Tag 2030 – Es könnte alles sehr viel besser sein.

Es ist ein scheiß mit der Pandemie. Ich mag das Homeoffice nicht, Herr Rabe auch nicht. Dänemark will nen Impfausweis, Norwegen macht meistens was Dänemark macht und freut ihr euch auch schon so drauf, dass Rentner*Innen im Sommer wieder reisen dürfen, während Familien mit Kindern, solange die Eltern unter 45 Jahre alt sind (in Norwegen), weiter extreme homehocking betreiben? Falls wir geimpft werden, dann nämlich vermutlich erst im Herbst. Ganz ehrlich, da muss ich ein bisschen brechen, wenn ich daran denke: seit März machen wir den ganzen Mist brav mit um die Risikogruppen zu schützen und ab März machen wir dann die Cafés wieder auf für die nun geimpften Risikogruppen, wir bedienen ungeimpft in diesen Cafés, dürfen uns aber selbst nicht reinsetzen? Eff Ypsilon. Das wäre ja alles noch verständlich, wenn jede einfach nen Termin machen und ne Impfung kriegen könnte, wenn sie will. Aber so ist es ja nicht, wir warten ja brav in der 5-Millionen-Leute-Schlange bis wir aufgerufen werden. Auch wenn mein Arbeitgeber zum Beispiel ein gewisses Interesse daran haben dürfte, dass ich meinem Job wieder nachgehen kann ohne mich und* andere zu gefährden, kann auch mein Arbeitgeber nicht dafür sorgen, dass ich geimpft werde. Geht einfach nicht, und das ist ja auch gut und richtig so und ich freue mich sehr für die Geimpften in den Pflegeheimen, die in Norwegen ab nächster Woche wieder höchst offiziell umarmt werden dürfen. Ehrlich. Aber Mobilität erhöhen (wer ermöglicht diese Mobilität denn? Flugbegleiter*Innen, Busfahrer*Innen, Fährpersonal…), von allen vermisste Dinge für Gruppen wieder zulassen, die rein zufällig irgendeinen Faktor erfüllen – Alter, bestimmte Krankheiten – finde ich weder klug noch fair noch solidarisch.

Und all dieses Ausgeliefert sein, diese Ohnmacht, macht so müde. Homeoffice macht mürbe. Selbst Herr Rabe beschwert sich schon und der ist echt nicht von der klagenden Sorte. Morgens mit Halsschmerzen aufwachen und als erstes checken, ob der Geruchssinn noch funktioniert, macht eine fertig. Die Nachrichten rauben mir den letzten Nerv.

Da braucht es nur ein paar wild durcheinander redende Kinder und ich muss danach erst mal ein Nickerchen machen, weil ich völlig im Eimer bin.

Corona soll jetzt bitte endlich weg sein. Der Film, der immer noch scheiße ist, hat jetzt auch noch unerträgliche Längen dazu bekommen.

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*aus Gründen bezweifle ich das zur Zeit

Tag 2029 – Grau.

Wir müssen ja noch das Schlafzimmer streichen. Und zwar bevor in etwa vier Wochen der Einbauschrank aufgebaut wird. Und am besten wäre es, wenn der Schrank in einer zur Wand passenden Farbe lackiert würde, was vor dem Aufbau passieren muss, weshalb wir das jetzt so langsam mal entscheiden müssen, welche Farbe Wand und Schrank haben sollen.

Da wir im Hinterkopf ja so Norwegisch sind, dass wir immer denken, dass wir das Haus in absehbarer Zeit wieder verkaufen, sollte darüber hinaus die Farbe nicht abschreckend auf diese zukünftigen potentiellen Kaufinteressent*Innen wirken und die Farbe sollte mit dem Boden harmonieren. Und weil wir nicht jedes Zimmer grünlich streichen wollen, war alles grün und petrol auch raus. Die Wahl fiel grob auf… hellgrau. Fröhliches, lebensbejahendes Uni-Bielefeld-Betongrau. Den Schrank ganz hell, fast weiß, aber einen Tucken abgetönt in grau-gelb (etwas dreckiges Ei). Die Wand dann dunkler, vielleicht Richtung Totes-Meer-Gesichtsmaske, oder doch bläulicher (Wasserleiche?), oder grünlicher (Moorleiche?)? Das müssen wir morgen bei Tageslicht mal gucken. Denn so wie auf dem Bild sind die Farben schon mal nicht.

Das Besorgen dieser Karten war übrigens nicht so eine große Freude. Aufgrund unserer hohen Inzidenz im Kaff gehe ich nur noch mit FFP2-Maske in Läden. Und ich muss gestehen – schön ist das nicht. Ich kriege nicht so gut Luft und verstehe selbst kaum, was ich sage, was dazu führt, dass ich übermäßig laut spreche, was mir dann wieder unangenehm ist. Das alles zusätzlich zu meinem generellen Maskenproblem mit beschlagender Brille. Also langer Rede kurzer Sinn: mein Vorsatz wird wohl zu einer weiteren Minimierung der Einkaufstouren führen. Und hoffentlich geht unsere Inzidenz bald wieder runter.

