Tag 3004 – Autschn.

Heute haben wir einen Familienausflug gemacht, denn hier hat Ende August ganz in der Nähe eine Kletterhalle aufgemacht. Jetzt ist es so, dass ich da so ein bisschen (hahahahaha, eher total) vorgeschädigt bin, denn vor Herrn Rabe hatte ich ja durchaus auch schon Beziehungen, eine davon über sechs Jahre, und dieser Ex war sehr sehr sportlich. Als wir uns kennenlernten war das hauptsächlich Laufen und Badminton, aber dann schleppte ihn der kleine Bruder eines Freundes mal mit in den „Boulderkeller“. Ab da war er mehr in diesem Boulderkeller als sonst wo, und weil ich meinen Freund auch ab und zu sehen wollte, war ich auch da. (Uff, der Muff da. Uff, uff, uff. Käsefüße, Schweiß, Chalk und olle Turnmatten, in einem Keller. Uff.) Der Keller gehörte zum Alpenverein, der irgendwann beschloss, eine richtige Kletterhalle in einem alten Kornsilo zu bauen. Zu dem Zeitpunkt waren wir dann auch alle schon im Alpenverein, was in Bielefeld mit seinem 400 m hohen „Berg“ schon auch ein bisschen lustig ist. Die Kletterhalle war auch noch nur ein paar hundert Meter von dem Tanzsaal, den der Tanzverein, in dem ich war (im Vorstand, das mache ich auch nicht noch mal), zeitgleich baute. In dem Tanzsaal habe ich Parkett geschliffen, in der Kletterhalle Wände gestrichen. Quasi mein kompletter Freundeskreis war auch ständig in dieser Kletterhalle, als sie dann stand. Als irgendwann mit dem Ex Schluss war, kam ich mit einem aus dem Freundeskreis zusammen, der ebenfalls boulderte. Kurz: ich war für viele Jahre ständig in Kletterhallen. Ich war sogar in Fountaine Bleau für Urlaub, und auf der Weltmeisterschaft in München als Zuschauerin, 2000irgendwas. Ich selbst war nie gut, nicht mal ambitioniert, aber kletterte ganz gerne so ein bisschen rum und stellte mich ansonsten bereitwillig zum Sichern zur Verfügung. Es war auch nicht schlimm, den oberkörperfreien Männern mit ihren durchtrainierten Rücken beim Bouldern zuzugucken, ähäm. Der Ex besitzt (? führt? keine Ahnung wie die geschäftlichen Arrangements da sind) inzwischen zwei eigene Boulderhallen, eine in Paderborn und eine in Bielefeld und wir sind immer noch ok miteinander, also gehen Sie da ruhig hin, BlocBuster, und grüßen Sie schön.

Trotzdem war das heute so ein bisschen wie eine Zeitreise in eine ganz andere Zeit. Eine, in der ich körperlich und psychisch irgendwie wesentlich fitter war, und in der ich sowas wie ne Clique hatte. Die ist jetzt weg. Seit vielen Jahren schon, und im Gegensatz zum Ex tut der Verlust des kompletten Freundeskreises tatsächlich immer noch weh, wenn ich mich daran zurück erinnere. Was man zwangsläufig tut, wenn man sich nach vielen Jahren das erste mal wieder in diese Fußmordenden Schuhe quetscht.

Aber, was viel wichtiger ist, als mein PTBS: die Kinder hatten total Spaß. Die sind ja auch beide vom Körperbau ideal, haben lange Arme und Beine und wiegen quasi nichts. Pippi kletterte überaus ausdauernd die Wände hoch und runter (sichern musste man nicht, das waren automatisch sichernde Top-Ropes), Michel war sehr gut im Bouldern. Wie ich kletterte er zumeist die Boulder wieder runter, weil es viel zu gruselig ist, 3-4 Meter runter zu springen (mein Beckenboden fand das auch gar nicht so lustig, als ich es dann doch mal probiert habe). Wie Kinder generell sind Pippi und Michel auch recht respektlos und probieren einfach, wo erwachsene Schisshasen wie ich eher aufgeben und sich in Ruhe von unten Lösungen überlegen.

Also – für die Kinder gern wieder. Für Herrn Rabe auch. Für mich – naja. Jetzt bin ich auf den Schmerz, nicht nur den körperlichen, vorbereitet. Geht dann vielleicht auch irgendwann besser, auch körperlich. Morgen werden wir Erwachsenen das aber vermutlich bereuen.

