Tag 853 – Growin‘ up like a boss.

Ich hatte es ja schon angedeutet: die Telefongespräche mit den Schweden waren nicht so ganz erfreulich. Es ging um Geld, aber nicht nur, ich schlug zum Beispiel andere Möglichkeiten, mir unter die Arme zu greifen, vor und es wurde einfach alles abgeblockt. Machen wir nicht, haben wir nie, werden wir nie, friss oder stirb, das war der Tenor. Ich hatte meinen Betrag ja nun genannt und war entschlossen, bei einem bestimmten Betrag darunter nein zu sagen und so kam es dann auch. Heute im Bus auf dem Weg zur Arbeit musste ich den Schweden leider mitteilen, dass ich zu deren letztem Wort leider keine Möglichkeit sehe, darauf eine Zukunft in einem anderen Land aufzubauen. Badumm, Tssss. Tja schade, dann viel Glück und schon war ich raus aus dem Bus. Leicht zittrig ging ich zur Arbeit und wurde natürlich sofort von allen möglichen Leuten gefragt, ob ich was von dem Job gehört hätte und die Reaktionen auf mein „Ich hab grad abgesagt“ rangierten von Verständnis über mehr oder weniger gut geheucheltes Verständnis bis zu entsetztem „Du bist verrückt!“. Tjanun. Können sich alle gern da bewerben und sich dann tot arbeiten und mit dem Lohn grad so über die Runden kommen, vom Umzug und der damit verbundenen Kohle und vor allem den Nerven mal ganz zu schweigen. Trust me, ich bin schon mal in ein fremdes Land gezogen und musste alles selbst organisieren, das ist absolut nicht ohne und, Jöss, ist das denn so schwer sowas zu sagen wie „wir können ja mal Angebote für Expat-Agenturen einholen“? Damit wär ich doch schon viel zufriedener gewesen.

(bester Mann.)

Egal, jedenfalls brennt mir natürlich das Feuer jetzt wieder etwas spürbarer unterm Po. Und während ich so mein zweites Drittel Daten hin und her schob und plottete und rechnete und rätselte, fasste ich den Entschluss, mit Eisen Nummer 2 ein bisschen zu pokern. Von einem kleinen Raum im Keller des „Banksals“, wo wir heute Instituts-Weihnachts-Mittagessen hatten, rief ich also mein zweites Eisen an und sagte (wahrheitsgemäß), ich hätte nun ein anderes Angebot vorliegen, sei aber weiterhin sehr interessiert an der Stelle und (nicht so ganz wahrheitsgemäß) möchte nichts entscheiden ohne nochmal mit ihnen gesprochen zu haben. Und überhaupt, es hätte sich kurzfristig ergeben, dass ich Donnerstag in Deutschland sein könnte. (Ich kam mir schon total souverän vor, ich stand quasi neben mir und bewunderte mich für meinen Mut und meine sympathische Offenheit und so.) tja, und wie soll ich sagen: der Recruiter rief etwas später wieder an, zu welcher Uhrzeit ich denn könne, wann mein Rückflug ginge und was ich denn so verdienen wollen würde. Bei letzterem hat er mich offen gestanden kalt erwischt, ich hatte keine Ahnung von den deutschen Verhältnissen, das sagte ich auch und dann sagte ich, was ich in Norwegen anstreben würde und was das in Euro wäre. Und er lachte mich zumindest nicht aus, sondern klang als wäre das eine okaye, möglicherweise sogar recht niedrige Forderung. Es sieht also so aus, als hätte ich mich quasi dreist selbst zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen (möglicherweise bin ich die geborene Chefin. Für Projektmanagement sollte es jedenfalls reichen). Am Donnerstag. DIESEN Donnerstag. Wenn ich (morgen, hoffentlich) die Bestätigung für den Termin bekomme, buche ich die Flüge, fliege dann Mittwoch nach der Arbeit nach Deutschland, übernachte bei einem Bekannten, rede Donnerstag mit dem Eisen, fliege dann nach Hannover, übernachte bei meinem Onkel, fahre mit meinem Onkel am Freitag zu der Beerdigung meines Opas, verpasse das KiTa-Weihnachtsfest und die kleine Arbeitsgruppen-Weihnachtsfeier, gehe mit der Familie essen, fahre wieder nach Hannover und fliege zurück nach Trondheim.

