Tag 2309 – Hoppala. (Eis im Bauch.)

A wild positive Schnelltest appeared!

Gestern war Michel verrotzt, wir machten einen Test, der war negativ.

Heute war Michel verrotzt und er ging nicht zur Schule (wohl aber mit mir wegen was anderem zur Hausärztin, da hatte ich extra angerufen und die sagten, wenn er negativ getestet hat, sollen wir ruhig kommen).

Heute Mittag stand bei Facebook, dass an der Schule der Kinder (ca. 350 Kinder insgesamt) seit letzter Woche 21 Kinder positiv getestet haben.

Heute Abend bekamen wir eine Nachricht einer Mutter von einer von Michels Kumpels. Der Kumpel und ein weiteres Kind hätten heute Abend positive Ergebnisse bekommen.

Naja, Michel war eh noch wach und konnte nicht schlafen und ich hatte ein Schwangerschaftstest-deja-vu (bitte diverse accents denken) mit „Ja, also positiver wird’s nicht“, wie mein Gynäkologe damals sagte. Traumhaft eindeutiger Schnelltest.

Wir atmen jetzt alle ein wenig mit dem Bauch und bleiben ganz ruhig (Eis im Bauch haben sagt man hier, die Norweger haben’s mit dem Bauch in solchen Situationen) und haben für morgen 13 Uhr einen lustigen Familienausflug zum Testzentrum bestellt. Herr Rabe und ich müssen zwar nicht, Pippi aber schon und dann können wir auch gleich alle Stäbchen in die Nase kriegen.

Vielen Dank, norwegischer Staat, für die großen Durchseuchungsspiele. Sehr lieb.

Tag 2308 – Aus der Art gefallen.

Wir haben gestern übrigens Urlaub gebucht, für Juli 2022. So früh haben wir das vielleicht noch nie gemacht. Ich finds super, das ist was zum drauf freuen und was, was aus dem übervollen Hirn gestrichen werden kann. Außerdem fahren wir mit anderen netten Menschen aus dem Internet, bzw. treffen uns da, wo wir hin fahren und am Zielort ist Meer. Hach, ich freue mich. Jetzt muss sich nur die Pandemie bis nächsten Sommer benehmen.

Heute Morgen war aber Kontrastprogramm angesagt. Herr Rabe war um viertel vor sieben schon zum Zug gefahren, also musste ich die Kinder und mich allein fertig und pünktlich aus dem Haus bekommen. Das ging relativ gut mit einer Mischung aus Militärton klaren Ansagen und „jaja ich helfe dir Hauptsache das hier geht voran und es gibt kein Theater wegen irgendwas“. Nachdem ich den Kindern aber mitgeteilt hatte, dass ich mich schminken ginge und sie sich bitte die Zähne putzen mögen, kam mir Michel ins Bad hinterher. Erst wollte er wissen, ob ich ein Meeting habe. Ja, den ganzen Tag, butt to butt, und das sogar im Büro. Warum ich das so wichtig fände, mich zu schminken. Das ist eine gute Frage, ich finde, ich sehe so schöner aus und ich möchte gerne nicht aussehen, wie eine übermüdete, überarbeitete Mutti so aussehen, wie ich mir selbst am besten gefalle. Da nickte Michel und tat etwas seltsames. Er hob seinen Wuschelschopf an und schob ihn aus der Stirn (dieses Kind legt an Volumen nur auf dem Kopf zu) und fing an, Grimassen im Spiegel zu schneiden. Versuchst du, mit den Ohren zu wackeln? fragte ich, weil ich das als Kind immer versucht habe, aber nie konnte und vermutlich nie können werde. Nein, ich versuche, die eine Augenbraue hoch zu machen und die andere nicht!

Da wurde mir klar, dass Michel nicht eine Augenbraue hochziehen kann. Er kann nur beide gleichzeitig. Pippi kann das, soweit ich weiß. Ich kann’s nur mit links, aber es ist ja ein wichtiger Skill, wenn aus ihm mal ein echter überkritischer, misanthropischer Klugscheißer werden soll.

Augenbrauhochziehbootcamp ab morgen, das geht so nicht. Was soll bloß aus dem Jungen werden?

Tag 2306 – Ein ganz normales Wochenende.

Endlich mal wieder ein Wochenende ohne irgendein extra-Gehampel. Keine Geburtstagsfeiern, keine Kinderkonzerte, ich muss nicht mal Wäsche bügeln, weil nächste Woche irgendwas wäre. Hallelujah.