Tag 2028 – Teurer Wasserkocher.

Meine Oma hatte so einen Miniboiler in der Küche, der hing über der Spüle an der Wand. Da waren, weiß nicht, so 2-3 Liter Wasser drin und das Ding hatte einen eigenen Hahn, aus dem man dann, wenn man das Wasser im Tank per Knopfdruck zum Kochen gebracht hatte, kochendes Wasser zapfen konnte. Ich hatte als Kind da ziemliche Angst vor, weil ich generell Angst vor allem hatte (heute nenne ich es Respekt und meine dasselbe) und man sich sowohl an dem heißen Wasser als auch an dem Hahn selbst übel verbrennen konnte. Ich und der Küchenboiler schlossen erst so richtig Freundschaft, als ich als Teenie auf Haus und Hund aufpassen durfte, während meine Großeltern im Urlaub waren und ich auf dem Sofa lümmelnd sehr viel Harry Potter las und Früchtetee mit Honig trank.

Das war schön und jetzt werd ich ein bisschen wehmütig, weil die Küche meiner Oma schon lange nicht mehr da ist.

Wie dem auch sei, wir haben jetzt einen Miniboiler in der Küche. Einen 7-Liter-Wassertank, in dem Wasser auf 110 Grad erhitzt wird und einen Hahn, aus dem wir per Push-Push-Turn dieses Wasser in nahezu dieser Temperatur entnehmen können.

Angenehmer Nebeneffekt: nach zweieinhalb Jahren in diesem Haus haben wir endlich auch in der Küche einen dichten Wasserhahn. Den alten Hahn reparieren zu lassen wäre sicher günstiger gewesen, aber Herr Rabe und ich finden solcherlei Quatsch ja durchaus Geld wert und werden über kurz oder lang auch das Blubbergerät dazu kaufen*, dann kann aus dem Hahn nämlich auch Blubberwasser fließen und der gute alte Sodastream in Rente gehen.

Den behalten wir hoffentlich länger als den Rest der Küche.

Ach, ich freu mich.

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*ist erst ab April/Mai überhaupt in Norwegen erhältlich und wenn es kein Einführungsangebot gibt, zunächst sicher erst mal sauteurer. Und noch sieht der Sodastream nur fertig aus, funktioniert aber, wir haben also keine Eile.

Tag 2026 – Verquatscht (x2).

Michel wurde heute von seinem sehr spontanen Kumpel zum Film schauen eingeladen. Michel ist nicht sehr spontan. Und obwohl er Lust hatte, schaffte er es nicht, sich darauf einzulassen. Ich bat an, ihn hinzubringen, dann war es halbwegs ok, allerdings gestand er mir dann beim Warten im Flur in der Lautstärke des Flügelschlags eines Schmetterlings, dass er einfach am liebsten gar nicht allein da bleiben wolle. Ich sagte, ich könne noch ein bisschen bleiben, aber nicht ewig.

Dann bot mir die Mutter des Kumpels ein Glas Wein an, wir saßen schlussendlich jede an einem Ende der Küche und Michel hatte den Luxus, Mama den ganzen Film über greifbar zu haben.

Das war ein sehr netter Filmabend, doch. Es tut gut, sich hin und wieder in 3D mit einem anderen Menschen auszutauschen. Mit dem man nicht zusammen wohnt.

Nur wie wir Michel jemals wieder von uns loseisen sollen, ist mir grad ein Rätsel. Mehr Routine, mehr Vorausschaubarkeit, auf alles vorbereiten, mehr reden, nehme ich an. Noch mehr.

Natürlich musste trotzdem im Bett vorgelesen werden und wir sind bei Harry Potter jetzt langsam da angekommen, wo es eigentlich zu spannend ist, um es vorm Schlafen zu lesen. Michel versteckte sich vor lauter Aufregung unterm Kissen und quiekte laut und war insgesamt sehr gespannt – ich sagte ihm irgendwann, dass es noch weitere Bände gibt, in denen Harry und seine Freunde auch alle auftauchen, also niemand stirbt. Ich gestehe ja, dass ich bei spannenden Bücher erst den Anfang, dann das Ende und dann alles dazwischen lese, ich dachte, vielleicht hilft ihm das. Wir werden sehen, was passiert, wenn er selbst liest.

Im Anschluss in der Twitterkneipe versackt. jetzt müde, so viel Sozialkontakt an einem Tag, das überfordert mich doch.

Tag 2025 – Noch eine kurze Meldung.

