Tag 309 – Playdate deluxe

Wir waren heute zum Grillen und Spielen eingeladen, bei H. In Michels Kindergarten ist nämlich direkt nach dem Fahrrad-Hype die Besuch-Seuche ausgebrochen. Wirklich jeden Tag wenn ich Michel abhole nölt irgendein Kind seine Eltern an: „XYZ søøøp mæææ!“. Beim ersten Mal musste ich eine Betreuerin um Übersetzung von Kinder-norwegisch ins norwegische bitten. Es heißt eigentlich „XYZ (skal) besøke meg!“ also „XYZ soll mich besuchen!“. Letzte Woche war deshalb H. hier und wir heute bei H.

Kurzer Exkurs: ich mag keine Playdates. Meistens bin ich angespannt weil ich versuche, auszuloten, wie viel Einmischung in das Spiel von mir erwartet wird. Das perfekte Playdate für mich wäre eines, bei dem ich nicht bei sein muss. (Oh, was freue ich mich darauf, dass eines Tages die Kinder einfach sagen „Ich geh zu XYZ zum Spielen! Zum Essen bin ich wieder da! Tschüss, bis nachher!“) Das zweitbeste ist, wenn ich und eventuelle andere Betreuungspersonen einfach rumsitzen und Kaffee trinken und schnacken, während die Kinder das Kinderzimmer (oder eine sonstige Spielfläche) auseinandernehmen. 

So gesehen war das Playdate heute nahezu perfekt. Michel und H. ölten rum, Pippi ölte mit, Herr Rabe beaufsichtigte das ganze im Garten und feuerte derweil den Grill an, ich machte mit H.s Mama (M.) den Rest fürs Essen fertig. Wir gingen raus, aßen, dann gingen Michel und H. rein und nahmen das Kinderzimmer auseinander, Pippi schlief total fertig nach drei Schlucken Stillen ein und wir Erwachsenen schnackten einfach im Garten weiter. Nach einiger Zeit, in der man nichts von drinnen gehört hatte, nahm ich schon fast an, Michel und H. schlafend im Bett vorzufinden, aber nein,

*** grade hat Pippi auf Veröffentlichen geklickt, toll, Pippi! ***

aber nein, sie saßen in einem Haufen Brio-Schienen und lasen. H. Hatte sich Regenzeug und einen Fellhut angezogen und schwitzte wie ein Schwein, war aber glücklich. Da die beiden ja direkt vom Kindergarten ins Playdate gestartet waren, schickten wir sie gemeinsam duschen. Auch das ging ohne Probleme. Danach bekam Michel noch saubere Sachen von H. („Da passt der eh nicht mehr rein!“) und Michel und H. von M. vorgelesen und dann verabschiedeten wir uns und trugen und schoben und quatschten unsere übermüdeten Kinder nach Hause. Zu Hause fix Zähne geputzt und ab ins Bett und Michel schlief wie ausgeknipst ein. 

Das war echt schön, ein echt schöner Nachmittag und Abend. 

Und das was daran am verwunderlichsten ist? M. ist Norwegerin. 

Tag 280 – Hipp Hipp Hurra!

Festumzug, Symbolbild. Ich stand die meiste Zeit auf Zehenspitzen und werde wohl morgen schrecklichen Muskelkater haben.


Heute war der norwegische Nationalfeiertag. Das ist hier ein richtig krass großes Ding, das wird von allen richtig groß gefeiert. Mit meiner deutschen Sozialisierung kam ich da erst nicht gut mit zurecht, dieses ganze Flaggengewedel und man gratuliert sich gegenseitig zum in Norwegen leben? Seriously? Inzwischen hab ich mich dran gewöhnt. Ich wedle zwar noch nicht selber mit Flaggen, aber es stößt mich auch nicht mehr ab, wenn andere oder sogar meine eigenen Kinder das tun. Ist ok. Ich bretzel mich auch gerne ein bisschen auf, wenn es denn sein muss. Und der Festumzug ist immer ziemlich witzig. Also, so von außen betrachtet. Aber sehen Sie selbst, ich habe kompensatorisch getwittert, das musste sein, weil ich mit Pippi weiter hinten stand, während Herr Rabe, seine Eltern und Michel ganz nah am Geschehen standen. Ich hatte also keinen zum Lästern außer mein Handy. 

