Tag 3083 – Im alten Zuhause.

Haaaaach, Bielefeld, Perle am Teutoburger Wald! Was bist du… nass und grau wie immer.

Wir sind gut angekommen. Die Überfahrt war zwar schaukelig, aber problemlos. Eigentlich ist es ja ganz gemütlich, wenn es brummt und schaukelt. Ich schlafe da sehr gut.

Hier in Bielefeld waren Herr Rabe und ich erst mal beim Bäcker und im Supermarkt. Beim Bäcker brauche ich keine Brötchen, wenn ich frisches Graubrot haben kann, das innen noch ein bisschen klebt. Supermarkt, selbst so ein relativ kleiner wie hier, ist immer ein bisschen wie Kirmes: ich bin gleichzeitig überfordert und begeistert von der Auswahl. „Guck mal hier, vegetarische Teewurst!“ „Ich hab den veganen Zwiebelschmalz gefunden, von früher!“ „KRITARAKI! Für das eine Hello Fresh-Rezept!!!“ „Lebkuchenaufstrich!“ „Zig Sorten Honig!“ und so weiter.

Ich würde mir 50% dieser Auswahl in Norwegen wünschen. Gar nicht mal alles, denn da ist auch viel Quatsch bei, Lebkuchenaufstrich zum Beispiel. Aber wie lange wir in Norwegen schon nach Kritaraki suchen, ist absurd. Und den Supermarkthonig aus Norwegen habe ich echt satt. Ich kann aufzählen, welchen Honig es gibt: Akazienhonig und „Berghonig“ aus der Quetschflasche. Den im Eimer, den in der Dose und den von Kolonihagen. Eigentlich ist nur letzterer ok und den gibt’s erst seit 3-4 Jahren. Das Angebot in Norwegen unterscheidet sich auch nicht von Kette zu Kette, es ist einfach immer überall das Selbe. Das ist vorhersehbar, ja, aber dann ist auch vorhersehbar, dass wir uns in Deutschland mit Honig eindecken.

Tag 3073 – Fertig!

Das Semester ist zu Ende getanzt. Weiter geht’s im Januar. Meine rechte Wade fühlt sich an, als hätte ich auf den letzten Drücker noch was übertrieben. Das ist leider realistisch.

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Nach ordentlich viel Schnee am Wochenende kommt jetzt noch mal zwei Tage ordentlich kalt (grad noch mal geschaut: es sind jetzt nicht mehr -19 Grad angekündigt, sondern nur noch -15, Hurra!) und am Wochenende dann +5. Ich habe heute gelernt, dass das auf Norwegisch „kakelinna“ heißt, also, äh, „Kuchentauwetter“. Diese durchaus übliche Tauwetterperiode im Dezember hat man nämlich früher im Volksglauben auf das Backen von Plätzchen und co. zu Weihnachten zurückgeführt. Das muss gewesen sein, bevor Thermodynamik erfunden wurde.

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„Alle“ haben Covid. Ich möchte bitte weiterhin nicht Covid haben. Bisher bin ich ja recht glimpflich davon gekommen, das darf gerne weiter so bleiben.

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So. Augen zu.

Tag 3063 – Kalt, kalt, kalt!

Deutschland hat Schneechaos, wir eher nicht so. Wir haben dafür den ganzen Tag über zweistellige Minusgrade. Bei mir führt das dazu, dass ich fast im Sommertempo* spazieren gehe, weil es so kalt ist, dass ich eigentlich von der ersten Minute an möglichst schnell wieder ins Haus will. Ich verstehe, dass sich Skifahrer*innen so Tapedinger ins Gesicht kleben, damit sie keine Frostbeulen an den Wangen kriegen. Apropos Skifahrende: die beschweren sich auch schon und möchten gern, dass die Mindesttemperatur für Wettbewerbe angehoben wird. Bei einem Rennen bei fast -20 Grad ist nämlich einem Skifahrer der P*nis abgefroren eingefroren sehr kalt geworden und das war wohl schrecklich unangenehm (kann ich mir vorstellen, das tut ja schon an Fingern und Zehen weh). Eine Skifahrerin konnte das ganze Rennen über kaum sehen, was wohl ebenfalls ein bekanntes Phänomen beim Ski laufen in hohen Minusgraden ist. Ich kenne mich mit Ski fahren ja nicht aus, aber ich habe es heute grad mal 20 Minuten draußen ausgehalten und so Rennen können ja wesentlich länger dauern. Da regelt der Körper das halt so, dass die inneren Organe alle schön warm bleiben so lange es geht, wer braucht schon Finger, Zehen oder P*nisse. Andererseits ist das wohl eh ein relativ bald an Klimakrise** sterbender Sport, müssen die selber wissen, ob sie dafür jetzt noch die Regeln ändern…

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* im Winter komme ich normalerweise wegen Eis, Schnee und mehr Kleidung nicht so schnell voran. Außer halt, ich bin quasi auf der Flucht vor den Temperaturen.