Dementsprechend gibt es vom heutigen Tag auch nicht so viel zu erzählen. Herr Rabe war beim Friseur, Pippi mit einem Freund aus dem Kindergarten im Kino (Paw Patrol) und dann noch bei ihm, Michel war mit der PS5 verwachsen und ich habe den Bankwechsel finalisiert (hoffentlich jedenfalls), generell Gelddinge betrieben, habe nach Ferienhäusern geschaut, Geige gespielt, Essen gemacht und war in der Badewanne. Und danach war immer noch genug Zeit und Kraft über, um mit Herrn Rabe eine Folge Netflix zu schauen. Wir hinken dem Trend ein paar Kilometer hinterher und schauen Squid Game. Die erste Folge auf Koreanisch mit Untertiteln, mal schauen, ob wir noch auf eine synchronisierte Version wechseln. Ich fand es übrigens nicht so schrecklich wie einige Medien es dargestellt haben – da ist Hunger Games* lesen härtere Kost (bisher). Natürlich ist es trotzdem nichts, was ich mit meinen Kindern gucken würde, aber die sind ja auch erst sechs und neun.

Damit morgen ein produktiverer Tag wird, ist jetzt aber Schlafenszeit. Nattinatt.

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*oder 95% der skandinavischen Krimis, die ich konsumiere

Tag 2304 – Auserwählt.

Herr Rabe durfte sich endlich eine PS5 kaufen. Dass er das bisher nicht durfte, lag keineswegs an mir, sondern an Mikrochipmangel, der PS5-Knappheit bedingt, die mit sich bringt, dass hier in Norwegen Elektromarktketten die Möglichkeit, eine PS5 zu kaufen, verlosen. Herr Rabe hat endlich gewonnen.

Jetzt ist aber die Musik vom Lern-deinen-Kontroller-kennen-Spiel so einlullend, dass mir als passive Zuschauerin die Augen zufielen.

Deshalb: gute Nacht!

Tag 2303 – Licht am Ende des Tunnels.

Geschafft! Wir sind alle stolz auf uns. Aber fertig, ja, sind wir auch. Uff.

Seltsam, putzig und irgendwie rührend: wir durften remote einen Baum pflanzen. Das ist in Indien wohl so Tradition, am Ende der Inspektion pflanzen die Inspekteure einen Baum. Weil es Indien ist, ist es eine Palme, genauer gesagt eine Fuchsschwanzpalme. Und weil es Tradition ist und ja alles andere auch remote geht*, haben wir eben über Teams an der Zeremonie teilgenommen, Angestellte der Firma haben für uns Erde auf den Wurzelballen geschaufelt und gegossen und der Chef hat das Schild mit unseren Namen, der Agency und den Daten enthüllt. Und jetzt steht in Indien eine Palme mit meinem Namen dran. (Ja, das machen die wohl auch, wenn es für die Firma nicht so gut läuft.)

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Jetzt muss ich sehr dringend ein bisschen Schlaf nachholen. Morgen geht die Routinearbeitsachterbahn wieder los, ob ich will oder nicht.

*naja naja. Die Anekdote mit dem längsten Stromkabel der Welt, das die tapferen Angestellten durch die ganze Produktion, sämtliche Lager und diverse Laboratorien hinter ihrem Wägelchen mit der Kamera und dem Laptop drauf hinter sich her zogen, wird mich aber noch eine Weile schmunzeln lassen. Egal wo man hinsah, dieses Kabel war immer da. „Just for clarification ma‘am, the cable is to the camera and laptop power supply, it is not usually here!“ (ja will ich auch hoffen, in – wenn auch niedrig – klassifizierten Bereichen).

Tag 2302 – Ready?

Jöss, ich bin froh wenn das morgen rum ist. Es ist anstrengend. Es wäre das sicher auch in Indien, aber es ist tatsächlich noch mal ne andere Nummer, wenn man die Gesichter der Gegenüber einfach gar nicht sieht.

Ich bin außerdem immer noch unsicher, was den richtigen Ton angeht. Da ich ja auch keine Gesichter sehe, bin ich nicht mal sicher, ob ich immer mit den gleichen Personen spreche, oder ob das andere sind. Offenbar bin ich stimmtaub.

Ich, äh, freue ich auch darauf, wieder mit Frauen zu reden. Der Unterschied zu Norwegen ist frappierend, denn hier sind so ca. 90% der QA-Menschen in Pharma weiblich (hängt damit zusammen, dass Pharmazie hier ein Frauenberuf ist). Dort – null. Zumindest keine, mit denen wir reden dürfen. Oder die mit uns reden dürfen.

Apropos Kultur: als ich heute kurz auf die Beschaffung von Dokumenten und SMEs warten musste, googelte ich, was „Reddy“ eigentlich heißt, das an viele Namen angehängt wird. Also in Form von „Mr. Vorname Nachname Reddy“. Reddy, so fand ich heraus, ist die Bezeichnung einer hohen Kaste aus Südindien. Telugu, genauer gesagt. Mein erster Reflex war, das sehr, sehr seltsam und rückständig zu finden, Kastensystem ist ja auch pfui, hab ich in der Schule gelernt. Dann fiel mir aber das deutsche „von“ ein, oder die Briten mit ihrem Sir, Dame, Lord, usw. und das ist sicher nicht direkt vergleichbar, aber es ist nun auch nicht so, als würde man im Westen Klassenbezeichnungen (solange sie anzeigen, dass man einer [vermeintlich] „höheren“ Klasse angehört) nicht traditionell auch gerne heraushängen lassen.

