rabensalat

Tag 1028 – #WmDedgT im Juni ‘18.

Heute ist der 5. und das heißt, dass Frau Brüllen wie immer die gute Frage stellt: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Da will ich ja mal nicht so sein und ihr antworten, ne?

Fertig! Das ging ja schnell.

Ok, Langform:

Ich habe etwa viereinhalb Stunden geschlafen, gestern Abend war ich noch lange mit der eher mittelmäßig gelingenden Abwehr des Loches beschäftigt. Heute morgen war Aufstehen gar nicht mal sooo schlimm, nach 4 Stunden gehts immer noch, ganz schlimm ist alles zwischen 5 und 7 Stunden Schlaf, da komme ich gar nicht aus den Federn. Ich stand also auf und schlurfte ins Bad. Und dann doch erstmal zurück in die Küche, mein Hals kratzte wie Hölle und ich versuchte das wegzuspülen. Wasser half nicht, also machte ich Kaffee (jaja, das ist auch kein Salbeitee, ich weiß) und nahm den dann mit ins Bad. Duschte und rasierte meine Beine, alles im Autopilot. Zog mich an, Gesichtspflege, Schminken, wie ein Roboter. Immer darauf bedacht, nicht allzu sehr darüber nachzudenken, was ich heute vorhabe. Die Schminke hatte ich gestern schon rausgelegt, sonst hätte ich wohl ratlos vor meinem Arsenal gestanden und wäre womöglich einfach ungeschminkt gegangen. Irgendwann stand auch Pippi auf und meckerte direkt los, aber Herr Rabe stand nach meinem ersten „Ich kann jetzt nicht, bitte warte doch grad!“ auch auf und kümmerte sich um sie. So war ich dann nicht ganz so doll verspätet und bekam einen Flugbus nach dem Angepeilten. Alles im Rahmen.

Im Flugbus traf ich dann einen emeritierten Professor aus meiner Ex-Gruppe hier und seine Frau, das war einigermaßen skurril, um zwanzig nach sieben im Flugbus, sie mit zwei großen Koffern auf dem Weg in die Ferien und nebenbei der Hochzeit der Tochter beiwohnen, ich mit einem Jutebeutel**, in den alle meine Habseligkeiten für einen Tag locker reinpassten. Ich aß im Bus eine Banane und weil das WLAN nicht ging, guckte ich also aus dem Fenster.

Am Flughafen direkt durch die Sicherheitskontrolle zum Gate. Bei der Sicherheitskontrolle piepten meine Schuhe und ich musste sie ausziehen und durch den Scanner schieben. Apropos Schuhe: Schon da war mir klar, dass mir am Abend die Füße einfach abfallen würden. Wie welkes Laub. Aber ich berichtete glaube ich schon mal davon, dass ich sehr gut darin bin, Fußaua zu veratmen, eher würde ich mir den Fuß abnagen als zuzugeben, dass die High Heels, die ich zu dem blauen Kleid gekauft habe, höllisch unbequem sind. Ich zog die Schuhe also wieder an, kaufte mir aus Frust ein Buch*** und setzte mich genauso lange ans Gate, wie es dauert, den LinkedIn-Premium-Probemonat zu aktivieren. Mal sehen, was das bringt, ich glaube nicht, dass ich mir das zum normalen Tarif von ca. 30 €/Monat leisten werde. Dann stieg ich ins Flugzeug, schrieb Herrn Rabe die obligatorische „Bis gleich!“-SMS und schon ging es auch los.

Im Flugzeug versuchte ich, eine Bewerbung zu schreiben, das klappte nur mäßig. Genau genommen hatte ich endlich einen Aufhänger gefunden, als ich nochmal in die Anzeige schaute und feststellte, dass mein Aufhänger genau ins falsche Horn tutet. F*ck it, dachte ich mir. Wir waren eh schon fast da.

In Oslo erstmal Klo und Wasserflasche auffüllen, dann Kaffee geholt, Zugticket gekauft und nach Check des Fahrplans beschlossen, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt war, den Nagellack zu fixen. Irgendwie war der nämlich noch nicht richtig ausgehärtet gewesen und ich hatte auf allen Nägeln richtig schäbige Bettdecken- und Haarabdrücke. Aber wozu hat eine die Mini-Flaschen aus dem Adventskalender. Falls Sie auch mal so ein Nagellack-Desaster haben: der „Gel Setter“-Topcoat ist so dickflüssig, der kaschiert alle Macken als wär da nie was gewesen. Gut, man hat dann halt ne ewig dicke Nagellackschicht drauf, das wird vermutlich ganz bald splittern, aber es musste ja nur für heute halten.