** Ich weiß gar nicht, ob das unter Extremwetter fällt, aber NORMALERWEISE haben wir Anfang Dezember noch nicht solche Temperaturen, das kommt eigentlich erst im Januar/Februar.

Tag 3062 – Ein bisschen was von allem.

– Es stimmt gar nicht, dass gestern nichts passiert ist. Mir ist eine Dose Tomatenmark beim Öffnen quasi explodiert und es war überall Tomatenmark, auch auf mir, in meinen Haaren, im Gesicht und auf meinen Klamotten. Die habe ich deshalb sofort gewaschen, also wirklich SOFORT und eigentlich hab ich auch fast sofort danach das Case meiner AirPods vermisst. Es ist mir sogar sofort eingefallen, dass es eventuell in der Hosentasche war. Unsere Waschmaschine lässt sich auch am Anfang des Waschprogrammes ohne große Verzögerung anhalten und öffnen, um noch eine Socke hinterherzuwerfen oder ein Airpodcase aus einer Hosentasche zu fummeln. Nass war es aber trotzdem bereits. Aber! Eine Nacht in Reis hat das gerichtet. Alles geht noch. Uff.

– die Kinder hatten heute Weihnachtskonzert mit dem Korps. Das war auch schon mal wesentlich schlimmer, aber es gab wieder die obligatorische Ohrenfressende Version von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, mit verwirrtem Trommler (nicht Pippi) und unfreiwilligen Polyrhythmen und random Tröts in Pausen hinein generell. Wir haben alle brav gesungen und die Kinder haben bestimmt gut gespielt. Gehört hat man nur Pippi, die hat nämlich Glockenspiel gespielt und das übertönt ein komplettes Korps. Hat sie aber gut gemacht. Weitere Beobachtung: Ich glaube, Tuba wirklich sauber zu spielen, ist schwierig. Aber ich höre auch besser als viele, mich kann man nicht als Maßstab nehmen. Tuuut.

– wir hatten ein weiteres Gespräch mit der Lehrerin von Michel. Das war ok. Ich habe allerdings das dumpfe Gefühl, dass es nur ok war, weil sich Michel diese Woche viel Mühe gegeben hat, die Klappe zu halten, und er letzte Woche ja die ganze Woche krank war (er hatte noch einige Tage lang ein warmes eines Ohr, das wahrscheinlich aber nur ein leicht entzündetes Ohr war, das keine Beschwerden machte. Da ist ein Fieberthermometer mit dem man im Ohr misst, natürlich irgendwie ungünstig). Wir werden sehen, wie sich das mit Michel und der Lehrerin weiter entwickelt. Aus Gründen will ich ihn weder aus der Klasse noch von der Schule nehmen, solange es noch halbwegs ok läuft. (Die einzige Alternative Schule wäre auch eine Waldorfschule und HELL NO, nur über meine Leiche.) Und vielleicht finden sie ja einen vernünftigen Ton miteinander.

– es ist arschkalt hier. Ich möchte das nicht, das ist zu kalt, wenn man kaum noch vor die Tür gehen kann, weil einem dann der Schnodder in der Nase gefriert. Was es aber gibt, wenn es sehr kalt ist und die Sonne stürmt, sind Polarlichter. Sogar bei uns hier im Süden gab es welche. Angeblich, ich hab keine gesehen, obwohl ich mir tapfer bei sternenklarem Himmel den Hintern abgefroren habe. meh.

Tag 3030 – Gruselig.

Heute 10 cm Schnee im Laufe des Tages. Ich möchte das nicht. Ich bin dazu noch nicht bereit. Die Schuhe, die ich heute anhatte, sind ebenfalls nicht für Schnee bereit und mein geplanter Mittagessen-Spaziergang musste ausfallen weil ich mir ungern den Hals brechen wollte. Null von zwei Autos sind für Schnee bereit und Cardos wohnt dann mal bis Mittwoch auf seinen Sommerreifen am Bahnhof – zu Mittwoch haben wir einen Reifenwechsel inklusive Bremsenservice* gebucht und die Werkstatt ist gegenüber vom Bahnhof. Im Zweifel können wir Cardos da hin schieben, der wiegt ja nix. Konacar ist morgen dran, hat aber heute von Herrn Rabe schon mal Winterreifen bekommen**, es werden also nur Bremsen geschmiert.

