Tag 1941 – Bier nur noch zu Hause.

Wir wohnen zwar nicht in Oslo, auch nicht in einer angrenzenden Kommune, sondern in zwei Kommunen weiter, aber ich gebe unserem Kaff noch zwei Wochen, bis wir vergleichbar strenge Maßnahmen wie Oslo haben. Die sind ab in fünfzehn Minuten: alles schließt um Mitternacht, ab 22 Uhr darf keiner mehr rein, es gibt keinen Alkohol und man muss Mundschutz tragen, solange man nicht am Tisch sitzt. Meine Theorie dazu: ausgehen soll so wenig Spaß wie möglich machen, damit man es einfach gleich bleiben lässt. Darüber hinaus sind alle Freizeitaktivitäten für Erwachsene verboten*. Kinos, Theater, Fitnesscenter: zu. Party zu Hause/im Garten/egal wo mit mehr als 10 Leuten: verboten. Oberstufe: Homeschooling.

Wie gesagt, ich gebe Viken noch zwei Wochen.

Ganz hedonistisch ist mir das grad alles egal, ich bin heute wieder nach Hause gekommen, um zehn nach neun, recht fertig und mit ganz leichtem Fließschnupfen, yeah. Das einem eine ganz leicht laufende Nase mal derartig peinlich sein kann, hätte ich ja auch nicht gedacht. Keine Sorge: ich rieche noch alles und huste auch nicht.

Am Wochenende wird zu Hause gerödelt. Der Onesie ruft.

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Verboten as in: tatsächlich verboten. Strafrechtlich verfolgbar.

Tag 1940 – Im Eimer.

Jöss, ich bin so müde. Inspektion ist anstrengend. Auch interessant. Wieder was anderes. Aber – uff.

Ich vermisse die Kinder, eins ist krank (natürlich, denn es ist immer ein Kind krank, wenn ich auf Inspektion bin) und schreibt mir süße Nachrichten, es ist zum Knutschen.

Hotelbett ist schon auch nice, aber wohl für ne Weile wieder das letzte Mal. Maaaaann. Scheiß Corona.

Tag 1939 – Die Illusion von gerade.

Das Hotel, in dem ich grade bin, heißt Zollhaus. Ich nehme mal ganz stark an, es ist in einem alten Zollhaus. Jedenfalls ist das Haus sehr alt, auch wenn das Hotel darin sehr modern ist. Und da muss man sich eben was einfallen lassen, damit die Gäste nicht nachts aus dem Bett plumpsen.

Das mit der Spiegelleiste ist halt schon klug gemacht.

Morgen Corona-Pressekonferenz. März wiederholt sich tatsächlich.

Tag 1938 – Hotelzimmeraussichten Teil 5.

Pittoresk.

Es ist wirklich richtig hübsch hier. Vielleicht ist meine Wahrnehmung auch gefärbt davon, dass es das erste mal seit März ist, dass ich in einem Hotelbett liege und nach Hotelshampoo rieche. (Habe ich eigentlich mal erwähnt, wie toll ich es finde, dass ich kurze Haare habe? Es ist super gut, einfach färben, bleichen, schneiden und weirde Shampoos ausprobieren zu können, weil alles maximal ein paar Monate hält. Ich ruiniere nicht durch Haarfarbe meine Spitzen und damit die durch jahrelange, mühselige Pflege erreichte Länge, und wenn die Spülung die Haare schwer macht, so what, sie sind ja kurz und kleben nicht am Kopf. Kurze Haare for life!)

Im März, beim letzten Hotelaufenthalt, waren wir am Anfang der 1. Welle und die Inspektion wurde wegen sehr spontanem Lockdown hauruckmäßig in drei statt vier Tagen durchgezogen. Jetzt sind wir am Anfang mittendrin in der 2. Welle, es wird endlich auch so benannt Hallelujah und der Gesundheitsminister kündigt neue Maßnahmen noch diese Woche an. Mal sehen, ob wir diese Inspektion wie geplant fertig machen dürfen.

Ich wollte echt nie in spannenden Zeiten leben. März fühlt sich an wie hundert Jahre her und was ich an meinem Geburtstag schrieb wie die total weltfremde Einstellung einer 15-Jährigen. 2020 könnte meinetwegen jetzt vorbei sein. 2021 auch, wenn wir schon dabei sind, ich sage nämlich schon mal gewohnt positiv voraus, dass die spannenden Zeiten noch so ein Jährchen dauern dürften.

