Wir müssen ja noch das Schlafzimmer streichen. Und zwar bevor in etwa vier Wochen der Einbauschrank aufgebaut wird. Und am besten wäre es, wenn der Schrank in einer zur Wand passenden Farbe lackiert würde, was vor dem Aufbau passieren muss, weshalb wir das jetzt so langsam mal entscheiden müssen, welche Farbe Wand und Schrank haben sollen.
Da wir im Hinterkopf ja so Norwegisch sind, dass wir immer denken, dass wir das Haus in absehbarer Zeit wieder verkaufen, sollte darüber hinaus die Farbe nicht abschreckend auf diese zukünftigen potentiellen Kaufinteressent*Innen wirken und die Farbe sollte mit dem Boden harmonieren. Und weil wir nicht jedes Zimmer grünlich streichen wollen, war alles grün und petrol auch raus. Die Wahl fiel grob auf… hellgrau. Fröhliches, lebensbejahendes Uni-Bielefeld-Betongrau. Den Schrank ganz hell, fast weiß, aber einen Tucken abgetönt in grau-gelb (etwas dreckiges Ei). Die Wand dann dunkler, vielleicht Richtung Totes-Meer-Gesichtsmaske, oder doch bläulicher (Wasserleiche?), oder grünlicher (Moorleiche?)? Das müssen wir morgen bei Tageslicht mal gucken. Denn so wie auf dem Bild sind die Farben schon mal nicht.
Das Besorgen dieser Karten war übrigens nicht so eine große Freude. Aufgrund unserer hohen Inzidenz im Kaff gehe ich nur noch mit FFP2-Maske in Läden. Und ich muss gestehen – schön ist das nicht. Ich kriege nicht so gut Luft und verstehe selbst kaum, was ich sage, was dazu führt, dass ich übermäßig laut spreche, was mir dann wieder unangenehm ist. Das alles zusätzlich zu meinem generellen Maskenproblem mit beschlagender Brille. Also langer Rede kurzer Sinn: mein Vorsatz wird wohl zu einer weiteren Minimierung der Einkaufstouren führen. Und hoffentlich geht unsere Inzidenz bald wieder runter.
Wunderbar, wundersam, ein Wunder. Unsere halbherzigen Maßnahmen wirken, die Zahlen sehen durchaus richtig gut aus. Ich freue mich nicht darüber, schaffe ich nicht, weil ich nicht erkennen kann, dass es irgendeine Ursache hat, die beeinflussbar ist. Ich schaue nach Deutschland, wo die Zahlen lange nicht im selben Verhältnis sinken, wie hier, trotz strengerer Maßnahmen. Ich schaue nach England, wo die Maßnahmen zumindest auf dem Papier um Größenordnungen strenger sind als hier. Ich schaue in den norwegischen Supermarkt, in dem die Pimmelnasenparade stattfindet, ich schaue in die norwegischen Medien, in denen nach wie vor der Meter als allerkritischstes Mittel des Infektionsschutzes postuliert wird, ich schaue in ein norwegisches Krankenhaus, in dem 15 Patient*Innen (dort!) angesteckt wurden, von denen einige inzwischen leider verstorben sind, und das weiterhin sagt, es sei nicht empfohlen gewesen, Mundschutz zu tragen bei Patientkontakt unter 15 Minuten, also habe man sich diesbezüglich nichts vorzuwerfen. (Soweit ich weiß ist das nach wie vor nicht ausdrücklich empfohlen und wird dementsprechend auch vielerorts nicht gemacht.)
Wir hatten/haben einen B.1.1.7-Ausbruch und es sieht aus, als würde selbst der glimpflich vorüber gehen.
Und all das kann ich mir wirklich nicht mehr anders erklären als durch Magie. Ein Wunder halt.
Wenn ich die Nachrichten aufmache, also die echten Nachrichten, „Norsk Rikskringkasting“, schlägt mir Pandemiepandemiepandemie entgegen und… mir geht mal wieder das Verständnis aus. Keine 60 km von hier, keine halbe Stunde mit dem Zug, ist alles dicht. Noch mal 20 km weiter ist B.1.1.7 aufgetreten, die britische Variante. Ich verstehe nicht, wie man die Proben vom 3. bis zum 22. Januar einfach hat liegen lassen können. Proben, die wegen eines Verdachts, man habe es mit einer ansteckendere. Mutante zu tun, eingeschickt wurden. Ich verstehe nicht, dass „hohe Tiere“ behaupten, es würde eine Woche dauern, eine Probe zu sequenzieren. Warum ruft keiner der Journalisten in einem x-beliebigen Labor an und fragt nach, ob das stimmt? Warum??? Weiterhin verstehe ich nicht, warum unsere und auch alle anderen (Pendler-)Kommunen zwischen hier und Oslo nicht auch strengere Maßnahmen einführen. Wo man davon ausgehen muss, dass möglicherweise eine deutlich ansteckendere Variante fast drei Wochen Zeit hatte, sich unter Pendler*Innen aus allen Himmelsrichtungen auszubreiten.