Blick aus dem Bürofenster.

Ich sage es immer wieder: Augen auf bei der Wahl des Wohnortes.

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*Muss man bei Elektroautos, vor allem wenn man mit hoher Rekuperation (also wie ein Go-Cart mit nur einem Pedal und keine Beschleunigung ist gleich Bremsen) fährt, regelmäßig machen, sonst rosten einem die Bremsen weg. Cardos hat keine Einstellung und sieht nicht nur aus, sondern fährt sich auch generell wie ein Go-Cart. Meepmeep!

**Wohl unter Einsatz seines Lebens, oder Konacars Leben, es wäre jedenfalls fast schief gegangen und war wohl sehr stressig deshalb.

Tag 3028 – Gemischtes.

Die Kinder hatten heute Korpsseminar, das war natürlich im Vorhinein Kinderfolter und hinterher aber super gut. Ich beantworte Michels Fragen „warum muss ich [Aktivität] machen?“ inzwischen meist nur noch mit „weil wir Monster sind“ und hoffe, dass er es bevorzugt zeitnah, spätestens aber so in 20 Jahren versteht. Über was soll er denn auch sonst in seiner Therapie reden?

Pippi ging nach dem Korpsseminar zur Halloweenparty der Tanzschule. Ich schminkte sie dafür, sie wollte das Gesicht weiß und die Augen schwarz, aber „nur so Striche, wie Erwachsenenschminke“, und die Lippen schwarz. Wann ist mein Baby denn so groß geworden? Aber dafür hier noch eine Perle, die sie im Schminkprozess äußerte: „Mama, das ist nicht schlimm, wenn du was falsch machst, dann sieht man, dass es selbst gemacht ist.“*

Kann man im Internet posten, da Kind nicht wirklich erkennbar.

Die Party war super und Pippi sehr zufrieden mit ihrem Tag.

Ich war, nachdem ich Pippi bei der Party abgeliefert hatte, noch kurz einkaufen und habe gruselige Gemüsepreise gefunden.

72 Kronen für ein Kilo Sellerieknolle?!?

Das sind über 6€ für… Sellerie. Ich dachte bisher immer, Sellerie sei eins dieser Wurzelgemüse, die sich auch in Norwegen gut anbauen lassen und deshalb quasi nichts kosten. Der hier ist ja auch von hier. Verkniffen hab ich ihn mir dann trotzdem, so dringend muss der dann doch nicht in die Bolognesesauce.

Ansonsten habe ich die traurige Nachricht zu vermelden, dass Pølse heute abgeholt wurde. Das war nicht so einfach für mich, weshalb ich es bis fünf Minuten vorher ignorierte und hinterher ziemlich durch den Wind war. Jetzt haben wir also gar keine Haustiere mehr.

Am Vormittag habe ich außerdem sichtbar gedacht und muss jetzt Michel schonend beibringen, dass wir keine Schildkröte(n) anschaffen werden. Auch wenn die cool sind. Ich kann und will nicht leisten, was Schildkröten brauchen und die haben es in Griechenland wesentlich besser als hier, selbst wenn wir uns ein Bein dafür ausreißen. Es ist ja immer noch Norwegen hier, wir können kein Tier haben, das zwar draußen wohnen soll, aber bei unter 15 Grad in Winterruhe geht. Das würde ja von spätestens Ende September bis frühestens Anfang Mai im Kühlschrank wohnen müssen. Neenee. Nope. Einfach nein.

All das… ein bisschen viel. Eine muss viel Lego bauen um das auszugleichen.

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*jaha, nämlich nicht wie so Industrieschminke, die man am Fließband ins Gesicht gestempelt kriegt! Bei der sind zwar die Augen symmetrisch, aber dafür war meins mit Liebe gemacht!

Tag 2952 – Geschafft.

Das Dorf meldet keinen weiter steigenden Wasserspiegel, es ist also wohl, wenn das Wasser weg ist, tatsächlich glimpflich abgelaufen. Ein paar volle Keller. Anderenorts sieht es natürlich ganz anders aus, aber auch da handelt es sich wohl nur um Sachschaden, jedenfalls haben die Medien (die die ganze Sache natürlich maximal ausgeschlachtet haben) nicht von irgendwelchen Personenschäden berichtet. Nicht mal von Tieren. Da es ein mega Drama ist, wenn irgendwo ein Rentier nicht bis ganz an die neu errichtete Windkraftanlage gehen möchte*, nehme ich an, dass es ein ähnliches Drama wäre, wenn irgendwo ein Rentier/Schaf/Katze durch Extremwetter stirbt.