Noch kurz vorab: bei dem Umzug dürfen im Grunde alle mitmachen. Jeder Verein oder Gruppierung oder Berufsgruppen oder Einwanderergruppen, also alle. Dann trägt man ein Fähnchen vor der Gruppe her, manche machen Quatsch, viele nicht. 

Man muss dazu sagen, dass die Trønder berühmt sind für ihre Schnäuzer und hier jedes Jahr die Bartmeisterschaften ausgetragen werden. Da sind echt verrückte Konstruktionen dabei. 

Spielmannszug ist eine beliebte Sache in Norwegen. Ich muss leider immer an die (großartigen) Doktor Proktor Bücher denken, daran wie die Kinder zwei Wochen vorm 17. Mai anfangen zu üben um dann am 17. Mai selbst zwei Stunden im Regen das immer gleiche Repertoire aus drei Liedern zu spielen. Hihi. 

Curling ist ja eh auch so ne Sache für sich. Aber auch sehr beliebt in Norwegen. Da sind sie auch international gut drin. 

Natürlich meinte ich schlafendes. Aber trotzdem finde ich die Darbietung etwas gruselig. 

Rollskier sind auch wieder so was spezielles. Aber nun gut, die Langläufer müssen ja irgendwie auch im Sommer trainieren. 

Nämlich bunte mit pinken Puscheln an der Seite. 

Tatsächlich finde ich Kampfsport für Kinder ziemlich gut, weil es sehr viel Körpergefühl vermittelt. Aber er muss es ja auch mögen. Erstmal schauen, dass wir irgendwo mal ein Probetraining machen können, nach den Sommerferien. 

Das war die „Vereinigung Intervalltraining“. Eher nicht mein Verein. 

Irgendwo hier wachte Pippi auf und ich verpasste den Star Wars Fanclub. Schnüff. 

Überhaupt ist die Tracht hier ganz und gar nicht uncool. Jedes Dorf hat seine eigene Tracht und auch und gerade junge Mädchen tragen zu festlichen Anlässen gerne Tracht. Am 17. Mai sieht man immer sehr viele Trachten, auch viele verschiedene. Mir wurde erklärt, dass man eine richtig gute Tracht gerne vererbt bekommt, oft zur Konfirmation. Anziehen kann man die zu Volksfesten, Konfirmationen, Taufen, Hochzeiten, Omas 80stem und so weiter. Es gibt auch Männertrachten, die sieht man aber sehr viel seltener. Ich finde viele Trachten sehr hübsch, aber der Preis (1000 € mindestens nur für das „Kleid“, dazu kommt noch Hemd, Schuhe, Cape/Mantel und vor allem das „Silber“, also Geschmeide und Gürtel und Schnallen und Dingsis zum dranmachen) schreckt doch sehr ab. 

Junge Frau mit Dreadlocks und Tracht kauft Süßkram.


Trøndertracht in Rot und in Blau (ich finde die in grün am schönsten. Es gibt auch noch beige und orange.)

Die hatten so traditionelle hellblaue Kleider an mit weißer Schürze und weißem Häubchen. Sah sehr niedlich aus. Deshalb wahrscheinlich die ernsten Gesichter, als Kontrapunkt. 

Ja, ob das ernst gemeint oder Ironie war, weiß man natürlich nicht. Das war auf jeden Fall die Vereinigung der Medizinstudenten. 

Und mit pinken Badekappen und sonst nix an. Bei 8 Grad. 

JugenDkorps sollte das heißen. War nicht mehr ganz so jugendlich. 

Also, von 170.000 Trondheimern laufen ca. 70.000 in dem Zug mit. Und 200.000 gucken zu. Oder so. 

P.S. Und dann war ich noch ganz kurz im Labor und die Zellen sind nicht hoch genug gewachsen und das ist ziemlich doof. 