Tag 3003 – Verschnauft weiter.

In den letzten Tagen habe ich dringend benötigten Schlaf nachgeholt und war dann auch tatsächlich um halb zehn heute morgen schon ausgeschlafen. Nicht die „uffz, Hrmpf, kind of wach, Augen verklebt, könnte mich noch mal rumdrehen, wie spät ist es OH MEIN GOTT SCHON ELF???“ sondern die „wach, könnte aufstehen und den Tag beginnen, wie spät ist es, ach ja, halb zehn, geht ja noch“ Art von ausgeschlafen. Mir ist klar, dass das für viele der totale Luxus/die totale Zeitverschwendung ist, so lange zu schlafen, und ich möchte bitte nicht für mein Schlafbedürfnis gejudged werden, ich brauche eigentlich mindestens acht Stunden Schlaf und hatte letzte Woche vielleicht so fünf pro Nacht. Wenn Sie mit weniger Schlaf klar kommen oder generell singend um 5 aus dem Bett springen, freue ich mich ehrlich für Sie, nur ich tu‘s nicht.

Jedenfalls war ich dann wach, habe es gemütlich angehen lassen, bin irgendwann nach Oslo gefahren um Flicken für Outdoor-Kleidung zu kaufen, war irgendwann auch wieder zu Hause, habe besagte Flicken an eine Hose angebracht, eine lange Geigensession gemacht und dann war auch schon Abend.

Anekdote: ich trage ja immer Sonnenbrille und war im Laden zu faul, die abzunehmen (im Stoffladen ist es aber auch brutal hell und fieses Neonröhrenlicht). Ich griff 4 schwarz aussehende Flicken aus dem Regal und stellte mich an der Kasse an. Die Kassiererin sagte, einer der Flicken sei schwarz, die anderen aber blau. Ups, sagte ich, ich geh die kurz tauschen, ich brauche schwarze Flicken. Verließ also den Laden mit vier schwarzen Flicken um zu Hause festzustellen: die Hose ist blau. Tiefdunkelblau, nahezu schwarz, genau wie die Flicken, die ich fast versehentlich gekauft hätte. War mir dann aber auch egal und jetzt sind halt schwarz-schwarze Flicken auf einer blau-schwarzen Hose.

Jetzt Licht aus. Morgen kommt die Putzhilfe, da ist nichts mit schlafen bis länger als sieben. (Guck, schon wieder keine acht Stunden Schlaf.)

Tag 2999 und 3000 – Verschnaufen.

Fertig inspiziert. Hurra! Wir waren sogar früher fertig als geplant. So konnte ich den Rest des Arbeitstages (etwa 30 Minuten) nutzen, um meinen Antrag auf mehr Gehalt bei den jährlichen Gehaltsverhandlungen einzureichen. Ich hasse das sehr, weil es so ein ekliger Mischmasch aus selbst verhandeln und die Verhandlung anderen (der Gewerkschaft z.B.) überlassen ist. Wir reichen was ein, mit Begründung warum wir „besser“ als 80% der anderen Angestellten sind, dann geht das durch drei oder vier (weiß ich grad nicht mehr, das System ist so unübersichtlich) Priorisierungsrunden und am Ende kommt irgendwas dabei raus. Involviert ist man selbst nur zu Anfang, danach muss man dem System vertrauen. Letztes Jahr habe ich ein trauriges Prozent durch diesen Prozess bekommen, mein Vertrauen in das System ist gelinde gesagt etwas angeschlagen.

Wie dem auch sei, ich holte dann Pippi ab und fuhr quasi direkt weiter zu meiner Geigenstunde. Die war tatsächlich überraschend gut, ich habe Lob bekommen für meinen Bach (!!!) aber auch Tchaikovsky und er sagte was von Durchbruch und enormer Verbesserung. Wir diskutierten ein paar fortgeschrittene Konzepte, ich erfuhr (durch Schmerz), dass er nicht gut Klavier vom Blatt ablesen kann und um zu vermeiden, dass ich wieder erst in 6 Wochen eine Stunde abgemacht bekomme, haben wir direkt in zwei Wochen den nächsten Termin ausgemacht. Bis dahin werde ich mich im Übertreiben üben, damit ich ein paar extra Sicherheitslayers habe, die ich bei Nervosität einfach abziehen kann und darunter ist es trotzdem noch hübsch, sauber und interessant.