Mit wunderlich abgespreizten Fingern in den Regionalzug nach Oslo gestiegen, bis Oslo S war der Nagellack ausgehärtet, aber meine Füße… eieiei. Ich hatte noch recht viel Zeit, also holte ich mir gleich noch einen Kaffee und ging dann erhobenen Hauptes in eine Apotheke und kaufte Blasenpflaster. Nahezu erhobenen Hauptes verpflasterte ich dann nach 2446 Schritten in diesen Schuhen an Oslo S meine großen Zehen beidseitig und klebte vorsichtshalber noch die zu Hause eilig eingepackten Fersenschutzdinger in die Schuhe. So ging es einigermaßen an der Fußfront und ich nahm die Bahn zum Forskningsparken. Da verlief ich mich erstmal****. Vergeudete Schritte. Schlimm. Fast eine Stunde zu früh war ich dann aber immernoch, also ging ich erstmal aufs Klo, holte noch einen Kaffee und setzte mich dann ins Café, putzte mein iPad, aktualisierte meine Ausbildung bei LinkedIn***** und schaute nochmal nach, ob irgendwer heute relevante Stellen hat. Nein. Awesome.

Um viertel nach zwölf und damit 15 Minuten zu früh schlenderte ich zu der Location, um 12:17 war ich da und es trugen sich schon Leute in die Meeting-Listen ein. Sowas kann ich ja gut haben, erst groß ankündigen, dass man um Punkt X Uhr anfangen wird und dann geht es doch schon eher los und wer halt zufällig schon da ist, hat nen Vorteil. Grr. Aber wenn andere schon rennen, bin ich ja auch nicht diejenige, die aus lauter Pflichtgefühl stehen bleibt und auf den Startschuss wartet, also sicherte ich mir in Windeseile bei 10 der 11 anwesenden Firmen Timeslots. Natürlich hatte ich die vorher alle im Internet aufgesucht und allerlei grausige „We are are a freshly founded Gründer-company Startup based within life-science based“ Websites gefunden. Aber egal. Ich bin verzweifelt based desperation based in life-science based people with passion. Nur in lockerer und entspannter Verkleidung. Zuerst gab es dann aber eh erstmal Begrüßung und einen Vortrag einer HR-Consultancy „Put your relationship status and hobbies on the CV! Make it personal!“******, bevor sich die Firmen in 2-Minuten-Pitches vorstellten. Da machte ich fleißig Notizen, natürlich, professionell und so.

Leider kam dann für mich der schlimmste Vorschlag des Tages: wir könnten doch beim Lunch schon mal mit den Firmen minglen. Wäh. Ernsthaft, was ist das einzig schlimmere als professionelles Sich-Anbiedern als Marathon? Genau. Sich anbiedern, während einem selbst und dem Gegenüber Salat zwischen den Zähnen hängt und man dem Gegenüber beim Reden versehentlich Käsebrötchenbröckchen ins Gesicht sprüht. Deshalb hab ich dann auch alleine gegessen. Pfft. Nachher nochmal Klo, Make-up-check, den einen Fersenschoner wieder ankleben und los gings.

Tja, also das war. Die erste Firma hab ich mir nur angeschaut, weil die eine Gründerin die eine Professorin ist, die ich dauernd überall treffe, unter anderem in den USA (was ich, das habe ich grade nachgelesen, nie hier geschrieben hab. Also ich hab die getroffen, H., in den USA, auf zwei Verteidigungen, auf beiden Meetings der Norwegischen Biochemikergesellschaft, auf denen ich war und letztes Jahr auf dem Genome Dynamics Workshop auch.). Aber die kleinen Startups waren halt bis auf eins echt einfach ganz kleine Startups ohne Kohle, die, mehr oder weniger, nur viel heiße Luft und sehr viel Arbeit anzubieten haben. „Wenn du dir vorstellen kannst, ein Praktikum zu machen, wir brauchen echt immer gute Leute fürs Marketing!“ Oder auch schön, eine frisch gegründete Consultancy: „Wir können kein festes Gehalt anbieten, aber du könntest selbstständig sein und wir vermitteln dich dann!“. Eins klang sehr interessant, das einzige, das keine Webseite hat, davon werden Sie eventuell noch hören, denn dem schreibe ich morgen eine Mail und verabrede mich mit ihm in Lillehammer (er wohnt da, die Firma wäre in der Nähe von Oslo, neben einer Chipsfabrik und das ist tatsächlich Absicht so, aber das ist alles kompliziert) für ein ausführlicheres Gespräch. Auch mit einigen größeren Firmen bis Pharmariesen habe ich gesprochen. Tja, naja, zwei von den Gesprächen waren nett bis richtig gut, einer war überaus angetan von meiner Industrieerfahrung in Kombination mit „Ich will das aber nicht mehr machen, ich will Büros und Meetingräume, nicht mehr ins Labor“ und bei dem soll ich mich melden, falls er sich nicht in zwei bis drei Wochen zurückgemeldet hat; der andere war auch total positiv, verwies mich praktisch aber nur auf die Karriere-Homepage („In Schweden ist in den Bereichen grad ganz viel offen!“) und als ich später da guckte, waren das so drei Stellen, davon zwei Senior irgendwas. Die meisten nur so „Da müssen Sie immer mal wieder auf der Homepage gucken, viel Glück!“ und einer meinte, ich soll erstmal Consultant werden******* und dann hätten große Firmen auch bestimmt mehr Interesse an mir********.

