführt werde, steht zumindest so auf einer Bescheinigung. Dann hat das also geklappt, gut. Ich war etwas in Zweifel, weil mir wenige Tage nach Hochladen der norwegischen Bescheinigung, dass ich wirklich hier lebe und ganz viele* Steuern zahle, ein Brief ins Haus flatterte, in dem ich in scharfem Behördenton dazu aufgefordert wurde, eben jene Bescheinigung hochzuladen, aber zackig.

___

*naja naja, eigentlich nicht, ich beschwere mich nicht. In Deutschland zahlte ich anteilig deutlich mehr von meinem Gehalt (Umsatzsteuer nicht mit einbezogen, das ist mir jetzt zu kompliziert).

Tag 2344 – Stichpunkte.

– Pippi hat den dritten Zahn verloren, den oberen linken (also Zuschauer-links, ihr rechts) großen Schneidezahn. Gestern sagte sie im Auto plötzlich „Mama! Ich blute!!!“ und dann „Ich hab nen Zahn verloren! Und ich blute jetzt!“ und weil ich ja fuhr konnte ich nicht mal gucken sondern nur die Hand nach hinten strecken und mir den Zahn anreichen lassen. Sie sieht aber schon sehr drollig aus mit der Zahnlücke, und das Mundgefühl ist wohl anders, sie lispelt jetzt leicht.

– Michel Harry Potter vorlesen ist nahezu abgeschlossen. Noch ein Kapitel. Gestern ist (Achtung, Spoiler, aber kann man nach 20 Jahren noch wen spoilern? Ich weiß ja nicht. Achtung Spoiler: am Ende vom Herrn der Ringe gewinnen die Guten(TM), Don Quichotte erlegt keine einzige Windmühle und der Vater im Erlkönig schafft’s leider nicht rechtzeitig.) Harry Potter „gestorben“, heute Voldemort. Ein bisschen traurig bin ich, gut, dass wir noch ein Kind haben.

– Arbeit ist zum alles anzünden zur Zeit

– Bin leicht bedröppelt, weil ich bei den Kommunen-Grünen jetzt im Programmkommitee bin, aber irgendwie zu nichts was beitragen kann. Ich kann ja nur Biotechnologie und Pharmaindustrie, das sind jetzt nicht die Themen, die bei den lokalen Grünen hoch im Kurs stehen. Werde dementsprechend eher mit… anderer Arbeit (???) beitragen, äh, vielleicht Kaffee kochen oder so. Ich mag auch Tiere und finde Natur gut und würde gerne sicherstellen, dass meine Kinder noch in einer halbwegs bewohnbaren Welt aufwachsen und alt werden, wie schreibe ich das ins Programm? Außerdem haben die Grünen in Norwegen jetzt eine heiße Debatte laufen, ob man stärker darauf hinweisen sollte, dass man KEINE Eine-Sache-Partei ist, sondern tatsächlich zu allen Bereichen eine Meinung und Vorschläge hat. Da ist „Rettet die Wale“ vielleicht nicht so der hippeste Spruch. Dass wir die Wale retten wollen (und alles andere auch, vor allem die Menschen, sogar noch vor den Walen) weiß man ja eh, aber niemandem ist klar, dass wir eine Bildungspolitik haben, oder Gesundheitspolitik. (Aber Wale! Hach!)

– Ich wünsche mir einen neuen Bogen, würde gerne einen aus Carbon ausprobieren, oder eher mehrere, aber auch das Projekt zünde ich demnächst einfach an, weil es einfach in Norwegen niemanden gibt der a) mehrere (so 2-3) Modelle von mehreren (2, VIELLEICHT 3)namhaften Marken hat und nicht verlangt, dass alle Waren nur unbenutzt zurückgegeben werden können. Ich kaufe doch auch kein Auto nach Internet-Bewertungen und weil das beim Händler auf dem Hof aus 10 m Entfernung hübsch aussah.

– Michel ist die zweite Nacht in Folge allein eingeschlafen. Nach Ewigkeiten erst, aber allein. Yeah, I guess? (Traue dem Braten noch nicht so recht.)

