Tag 857 – Vergossene Tränen heute.

Auf der Beerdigung: 0*.

Als ich die Absage für den Job bekam**: 0.

Zwei Stunden bis fünf Stunden später: 3.

Als mein Koffer*** nicht ankam: noch nicht fertig.

BITTE WAS HAB ICH DENN VERBROCHEN DASS MIR JEDE ERDENKLICHE SCHEIßE PASSIERT???

___

* mein Opa und ich standen uns offenbar nicht nah. Ich teile nur kleine Teile der Erinnerungen, die andere an ihn hatten. Da waren in dem Trauerraum vier identische Fenster, mit vier identischen und sehr hübschen Kerzenständern in jedem Fenster und in zwei von den Fenstern standen die mittig, in den anderen beiden ca. 5 und ca. 7 cm von der Mitte entfernt und vielleicht sollte ich mal überprüfen lassen, ob ich so neurotypisch bin, wie ich bisher annahm. Die Urne sieht aus wie ein Badezimmermülleimer in Holzfurnieroptik, mein Onkel hat alle Anwesenden bis auf meinen Bruder namentlich aufgezählt, und dann spielen sie Pachelbel und ich erinnere mich sehr lebhaft, wie meine Großeltern mich damals, als ich wegen Kur meiner Mutter da für sechs Wochen gewohnt habe, jeden Tag zum Geige üben gezwungen haben, mindestens 30 Minuten. Unter anderem dieses Stück. Katholizismus sagt mir gar nichts, Männer in Kleidern, die aber was gegen Frauen haben… Sorry, wer auf meinem Begräbnis mal Geistliche anschleppt, den verfolge ich die nächsten hundert Jahre mit Kettenrasseln und Heulen und allem. Dann: Da wird also diese ganze Urne (aus was ist sowas? Metall?) in ein Loch im Boden abgelassen und dann schmeißt man Sand und kleine Sträußchen dazu, mitsamt dem ganzen Bindezeugs an den Sträußchen, metallverstärkte Plastikstrips. Und in 500 Jahren werden sich Archäologinnen oder Aliens sehr wundern, was wir für lustige Totenkulte hatten. Ich habe mich sehr gefreut, meine Omi zu sehen, meine Mutter hat sich sehr gefreut, mich zu sehen, aber mal ne Frage: wieso krame ich mein altes Kellnerinnen-Hemd aus dem Schrank, in Größe 34 (passt wieder), weil ich nichts anderes schwarzes habe, mein Bruder, der auch kein Schwarz trägt, bemüht sich um Grau/Braun/Dunkelblau und meine Mutter kommt in zwei nicht zueinander passenden Türkistönen, mit einem Hoodie mit der Aufschrift „Don’t read the next sentence!… You little rebel. I like you!“?!? Ohhhh, die Migräne pocht schon wieder.

** Ich war sehr sympathisch, aber den Job trauen sie mir nicht zu und meinem Ich von gestern würde ich das auch nicht zutrauen. Ich lass es einfach. Kindergärtnerinnen sind hier sehr gesucht, ist ja auch ein schöner Beruf.

*** Den ich am Gate abgeben musste, weil ich zu weit hinten in der Schlange stand. Und der aber angeblich durchgecheckt wurde. Und im Flugbus geht natürlich das WLAN nicht, warum auch, den hab ich ja einzig und allein zu dem Zweck genommen und das Retur-Ticket für die andere Busgesellschaft ohne WLAN verfallen lassen, TJANUN.

13 Gedanken zu “Tag 857 – Vergossene Tränen heute.

  1. Bettina schreibt:

    So. Eine. Scheiße.

    Aber: Ich bin davon überzeugt, dass Sie das alles prima regeln werden. Ich drücke auf jeden Fall sämtliche Daumen!!

    Nur zur Ablenkung:

    1999 begann der Mann seine Ausbildung zum Steuerberater, wir haben geheiratet und hatten dann die grandiose Idee, ein Haus zu kaufen. Wir haben also am 6. Dezember den Kaufvertrag unterschrieben und den Darlehensvertrag, der auf 2 Gehälter ausgelegt war. Am 22. Dezember wussten wir, dass ich schwanger bin und somit mein Gehalt zunächst für die Finanzierung wegfällt. Im Februar des Folgejahres ist der Mann durch die Steuerberater-Prüfung durchgefallen (wie ca. 60% aller Kandidaten). Somit war die erhoffe Gehaltserhöhung dahin und ich hätte bald gar kein Gehalt mehr.
    Übertroffen wurde das oben erwähnte Scheißjahr nur von dem Jahr 2016, in dem bei Sohn1 ein extraossäres Ewing-Sarkom diagnostiziert wurde.