Tag 270 – 500 km 

Also, falls sie mal mit dem Auto von Oslo nach Trondheim fahren wollen: es gibt da zwei Möglichkeiten. Die eine Route geht über die E3, durch östlichere Inland, die geht immer durch den Wald und ist ultra langweilig. Manchmal sind Stellen wo mehr oder weniger intensiv gebaut wird und da darf man dann nur 50 oder 70 fahren, da sind Buckel und so, das nervt. Ansonsten schaukelt man mit 90 dahin, das ist gut für den Spritverbrauch (4,4 L/100 km) aber schlecht fürs wachbleiben. Kaffeepausengelegenheiten gibt es auch nur ausgesprochen selten (also, ähh, eine.).

Die zweite Route geht immer über die E6, durchs westlichere Inland, durchs Gudbrandsdal, über den Dovrefjellpass und dann weiter durch Oppdal. Die Route ist landschaftlich sehr viel reizvoller und abwechslungsreicher. Berg, Tal, Wasserfall, alles dabei. Außerdem ist sie 50 km kürzer und Google Maps behauptet, sie wäre auch schneller. Das ist falsch. Man braucht länger, die Strecke ist kurviger, man darf ebenfalls oft nur 70 fahren, allerdings wegen Ortschaften. Dafür kann man an Selbstbedienungs-Büdchen Eier und Kartoffeln gegen mobiles Appgeld erwerben, das ist gut für Leute wie uns, die es in drei Tagen nicht geschafft haben, irgendwo Bio-Eier aufzutreiben.


So oder so braucht man für die 500 bzw. 550 km sieben bis acht Stunden, je nachdem, wie man eben so durchkommt.

Also irgendwie ist es Pest oder Cholera. Am Besten Sie nehmen den Zug oder gleich das Flugzeug.

Tag 191 – Der Nachfolger von „DEUTSCHLAND!“

Neulich wurde ich gefragt, ob Michel denn noch diesen DEUTSCHLAND!-Tick hat. Hat er nicht. (Hier minutenlangen Seufzer der Erleichterung vorstellen.) Aber natürlich wird es mit Michel nie langweilig, denn allerlei Quatsch erzählen kann er ja ohnehin gut und das sogar zweisprachig. Manchmal erschreckt es mich ein bisschen, wie gut sein Norwegisch geworden ist, vor allem, wenn er im Kindergarten den Erwachsenen in feinstem Dialekt Familieninterna ausplaudert. 

Interessant ist auch immer, wenn er Wörter benutzt, die auf beiden Sprachen gleich sind, aber minimal unterschiedlich ausgesprochen werden, wie zum Beispiel Löwe. Jedes Mal, wenn ich sein „Löö(e)wä“ höre, wird mir bewusst, wie stark mein deutscher Akzent eben doch noch sein muss. Hier ein kleiner Spaß für Freundin A.: „Liiisäää? Kem er det som kjem? Kossen er det? Kofor? Æ like osså sånn. Itj! Slipp mææææ! Hør dokk tæ! Edvin, sjå hæ, æ e hunnj!!!“ 

Auch beim Singen haben wir unseren Spaß, Michel singt sehr gerne und auch viel, kann aber eben oft nur den halben Text und Melodien werden erst langsam erkennbar. Deshalb haben wir öfter mal Probleme, wenn er irgendwas singt, was sich für uns erstmal so anhört: 

„Lille kattepüs, jör düüdüüü? Æ lele mamma mi!“

Tja, und dann geht das googeln los. „Kinderlied norwegisch kattepus“. Aha! Lille kattepus, die ersten beiden Strophen gehen so:

Lille kattepus, hvor har du vært?

Jeg har vært hos mamman min.

Lille kattepus, hva gjorde du der?

Jeg fikk melk fra mamman min. 

Ohhh, voll süß, eine kleine Katze geht zur Mama und kriegt Milch. Ja, und später wird sie verhauen. Pädagogisch total wertvoll. 