Tag 2343 – Pipi, Hunger, Durst…

… kalt, müde.

Und Laune. Wahrscheinlich eine Mischung aus müde, sozial müde (war heute wieder im Büro, inklusive Zugfahrt und allem Tralala) und Zyklus. Keine Ahnung, wie ich das vor der Pandemie gemacht habe, so früh aufzustehen und ständig unter Leuten zu sein und dabei nur gelegentlich Mordphantasien zu haben.

Momentan geht das Pendeln dann auch auf meine Arbeitsleistung, mal gucken wie sich das entwickelt.

Insgesamt heute einfach unzufrieden.

Tag 2341 – Der neue Alltag.

Ich glaube noch nicht so recht dran, dass es jetzt so bleibt, aber montags fahre ich wohl nun ins Büro. Herr Rabe auch, was bedeutet, dass einer von uns sehr früh fährt. Im Büro suche ich mir einen Platz in Base 6B, das war bisher zwei mal der gleiche und „zufällig“ der Platz, an dem ich vorher auch saß, nur eine Etage höher. Überhaupt sitzen irgendwie alle „zufällig“ genau da, wo sie vorher auch saßen, nur eine Etage höher. Angekommen, streite ich ein wenig mit der Technik, oder auch ein wenig mehr, so wie heute. Dann habe ich den Tag über ein paar geplante und viele spontane Meetings und leiste IT-Hilfe, wo ich kann, weil alle mit der Technik streiten. Dann ist der Arbeitstag irgendwann vorbei und ich schlafe sozial gerädert im Zug ein, nachdem ich mich ausgiebig innerlich darüber geärgert habe, das es kein Einheitsparfum gibt, sondern alle meinen, sie müssen irgendwie individuell riechen und, besonders wichtig, auch stärker als die anderen. Gegeneinander anstinken in Reinkultur. Aber wahrscheinlich liegt das, dass ich mich ärgere, nur an einer zu dem Zeitpunkt bereits abgebrannten sozialen Lunte.

Zu Hause angekommen reicht der Tag grad noch so für Essen und Kinder ins Bett bringen und danach Geige ODER Sport, momentan gewinnt zu 95% die Geige (außer dienstags). Da so spät, in der Küche und mit Mute, weshalb ich manche Dinge nicht so gut üben kann, einfach weil ich nicht so gut höre, was ich treibe. Als neues Projekt habe ich mir jetzt vorgenommen, ein paar dieser Student-Concertos, an denen ich so herumübe (Seitz Op.15, Riedel Op.21 und Accolay a-Moll) nach und nach auch auswendig zu lernen. Ich hab mit dem Schwersten angefangen (Seitz), aber das übe ich auch schon am längsten und der erste Satz sitzt nach zwei Tagen mit dem Rücken zum Notenständer ganz ok. Ich erhoffe mir davon, freier spielen zu können, wenn ich nicht Hirnkapazität aufs Ablesen verschwenden muss. Vorteil an dieser Art üben: das geht gut auch mit Mute und sogar ohne Instrument, weil es in erster Linie drum geht, die Bewegungsabläufe zu trainieren und mit dem „gewünschten Ton“ zu verknüpfen. Nachteil: ewige Ohrwürmer.

Jedenfalls, ich schweife ab: danach ist eigentlich nur noch Bett angesagt. Wenig spannend, aber ich finde Zug fahren und schon wieder Leute in 3D sehen auch irgendwie schon spannend genug nach 2 Jahren Pandemie. Ich hab mir sogar noch ne Laugenstange gekauft, einfach weil ich’s konnte, weil ich ja in Oslo war, wo es eine Bäckereikette gibt, die allerlei „deutsches“ Gebäck verkauft, wie eben Laugenstangen oder Apfeltaschen. Wenn das nicht Spannung genug ist.

Tag 2340 – Gotta love norwegischen Spätwinter.