    Ich drücke die Daumen aus der Ferne!!

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  2. FrauC schreibt:

    Oh je…
    Aber Beerdigungen sind schon merkwürdig. Ich glaube, wir haben noch keine Form des Umgangs mit Toten gefunden, die in unsere Zeit passt. Wir machen es halt so, wie man es schon immer gemacht hat, aber das passt nicht mehr so richtig.
    Ihrem Opa wird es egal sein. Wenn er noch irgendwo „ist“, dann freut er sich, dass Sie gekommen sind.

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  3. Irene schreibt:

    Ach, Frau Rabe… manchmal gibt’s nichts zu sagen.
    Höchstens zur Urne: es gibt Vorschriften, woraus die bestehen darf, die vergeht, mit Ausnahme der innenliegenden Aschekapsel.
    (und ich vermute mal, dass das Plastikgedöns nach Weggehen der Trauergesellschaft wieder rausgefischt und entsorgt wurde).

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  4. Nancy schreibt:

    Doof mit dem Koffer. Taucht hoffentlich wieder auf. Musste mich nur gerade wieder daran erinnern, wie eine Fluggesellschaft meine Grossmutter verloren hat. Über 24 Stunden wusste niemand, wo sie war (begleiteter Flug, Zielflughafen verwechselt). Im Nachhinein sehr lustig, vorallem weil sie es spannnend fand und sonst alle am Durchdrehen.
    Ich bin katholisch (offiziell jedenfalls) und für mich gehört Trauerkleidung irgendwie auch dazu. Früher gab es noch die obligatorische Halbtrauer. Das Ganze zog sich insgesamt über Monate (äh, also vor meiner Zeit). Bei so alten Traditionen bleibt halt immer etwas hängen. Und vielleicht ist deine Mutter im Herzen eine Rebellin. Wer weiss. Jede Person trauert (oder auch nicht), wie sie will und kann. Ich z. B. zünde in Kirchen immer mal wieder eine Kerze für die Verstorbenen an. Keine Logik dahinter.
    Wegen dem Job: schade, blöd gelaufen, du warst nicht fit und du weisst wieso. Vielleicht warst du für diese eine bestimmte Stelle auch nicht 100% geeignet, aber nicht unbedingt für die Firma. Sehr sympathisch hört sich nicht nach Tür-Komplett-Zu an. Irgendwann in Zukunft bei passendem Angebot mal eine erneute Bewerbung in Erwägung ziehen? Aber jetzt abhaken. Und weiterschreiben. Wir kennen uns nicht, aber ich glaube, du liebst was du machst. Drücke die Daumen, echt jetzt und kreuze sie auch noch (andere Länder, andere Sitten und doppelt hält besser). 🙂

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    • Sie ist eine Rebellin. Aber sie ist fast 60 und ihre Mutter legt Wert auf sowas, das war ein riesiges „FU“ an meine Oma und meinen Opa. Kann man machen, finde ich aber komplett daneben.
      Der Koffer, ja, der taucht sicher wieder auf, aber das dauert alles und meine Zugangskarte für die Uni ist drin, aber da es außer mir ja eh allen egal ist, ob ich angebe, ist das vielleicht auch einfach Wurst.

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      • Nancy schreibt:

        Ja, klar. Würde ich selber ja auch nicht machen. Tut mir leid, wollte nur sagen… es gibt Situationen, die man lieber später oder gar nicht analysiert… weil fast alle Familien + Verwandtschaft etwas weird sind und vieles einfach nicht logisch. Und Sachen gemacht und gesagt werden, die nicht erklärbar sind und trotzdem sind diese Leute miteinander verbunden. Und deine Mutter ist halt auch das Kind deiner Grosseltern, auch mit 60. Vielleicht wollte sie bis zum Abschied authentisch bleiben. Keine Ahnung. Vielleicht ergibt sich in ein paar Monaten/Jahren ein Gespräch darüber.
        Kollegin/Chef fragen? Sch…. Sch… Sch…
        Mir ist es nicht egal und es ist nicht Wurst

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