Tag 2303 – Licht am Ende des Tunnels.

Geschafft! Wir sind alle stolz auf uns. Aber fertig, ja, sind wir auch. Uff.

Seltsam, putzig und irgendwie rührend: wir durften remote einen Baum pflanzen. Das ist in Indien wohl so Tradition, am Ende der Inspektion pflanzen die Inspekteure einen Baum. Weil es Indien ist, ist es eine Palme, genauer gesagt eine Fuchsschwanzpalme. Und weil es Tradition ist und ja alles andere auch remote geht*, haben wir eben über Teams an der Zeremonie teilgenommen, Angestellte der Firma haben für uns Erde auf den Wurzelballen geschaufelt und gegossen und der Chef hat das Schild mit unseren Namen, der Agency und den Daten enthüllt. Und jetzt steht in Indien eine Palme mit meinem Namen dran. (Ja, das machen die wohl auch, wenn es für die Firma nicht so gut läuft.)

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Jetzt muss ich sehr dringend ein bisschen Schlaf nachholen. Morgen geht die Routinearbeitsachterbahn wieder los, ob ich will oder nicht.

*naja naja. Die Anekdote mit dem längsten Stromkabel der Welt, das die tapferen Angestellten durch die ganze Produktion, sämtliche Lager und diverse Laboratorien hinter ihrem Wägelchen mit der Kamera und dem Laptop drauf hinter sich her zogen, wird mich aber noch eine Weile schmunzeln lassen. Egal wo man hinsah, dieses Kabel war immer da. „Just for clarification ma‘am, the cable is to the camera and laptop power supply, it is not usually here!“ (ja will ich auch hoffen, in – wenn auch niedrig – klassifizierten Bereichen).

Tag 2302 – Ready?

Jöss, ich bin froh wenn das morgen rum ist. Es ist anstrengend. Es wäre das sicher auch in Indien, aber es ist tatsächlich noch mal ne andere Nummer, wenn man die Gesichter der Gegenüber einfach gar nicht sieht.

Ich bin außerdem immer noch unsicher, was den richtigen Ton angeht. Da ich ja auch keine Gesichter sehe, bin ich nicht mal sicher, ob ich immer mit den gleichen Personen spreche, oder ob das andere sind. Offenbar bin ich stimmtaub.

Ich, äh, freue ich auch darauf, wieder mit Frauen zu reden. Der Unterschied zu Norwegen ist frappierend, denn hier sind so ca. 90% der QA-Menschen in Pharma weiblich (hängt damit zusammen, dass Pharmazie hier ein Frauenberuf ist). Dort – null. Zumindest keine, mit denen wir reden dürfen. Oder die mit uns reden dürfen.

Apropos Kultur: als ich heute kurz auf die Beschaffung von Dokumenten und SMEs warten musste, googelte ich, was „Reddy“ eigentlich heißt, das an viele Namen angehängt wird. Also in Form von „Mr. Vorname Nachname Reddy“. Reddy, so fand ich heraus, ist die Bezeichnung einer hohen Kaste aus Südindien. Telugu, genauer gesagt. Mein erster Reflex war, das sehr, sehr seltsam und rückständig zu finden, Kastensystem ist ja auch pfui, hab ich in der Schule gelernt. Dann fiel mir aber das deutsche „von“ ein, oder die Briten mit ihrem Sir, Dame, Lord, usw. und das ist sicher nicht direkt vergleichbar, aber es ist nun auch nicht so, als würde man im Westen Klassenbezeichnungen (solange sie anzeigen, dass man einer [vermeintlich] „höheren“ Klasse angehört) nicht traditionell auch gerne heraushängen lassen.

Solche Gedanken mache ich mir nebenbei.

Noch ein Tag. (Uff.)

Tag 2231 – Nicht lachen.

Drei nordeuropäische paar Ohren, drei mal mehr oder weniger starke nordeuropäische Akzente (meine Kollegin sagt immer „…, or what?“ und ich muss immer ein bisschen darüber schmunzeln). Indisches Englisch auf der anderen Seite, zwei Tage Pause – heute wieder völlig hoffnungslos. Das heißt, nicht völlig. Die individuellen Unterschiede, wie heftig der Dialekt (???) ist, sind sehr groß, manche verstehen wir gut und andere… naja halt einfach mal gar nicht. Die ratlosen Gesichter meines Kollegen und meiner Kollegin, die aber stets bemüht waren, die Contenance zu bewahren (man will ja die andere Seite nicht beschämen), waren heute kurzzeitig zu viel für mich und ich musste kurz den Raum verlassen und außer Hörweite über diese absurde Situation lachen. Mein Kollege, der irgendwas fragt und etwas zur Antwort bekommt, von dem wir maximal einzelne Worte verstehen. Ich, die die selbe Frage noch mal anders stellt, in der Hoffnung, die gleiche Antwort noch mal anders formuliert zu bekommen, auf dass man sich aus zwei mal Brocken irgendwas zusammenreimen kann. Meine Kollegin, die mit Pokerface am Ende der völlig unverständlichen Antwort einfach „Yes, thank you“ antwortet, auf fragendem Blick aber mit einem kaum merklichen Kopfschütteln antwortet und hinterher sagt, die hätten auch antworten können, dass sie alle Steriltests vorm Inkubieren autoklavieren, sie hätte es nicht bemerkt.