Und dann schreib ich meine Thesis fertig und alles wird gut.

(Nach dem Weihnachts-Mittagessen ging ich übrigens wieder zur Arbeit und plottete das letzte Drittel Daten, das während des Essens angekommen war. Von nix kommt ja nix, ne?)

Auto-Lobhudelei: Bwaaahahaha. Heute fand ich mich mal rundum saucool und erwachsen. Steht alles da oben. Selbstzweifel dann ab morgen wieder oder wenn ich in nem halben Jahr immer noch arbeitslos bin. Aber heute habe ich auf die Entscheidung, den Schweden abzusagen, den Sekt aufgemacht, den ich am Dienstag nach dem Angebot gekauft habe.

Tag 842 – Ok.

Schöne Zahl.

Bin auf dem Sofa eingeschlafen und erst wieder wach geworden, als sich meine Brille fies in meine Nase und mein iPad, das auf der Sofalehne lag, in meinen Hinterkopf bohrte. Wegen Abschminkenzähneputzen bin ich jetzt wieder unangenehm wach und kann ihnen wenigstens erzählen, dass heute ein Okay-er Tag war, ich habe zwar keine Resultate bekommen und das macht mich wahnsinnig, aber die Methods-section des Artikels kann ich ja trotzdem schreiben und die hab ich heute runtergetippert, die ist soweit fertig. Morgen werde ich die Einleitung anfangen. Des Weiteren hab ich heute in der Gegend rumtelefoniert: einmal, weil uns irgendein A*schloch den Außenspiegel am Auto angefahren hat und ich diese unbekannte Person gerne pro Forma anzeigen möchte, für die Statistik und damit meine Wut einen Kanal hat; und nach dem Mittagessen hab ich bei der Stelle aus Schweden mal nachgehakt, das macht mich ja dezent fertig, dass die sich nicht melden, das war ja beim letzten Mal nicht so ein gutes Zeichen. Diesmal ist aber alles gut, der Personalmensch rechnet mir sehr gute Chancen aus, es waren alle sehr zufrieden mit dem Interview, Donnerstag Nachmittag oder Freitag werde ich hören, wie es da weiter geht. Und gut, dass ich angerufen hätte, dann wüsste er ja, dass ich noch Interesse habe. Klar hab ich Interesse und um eventuell eine etwas bessere Basis zu haben, schickte ich danach noch eine Bewerbung ab, auf die zu bewerben mir der Chef-Recruiter der Firma nach Lesen meines CVs und einem gut halbstündigen Telefonat (am Donnerstag, ich berichtete nicht, weil ach…) empfohlen hat. Das wäre halt kein Labor mehr, also eigentlich… noch besser.

Es wird. Wenn ich jetzt noch etwas weniger trøtt og lei wäre…

Tag 836 – Pause. Vielleicht.

Hier sollte ein amüsanter Text über Kekse stehen, oder die norwegische Süßigkeitenversorgung, oder Hautcremes, oder sowas.