Gestern hatte ich ja schon über das tote Braun überall genölt. Heute muss ich mich mal kurz über einen weiteren echt doofen Nebeneffekt dieses Wetters beklagen: meine Haut und meine Schleimhaut sind eine einzige Problemzone, von Kopf bis Fuß. Pickel, trockene Stellen, juckende Füße, aufreißende Fingerknöchel, aufblühende Candida-Flecken, noch mehr Pickel, nachts trockener Hals, ständiges Nasenbluten wegen „Traumata“ wie „beim Gesicht waschen den Nasenflügel von außen berührt“, und hatte ich die Pickel erwähnt? Arrrgh. Dabei ist die Luftfeuchtigkeit gar nicht so niedrig, das Handy behauptet 84% draußen, die Wetterstation in der Küche sagt was von 40%. Ich will auch keine Luftbefeuchter im Haus haben, dazu habe ich viel zu viel Angst vor Schimmel (hatten wir mal in einer Wohnung, brauche ich nicht noch mal). Mehr als Wäsche im Wohnzimmer trocknen machen wir da nicht. Aber es ist ätzend hoch 10. Hoffentlich geht es bald wieder vorbei.

Immerhin konnte ich heute Abend durch sorgsame Vermeidung des echt schlimmen Nasenloches und dafür extra gründlichen Rachenabstrich (würgi!) eine nicht-blutige Schnelltest-Probe generieren und bin weiter Schnelltest-negativ. Ich stelle mir mein Immunsystem als bis an die Zähne bewaffnete, bullige Gladiatoren vor, die die Coronaviren durch bloße Präsenz schon in die Flucht schlagen. Hurr hurr hurr.

Positiver Nebeneffekt des späten Frühlings: es war heute noch nicht zu spät, den Apfelbaum und den Holunder zu beschneiden. Hier kann man das gut „vor Ostern“ machen, wie ein Gartenblog schrieb. Beides wurde recht brutal beschnitten, vor allem der Holunder, der erst mal nach oben wachsen soll und nicht so sehr in die Breite, letztes Jahr hingen die Zweige mit den schweren Fruchtdolden bis auf den Boden.

Und jetzt noch ein Hieb aus dem schleimhautbefeuchtenden Nasenspray mit Hyaluronsäure und dann Licht aus. Morgen muss ich wieder unter Leute, gruselig, bin dazu noch gar nicht wieder bereit.

Tag 2339 – Warm.

Mein Gesicht fühlt sich sehr warm an, das kann mehrere Gründe haben. Wahrscheinlich ist, dass es an einem Samstagabendbier liegt, genossen in Fleecejacke und unter einer Sofadecke (mir war kalt, als wir uns zum Film gucken setzten). Michel wollte nämlich unbedingt mal Fluch der Karibik gucken (hatte vergessen, wie, äh, wenig subtil tiefsinnig der ist, meine Güte…). Vielleicht habe ich aber auch zu viel Sonne bekommen, wir haben nämlich die 10 Grad plus bei strahlendem Sonnenschein für einen langen Spaziergang genutzt. Im Garten kann man eh noch nichts machen, oder kaum was, es ist alles braun und tot und zu großen Teilen mit altem Schnee und Eis bedeckt. Die furchtbarste Jahreszeit, wie ich finde. Laut Kalender ist (fast) Frühling, aber bis hier tatsächlich Frühling ist, wie man sich Frühling vorstellt, mit blühenden Narzissen und Forsythien, grünen Trieben und Weidenkätzchen, gehen noch vier bis sechs Wochen ins Land. Kotzi.

Aber, wie gesagt, immerhin scheint die Sonne, da ist der tauende (und nachts wieder überfrierende), dreckige, braungraue Schneematsch und das hier und da hervorlugende braune, tote Gras schon viel besser zu ertragen.