Verständnis habe ich angesichts solcher Banane-Aktionen nur noch für Leute, die das alles nicht mehr verstehen. Die sich die Haare ausrauben, bis keine mehr übrig sind. Die sich zurückziehen, weil es zu viel Banane überall ist. Die stunden-, ach was, tagelang Lego sortieren, wo vorher selbst das Besteck einfach in eine große Schublade geworfen wurde. Die das selbst denken aufgegeben haben und stumpf machen, was zum jeweiligen Zeitpunkt am jeweiligen Ort erlaubt ist, weil es zu viele Kapazitäten frisst, jeden Tag aufs Neue überlegen zu müssen, was *richtig* und was *falsch* ist. Ich verstehe sogar die, die an Verschwörungsmythen glauben, weil vieles so viel einfacher zu verstehen wäre, wenn sich irgendein Schurke diesen ganzen Scheiß ausgedacht hätte um uns zu ärgern. Die Annahme, dass die Bestimmer*Innen zum Großteil ahnungslos herumstolpern, ist eine unangenehme, denn dann liegt im Prinzip unser aller Schicksal in den Händen von… naja. Nicht sonderlich klugen Menschen. (Alternativ kann eine nur noch annehmen, dass das ahnungslose Herumgestolpere volle Absicht und lang gezogene Pandemie mit vielen Opfern das Ziel ist und da sind wir wieder bei Verschwörungsmythen, nur aus der anderen Richtung. Glaube ich. Hoffe ich.)
Verstehe ich alles.
Man muss irgendwie zusehen, dass man über all dem, über 2020 und nun auch 2021, nicht verrückt wird.
Hoffentlich werden im Hintergrund schon die Therapieplätze für nach der Pandemie aufgestockt. Andererseits… das bestimmen die Bestimmer*Innen von oben.
___
Hier ein hübsches Bild von meinem Spaziergang gestern. Ich möchte bald mal ein Mal die ganze Runde gehen, aber gestern wurde es, wie man sieht, dunkel und heute hatten wir meckerige Kinder dabei. Aber Bäume, Schnee und Fluss stecken nicht an und ballern eine auch nicht mit Unverständnis auslösenden Nachrichten zu.
Zuerst einmal: vielen Dank für all die Beileidsbekundungen. Es ist wie es ist, ausgesucht hat sich das niemand so.
___
Norwegen dreht frei, denn, nachdem zunächst erschreckend wenig und noch viel erschreckender langsam sequenziert wurde, ist heute klar geworden: B.1.1.7 ist da. Surprise*! Drei meiner Kolleginnen sind nun downgelockt. Also so richtig, so mit Schulen und Kindergärten und alles außer Lebensmitteleinzelhandel und Apotheken zu. Für Oslo wird Ähnliches möglicherweise morgen früh folgen. Und wenn es in Oslo ist, (wovon auszugehen ist) ist es hier auch bald. Oh the joys.
Ich erwähnte es bereits, aber ich sage es noch mal: ich mag nicht mehr. Wirklich gar nicht. Auch zwei Gläser Wein helfen da nur bedingt.
___
*Überhaupt gar nicht. Wonach man nicht sieht, das sieht man halt nur wenn man drüber fällt.
Norwegen schippert ja weiterhin relativ unberührt durch die Coronakrise. Wir haben knapp über fünfhundert Todesfälle bisher, davon nur 3 unter 40 Jahren und 9 unter 50 Jahren, über 85% waren über 70. Wir können noch gut behaupten, es stürben hauptsächlich „die Alten“ und „die Kranken“ und selbst da eigentlich nur „die Alten unter den Kranken“. Bei uns ist das so. Wir testen Kinder einfach nicht, dann werden sie auch nicht krank. Wir testen Familienmitglieder von Menschen in Quarantäne ohne Symptome nicht, die werden also auch nicht krank. Und seit heute möchte ich nur noch schreien. Es ist so weit, ich bin Corona-panisch geworden. Wie das kam? Ich war in einem Krankenhaus.
Morgen habe ich den Termin bei der Endokrinologin. Heute musste ich deshalb eine Stunde pro Weg zum Krankenhaus fahren, um eine Blutprobe nehmen zu lassen. Schon auf dem Weg fiel mir signifikante Rush-Hour-Problematik auf, also fahren wohl doch recht viele zur Arbeit, aber das ist vielleicht auch einfach ein Effekt der norwegischen Gemeinschaftspanik vorm ÖPNV, denn DA! DA steckt man sich an! ÖPNV IST FURCHTBAR GEFÄHRLICH. (in norwegen). Insofern: Schwamm über den Stau.
