Tag 2270 – Illegal.

Die bisher wirklich am meisten andere Inspektion ist überstanden. Zumindest der on-Site-Teil. Ich habe noch mal ganz andere, ungeahnte Level von Erwachsensein freigeschaltet und aus vollkommen unerwarteten Richtungen Lob bekommen und bin über all dem nicht in Tränen ausgebrochen, yeah. Zwischendurch wollte ich sehr gerne auf den Arm, stattdessen war ich halt Die Inspekteurin(TM). Freundlich, offen, fachlich integer und seriös. Immerhin gehört Verbergen von Gefühlen (zum Beispiel auf den Arm zu wollen) zu meinen Kernkompetenzen.

Wie viele Stunden Arbeit das nun waren, ist mit total ausgelutschtem Hirn nicht mehr so leicht festzustellen, was wohl heißt, dass es viel zu viele waren. Das sagt auch die Zeiterfassung, die mir Mecker-Mails schickt, welche Paragraphen im Arbeitszeitgesetz ich alle überschritten habe. So ca. alle, aber die für die wöchentliche Arbeitszeit kommt erst Montag.

Der Abend war zum runter kommen gedacht, sowie zum Feiern. Ich habe das diese Woche wirklich gut gemacht (wurde mir gesagt und ich versuche mir das auch selbst zu sagen – der Impostor stark in mir ist). Deshalb war ich auf dem Rückweg auch noch schnell im Vinmonopolet und habe streng nach Hübschheit des Etiketts eine Flasche veganen Biosekt gekauft, der tatsächlich sehr lecker ist. Da gehen sie hin, die staatlichen Spesen…

Man muss meinen Job schon sehr mögen, um ihn überhaupt freiwillig zu machen. Gott sei Dank liebe ich ihn nach wie vor.

Nach ausgiebigem Riechen an den Kindern und Herrn Rabe ist jetzt aber WIRKLICH Schlafenszeit. Aus verwaltungsrechtlichen Gründen müsste ich eigentlich am Wochenende noch mehr arbeiten, aber die Vorschrift übertrete ich nun auch, ist auch schon egal.

Tag 2269 – Autschn.

Als Tagesabschluss erst mal vorm Hotel volle Möhre hingelegt. Ist irgendwie auch schon egal, nur etwas peinlich. Die Hotelangestellten kamen rausgestürzt und dachten bestimmt, ich hätte gesoffen, dabei bin ich einfach nur heillos überarbeitet und müde und hab eine Stufe nicht gesehen, weil ich damit beschäftigt war, die heutigen 15 Stunden Arbeit in die Zeiterfassungsapp zu töckeln. Mein Hirn ist totaler Brei und mir graut aus Gründen schon vor den nächsten Wochen und Monaten. Und jetzt hab ich halt auch noch einen aufgeschürften Ellenbogen und eine kaputte Strumpfhose.

Morgen noch, dann kann ich hoffentlich erst mal einfach schlafen. Schlafen wäre super.

Tag 2268 – Spontane Nicht-Aussicht.

Bekam Ja zu meinem Hotelaufenthalt, habe bereits heiß geduscht und liege jetzt im Bett. Morgen klingelt der Wecker um viertel vor sieben, dann muss ich die Augen weit genug aufkriegen, um meine Tablette zu schlucken und dann kann ich noch ein bisschen dösen. Im Vergleich zu heute früh wird das also ein Fest.

Dahinter ist zwar sowas wie ne Aussicht (auf einen nicht betretbaren Innenhof), aber auch eine Spiegelung und naja, das ist dann doch zu privat.

Tag 2266 – So. Müde.

Ich bin noch dabei, von der Arbeit nach Hause zu kriechen. Bei der nächsten Inspektion in Oslo, die abends so ewig lang zu werden droht, frage ich mal vorsichtig an, ob ich nicht in Oslo in ein Hotel kann.

Immerhin muss ich morgen erst eine halbe Stunde später los, weil ich heute viel (und ich meine VIEL) zu früh da war, und das trotz zehnminütiger Verspätung des Zuges. Seltsame neue Ruter-App ist seltsam.

Tag 2265 – Groß und klein.

Blick nach Deutschland: eieieiei. Das werden ja super leichte Koalitionsverhandlungen. Nicht. Und die Lachnummer aus NRW ist nicht 100%ig raus, das bekümmert mich ebenfalls ein wenig. In Sachsen ist die NoAfD stärkste Kraft, das finde ich entsetzlich.

Norwegen ist verkatert nach den gestrigen Pandemieende-Sauf-Prügeleien. Geschieht ihnen recht.

Michel kann nicht schlafen. Es ist Cola im Spiel gewesen (nicht von uns genehmigt) und außerdem war er heute extrem aufgekratzt, denn er hat an einem Korps-Projekt teilgenommen, bei dem sie Musik mit der „Blåsemafian“ gemacht haben, drei jungen Typen, die mit Trompete, Saxofon, Posaune und Tuba ziemlich coole Musik machen. Am Ende gab es ein Konzert mit der Blåsemafian und allen Teilnehmenden. Michel ist jetzt totaler Fan der drei Typen und hat einen signierten Hoodie, den er aber wohl nie tragen wird, weil er nun an der Wand hängt. „Nur wenn ich auf ein Fest gehe ziehe ich den an!“. Für Michel freut mich am meisten, dass er total Spaß hatte und bei dem Konzert mitgemacht hat, obwohl er gestern erst gar nicht zu dem Projekt wollte und heute früh noch ganz sicher war, NICHT mit auf die Bühne zu gehen. Jetzt ist er einen Meter größer und findet sein Instrument und im Korps spielen wieder wesentlich cooler.