Manchmal kann Michel sogar übersetzen. Manchmal klappt das sogar:

Michel: „Mama, de snööööa?“

Ich: „???“

Michel: „Snöööaa! *denkt nach* Schnee kommt!“

 Meistens greift dann aber doch die Sprachverwirrung, obwohl, vielleicht auch nicht, denn: wenn er ein Wort nicht auf der anderen Sprache weiß, oder es ihm grad nicht einfällt, sagt er das gleiche Wort nochmal in einer anderen Stimmlage. Also in etwa so:

*Michel bekommt Geschenk* 

Ich: „Möchtest du Danke sagen?“

Michel: „Dankeschön!“

Ich: „Du musst mit E. Norwegisch sprechen, die versteht das sonst nicht.“

Michel: *mit ganz tiefer Stimme* „Doonkööschöööön!“

Oder auch

Michel: „Papa, deutsch ist „Hallo“, weißt du? Und noreeeisch ist *ganz tiefe Stimme* „Hoolloooo“.“

Unser Sohn, das Sprachgenie. Direkt den Kern der Gemeinsamkeiten UND der Unterschiede zwischen den beiden Sprachen getroffen. 

Ich geh jetzt mal „Løwe“ sagen üben. 

Tag 174 – ;(

Pippi und ich waren heute mal wieder beim Muttisport. Soweit nichts besonderes. Auf dem Rückweg schlief sie im Kinderwagen ein, ich schleppte sie also (zum zweiten Mal heute) mitsamt Kinderwagenoberteil die 42 Stufen in die Wohnung und stellte sie im kalten Schlafzimmer ab. Dann aß ich die zwei restlichen Pfannkuchen von gestern kalt auf (dabei denke ich immer an meinen Opa, der die auch kalt sehr gerne aß). Um 14:40 wurde Pippi wach und ich holte sie aus dem Kinderwagen. Und sah direkt: Matschauge. Ihr linkes Auge war verklebt und schleimig und gerötet und geschwollen. Tadaaaa: Bindehautentzündung. Michel hatte das so oft als Baby, diese Diagnose traue ich mir durchaus ohne medizinische Kenntnisse zu. Ich rief also nach kurzem Check, ob nicht im Kühlschrank doch noch antibiotische Augentropfen sind, direkt beim Arzt an. Die Telefonsprechstunde schließt um 14:30, sagte das Band. Hmmm, toll, 10 Minuten zu lange geschlafen. Dann rief ich die Notfallpraxis an. Und landete in der Warteschleife. Nach 15 Minuten (!) gab ich auf, legte auf und rief nochmal an, in der Hoffnung, an einem anderen Endgerät zu landen, wo vielleicht schneller jemand antworten würde. Diesmal antwortete tatsächlich schon nach 5 Minuten jemand. Trotzdem war ich so schockiert davon, dass ich statt den Lautsprecher auszumachen aus Versehen auflegte. Gnaaaaaa. Also nochmal angerufen. 7 Minuten später sprach ich endlich mit einem Menschen. Ich kam direkt zur Sache, Baby, Bindehautentzündung, Schleim, rot, juckt offensichtlich. Und bekam als Antwort: Mit Wasser saubermachen, Hände gut waschen, dafür sorgen, dass sie nicht im Auge pult (hahahaha) und morgen den Arzt anrufen, wenns noch da ist. Ehm ja. Danke für nichts, ne? Meine Hoffnung war gewesen, dass die Notfallpraxis (eventuell sogar ohne Hinfahren, man darf ja noch Träume haben) ein E-Rezept für Augentropfen ausstellt, das ich dann einfach in der nächsten Apotheke abhole. Statt dessen versuchen wir uns jetzt in Schadensbegrenzung, machen das Auge mit Kamillentee und Muttermilch sauber so gut es geht und scheitern daran, Pippi am Augen reiben zu hindern. Pippi sieht aus wie Karl Dall, ist ziemlich nöckelig und findet den ganzen Augensaubermachscheiß total daneben. Der Hausarzt darf sich morgen auf den Besuch einer wütenden Löwenmama (mir) freuen. Schön den Scheiß in die Länge ziehen. (Ich wette, bis morgen sind es dann beide Augen. Und/Oder es steckt sich noch schnell wer an. Grrrrrrr…)

  

Tag 166 – Schlittenfahren für Anfänger und Fortgeschrittene

Wir sind heute zum See gefahren, also zu einem der drölfzig Seen hier in der Nähe, die Wahl fiel auf den mit dem Schlittenhügel. Außerdem kommt man da gut hin, man muss nämlich nur mit der Trikk bis zum Ende fahren und dann ist man da. 

