Tag 1134 – «Tun Sie was für sich!»

Den Rat in der Titelzeile habe ich von der Ärztin am Montag bekommen. Und ich nehme das selbstverständlich total ernst. Vielleicht nicht so, wie sie denkt, aber, hell yeah, ich tue was für mich. Nachdem ich gestern durch diese ganze Ausschlagsache irgendwie zerfasert herumrödelte ohne wirklich an irgendein Ziel zu kommen, habe ich heute morgen im Auto beschlossen: Wenn du nach Hause kommst, machst du eine To-Do-Liste. Denn ich kenne mich ja, das schlimmste Gefühl ist das, SO VIEL zu tun zu haben, nicht zu wissen, wo man anfangen soll, es ist einfach SO VIEL und am Ende tue ich davon irgendwie nix. Wenn ich aber eine Liste habe, auf der jeder Pups draufsteht, ist es plötzlich kein unbezwingbarer Berg mehr. Es ist nur eine Liste. Und mit jedem Pups, den ich lasse tue, kann ich was durchstreichen. Ich liebe To-Do-Listen. Eine To-Do-Liste zu haben und mich damit selbst zu sortieren und auf Spur zu setzen, war ein Akt ganz ungewohnter Self-Care.

Meine Liste ist drei Seiten lang. Jetzt sind Sie geschockt, nicht wahr? Keine Angst, die To-Dos passten eigentlich alle auf eine, aber dann habe ich sie thematisch in die Bereiche „Arbeit“, „Haus“ und „Planen“ aufgedröselt. So habe ich nämlich gleich noch den Automatismus „heute hast du NIX geschafft“ abgewürgt, wenn ich in Wirklichkeit Staubgewischt (Haus) und bei Amazon hundertdreiundsiebzig Wanduhren angeschaut (Planen: „Einkaufsliste Deutschland“) habe. Die Liste „Arbeit“ habe ich mit Deadlines und ca. zu investierender Zeit pro Schritt versehen, weil sich das da halt irgendwie anbot. (Btw: morgen ist der Tag an dem ich eigentlich mein Gehalt ausbezahlt bekommen müsste, sind Sie auch schon alle so gespannt ob das wohl kommt?) Die Liste „Haus“ hingegen habe ich in einem Dringlich-Wichtig-Plot dargestellt. Die Liste „Planen“ ist mit Abhängigkeiten ausgestattet. Ein bisschen von allem. Ich mag das.

Dann habe ich meinen Kaffee ausgetrunken und mein Werk betrachtet und genickt und dann habe ich mit den Punkten mit höhestem dringlich-wichtig-rating auf der Haus-Liste angefangen und… geputzt. Fertig geputzt. Das finden sicher viele weder dringlich noch wichtig, ich fand es beides und darauf kommt es an. Wie geil ich es finde, wenn es hier sauber ist, hätte ich noch vor ein paar Jahren nie im Leben geglaubt. Dass ich den Tisch und den Teppich und überhaupt alles pedantisch rechtwinklig ausrichte, das schon. Aber dass mich ein paar Sofafussel auf der Fensterbank so derartig nerven, dass ich freiwillig den Staubsauger hole… (noch ein btw: Niemand *braucht* einen Zentralstaubsauger, aber es ist schon ganz nett zu haben. Kein hinterherzerren des Staubsaugers mehr, nichts verheddert sich im eigenen Kabel, keine grade so zu kurzen Kabel mehr, man dengelt nicht überall gegen…) Jedenfalls: sauber! So befriedigend. Kein Schaumbad der Welt hätte mich so zufrieden stellen können.

Auch abgehakt: Diverse Mails geschrieben („Arbeit“, aber nur im weitesten Sinne Chipsmann-Sachen), die Filter der Lüftungsanlage gewechselt („Haus“) und direkt ein Abo abgeschlossen, über das wir jetzt alle halbe Jahr ein neues Filterset bekommen. Badewannen recherchiert (uhhhh, da gibt es ja schicke Sachen. Wird die Vernunft über die Löwenfüße siegen? Es bleibt spannend hier.) und eine Nachricht an Michels Lehrerin in sein Nachrichtenbuch* geschrieben (beides „Planen“).