Tag 1936/1937 – Schön, schön.

Das Wochenende war tatsächlich so richtig rundum schön. Es hat sehr gut getan, mal wieder die Freunde zu sehen und lange zu quatschten. Es hat auch sehr gut getan, die Kinder nicht 24/7 bespaßen zu müssen, weil die noch ein weiteres Kind, einen Hund und drülfzig Tonnen Zeugs zur Beschäftigung hatten. Hach, hach. Es war wirklich gut. Auch wenn Pippi um zehn nach sieben neben meinem Bett stand und mich vorwurfsvoll fragte, warum wir Chips gehabt hätten.

Es war auch sehr schön, als Herr Rabe zurück kam und wir noch einen halben Sonntag und einen ganzen Apfelkuchen zusammen hatten.

Die Kinder wurden leider wohl doch beide bei den jeweiligen Geburten vertauscht und mögen keinen Apfelkuchen.

Ich ignoriere Twitter, Corona und Trump nach Kräften, weil ich da keine Kapazitäten für habe. Twitter und Trump klappt gut, Corona leider gar nicht. Alle saufen Lack, eine 2. Welle ist erst, wenn die Lage eskaliert und man appelliert jetzt an die Gefühle der Menschen. Wir wollen doch alle ein koseliges Weihnachten haben, ODER??? Ich befürchte, auch damit erreicht man wieder nur diejenigen, die eh schon vernünftig und vorsichtig sind („flink“, wie es auf Norwegisch heißt), die haben dann ein schlechtes Gewissen wegen dem wenigen, was sie noch tun und der Rest… tja. Scheißt drauf. Und dann machen am Ende eben doch wieder Schulen und Kindergärten zu, damit wenigstens die Eltern jüngerer Kinder mit dem Arsch zu Hause bleiben müssen, was dann ausgleicht, dass andere weiter Parties feiern und große Hochzeiten ausrichten. Aber das ignoriere ich alles, backe noch einen Apfelkuchen, koche eine Tonne Apfelmus, bügle im Meeting meine Blusen (ein Hoch auf Kamera aus!) und bereite mich auf die wahrscheinlich letzte Inspektion des Jahres vor. Schubidu.

Ich hab ja jetzt ein Wochenende, an das ich immer mal zurück denken kann.

Tag 1935 – Fehlt nur…

Wir sind bei den Corontänefreunden. Ich weiß jetzt, dass die nicht nur ein wunderschönes, riesiges Haus haben, sondern sogar eine komplette kleine Gästewohnung mit Bad und Schlagzeug. Ich habe Pippi mehrmals erklärt, dass ich nicht nach Hause fahren kann, obwohl sie doll Heimweh hatte, weil man von Wein lustig im Kopf wird und dann nicht mehr Auto fahren kann und auch nicht mehr Auto fahren darf. Jetzt schlafen alle drei Kinder im „mittleren Wohnzimmer“, ich schlafe im Gästetrakt, der Hund furzt schläft im Flur und die Corontänefreunde schlafen im Bett (nehme ich an).

Fehlt nur Herr Rabe.

Und Normalität, die fehlt halt auch.

Tag 1934 – Gamifisering.

Aus Gründen machen Herr Rabe und ich ja in, oh, vier Wochen schon, den Einbürgerungstest. Allerdings macht niemand einen Sprachtest, auch das aus Gründen. Jedenfalls sollte man für den Einbürgerungstest doch ein bisschen üben und so haben wir uns eine App dafür heruntergeladen und je 99 Kronen für die Vollversion bezahlt. Weil ich, wieder aus Gründen, Twitter grad nicht ertrage, brauche ich eh eine Ersatzhandlung und was bietet sich da besser an, als ein bisschen Wissen zu daddeln. Der Test, den ich machen werde – aus, Sie ahnen es, Gründen ein anderer als der, den Herr Rabe machen wird – besteht aus 38 Multiple Choice Fragen, von denen 29 richtig beantwortet werden müssen. Ich kann also so Fragen wie nach dem Gründungsdatum der UN (24.10.1945) oder der Unterzeichnung des Schengenvertrags (14.6.1985) ruhig verkacken, wenn ich dafür weiß, wie viele Kinder das aktuelle Königspaar hat (2) oder wie hoch Galdhøpiggen ist (2469 Meter). Oder halt weiß, was Religionsfreiheit bedeutet oder Demokratie.