Montag und Dienstag habe ich mir spontan frei genommen und ich werde auch konsequent keinen Finger fürs Werk rühren. Dafür bin ich auch viel zu platt. Und habe zu viel zu tun damit, Bach und Tchaikovsky innerhalb von zwei Wochen fertig zu polieren.

Tag 2998 – Es ist alles kompliziert.

Die Inspektion grad ist noch mal auf anderen Ebenen eine Herausforderung als eh schon. Meine nicht vorhandenen pädagogischen Fähigkeiten werden auf die Probe gestellt und gleichzeitig versuche ich irgendwie im Alleingang das leckende Inspektions-Boot an Land zu rudern, ohne dass selbiges allzu offensichtlich ist.

Und jetzt mache ich die Augen zu, morgen muss ich wieder für mindestens 1,5 Leute arbeiten. Hmm.

Tag 2996 – Alles machen.

Der erste Inspektionstag war noch nicht so schlimm und ich war um sieben zu Hause. Quasi Luxus. Totaler Luxus: abends was vernünftiges essen (von Herrn Rabe zubereitet), Pippi ins Bett bringen, einen Spaziergang machen und noch ein bisschen Geige spielen. Sogar duschen war ich. Fast wie so jemand mit einem normalen Job. Man sollte vielleicht dazu sagen, dass ich zur Site nur 30 Minuten mit dem Auto fahre, ich habe also die für mich kürzest mögliche Anreise und muss dadurch auch erst um viertel nach acht los. Morgen auch noch ungeschminkt, da spare ich noch mal 10 Minuten vor dem Spiegel. Wie im Urlaub, ey.

Leider liegt jetzt ein Schniefnasenmichel hier in unserem Bett. Also leider sowohl weil er schnieft (armer Zwerg) und weil er in unserem Bett liegt (arme wir). Ich werde wohl gleich in sein Bett umziehen. Meh.

Tag 2992 und 2993 – Geheim geheim.

Heute haben wir bei der Arbeit was lustiges gemacht (oder was Leute wie wir halt so lustig finden, ne?), aber ich darf nicht drüber sprechen.

Ansonsten habe ich zwar die letzten Tage viel (viel viel VIIIIIEEEEL) zu viel gearbeitet, bin aber jetzt on Track mit allem. Also auf sowas wie null. Näher an Null komme ich nicht mehr.

Uff, das war saumäßig anstrengend. Dagegen wird mir die nächste Woche (Inspektion) wahrscheinlich wie Urlaub vorkommen.

Tag 2991 – Auf und ab.

Arbeit war wie erwartet. Beste drei Stunden Arbeit des Tages: als ich mich, nachdem ich nach eigentlich erledigtem Arbeitstag, mich zu Hause noch mal an den Schreibtisch gesetzt habe und da endlich in Frieden ein paar Dinge wegarbeiten konnte. Ohne Unterbrechungen. Hurra!

Michel hatte gestern einen handfesten Meltdown und war heute überaus friedlich und ausgeglichen. Hausaufgaben hat er zwar auch heute nicht gemacht, aber nach gestern bin ich fast so weit, durchzuboxen, dass er gar keine Hausaufgaben mehr machen muss. Ich habe zwar das Gefühl, dass das neue ADHS-Präparat besser ist als das alte, aber das gestern war nicht schön. Für keinen. Es sind halt keine Wunderpillen.

Apropos Wunderpillen: der Lieblingskollege hat seit zwei Wochen Probleme mit dem Ischias und furchtbare Schmerzen. Ich überhörte heute unbeabsichtigt was, und weiß jetzt, dass ich zum Heulen aufs Klo gehe, andere gehen zum laut Stöhnen aufs Klo. Genau wie bei Michel mit seinen Hausaufgaben würd ich echt gern was machen können, weil er mir so leid tut. Aber seit heute Mittag hat er immerhin Schmerzmittel, die helfen.

Beim Strategiebullshitzeitverschwendungsseminar haben wir „alterndes Inspektorat“ halb scherzhaft als Risiko identifiziert. Lieblingskollege war not amused, aber musste dann zum Arzt, sich große Mengen Schmerzmittel verschreiben lassen. Q.e.d.