Aber im Krankenhaus empfing mich eine Dame mit Gesichtsschild und befragte mich zu meinem Coronastatus. Gesichtsschild mit Maske? Nein. Gesichtsschild ohne Maske. Die anderen Kontrolleur*Innen hatten Masken auf, diese nicht. Ich verkniff mir den „Sie wissen, dass das gar nichts bringt, weder Ihnen noch mir?“-Kommentar mit Mühe. Ich wollte nur rein, Nadel in den Arm, wieder raus. Reden macht Aerosole, also wenig reden.
Dann ging es weiter. Frau an der Blutentnahmerezeption: keine Maske, halbe Plexiglasscheibe. Viele Patient*Innen dort, wenige Sitzgelegenheiten, Abstand so lala, manche achten drauf, andere… naja halt nicht so. Manche Patient*Innen und deren Betreuende ganz ohne Maske (in meinem Brief stand, das Maske tragen sei Pflicht während des gesamten Aufenthalts in der Klinik). Ein paar schlecht sitzende Masken und mehrere Pimmelnasen. Niemand, der irgendwas zu irgendwem sagt, zum Beispiel „Nase rein!“ oder „das ist kein Kinnschutz!“. Nach einer Viertelstunde bin ich dran, Bioingenieurin holt mich ab – keine Maske. Niemand trägt dort Maske. NIEMAND. KEINE. EINZIGE. ANGESTELLTE.
In dem winzigen Entnahmeräumchen ist an einer Seite des Stuhls eine kleine Plexiglasscheibe angebracht. Aus Gründen will ich aber, dass am linken Arm Blut abgenommen wird. Die Bioingenieurin ohne Maske geht also um die Plexiglasscheibe rum und nimmt mir Blut ab. Blut abnehmen geht nicht ohne sich relativ nahe zu kommen. Wir haben weder Abstand noch Maske (also die, ich schon) und sind in einem winzigen Raum mit geschlossener Tür.
So schnell war ich nach der Probe noch nie aus dem Raum. Die Bioingenieurin lächelt, als ich unbeholfen und noch den Wattebausch auf meinen Arm pressend mit dem Ellenbogen die Tür aufmache. Auf dem Weg raus durch den engen Flur kommt mir ein älterer Herr mit Gesichtsschirm OHNE MASKE entgegen. Es ist nicht ansatzweise Platz genug um aneinander vorbei zu kommen und dabei noch den norwegischen mickrigen Meter Abstand zu halten. Ich drehe mich mit dem Gesicht zur Wand und atme flach. Der ältere Herr und danach noch drei Patient*Innen schlurfen an mir vorbei, dann ist endlich eine Lücke im Gegenverkehr, die groß genug ist, damit ich raus kann ohne irgendwelchen Pimmelnasen zu nah zu kommen.
Im Laufschritt gehe ich Richtung Ausgang. In der Krankenhausapotheke frage ich nach FFP2-Masken und werde von maskenlosen PTAs hinter kleinen Plexiglasscheibchen angeschaut, als hätte ich grad gefragt, ob sie zufällig das Bernsteinzimmer irgendwo liegen hätten.
Wieder im Auto möchte ich am liebsten in Tränen ausbrechen. Kann aber nicht, weil ich 10 Minuten später ein Meeting habe. Wegen warten vor der Blutentnahme, warten auf sich anziehende Kinder und Stau ist die Chance, bis 10 Uhr wieder zu Hause zu sein, vertan. Ich nehme mein Meeting also auf einem Mc Donalds-Parkplatz wahr. Oh the glory.
Alles an diesem Bild war vor einem Jahr noch undenkbar.
Auf dem Rückweg kaufe ich mir dann in Jessheim bei Clas Ohlson eine Packung FFP2-Masken. Niemand schaut mich schräg an. Alle haben Masken auf.
Für morgen. Und wann immer ich da noch mal hin muss.
Long story short: dass Norwegen bisher gut klarzukommen scheint, ist reines Glück. Ich bastle mir für morgen vielleicht noch ein Schild mit „40% ASYMPTOMATISCHE INFEKTIONEN! ATTACK RATE PRÄSYMPTOMATISCH 1,25! DAS SIND EURE EIGENEN ZAHLEN ZUM FICK NOCHMAL!!!“
Ich fasse es immer noch nicht. In einem effing Krankenhaus ist das komplette Personal ohne Maske unterwegs, im Laden nebenan aber mit Mundschutz. Wenn die Bioingenieurin morgen nen positiven Test hat – was dann? Gehen wir dann davon aus, weil es ja in Norwegen weiter keine Aerosole gibt, dass ich die Klinke ja nicht angefasst hab und deshalb safe bin? Ist es der Laden, aus dem ich dann Covid habe, weil da ja ne Plexiglasscheibe irgendwo in dem Blutabnahmeräumchen installiert war?