Letzteres ist natürlich für mich Pipifax, aber es deprimiert auch ein wenig, zu wissen, dass das für manche Erwachsene, die nach Norwegen einwandern wollen, ganz neue Erfahrungen sind. Dass es Länder gibt, wo „Gewaltenteilung“ höchstens ein nettes Konzept ist, das auf dem Papier existiert, wenn überhaupt, aber die Lebensrealität sieht anders aus. Andererseits braucht man sich gar nicht mal so weit aus „unserem“ Kulturkreis herausbegeben und schon ist man in einem Land mit nur 2 politischen Parteien, in dem der Staatschef die obersten Richter*Innen aussucht und versucht, die Medien zu kontrollieren, und in dem unliebsame Wähler*Innengruppen aktiv an der Ausübung ihrer demokratischen Grundrechte gehindert werden. Ab nächster Woche dort dann echte Diktatur.

Herr Rabe ist nicht da, der macht gruselige Sachen: Präsenzveranstaltung in einem Hotel, mit Übernachten, mit Leuten aus ganz Norwegen. Es gibt ein Hygienekonzept (und wie man weiß, verhindert das allein schon jede Ansteckung) und solche Veranstaltungen sind in Norwegen (noch) nicht (wieder) verboten, also kann die Buchung auch nicht gecancelt werden, ohne dass man auf den Kosten sitzen bleibt. Es ist alles wunderschön.

Tag 1933 – (sehr) müde.

Also die Inspektion, die ganz anders geplant war, haben der Kollege und ich heute gut hinter uns gebracht. Die Firma natürlich auch. Zur Abwechslung war es auch mal ganz ok, in einer sehr sehr kleinen Firma, in einem Tag durch und um viertel vor fünf dort raus zu sein.

Trotzdem bin ich sehr urlaubsreif. Vielleicht nehme ich mir übernächste Woche einen Tag frei (dann wird bestimmt ein Kind krank, lieber nicht zu laut drüber nachdenken).

Müde bin ich auch, sehr sogar. Zeit für Licht aus. Morgen Report schreiben. Zwei Reports schreiben. Und tausend andere Dinge. Eieiei.

Tag 1932 – Nicht aufregen.

Alles geht weiter, irgendwie. Im März war Deutschland nach Norwegen dran mit den Kontaktbeschränkungen durch geschlossenes alles mögliche, dieses Mal wird es wohl anders herum sein. Weil wir ja keine zweite Welle haben.

Carona hat jetzt Winterreifen drauf und Caronas Bremsen wurden geschmiert. Der Winter kann kommen. Dafür ist das Konto leer.

Morgen fahre ich wieder Model 3, Hurra. Morgen fahre ich wieder im Berufsverkehr nach Oslo, damn.

Die norwegische Regierung hat beschlossen, die Sprachanforderungen für Leute, die die norwegische Staatsbürgerschaft beantragen wollen, zu ändern. Überall stand „verschärfen“, tatsächlich verschärft wird aber nur der mündliche Teil. Der schriftliche – entfällt! Tadaaa. Ist mir egal, Herrn Rabe nützt es gegebenenfalls sogar, weil er keinen strukturierten Assay über Umweltpolitik oder Zivilcourage oder sowas schreiben muss, sondern nur drüber palavern können muss. In normalem Tempo, ohne, dass das Gegenüber extra langsam spricht. Wenn man dafür keine 300 Stunden Sprach- und Gesellschaftskundekurs mehr belegen muss, finde ich das erleichternd statt verschärfend, aber da hab ich bestimmt einfach irgendwelche Politikdinge übersehen. Wie auch immer, bis das entsprechende Gesetz geändert ist, fließt noch ne Menge Wasser die Glomma runter.

So, Michel ist in seinem Bett wieder eingeschlafen, nachdem ich ihn eben quer in unserem Bett auf der Decke und einem Klamottenstapel liegend auffand. ich hab den ja schrecklich lieb, aber der ist langsam echt groß und unser Bett nicht mitgewachsen. Ich gehe jetzt aber auch endlich schlafen.

Tag 1931 – Keine Welle.

So hier sieht das aus, wenn Norwegen keine 2. Welle hat.

Ernsthaft, die, die diese Zahlen rausgeben, sagen, das sei keine 2. Welle.

Ja dann!

(Heute endlich offiziell Bescheid bekommen, dass wir weiter Homeoffice haben. Forskrift om forebygging av koronasmitte, Oslo kommune, Oslo Paragraph 4 erfüllt, Check.)

Los, komm, wir sterben endlich aus.