Ansonsten: Mit Michel das große und das kleine R geübt (groß geht gut, klein… naja), mit Michel Pippi vom Kindergarten und dann Herrn Rabe vom Bahnhof abgeholt. Herr Rabe hat sich angesteckt und ist auf dem Sofa direkt eingeschlafen, also habe ich auch gekocht und, ja, ich fühle mich heute ein bisschen wie die Supermutti schlechthin, und, ja, heute finde ich das gut. Viel schaffen, das Gefühl, was zu tun, ein sauberes Haus, mit reichlich Luft eingehaltene Deadlines: das ist für mich wirklich Self-Care und viele Kleinigkeiten machen in der Summe echt viel aus.

___

Mal wieder Zeit für Auto-Lobhudelei: Einen Weg gefunden, mir selbst klarzumachen, dass ich nicht nichts mache.

___

*Die Schüler*Innen, Eltern und Lehrer*Innen kommunizieren über ein kleines Büchlein, das in der Mappe im Schulrucksack liegt. Michel hat ja bald Geburtstag und da müssen wir mal horchen, ob die Schule irgendwelche beknackten meiner Meinung nach nicht zielführenden Regeln hat, wen man einladen *muss*. Ja, das haben hier nämlich viele Schulen, meistens „die ganze Klasse“ oder „alle Jungs/Mädchen“, alternativ kannste deine Party halt quasi heimlich machen, dann darfste aber nicht in der Schule drüber reden. Weil niemand 23 Sechsjährige zu Hause erträgt, kann man Räume in der Schule leihen. ROMANTISCH! Und so besonders, gar nicht alltäglich oder so. Ja, nee. Und als würde so weniger gemobbt. Hahaha. Aber die Norweger*Innen, die glauben das wirklich, dass das ein sinnvoller Schritt gegen Mobbing ist. Nunja, zurück zum Thema: Die Lehrerin wird das nun irgendwann, wenn Michel wieder zur Schule kann (vermutlich morgen), lesen und dann antworten.

Tag 909 – Auto-Lobhudelei Deluxe.

Nun, es ist ja so:

Ich bin krank. Es ist nicht meine Schuld, es ist auch nicht der Ärztin schuld, aber im Moment geht es mir körperlich nicht gut. Und das jetzt einfach mal so sein zu lassen, und mich so sein zu lassen, das ist mein fester Entschluss und gleichzeitig meine Challenge. Ich bin da nicht gut drin, meine Schwächen anzunehmen. Ich finde mich in gertenschlank schöner als nicht und kann absolut nicht fassen, wie man innerhalb einer einzigen Woche so zulegen kann. Ich hoffe noch auf Wasser oder Verstopfung oder irgendwas, was auch genauso schnell wieder verschwindet. Aber ich versuche, nicht zu hadern. Ich versuche, nicht damit zu hadern, dass ich extremst müde und antriebslos herumhänge und klopfe mir für die Kleinigkeiten, die ich schaffe, auf die Schultern. (Ein dicker Schulterklopfer fürs Schulterklopfen!) Heute habe ich 50 Minuten Sport gemacht, davon 20 Minuten HIIT und 30 Minuten „alle Muskeln fallen ab“-Pilates. Ich habe ein Brot gebacken und ein Kleid genäht. Ich könnte jetzt auch alles aufzählen, was ich machen wollte, aber dann nicht geschafft hab, weil mir beim Öffnen der CV-Datei schon die Tränen kommen und ich einfach so hundemüde bin, ich niemanden anrufen mag, eigentlich möchte ich mit niemandem reden – aber das bringt ja nix. Die Selbstdisziplin lässt mich eben noch Dinge tun, es ist nicht so viel und manch einer, inklusive mir selbst, mag es lächerlich wenig vorkommen, aber: ich bin krank. Es wird weggehen. Bis dahin ist es eben so und alles was noch geht ist gut. Das muss ich jetzt nur noch selbst glauben, aber vielleicht hilft es ja, das aufzuschreiben.

(Und die optischen 5 Kilo Bauchspeck, die gehen sicher wieder weg. Und auch die Defense-Präsentation werde ich irgendwann machen können, ohne dass die Diss mich so anpiekt, das nichts mehr geht. Es wird irgendwie werden.)