Sigurd, Jørgen und Shlfnn Bllb DllB.

(Anekdote: bei der Begrüßung der Blåsemafian hat Michel wohl als erstes wiedergegeben, was ich ihm auf seine Nachfrage erklärt hatte, nämlich „Mafia ist eine kriminelle Organisation!“, woraufhin die Band sagte „Genau, und unsere Musik ist einfach kriminell gut!“)

Tag 2264 – Man muss ja auch nicht jeden Scheiß mitmachen.

Das ist jetzt mein Motto, auch nach 16 Uhr heute Nachmittag noch. Sollen sie sich doch alle besaufen und in den Schlangen vor den Discos und Bars in Ohnmacht fallen (echt wahr!), einfach weil Pandemie jetzt für vorbei erklärt ist, ich trinke zu Hause Wein in der Twitterkneipe und kaufe Tickets für Online-Veranstaltungen.

Man könnte auch sagen, ich schaffe mir meinen eigenen, weichen Übergang zum „neuen Alltag“.

Oder man könnte sagen, sie sollen mich alle mal an den Füßen lecken mit ihren Discoschlangen.

Tag 2263 – 562 Tage.

Es ist vorbei. „Fy søren, det er over!“ sagt der Bürgermeister von Oslo. Denn morgen um 16 Uhr ist die Pandemie vorbei. Dolles Ding, nicht wahr? Der Gesundheitsminister hat symbolträchtig seinen Zollstock-Meter zusammengeklappt und weggesteckt und dann die Staatsministerin umarmt, weil es morgen ja vorbei ist. Kein Meter mehr, kein Mundschutz mehr, kein Homeoffice mehr, vermutlich gehen direkt auch die Türen an der T-Bane nicht mehr automatisch auf ohne dass man den Knopf drücken muss. Man kann auch nach Mitternacht noch in die bumsvolle Disco gehen (die um 2 schließt, aber YOLO) und man kann an der Bar Getränke bestellen und muss sie nicht am Platz serviert bekommen (gab ja nie Aerosole hier, deshalb war es hauptsächlich gefährlich, auf dem Weg zur und an der Bar Dinge anzufassen). Der Bürgermeister von Oslo rät zum Kauf von Kopfschmerztabletten, weil ja morgen um 16 Uhr alles vorbei ist und vermutlich die größte Party aller Zeiten losgeht.

562 Tage wird es dann in Norwegen gedauert haben.

Ich hab ja eh immer Kopfschmerztabletten da und gehe eher sporadisch in Bars oder Discos, aber auch davon abgesehen kann man sich vermutlich denken, dass ich eher verhalten das ausgerufene Ende der Pandemie feiere.

Natürlich kann ich verstehen, dass das ein großer Tag für viele ist und der Bürgermeister von Oslo hatte vermutlich eine denkbar beschissene Amtszeit, keine Frage. Es ist sicher für viele auch echt nicht schön, Single und jung und zum Studieren in einer neuen Stadt zu sein und dann da 562 Tage im Hybel*zimmer zu hocken.

Aber.

Naja, sie können es sich ja denken. Ungeimpfte Kinder, Menschen, die sich nicht impfen lassen können und Menschen, die keinen ausreichenden Effekt von den Impfungen haben. Generell haben Impfungen keinen 100%igen Schutz. Und der Rest der Welt, der hat ja zu einem großen Teil auch nach morgen 16 Uhr noch Pandemie. Außerdem kann ich nicht so gut mit plötzlichen Veränderungen und will auch gar nicht vom Gesundheitsminister umarmt werden oder mit dem Bürgermeister von Oslo saufen. Man könnte auch einfach sagen: ich möchte nicht mit dem Virus leben. Noch nicht, eigentlich generell nicht.

Es wird ja wohl weiter erlaubt sein, freiwillig eine Mundbinde zu tragen und sich die Hände zu desinfizieren. Ich hab auch schon den Hersteller, bei dem wir Montag auflaufen, informiert, dass wir vorerst daran festhalten, nicht mit Händedruck zu grüßen.

May the odds be ever in our favor.

Tag 2262 – Vorbei.

Morgen wird in Norwegen die Pandemie höchstwahrscheinlich für beendet erklärt. Sie sehen mich nicht jauchzen und frohlocken, was damit zusammenhängt, dass ich zwei Kinder habe, die ich nicht vor dem Virus, das immer noch umgeht, schützen kann (und mir hilft vermutlich auch keine baldige Zulassung für jüngere Kinder, weil Norwegen da eben speziell ist). Genau wie anderswo gibt es bei Kindern in Norwegen ungeklärte und schwer bezifferbare Risiken mit der Erkrankung, die allesamt mit der Impfung wesentlich geringer sind, aber anders als anderswo wird uns hier zugesichert, dass das alles nicht so schlimm ist bei den Kindern, das Gesundheitssystem ist dann da, wenn sie mit MIS-C ins Krankenhaus müssen, und hey, wer kann denn bitte nicht für ein paar Wochen bis Monate auf seinen Geruchs- und Geschmackssinn verzichten? Wer weiß, das ist vielleicht die Gelegenheit, vielfältigeres Essen in Michel zu bekommen, wo ist die nächste Coronaparty???

Ich scherze bloß, Galgenhumor, was bleibt einer schon anderes übrig.

In England und in Dänemark ist die Welt schließlich auch nicht untergegangen, wird schon schief gehen, ne?

Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhängt oder mit der nächste Woche anstehenden Inspektion, die das Potential hat, ziemlich anstrengend zu werden, aber ich habe Kopfschmerzen und bin furchtbar müde. Ich lese jetzt einfach noch kurz und schlafe dann selig. Morgen ist ein neuer Tag.