Auch ansonsten war hier heute nicht so viel los. Herr Rabe und ich haben mit Michel/für Michel dessen Zimmer umgeplant, der möchte Dinge (verständlicherweise) anders haben. Leider ist das Zimmer halt auch mit so Notwendigkeiten wie einem Fenster und einer Tür versehen, irgendwo muss das Kind ja auch schlafen und es gibt da noch den klitzekleinen Sachzwang der Zimmergröße. Ich glaube aber, wir haben jetzt eine gute Lösung gefunden. Michel ist mit dem Vorschlag jedenfalls zufrieden.

Morgen muss ich wieder arbeiten. Meine Gefühle dazu sind gemischt.

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*andere Rentiere gehen im selben Windpark aber besonders gerne bis ganz an die Anlagen heran, wenn man ihnen Zeit gibt, sich daran zu gewöhnen, las ich. Vielleicht sind Rentiere genau wie Menschen dazu verschiedener Meinung? Oder Menschen interpretieren in ein in einem Moment beobachtetes Verhalten (kein Rentier am Kraftwerk) das rein, was ihnen in den Kram passt (die haben bestimmt Angst davor!) und schreiben es in die Zeitung, schneller als das Rentier sich umdrehen kann? Vielleicht.

Tag 2951 – Piep 2.

Alles gut, heute stieg das Wasser lange nicht so sehr wie erwartet, vermutlich sind stromabwärts mehr Schleusen geöffnet worden als bisher. Vielleicht war’s das sogar schon mit der Flut, das wäre ja sehr erfreulich.

Ich habe leider Laune und war heute nicht gesellschaftskompatibel. Zwischendurch war ich alleine knapp zwei Stunden im Wald, auf der Suche nach Pilzen, aber ich fand echt wenig und stolperte erst ganz am Schluss, als ich eigentlich schon aufgegeben hatte, über eine Abendessensportion Pfifferlinge. Alleine sein war trotzdem schön.

Tag 2950 – Piep.

Alles gut. Wasser noch nicht voll da. Wird wohl auch noch etwas dauern, Sonntag/Montag sind die Prognosen jetzt.

Was mich beruhigt: die Besitzerinnen des Restaurants zu dem die Terrasse im zweiten Bild gehört, saßen total entspannt auf selbiger und schnackten. So reagieren hier Leute, die das ein paar mal mitgemacht haben. Man sieht auch an der hinteren Ecke der Terrasse Wasser aus einem blauen Schlauch spritzen: das ist aus deren Keller. Scheinbar auch kein Grund zu größerer Verzweiflung*. Nur wir Zugezogenen sind aufgeregt.

Pippi hat heute Übernachtungsparty mit den Nachbarsmädchen – allen dreien. 50% schlafen. 50% halten sich gegenseitig vom Schlafen ab, keins davon meins, sonst hätte ich schon längst ein Machtwort gesprochen. Ich, schon bei Michel im Bett eingeschlafen, werde langsam irre, weil ich echt gerne schlafen würde – aufgeregt sein ist anscheinend anstrengend – aber mich nicht traue, wenn ich verantwortlich für fremde Kinder bin. Herr Rabe ist jetzt noch mal rüber gegangen und hofft auf die einschläfernde Wirkung seiner Präsenz. Oder besser der Uhrzeit.

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* Naja, anders gedacht: was soll man auch machen? Man kann eh nicht rein, bevor es vorbei ist, Zeit genug, Zeug in die höheren Etagen zu verfrachten, hatten sie und solange man nicht in den Keller kann hat man eh Schrödingers Keller – nicht so schlimm und total zerstört gleichzeitig. Da würde ich vielleicht auch keine Energie darauf verschwenden wollen, mich verrückt zu machen.

Tag 2949 – Warten aufs Wasser.

Der Bahnhof läuft voll und am Fluss sind so Flutsperren aufgestellt worden. Da, wo ich Montag das Bild gemacht habe, steht man jetzt bis zur Hüfte im Wasser. Es wird noch ein weiterer Meter (ca.) Wasseranstieg erwartet. Das alles scheint die Norweger hier im Ort (und im Nachbarort, wo ich heute mit Michel beim Kieferorthopäden war) aber kaum groß zu beeindrucken. Für mich/uns ist es aber die erste Flut und offen gestanden ziemlich gruselig.