Leider war das Wetter ziemlich bescheiden, es regnete ein bisschen aber wir zogen trotzdem los in der Hoffnung, dass es auf dem Berg etwas weniger regnen und dafür vielleicht schneien würde. Dann mussten wir doch tatsächlich 10 Minuten auf einen Bus in die Stadt warten und danach auch noch zur Trikk hasten. Was passiert, wenn man das Kind hetzt? Genau. Es wird immer langsamer. Witzig, dass ausgerechnet Herr Rabe, der mitunter sehr ähnliche Tendenzen hat, das scheinbar nicht weiß (ab jetzt dann schon). Nun ja, wir erwischten die Trikk. Nur um drei Minuten später für 15 Minuten in selbiger herumzusitzen und einem Rudel aufgescheuchter Autofahrer beim verzweifelten Versuch zuzuschauen, ihr Auto mit Achsbruch von den Schienen zu bekommen. Für das Kind natürlich ein unerwartetes Highlight, denn die Automenschen (da saßen echt mindestens sechs Leute drin, war aber auch ein LandRover) versuchten zunächst, das abgefallene (?) Rad wieder dranzubekommen. Das Kind meint ja eh immer, Autos gehen bevorzugt an den Rädern kaputt, deshalb war das für ihn nur logisch. Die Automenschen scheiterten allerdings schon am Aufbocken des Autos und im Endeffekt musste so ein norwegisches-ADAC-Äquivalent-Heini kommen und die Anweisung geben, das Auto doch einfach auf den drei verbliebenen Reifen etwas beiseite zu rollen. 

Irgendwann waren wir dann aber doch am See, es regnete auch hier, aber wir und ca. 150 andere Menschen ließen uns davon nicht beeindrucken. Das Kind wollte direkt den großen Hügel runter, Herr Rabe meinte, das geht schon, ließ sich aber durch den Anblick einiger Eltern, die mitsamt ihren Kindern und Rodelgeräten sehr schnell und unsanft im Schnee landeten eines besseren belehren. Ich suchte den Idiotenhügel, fand aber keinen. Herr Rabe handelte derweil das Kind auf den halben großen Hügel runter. Nun gut, wissend, wie das enden würde, stellte ich mich schon mal unten hin (ich habe es geschafft, dem Mann zu vertrauen, dass er sicher nicht mal auf die Idee kommen würde, sich mit dem Baby in der Trage auf den Schlitten zu setzen), der Mann wies das Kind ein und ab ging die Post. Der Schlitten hat einen Lenker. Das Kind kann aber nicht lenken und lenkte direkt scharf nach rechts, sodass es quer über die gesamte Rodelbahn schoss. Dabei wurde es immer schneller und sein Gesichtsausdruck immer panischer, bis es nach ein paar Sekunden schließlich kopfüber im Schnee landete. Der Schreck war natürlich groß, aber nach Pusten, Trösten und „Ganz schnell eflogt, Mama, Schlitten runter fallt!“ war es dann schnell wieder gut. Inzwischen hatte ich auch sowas wie einen Idiotenhügel entdeckt: an einer Stelle übten norwegische Eltern mit ihren (Klein-)Kindern das Hügelhochklettern mit Langlaufskiern. Norweger werden wirklich mit Skiern an den Füßen geboren und verstehen auch nicht, wieso andernorts so viel Abfahrt gemacht wird. Langlauf ist das einzig wahre, halbwegs ok ist noch Skispringen. Aber das nur am Rande. 

Den Idiotenhügel traute sich das Kind zuerst nicht alleine runter, also quetschte ich mich zum Kind auf den Schlitten und wir rodelten gaaaaanz laaaaangsam den Hügel runter. Dabei schafften wir es, niemanden umzufahren und auch nicht umzufallen. Das Kind hatte sein Vertrauen in den Schlitten, die Technik und seine Rodelfähigkeiten dann auch zurück und Herr Rabe hatte eine wenig benutzte Strecke entdeckt, die vom Steilheitsgrad her ein Mittelding zwischen dem Großen und dem superkleinen Hügel war. Da rodelte das Kind dann ein paar mal alleine und ein paar mal mit mir runter und es hat super Spaß gemacht, also mir zumindest, dem Kind glaube ich auch. 