Aber jetzt liege ich hier mit höllischen Kopfschmerzen, nachdem ich (erfolglos) versucht habe, meinen CV umzugestalten, neben mir der immer noch kranke und wehleidige Michel. Morgen habe ich ein Meeting, weil mein Chef ganz elegant meinen Versuch, Arbeit an ihn abzutreten, abgebügelt hat mit den Worten „oh, Frau Rabe ist leider grad nicht da, vielleicht wäre es besser, wenn wir auf sie warten?“ und alle so yeah, außer mir. Ich komme hier zu Hause zu nix, es ist echt alles ziemlich kacke und „nebenher“ noch Bewerbungen schreiben setzt mich grad sehr unter Druck und – ich schaffe es nicht. Eine Firma werde ich morgen noch anrufen, und dann ist Pause bis nach der Abgabe. Ich kann mir grade auch die Frustration durch Absagen nicht mehr antun. Ich bin schon (viel zu) hart zu mir selbst, „du bist blöd“ von außen führt nur zu, tja, zu Heulerei und Ohnmacht und Lähmung. Für die Diss ist noch genug (hahaha, ich könnte auch zwei Monate mit Arbeit füllen) zu tun und da brauche ich grad alle eh schon knappen Ressourcen, vor allem nervlich.

Und morgen schreibe ich dann mittags. Bevor alles scheiße wird. Kann sich ja niemand mehr anhören hier.

Tag 0815 – A. is the nicest guy ever.

Also, he is incredibly smart AND handsome. Welcome, Mr. Computerinder!

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Mein Kollege hat meinen Blog gefunden. Tjanun*, ich hab es ja nicht aktiv verheimlicht, aber ich bin tatsächlich ein bisschen nervös, dass das jetzt hier Kreise zieht und demnächst mein Chef** besser weiß als mir lieb ist, wie wenig ich mit der norwegischen Art, Konflikte zu hantieren*** zurechtkomme. Aber egal, mich hemmt das ja nicht (muhahaha).

Leider ist ansonsten heut wenig passiert. Ich saß laaaaaaange am Mikroskop, ich habe ein (in Worten: ein) Stress granules gesehen, ich habe auch herbes Photobleaching gesehen (und die Pi-Elektronen sind schuld, wie an allem) und konnte deshalb nicht gerade schöne 3D-Bilder von dem Stress granule machen. Zwei Bewerbungen geschrieben, eine davon ohne zu wissen, worauf genau, weil außer der Überschrift und dem Standort keine Information abrufbar war. TJANUN. Daten ausgewertet und Unterschiede gesehen. Hurra! Wir mögen Unterschiede. Unterschiede lassen sich viel besser diskutieren, als keine Unterschiede.

Sonst war nix. Aber hier ein „Video“ von meinen schnaufi-schnarch-fiependen Kindern. Ich geh tot, so niedlich sind die. Wenn sie schlafen.

Fehler
Dieses Video existiert nicht

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* Was macht Google Translate eigentlich aus Tjanun? Hmm?

** Who, by the way, is the best supervisor ever. Of course. Very supportive.

*** Ich überlege grade: das sagt man auf deutsch nicht so, oder? Oje, was ist nur aus mir geworden.

Tag 808 – Würdest du auch nach [random Ort einfügen] ziehen?

Ja.

(Das war ja einfach.)

Längere Antwort: Nein, ganz random nicht. Ich möchte in Europa bleiben, ich möchte irgendwo hin, wo wir auch die nächsten Jahre bleiben können, ich möchte aus Gründen nicht unbedingt nach England (sollen die erstmal klären, welche Ausländer sie mit ihrem Ausländer Raus meinen, und sich dann was für die anderen überlegen), ich kann kein Französisch, Italienisch oder Griechisch und mein Spanisch ist unterirdisch schlecht. 

Am liebsten würde ich in Skandinavien bleiben, am allerliebsten in Norwegen, aber so langsam sitze ich auf heißen Kohlen und die Verzweiflung setzt ein und besser, ich kämpfe mit der Vereinbarkeit in Deutschland, als dass ich arbeitslos in einem der teuersten Länder der Welt bin.