Es passiert halt kaum was hier zu Hause. Einer oder eine fährt die Kinder zur Schule und zum Kindergarten, beide arbeiten, eine oder einer holt die Kinder ab, mehr Arbeit, essen, gegebenenfalls Online Freunde treffen, repeat.

Da hat eine dann auch nix zu schreiben. Morgen muss ich mal die Schweinchen zu irgendwas tollem animieren, Stöckchen holen oder so, damit das hier nicht zum langweiligsten Blog aller Zeiten verkommt.

Tag 2024 – Kurzmeldung.

Zwei Stunden Sport und ich bin komplett im Eimer.

Viel Arbeit. Hatte mir Anfang des Tages eine halbe Stunde nur zum Planen des Tages genommen. Das mache ich jetzt glaube ich öfter, ich hab nämlich so viel Kleinscheiß zu tun, dass mir in den letzten Monaten immer öfter Sachen durchrutschen.

Abends hat mir mein Kollege auf dem Mundstück seines großen Blechblasinstruments (ich weiß nicht welches, keine Tuba, keine Posaune, vielleicht etwas das laut Google Euphonium heißt?) eins vorgetrötet, nachdem ich ihm vom Caroffice aus angerufen hatte, um nach seiner Meinung in einer Sache zu fragen. Passender weise kam da auch Pippi ins Auto und musste sofort erzählen, dass sie beim Kulturhjulet Trompete gespielt haben und „Wie will wok ju“ gesungen. Wenn das so weiter geht, hat sich mein Kollege am Ende der Pandemie über Teams mit beiden Kindern angefreundet, über gemeinsame Blechblasnerderie. (Ich fänd ein Holzblasinstrument für Pippi ja passender, oder tatsächlich ein Streichinstrument. Ach mal sehen, was ihr gefällt.)

Tag 2023 – Wunder.

Wunderbar, wundersam, ein Wunder. Unsere halbherzigen Maßnahmen wirken, die Zahlen sehen durchaus richtig gut aus. Ich freue mich nicht darüber, schaffe ich nicht, weil ich nicht erkennen kann, dass es irgendeine Ursache hat, die beeinflussbar ist. Ich schaue nach Deutschland, wo die Zahlen lange nicht im selben Verhältnis sinken, wie hier, trotz strengerer Maßnahmen. Ich schaue nach England, wo die Maßnahmen zumindest auf dem Papier um Größenordnungen strenger sind als hier. Ich schaue in den norwegischen Supermarkt, in dem die Pimmelnasenparade stattfindet, ich schaue in die norwegischen Medien, in denen nach wie vor der Meter als allerkritischstes Mittel des Infektionsschutzes postuliert wird, ich schaue in ein norwegisches Krankenhaus, in dem 15 Patient*Innen (dort!) angesteckt wurden, von denen einige inzwischen leider verstorben sind, und das weiterhin sagt, es sei nicht empfohlen gewesen, Mundschutz zu tragen bei Patientkontakt unter 15 Minuten, also habe man sich diesbezüglich nichts vorzuwerfen. (Soweit ich weiß ist das nach wie vor nicht ausdrücklich empfohlen und wird dementsprechend auch vielerorts nicht gemacht.)

Wir hatten/haben einen B.1.1.7-Ausbruch und es sieht aus, als würde selbst der glimpflich vorüber gehen.

Und all das kann ich mir wirklich nicht mehr anders erklären als durch Magie. Ein Wunder halt.

Besser Wunder als Verschwörungsmythos.

Tag 2022 – Tagaus, tagein.

Ist halt blöd, wenn Arbeit das spannendste ist, was einer so passiert und sie da aber nix drüber erzählen darf. Dann bleibt nicht so viel.

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Michel hatte heute das erste mal „Aspirantkorps“, also Anfänger-Schul-Marschkapelle. Er fand es super und will unbedingt in diese Marschkapelle. Äh, Ja, gut. Sie sehen mich mittelmäßig begeistert, Marschkapelle ist so gar nicht meins, aber wenn es ihn glücklich macht, macht es ihn glücklich und dann macht es mich auch glücklich. Für die Auftritte gibt’s ja Ohropax. Danach sind wir zusammen nach Hause gegangen, das war schön. Der Schnee knirscht jetzt wieder.

Tag 2021 – Gepflegt abnerden.

Der Arbeitstag war aus Gründen extrem lang und aus anderen Gründen bis auf kurze Lichtblicke leider extrem bescheiden. Aber morgen werde ich ein Meeting haben, für das ich mich unter anderem vorbereitet habe, indem ich in meiner Doktorarbeit geblättert habe. Endlich, ENDLICH was, wo ich mich kompetent fühle. (Also abgesehen von meinen im direkten Vergleich zu meinen Kolleg*Innen überragenden Excel-skills.)

Es ist nicht alles schlecht an Covid-19.