Danach sind wir dann ziemlich nass nach Hause gefahren, haben Kekse in der Trikk gegessen (in der Trikk sah es aus wie in einem Skierwald) und auf dem Weg noch ein David Bowie-Plakat bewundert:

Kind: „Mama, der Mann hat Esicht annemalt!“

Ich: „Ja, das stimmt. Der hat sich immer gerne das Gesicht angemalt.“

Kind: „Sieht schön aus!“

Ich: „Ja, das fand der sicher auch schön.“

Kind: „Augen auch zu, auch annemalt.“

Ich: „Der hat die Augen bestimmt zu, damit man noch besser sieht, wie schön der sich angemalt hat.“

Kind: „Aber nich vergessen abwaschen, rausgeht. Geht weg sonst.“

Das hat er sich also gemerkt. Wenn man raus geht, muss man die Schminke vorher abmachen, weil die sonst im Regen oder Schnee abgehen könnte. Hoffentlich wusste David Bowie das auch. 

Tag 162 – und es schneit, und schneit, und schneit…

Es hört sozusagen gar nicht mehr auf. Genau genommen hat es heute für die zweimal kurz aufgehört, die ich aus Häusern gegangen bin, aus denen ich theoretisch Schirme hätte mitnehmen können, dies aber nicht tat, weil es ja aufgehört hatte. Beide Male schneite es nach zwei Minuten wieder wie verrückt. Mir ist das ja egal, dem Baby aber nicht, denn das mit dem Kinderwagen hat sich bei dem Wetter auch erledigt, da bräuchte ich eher ne Planierraupe. Also sitzt das Baby in der Trage unter der Jackenerweiterung, das ist schön warm, aber gegen oben reinfallende Schneeflocken hilft das auch nicht. Also Gemecker oder ich mache oben die Jackenerweiterung drüber, aber dann hab ich echt Angst, dass zu wenig Luft reinkommt. Morgen nehme ich nen Schirm mit. Aber wenigstens hab ich ein paar Fotos gemacht (auf dem Weg zum Kindergarten um das Kind abzuholen, wir haben heute morgen wegen Migräneanfall getauscht).


Das ist der Park mit der Kirche quasi direkt vor unserem Haus. Weiter in den Park rein kam ich nicht, der Schnee ging mir ca. bis Mitte der Oberschenkel.

Diebstahlsicherung norwegische Art.

Auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause (mit dem neuen Schlitten) wollte das Kind dann natürlich unbedingt auf den Spielplatz und da Schlitten fahren. Aber wie gesagt, Schnee, Mitte Oberschenkel, das Kind geht mir bis zur Hüfte, das war alles etwas schwierig.


Herr Rabe ist dann noch mit dem Kind losgezogen und ordentlich Schlitten gefahren, während das Baby und ich zu Hause Milchreis kochten. Und am Wochenende fahren wir zum See und fahren Schlitten und vielleicht probieren wir auch unsere neuen (Kind und ich) bzw. alten (Herr Rabe) Schlittschuhe aus. Das wird fein.

Tag 121 – Julegrøt

Wir waren heute beim besten Freund (sofern man das bei Dreijährigen sagen kann) des Kindes Julegrøt essen. Das ist Milchreis mit einer Mandel drin, wer die findet bekommt eine Überraschung. Bei Erwachsenen wäre das Schnaps gewesen. Bei Kindern eher nicht. Zufällig *hier riiieeesiges Augenzwinkern vorstellen* waren zwei Mandeln im Milchreis, und beide (!!!) waren in den zuvor für die Kinder bereitgestellten Tellern. Verrückt, nicht wahr? So ein Zufall. 