Ich lache wirklich nicht über die. Ich lache über uns.

Mal gucken, ob ich in dem Tonfall träume. Ich finde den indisch-englischen Tonfall nämlich eigentlich sehr einlullend, vielleicht auch, weil so viel Energie dabei drauf geht, den Inhalt zu erfassen.

Tag 2295 – Yes, ma‘am.

Der Tunnel ist tief.

Die Sprachbarriere, die Verzögerung, die völlig anderen Hierarchien und dass man halt einfach nicht dort ist – all das macht das grad ganz und gar nicht einfach.

Muffin geht es überraschend gut. Er hat die Narkose und das Zähne abschleifen gut überstanden und mümmelt jetzt vorsichtig ein bisschen vor sich hin.

Michel hatte heute Korpskonzert – darauf, dass das wohl eine große Sache mit Solo(!!!)-Auftritten aller Korpsmusiker*Innen ist, waren wir nicht eingestellt, wie auch, wenn man erst eine Woche vorher Bescheid bekommt. Deshalb hab ich es auch verpasst, weil ich Leute auf einem anderen Kontinent durchs Internet anschreien dazu bewegen musste, sich durch Produktionsanlagen zu bewegen. Herr Rabe war da und hat aus lauter schlechtem Gewissen 40 Lose gekauft, von denen dann 5 gewonnen haben. Außerdem hat er ein Video von Michels Solo aufgenommen, so konnte ich wenigstens hinterher gucken, wie es war.

Ist echt erst Dienstag? Ich wäre bereit für baldigen Freitag.

Tag 2294 – Gar.

Ferninspektion ist anstrengender als On-Site. There, I said it. Natürlich ist bei vielen Graden in Indien in fensterlosen Meetingräumen sitzen auch anstrengend, aber ich möchte doch hoffen, dass ich da nicht am Ende des Tages heiser wäre, weil dieses Telefonieren komisch ist.

Die Technik war auch nur so halb mit uns. Geht alles schöner.

Abends war ich immerhin rechtzeitig zu Hause, um Michel vorzulesen.

Muffin geht es unverändert. Frisst extrem wenig, findet päppeln total scheiße, hängt traurig in der Ecke. Die Tierärztin sagte heute, er hat sehr viel Luft im Bauch und wahrscheinlich sei was mit den Backenzähnen. Damit er sich mehr bewegt und Bewegung in die Verdauung kommt, hat sie ihm Schmerzmittel gegeben und wir geben die weiter, ansonsten bringt ihn Herr Rabe morgen wieder hin und im Laufe des Tages schleifen sie ihm die Backenzähne runter, in der Hoffnung, dass das hilft. Herr Rabe war erstaunt, dass die Tierärztin Meerschweinchen als Exoten bezeichnet hat. Mich erstaunt das gar nicht, die sind hier zwar Standard-Haustiere, aber nichts, mit dem „man“ zum Tierarzt geht, die liegen halt irgendwann tot im Käfig, ja mei. Muffins Vorbesitzerin meinte ja auch, die kahlen, blutigen Stellen in seinem Fell seien Kratzer von seinem (angenagten Plastik-)Häuschen. Das waren Stellen, die er sich selbst blutig gebissen hat, weil ihn die Milben so schrecklich gejuckt haben. (Armer Muffin.)

Jetzt müde und morgen wieder los. Memo to self: morgen nicht wieder den Lunch zu Hause im Kühlschrank vergessen und auf dem Weg zur Arbeit noch schnell einen Kirschjoghurt kaufen, um die Kirschjoghurtschulden beim Lieblingskollegen begleichen zu können. Vielleicht einfach gleich zwei Kirschjoghurts kaufen. Häschtäck Kirschjoghurtinfluencerin.

Tag 2275 – Koko Frau macht koko jobb.