Soviel dazu. Dann: was würde ich denn gerne machen? Nun ja, erstmal weg aus der akademischen Welt. Ich könnte mir unter Umständen Forschung in einer Firma vorstellen, aber dann muss das ganze Drumrum auch passen und das Thema muss was sein, was ich kann und mag, also: irgendwas mit Proteinen (ich bin echt gut in Proteinanalytik und Downstream Prozessentwicklung) oder mRNA base modifications, was aber in der Industrie frühestens in 10 Jahren überhaupt wen interessieren dürfte. Am liebsten möchte ich aber nen normalen Job haben ganz raus aus der Forschung. Ich könnte mir sehr gut Qualitätsmanagement oder Regulatory Affairs für mich vorstellen, oder Medical Writing. Nur habe ich in den Bereichen keine Erfahrung vorzuweisen (QM noch am ehesten, weil die Firma, bei der ich gearbeitet habe, so miniklein war, dass alle alles machen mussten und ich dementsprechend auch SOPs und Validierungspläne und Abweichungsberichte und Risk Assessments und so Zeug eben erstellt hab), aber ich bin ja ein exceptionally fast learner, nicht wahr? 

Am allerliebsten würde ich übrigens für die gute Seite der Macht arbeiten, zum Beispiel für die EMA oder das PEI oder eben das norwegische legemiddelverket. Aber auch da ist reinkommen schwer, wenn man nur einen grotting schlechten Grundkurs in Forschungsethik hat und einen alles in einem Semester erschlagenden Kurs in Drug development, der sehr an der Oberfläche herumkratzte, was rechtliche Grundlagen für Medikamentenzulassungen betrifft.

Tja. Also wenn wer wen kennt, der wen kennt, ne? Ich kann ab Januar.

Tag 807 – Back to business.

42 mal poly(A)-RNA isoliert. Zum letzten Mal.

Eine Bewerbung geschrieben. Immerhin, nachdem ich heute morgen so müde war, dass ich die Augen kaum aufbekam, finde ich das eine Leistung.

Elterngespräch im Kindergarten. War. Ich war sehr müde und sehr gestresst und sehr dankbar, dass einer der männlichen Betreuer das Gespräch mit mir hatte. Das hat nämlich nur halb so lange gedauert, wie die zwei anderen Elterngespräche, die wir bisher da mit Frauen hatten. Kann aber genauso gut auch an meiner Wortkargheit gelegen haben. Fazit jedenfalls: Kinder sind super, ein paar Minibaustellen gibt es schon (unter anderem findet der Kindergarten, dass Pippi undeutlich spricht), aber nix, was ich dramatisch finde.

Jede Menge alte Proben, die niemand mehr braucht aufgeräumt. Aufgeräumt = weggeworfen. Ich finde das ja sehr befreiend. Auch ein paar -80er-Leichen gefunden, zum Beispiel eine ganze Box voll aufgereinigtem Bitch-Protein, mit Mutationen, ohne Mutationen, hinten trunkiert, vorne trunkiert, mit His-Tag, ohne His-Tag, Maus und Human. 

Schönen Nachmittag mit Pippi allein gehabt. Dabei ist mir aufgefallen, wie „groß“ die geworden ist. Auch ihr Gesicht hat sich verändert. Übers Wochenende, quasi (und nein, das liegt nicht nur dran, dass die Bläschenkrusten kamen und jetzt langsam wieder abklingen). Vermutlich erklärt das, wieso sie im Moment gerne mal rumpelstilzt. Nachts. 

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Pippi: „Laser Puppen?“

Ich: „?“

Pippi: „Laser Puzzeln?“

Ich: „Laser…?“

Pippi: „Mama Pippi Laser puzzeln? *zeigt auf Schnoddernase*“

Ich: „Ahh, du willst Nase putzen?“

Pippi: „Ja.“

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Über dem ganzen Hand-Mund-Fuß-Mist ist mir entgangen, dass bei Pippi eine Ecke des 5. Backenzahns durchgebrochen ist.

Viel über Freundschaft nachgedacht. Muss ich mal zu bloggen. Aber dazu jetzt zu müde.

Tag 806 – Puh.