Jedenfalls hatte ich eine Vorahnung, dass es möglicherweise zu einem Geschenkeaustausch kommen könnte und habe in Windeseile heute Mittag eine Mütze genäht. Und eingepackt*. Und ein Kärtchen geschrieben. Und das alles, während das Baby wach war! Aber dafür können die Jungs beim nächsten Mal die Bude im mützenmäßigen Partnerlook auseinandernehmen. 

Ich bin jetzt reif fürs Bett. 

*und danach hab ich dann dran gedacht, das man ja auch mal ein Foto hätte machen können. Nun gut. Roter Jersey mit blauen Sternen, zum Wenden. Müssen Sie sich jetzt eben vorstellen. 

Tag 120 – Lagerkoller

Ich war heute fast den ganzen Tag draußen und trotzdem hat mein Körper nullkommagarkein Vitamin D produziert. Das Baby und ich sind direkt vom Kindergarten zum Weihnachtsshoppen aufgebrochen. Da regnete es. Als wir beim ersten Laden ankamen, regnete es immer noch. Im Laden regnete es natürlich nicht, dafür wurde mir wieder schmerzlich bewusst, was für furchtbare Babymädchenkleidung es gibt. Und was für ungeheure Mengen an Geld man für diese ausgesuchten Scheußlichkeiten ausgeben kann. Nach tausend Stunden langem Herumgesuche fand ich ein paar gefütterte Lederpuschen, das Baby hat ja immer kalte Füße und außerdem traf ich fast genau den Betrag des Gutscheins, den ich für den Laden hatte und muss da jetzt nie wieder hin, hurra. Als ich rauskam regnete es immer noch. Die Lichtstimmung war so Ca. Bei halb vier, dabei war es 12. Nächster Laden. Einen orange-rot geringelten Anzug gefunden, Preis ok. Kasse kaputt, Kartenzahlung geht nicht. Wieder raus, Geld holen. Es regnet. In Strömen. Anzug bezahlt, nächster Laden. Magnetbuchstaben für das Kind erstanden, Baby wurde wach und hatte Hunger (verständlicherweise). Auf ins Kaffee. Durch den Regen. Kaffee zu voll, kein Platz mehr frei. Ok, dann ein anderes Kaffee. Das ist in einem Hotel, in dem ich mal eine der furchtbarsten Nächte meines Lebens verbracht habe. Also 4 Stunden davon. Aber der Kaffee ist gut da. Ich trank meinen Kaffee, das Baby trank Milch, dann brauchte es eine frische Windel, und dann wieder raus. Halb zwei, nur noch Nieselregen, aber dafür quasi dunkel. Zum Bastelladen. Der hat nicht, was ich will, und das was er hat ist komplett überteuert. Um zwei Uhr raus aus dem Bastelladen. 

Es regnete nur ein bisschen, aber mal ehrlich, so kann man doch nicht leben, wenn es den ganzen Tag über eigentlich nicht hell wird? Das ist doch komplett zum Kotzen. Grummelig zu Fuß nach Hause, auf dem Weg aus Frust ein ganz ganz ganz tolles Kleid für das Baby gekauft und Fisch für 15€, 6 Wiener Würstchen (Bio) für 6 €, plus Gedöns fürs Abendessen, für die Weihnachtsfeiern und Milch (Liter 2€, nicht Bio) eingekauft. Inzwischen 15 Uhr und Nacht. Und wieder Regen. Bio-Eier in allen Supermärkten, in denen ich war (3) ausverkauft. Andere Eier kaufe ich nicht, nienieniemals. Um halb vier war ich wieder zu Hause, kalt und nass. Das Baby hatte natürlich wieder Hunger und hörte nur auf zu Futtern, um die Windel bis kurz vorm Überlaufen zu füllen (und überhaupt: wieso laufen denn die Kack* Windeln dauernd aus im Moment??? Orrrr…). Dazu Kopfschmerzen und eine gereizte Blase von zu viel Kaffee und zu wenig anderer Flüssigkeitszufuhr. Bett musste ich auch noch abziehen, weil ich letztens ner Freundin erzählt habe, dass das Kind schon lange nicht mehr ins Bett gepullert hat. Seit ich das ausgesprochen habe (ich Idiot. Ich lerns auch nie), hat das Kind JEDE Nacht ins Bett gepullert. In UNSER Bett. Und die Waschmaschine schafft es nicht, den Matratzenschoner trocken zu schleudern, das gibt ne Unwucht, wenn der nass ist. Also braucht das blöde Ding ewig im Trockner. Da kann man schon mal etwas angepisst* sein. 