Ich möchte schreien. Einfach nur noch alle anschreien, die sich derart unverantwortlich verhalten. Die so unverantwortliche Richtlinien rausgeben. Es ist ne Pandemie, immer noch, wollen wir wirklich warten, bis irgendeine Mutation auch durch uns einmal durcheskaliert? Es kann doch nicht sein, dass sich im Krankenhaus Leute infizieren und sterben (nachzulesen hier) und die Leitung des Krankenhauses sagt ERNSTHAFT „Wir machen alles, was wir müssen, das Wichtigste ist Abstand.“ UND ES WERDEN WEITERHIN KEINE MASKEN GETRAGEN WEIL ES JA KEINE AEROSOLE GIBT AHHHHHHHH.
Entschuldigen Sie den Ausbruch. We are doomed. Bisher hatten wir einfach nur unwahrscheinliches Glück.
Diese Homeofficetage gehen halt einfach an mir, an uns, vorüber. Aufstehen, Kinder wegbringen, Arbeit, Michel kommt zurück [ggf. Hausaufgaben, freitags aber nicht], Arbeit, Pippi abholen, Arbeit, Essen machen, Kinder ins Bett, vorm Fernseher/der Playstation/Medien versacken, Bett, repeat. Eintöniger geht es kaum.
Montag sagen sie, wie es weiter geht ab… naja Montag. Sehr seltsam. Da ihnen am 3.1. abends aber die Student*Innen aufs Dach gestiegen sind, die bis dahin dachten, sie müssten ab dem 4. morgens wieder zur Uni (und die deshalb von ihren Familien in die Unistädte gereist waren), deuten sie jetzt schon mal mit Zaunpfählen winkend an, dass die jetzigen Maßnahmen fortgesetzt werden. Ich bin gespannt, ob national und für wie lange. Spielt für uns ja durchaus eine Rolle, weil ich das durchzuziehen gedenke, dass Michel so lange nicht zum Sporthort geht. Und Pippi auch nicht zum Tanzen oder zur Kulturschule. Ende.
Im Michels Klasse sind zwei Kinder in Quarantäne. Schon allein deshalb halte ich es für eine komplett hirnrissige Idee, Kohorten mehr als unbedingt nötig zu mischen.
(Dass die Kinder getestet werden ist übrigens unwahrscheinlich, es sei denn sie bekommen Symptome. So kann man halt auch dafür sorgen, dass Kinder „sich nicht so oft anstecken“.)
Ach ja. Bald ist wieder Zyklustag 1 und alles viel rosiger.
So langsam reagiere ich ein bisschen allergisch auf die Frage „wie läufts bei euch“, weil halt. Läuft, muss ja, aber dieses extreme homehocking macht mich fertig. Ich meine – unser Team hat die Teams-Meeting-Phase erreicht, in der wir nicht mal mehr den verschwommenen Hintergrund einsetzen, sollen doch alle die Hochzeitsbilder, Zimmerpflanzen und Bücherregale im Hintergrund sehen. Who cares. Aber so ein Tag mit 4,5 h Meeting (nicht komplett am Stück) schlaucht enorm und dann ist es am Ende des Arbeitstages auch schon wieder dunkel.
Das schlimmste ist eigentlich, dass ich, wenn ich mir unsere Infektionszahlen so anschaue, nicht davon ausgehe, dass wir vor dem Sommer das Büro in nennenswertem Grad zu sehen bekommen. Mimimi. Ich mag nicht mehr. Scheiß Pandemie soll jetzt endlich weg gehen.
Mir ist ja auch völlig bewusst, dass ich auf hohem Niveau jammere, immerhin sind meine Kinder den halben bzw. 7/8 des Arbeitstages außer Haus betreut. Vorerst. Wenn ich mir unsere Zahlen so angucke…
Es ist zum Heulen.
Darüber hinaus hab ich mir den Magen verdorben – mit Tee. Lakritztee. Trinken Sie niemals große Mengen lange gezogenen Lakritztee. Das hat den Effekt, vor dem auf Katjespackungen gewarnt wird, nur habe ich den mit Katjes und co. noch nie erreicht (und das liegt ganz sicher nicht daran, dass ich die nie übermäßig verzehre). Jetzt aber also mit Tee.
Was schönes: ich habe, auf einer Playlist, die „Alternative 00ers“ heißt, die Band „Mother Mother“ entdeckt und bin sehr verliebt. Das ist sehr gute Musik (zu der man bestimmt gut arbeiten kann, wenn man nicht grad den ganzen Tag Meetings hat). Ich bin da sicher ganz doll late to irgendeiner Party, man möge mir vergeben, ich hörte erst vor kurzem, dass es diese Party überhaupt gibt. Hier ein Video: The Stand .