Seltsamer Tag. Ging damit los, dass Michel ein dickes Auge hatte, das sehr ähnlich aussah, wie das, was ich in Bergen hatte. Also Vereinbarkeitsspagat mit Einbindung des Besuchs, der nach dem Arzt- und Apothekenbesuch Michel dahin brachte, wo der Kindergarten auf Ausflug war. Herr Rabe brachte Pippi mitsamt ihrer Hand-Mund-Fuß-Krusten in den Kindergarten, während wir beim Arzt waren. Dann Arbeitarbeitarbeit, zum letzten Mal Zellen mit krebserregendem Zeug behandelt, zum letzten Mal Zellen fixiert. Die Fischleute angerufen und… eine Abfuhr kassiert. “Es liegt nicht an Dir, es hatte nur jemand anders einen stärkeren Hintergrund.” Joa. Geatmet, nicht geheult, geatmet, zum letzten Mal RNA isoliert. Aus 42 Proben, für die ich versehentlich die DNAse für 50 Proben verbrauchte, so ganz konzentriert war ich also wohl nicht. 

Dann super gute Nachrichten von Frau Brüllen. Hurra! 

Während der RNA-Isoliererei schleichende Erkenntnis: Ich bin irgendwie erleichtert, dass das mit den Fischleuten nicht geklappt hat. Vermutlich hätte ich mich tatsächlich nach ein paar Jährchen da gelangweilt. Und dann wäre ich in einem Job, von dem aus ein Wechsel auch recht schwierig wäre. Insofern: kein Mitleid nötig, es ist ok. Was nicht so schön ist, ist dass ich jetzt wieder voll drinstecke in der Zukunftsangst. Aber es ist auch da ein Entschluss gereift: Wenn mich Norwegen ganz offensichtlich nicht will (ich meine, mehr als mich auf alle in Frage kommenden Stellen bewerben kann ich halt auch nicht machen), weite ich mein mögliches Gebiet ab sofort aus. Ja, auf Deutschland und die Schweiz. Ich hab auch schon von Freundinnen Stellenanzeigen geschickt bekommen, das gehe ich morgen alles mal an. Nachdem ich zum letzten Mal poly(A)-RNA angereichert habe.

Dann nach Hause, lecker gegessen, unlecker Pippi ins Bett gebracht. Brüllpippi muss derzeit mal wieder Terror machen, bevor sie dann einschlafen kann – um nach zwei Stunden wieder loszubrüllen. So schön.

Simpsons geguckt, mit Besuch und Smash und Chips, dabei Fingernägel mal wieder überaus scheiße lackiert. 

Jetzt Bett und nicht grübeln. Bekymring ist nicht. 

Tag 781 – Wie jeder andere.

Im Moment ist eine gewisse Eintönigkeit zu verzeichnen:

  • Aufstehen, meist zu spät
  • Schminken, meist bunt (yeah!)
  • Kinder in die KiTa bringen
  • Arbeit, Arbeit, Arbeit
  • Nach Hause fahren, meist spät
  • Kinder, Küche, Essen, Zähneputzen, Vorlesen
  • Bewerbungen schreiben (oder Ersatztätigkeit zu Ablenkungszwecken)
  • Bloggen
  • Buch
  • Bett

Und so war das heute auch.

Bemerkenswert vielleicht: ich sehe sowas wie ein Licht am Ende der Laborarbeit, ich schreibe sympathisch-authentische Bewerbungen (und muss nicht die ganze Zeit innerlich brechen, weil das alles so ekelhaft verlogen ist), Pippi hat beim Abendessen unglaublich niedlich gesungen, Michel ist auf meinem Schoß eingeschlafen und wird hoffentlich, hoffentlich nicht doch noch richtig krank.

Tag 775 – Erleichterung.