Das Essen war sehr lecker. Und das Baby wollte gerne Kartoffel probieren. Durfte es auch. Fand es auch lecker. Zutzelte sich ein zu großes Stück ab, bekam es in den falschen Hals und kotzte mir sehr viel Milch mit etwas Kartoffel auf die Hose. 

Ich geh jetzt schlafen und freue mich auf Urlaub und Sonnenlicht. 

* im wahrsten Sinne des Wortes 

Tag 103 – Deutschland!

Das Kind hat eine zutiefst verstörende Angewohnheit. Bzw. hatte, jetzt macht es das nur noch um uns zu ärgern oder zum Lachen zu bringen, ich bin da nicht so sicher, was dahinter steckt.
Es begann so etwa im Mai, da konnte ein ganz normales Gespräch beim Abendbrot ungefähr so aussehen:

Herr Rabe: „…und dann haben wir beim Norwegischkurs über Kinderbücher gesprochen und ich hab erzählt, dass wir zu Hause auch Den Lille Larven Aldrimett…“
Kind: *wirft blitzschnell ein ohne vom Teller aufzusehen* „Deutschland!

oder auch

Ich: „Das Kind hat ein neues Wort gelernt: Hestebæsj.“
Kind: „Deutschland!

oder auch

Herr Rabe: „… und da musste ich erstmal überlegen, was das denn jetzt auf norwegisch…“
Kind: „Deutschland!

(Das erinnerte uns beide an die Folge „Schottys Kampf“ aus der großartigen Serie „Der Tatortreiniger“. Da gibt es nämlich einen strunzdoofen Neonazi namens Bombe, der dauernd wie ein Stoßgebet „Deutschland!“ vor sich hin murmelt. Leider finde ich grad keinen Ausschnitt bei YouTube. Gucken Sie einfach die ganze Folge, lohnt sich!) 

Man sollte dazu vielleicht sagen (Ich hoffe nicht, dass man das muss!) dass wir wirklich nullkommagarnix von Deutschtümelei halten. Ich finde das norwegische mit-Flaggen-Gewedel befremdlich und Ansammlungen von deutschen Flaggen lösen bei mir spontanen Würgereiz aus. Allenfalls haben wir einen sehr begrenzten Lokalpatriotismus vorzuweisen, der sich hauptsächlich in der reflexhaften Verteidigung unserer Heimatstadt und in der festen Überzeugung, dass Dr. Oetker den besten Tütenpudding macht, äußert. Aber Deutschland? Neenee. Nee. Überhaupt kein Land. Norwegen auch nicht. Punkt.

Dementsprechend fanden wir das touretteartige Ausrufen von „Deutschland!“ auch reichlich verwirrend und leicht abstoßend. In der Öffentlichkeit unfassbar peinlich. Man stelle sich vor, wir sind irgendwo, bestellen Kaffee, und das Kind blökt plötzlich los: „DEUTSCHLAND!“. Ein Loch tue sich bitte in der Erde auf und verschlucke mich umgehend!

Nach mehreren Wochen hatten wir endlich den Zusammenhang verstanden: Das Kind konnte noch nicht unterscheiden zwischen dem Land Deutschland (da wo Oma wohnt und alle anderen auch…) und der Sprache Deutsch. Es wollte mit seinem Zwischenruf nur ausdrücken, dass es jetzt verstanden hatte, dass Norwegisch* und Deutsch unterschiedliche Sprachen sind, die je nach Kontext gesprochen werden, aber über die wir auch oft sprechen. Puhhh.

Und so machten wir uns an die mühselige Aufgabe, dem Kind den Unterschied zwischen einem Land und einer Sprache zu verklickern. Und dass wir es gutheißen würden, wenn es das „Deutschland!“-Rufen auf zu Hause beschränken könnte.

 

*“Neu-e-isch“, nur falls Sie sich fragen.