Hmmja, wird Zeit, dass die Familie zurück kommt und mich davon abhält, 24/7 zu arbeiten.

Andererseits ist es auch ganz schön, wenn Michel anruft und ins Telefon brüllt „MAMA! HIER IST EIN MINK!!!“. Nehme an, der Marder ist taub, sonst wäre er vermutlich nicht einfach sitzen geblieben bei dem Lärm.

Morgen arbeite ich noch vormittags ein wenig und den Rest des Arbeitstages feiere ich ab. Freitag arbeite ich vermutlich so 2-3 Stunden und selbst das nur unter Protest. Heute hat zum Abschluss des Arbeitstages mein Outlook gestreikt, weshalb ich um [Zeit zu der man nicht arbeiten sollte] noch den (grünen) Kollegen angerufen habe, um ihn zu bitten, zu einem Meeting einzuladen. Der Kollege arbeitet auch öfter mal spät abends, wir wollen aus Gründen eine Partei zusammen gründen, die die Interessen von Spätschläfer*Innen* vertritt, und ich wusste, dass er heute noch lange arbeiten würde, aber wir haben da im Werk schon flächendeckend einen am Apfel, ja.

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*erstes Ziel: den norwegischen Begriff „B-Mensch“ ( als Gegensatz zu A-Mensch = Frühaufsteher*In) wegen abwertender Sprache abschaffen. Danach die Weltherrschaft, Abschaffung von Kernarbeitszeit für alle, Gruppenaktivitäten auch ab 22 Uhr noch und Schulbeginn gestaffelt und angepasst an individuelle Bedürfnisse von Lehrpersonen und Kindern. Wir sind empfänglich für Lobbyarbeit in Richtung Abschaffung der Uhrzeitumstellungsblödsinns. Wählt uns, wir sind super für alle, sogar für Frühaufsteher*Innen.

Tag 2274 – Außer Arbeit wenig gewesen.

Ich lebe das happy life des alleinseins. Dieser Tage beinhaltet das leider sehr viel Arbeit, das Problem bei solchen Inspektionen wie der letzte Woche ist (wenn man sie leitet) ein Haufen Nachbereitungsarbeit. Ein absurd großer Haufen. Das ist auch Zeug, das ich nicht herumliegen lassen kann, wenn hier Leute sind. Das würde ich nicht mal im Büro auf meinem Tisch liegen lassen, jedenfalls jetzt noch nicht.

Wie gesagt, das wird ein spannender Herbst.

Tag 2270 – Illegal.

Die bisher wirklich am meisten andere Inspektion ist überstanden. Zumindest der on-Site-Teil. Ich habe noch mal ganz andere, ungeahnte Level von Erwachsensein freigeschaltet und aus vollkommen unerwarteten Richtungen Lob bekommen und bin über all dem nicht in Tränen ausgebrochen, yeah. Zwischendurch wollte ich sehr gerne auf den Arm, stattdessen war ich halt Die Inspekteurin(TM). Freundlich, offen, fachlich integer und seriös. Immerhin gehört Verbergen von Gefühlen (zum Beispiel auf den Arm zu wollen) zu meinen Kernkompetenzen.

Wie viele Stunden Arbeit das nun waren, ist mit total ausgelutschtem Hirn nicht mehr so leicht festzustellen, was wohl heißt, dass es viel zu viele waren. Das sagt auch die Zeiterfassung, die mir Mecker-Mails schickt, welche Paragraphen im Arbeitszeitgesetz ich alle überschritten habe. So ca. alle, aber die für die wöchentliche Arbeitszeit kommt erst Montag.

Der Abend war zum runter kommen gedacht, sowie zum Feiern. Ich habe das diese Woche wirklich gut gemacht (wurde mir gesagt und ich versuche mir das auch selbst zu sagen – der Impostor stark in mir ist). Deshalb war ich auf dem Rückweg auch noch schnell im Vinmonopolet und habe streng nach Hübschheit des Etiketts eine Flasche veganen Biosekt gekauft, der tatsächlich sehr lecker ist. Da gehen sie hin, die staatlichen Spesen…

Man muss meinen Job schon sehr mögen, um ihn überhaupt freiwillig zu machen. Gott sei Dank liebe ich ihn nach wie vor.

Nach ausgiebigem Riechen an den Kindern und Herrn Rabe ist jetzt aber WIRKLICH Schlafenszeit. Aus verwaltungsrechtlichen Gründen müsste ich eigentlich am Wochenende noch mehr arbeiten, aber die Vorschrift übertrete ich nun auch, ist auch schon egal.