Ansonsten wie in jedem Jahr ein Hoch auf Vitamin-D-Tabletten. Ohne würde ich zu dieser Zeit nur noch lustlos in der Ecke hängen. Mit geht’s. Und ich bilde mir auch ein, dass viel viel hilft. Nach der Schilddrüsen-OP bin ich zur Sicherheit auf 2000 IE pro Tag umgestiegen und fühle mich tatsächlich besser damit, als den „normalen“ 800. [Dies ist keine Empfehlung, nur eine Aussage, was bei mir gefühlt funktioniert! Außerdem habe ich belegt nicht optimal funktionierende Nebenschilddrüsen und mein Körper kann jede Hilfe, Kalzium zu verwerten, gebrauchen.]

Tag 2338 – Zuhause!

Mit einer Blase, die so voll war, dass ich Herrn Rabe vom Auto aus bat, zu checken, ob die Tür abgeschlossen ist (die Kinder machen manchmal so Quatsch), kam ich heute um 19 Uhr wieder zu Hause an. Die Reisekostenabrechnung zu machen dauerte eine Stunde. Was für ein Gerödel, jede Autofahrt einzeln anzugeben, jede Mautgebühr (beim Elektroauto ja vernachlässigbar wenig), jeden Parkzettel für die 20 Minuten bis zur kostenfreien Parkzeit screenshotten… ächz, ächz, ächz. Der Treppenwitz dabei ist, dass ich bisher noch keine Reisekostenabrechnung im ersten Versuch richtig gemacht habe. Die kommen immer von der Buchhaltung zurück, wegen irgendwas, Hoteladresse war nicht die Firmenadresse, sondern die tatsächliche Adresse, an der das Hotel steht, und ähnliche Späße. So langsam müsste ich alle Fehler, die man machen kann, mal gemacht haben. Vielleicht mache ich mal Fehler-Bingo. Oder kaufe mir ne Flasche Schampus, wenn eine Reiserechnung beim ersten Mal durchgeht.

Es ist schön, wieder zu Hause zu sein. Was bin ich müde.

Ich kam übrigens auch panisch, weil mit Halskratzen, nach Hause, nachdem bei der Herstellerfirma reihenweise die Personen, mit denen wir wirklich viel gesprochen haben (im Meetingraum, beim Essen, bei der Begehung…) wegen positiver Tests ausfielen. Mein Schnelltest sagt aber, ich sei gesund. Falls das so bleibt, glaube ich, man sollte mal gucken, ob man aus meinem Blut irgendeine Wunderdroge machen kann, so viele super enge Nahkontakte kann man eigentlich nicht haben, ohne sich anzustecken. Immerhin hätte ich dann Herrn Rabe, Michel, meinen Chef, eine Kollegin, sowie mindestens zwei Angestellte der Firma diese Woche „überstanden“. Und mit allen hatte ich die Art Kontakt, die mich eigentlich direkt in die Fieberhölle katapultieren müsste. Stattdessen habe ich bisher gar nichts. Selbst das Halskratzen war spontan am Abend wieder weg. Vielleicht habe ich es mit dem Teststäbchen weggeschabt.

Es ist ein Rätsel.

Tag 2337 – Nix zu erzählen.

Nix, was ich erzählen darf, jedenfalls.

Ehrlich gesagt bin ich ganz schön Brei. Man gewöhnt sich sicher wieder dran, aber hui, ist inspizieren mental anstrengend. Ich versuche es deshalb jetzt mal mit einem frühen Licht aus. Morgen geht’s nach Hause, mit etwas Glück schon am frühen Nachmittag. Das minimiert dann auch die Gefahr, im Auto einzuschlafen.

Bloß jetzt die Schnappatmung unterdrücken, dass ich eine Steuermeldung bekommen habe, in der ganz viel fehlt, das sonst immer automatisch gemeldet wurde, wie Kinderbetreuungskosten. Was ist da los, was ist da schief gelaufen? Am liebsten würde ich natürlich SOFORT alles klären, aber das wird hier eh nicht passieren, nachts in einem Hotelzimmer, und ist ja auch gar nicht nötig, die Frist ist, glaube ich, Ende Mai? Literally ewig hin, und selbst wenn man es verdrabbelt, kann man ja noch beantragen, im Nachhinein die Steuer geändert zu bekommen, das dauert dann nur eben länger.

Was gucke ich sowas auch um zehn Uhr abends an?