Vielleicht liegt es an den zwei Gläsern Wein. Wahrscheinlich aber nicht, denn wenn es mir so schlecht gehen würde, wie gestern, hätte ich nichts getrunken, da bin ich ja sehr eigen und trinke nichts, wenn ich deprimiert bin. Dass ich also Lust auf ein Bier oder ein Glas Wein hatte, ist schon ein sehr gutes Zeichen. Ich denke, meine heute sehr viel bessere (im Sinne von: gelassenere, egalere, zuversichtlichere und vor allem weniger selbsthassende) Laune hatte in erster Line tatsächlich mit dem unglaublich lieben Paket aus dem Internet zu tun, das ich gestern bekommen habe. Dass sich da einige Frauen zusammengetan haben um mir lauter kleine Mutmacher und schöne Dinge* zu schicken, macht mich immernoch ganz verlegen und selig und überhaupt, da stecken so viele Gedanken drin, ich war und bin überwältigt. Danke, ihr.

Auch eine große Erleichterung war, dass ich heute eine Bewerbung weggeschickt habe, die mich gestern buchstäblich den letzten Nerv gekostet hat (und jetzt hat mein ultimativer „Bilder für den Artikel“-Zettel leider Tränenflecken). Gestern war es wirklich so schlimm, dass nichts mehr ging. Aber auch da: Hilfe von anderen (ihr wisst, wer ihr seid!) fühlt sich im ersten Moment dann komisch an, dann aber genau richtig. Nach dem erneuten Lesen dieser… Anregungen habe ich mich heute dann sogar getraut, bei der entsprechenden Stelle anzurufen und hatte ein sehr nettes Gespräch und danach ging das Bewerben (wieder unter Zuhilfenahme der Anregungen) schon viel besser. Dann noch halbwegs okaye Ergebnisse am Mikroskop (hui, was das ausmacht, anständiges Medium zu benutzen! Ich hab im roten Kanal sonst kaum was gesehen, jetzt mit gutem, nicht-roten Medium habe ich schon auf unserem nicht ganz so tollen Mikroskop so schicke Bilder, dass ich mich richtig auf ein Date mit dem tollen Core-Facility-Mikroskop freue) und eine heiße Dusche am Abend, schon fühle ich mich zwar noch nicht wie ein neuer Mensch aber immerhin wie ein Mensch und nicht wie was, was man normalerweise versuchen würde mit einem Stöckchen aus dem Schuhprofil zu prökeln.

Vielleicht liegts aber auch daran, dass ich mir endlich die Fingernägel gefeilt hab und jetzt auf dem Handy wieder tippen kann.

Jedenfalls ein Lichtblick im Grau.

Und morgen ein Date mit der Nähmaschine. Michel möchte eine gelbe Jogginghose.

Tag 771 – Bekymring Deluxe.

Ich möchte eigentlich nicht darüber reden aber ich habe mir grade mit Ansage den Abend versaut, indem ich nach Stellen gesucht habe. Es ist mehr als zum Heulen. Naja, vielleicht wird ja das worauf ich mich gestern beworben habe was. Nein, nicht die ehrliche Bewerbung, die war nur zum Abreagieren, neinein, ich habe mich ein paar Kilometer aus meiner Komfortzone herausgegeben und mich auf eine Forscher*Innenstelle beim Legemiddelverket (das ist… kompliziert, eine Mischung aus Zulassungsbehörde und der Instanz bei der Krankenkasse, die festlegt, welche Medikamente und Behandlungen bei welcher Indikation zu welchem Anteil übernommen werden. Nur gibt es ja hier so einen Schmarrn mit drölfzig Krankenkassen nicht, sondern es gibt eben eine für alle. Und die ist staatlich, deshalb ist das Legemiddelverket auch eine Behörde) beworben. Auf norwegisch, juppheidi, weil das gefordert wurde, dass man fließend norwegisch kann und weil ich mir dachte, dass nichts schneller auffliegt, als dass ich das doch gar nicht so gut kann, habe ich auch keinen Muttersprachler Korrektur lesen lassen. No risk no fun.

Falls die Diss mich nicht den letzten Nerv kostet, dann in jedem Fall die Jobsuche.