Solche Gedanken mache ich mir nebenbei.

Noch ein Tag. (Uff.)

Tag 2231 – Nicht lachen.

Drei nordeuropäische paar Ohren, drei mal mehr oder weniger starke nordeuropäische Akzente (meine Kollegin sagt immer „…, or what?“ und ich muss immer ein bisschen darüber schmunzeln). Indisches Englisch auf der anderen Seite, zwei Tage Pause – heute wieder völlig hoffnungslos. Das heißt, nicht völlig. Die individuellen Unterschiede, wie heftig der Dialekt (???) ist, sind sehr groß, manche verstehen wir gut und andere… naja halt einfach mal gar nicht. Die ratlosen Gesichter meines Kollegen und meiner Kollegin, die aber stets bemüht waren, die Contenance zu bewahren (man will ja die andere Seite nicht beschämen), waren heute kurzzeitig zu viel für mich und ich musste kurz den Raum verlassen und außer Hörweite über diese absurde Situation lachen. Mein Kollege, der irgendwas fragt und etwas zur Antwort bekommt, von dem wir maximal einzelne Worte verstehen. Ich, die die selbe Frage noch mal anders stellt, in der Hoffnung, die gleiche Antwort noch mal anders formuliert zu bekommen, auf dass man sich aus zwei mal Brocken irgendwas zusammenreimen kann. Meine Kollegin, die mit Pokerface am Ende der völlig unverständlichen Antwort einfach „Yes, thank you“ antwortet, auf fragendem Blick aber mit einem kaum merklichen Kopfschütteln antwortet und hinterher sagt, die hätten auch antworten können, dass sie alle Steriltests vorm Inkubieren autoklavieren, sie hätte es nicht bemerkt.

Ich lache wirklich nicht über die. Ich lache über uns.

Mal gucken, ob ich in dem Tonfall träume. Ich finde den indisch-englischen Tonfall nämlich eigentlich sehr einlullend, vielleicht auch, weil so viel Energie dabei drauf geht, den Inhalt zu erfassen.

Tag 2300 – Grusel.

Michel war natürlich erst mal sehr traurig. Wir hatten ihn aber gestern schon darauf vorbereitet, dass Muffin vielleicht bald stirbt und er fing sich recht schnell und ging dann gewohnt pragmatisch an die Sache. „Wo ist Muffin jetzt?“ – „Draußen. In einem Schuhkarton.“ [Aus zwei Gründen, 1. wollte ich nicht, dass Michel morgens als erstes über den toten Muffin stolpert, 2. wollte ich lieber kein totes Tier mit dem Bauch voller Gas bei Raumtemperatur aufbewahren. Den Karton hatten wir noch Raubtiersicher verpackt, für alle Fälle.] „Können wir den Karton einfach mit begraben?“ – „Ja, so war das gedacht.“ [Deshalb haben wir vorher noch sämtliches Klebeband abgefriemelt, ich hebe ja eigentlich keine Schuhkartons und ähnlichen Müll auf, in dem hier hatten wir mal Post bekommen und dann war er in den Abstellraum gewandert.] „Ok, gut, ich will das JETZT machen.“

Also hatten wir eine sehr spontane kleine und sehr unzeremonielle Beerdigung auf Raben-Art (unsentimental). Michel hat einen Platz unter seinem Apfelbäumchen ausgesucht, als Grabbepflanzung dient ein fast abgegraster Topf Petersilie aus der Küche und Michel möchte noch einen Stein bemalen. Beide Kinder haben noch mal geguckt, wie Muffin im Schuhkarton lag und jetzt wird er Apfelbaumdünger.

Abends hat Michel das Grab dekoriert. Mit „Augen“.

Pippi war auf einer Halloweenparty, als Gruseleinhorn-Patomimen-Prinzessin. Als ich sie abholte, kam sie mir freudestrahlend entgegen: „Mama, ich hab ganz viel Cola getrunken!“

Memo to self: Allen, wirklich allen Norwegern, die mit den Kindern zu tun haben, mitteilen, dass MEINE KINDER KEINE COLA DÜRFEN, GAR KEINE, AUCH KEINE ZUCKERFREIE.

Hier waren recht viele Kinder zum Trick-or-treat-en, Herr Rabe hatte da vorgesorgt und deshalb war das auch gar kein Problem. Besonders freute mich das Mädchen, das über seinem Zombiekostüm eine Reflexweste des norwegischen Diabetesverbandes trug. Chrchrchr.