Trotzdem habe ich jeder*m, ausnahmslos, meiner Gesprächspartner*Innen meinen verdammten CV in die Hand gedrückt. Mit dem Opener „Und hier ist mein garantiert Hobbyfreier CV.“ Pfft.

Oh, ach so, zwischendurch kam noch eine email, in der mir das NAV meine beantragte Unterstützung für dieses Event (die Reisekosten) und einen Kurs in Projektmanagement, den ich gern machen würde, ablehnte. Stattdessen boten sie wieder einen Kurs in „Wo finde ich Stellenanzeigen“ und „Bewerbungen schreiben“ und „Jobbinterviews – wie verhalte ich mich“ an. Vier Wochen in Vollzeit*********. Vom Flughafen aus habe ich der Sachbearbeiterin geschrieben, dass ich sie gerne mal persönlich mit der Faust ins Gesicht treffen würde, weil ich das Gefühl habe, dass wir aneinander vorbei reden.

Meine Füße waren zwar schon tot, aber es gab noch Pizza und ich hatte noch Zeit, also aß ich Pizza und schaute mir sogar noch nett lächelnd das ShareLab an. Jaja, so bin ich nämlich, unkaputtbar und stets freundlich und offen für spontane Gespräche (nur nicht mit Essen im Mund) und überhaupt ganz toll.

Auf dem Weg zur Bahn merkte ich, dass neben meine Füßen auch mein Hals und mein Sozialakku wund sind. Alles irgendwie kein Wunder nach so nem Tag.

Irgendwie habe ich mich wohl in die Bahn und dann in den Regionalzug und zum Flughafen geschleppt. Bei der Sicherheitskontrolle piepten wieder meine Schuhe und ich musste sie ausziehen und ich zweifelte zwar sehr dran, ob ich die danach wieder anbekommen würde, aber es ging dann doch. Aber, Hölle, was für Schmerzen. Mein Flieger ging natürlich am hintersten Gate, da saß ich dann bloggend, bloggte im Flugzeug weiter und jetzt sitze ich im Flugbus und bin fast fertig. Die Schuhe muss ich möglicherweise rituell verbrennen. Morgen stehen Emails an und die Bewerbung vom Morgenflug muss ich ja auch noch schreiben. Yeah.

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Auto-Lobhudelei: jeeeez, ich bin so professionell, ich kann’s selbst kaum glauben. „Was hab ich gemacht, was kann ich anbieten, was will ich“ in vier Minuten? Kein Ding.

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*Da hab ich mich hier beworben.

**Ich besitze nur zwei Handtaschen und fühle mich damit auch seltsam. Aber meine Jutebeutel wähle ich mit Bedacht aus. Heute: Informatik-Konferenz.

***Da hab ich dann den ganzen Tag über gar nicht reingeschaut.

****Ich war ja auch erst zweimal da, da kann man sich da schonmal vertun, dochdoch.

*****Keine Sorge, ich hasse das immernoch wie Fußpilz, aber man braucht es halt.

******Hahahahahahahahahahahhahahahahahahahahahahaganzsichernicht.

*******Ich versuche ja sogar das, aber eben mit wenig Erfolg, sonst wäre ich ja nicht da, ne?

********Übersetzt: „Nee, Ausbilden, Einarbeiten, das machen wir nicht. Wir nehmen Sie dann eventuell als fertiges Produkt.“ Äh ja. Du mich auch.

*********Was für ein Schlag in die Fresse, wenn man es sich genau überlegt. Ich, eh schon top qualifiziert, möchte mich weiterbilden und die so: ich glaube, deine Bewerbungen sind scheiße. Und auch diese Person kann mich damit dann mal.