Tag 2075 – Samstagsdinge.

Es gibt angeblich kein Bier auf Hawaii, es gibt ganz sicher aber kein Roggenmehl in Eidsvoll. Was ist da los, backen schon wieder alle Bananenbrot?

Lange geschlafen, kurz zufällig beide Kinder gleichzeitig aus dem Haus gehabt, etwas Geige gespielt, lange spazieren gegangen, lange gekneipt.

Sehr schön war’s, so insgesamt.

Jetzt Bett.

Tag 2074 – Drei Monate.

Heute war ich im Krankenhaus, zur Vorbesprechung der Operation zur Schilddrüsenentfernung. Das war so lala, muss ich sagen. Erstens wird ja zur Zeit hier alles abgesagt, was planbar und, Zitat, „kein Krebs“ ist. Ich muss auch sagen, ich muss nicht gerade jetzt im Krankenhaus liegen, während dieses Krankenhaus keinerlei freie Intensivkapazitäten mehr hat. Aber das ist nur ein Teil des Problems, denn der Chirurg möchte gerne, dass ich vorher eine sogenannte Block and Replace-Therapie mache, damit meine Schilddrüse schon mal einschrumpelt. Bisher mache ich nur Block, nehme also Schilddrüsenblocker, damit meine Schilddrüse auf ein normales Maß gedrosselt wird. Replace wäre Einnahme von L-Thyroxin, damit meine Schilddrüse schon so richtig faul wird und gar nix mehr macht. Dann schrumpft sie (auf ein normales Maß zurück oder kleiner) und dann lässt sie sich auch besser operieren. Das heißt in meinem Laienohr aber: ich würde dann in eine Unterfunktion gehen, mit allem, was dazu gehört*. Schmöschte das nischt. Nun muss ich erst wieder mit der Endokrinologin sprechen, was die dazu meint. Der Chirurg meinte, er und ich sprechen uns in zwei Monaten wieder. Wenn sie dann „auf den roten Knopf drücken“, ist die Zeit bis zur OP drei bis vier Wochen. Das wäre am Anfang der Sommerferien. Genau, wie ich mir selbige vorgestellt hatte. Nicht!

Ansonsten wurde ich über mögliche Komplikationen aufgeklärt und es wurde ein Ultraschall der Schilddrüse gemacht. Meine Schilddrüse ist, laut Chirurg, geprägt von jahrelanger Entzündung, leicht vergrößert und stark durchblutet. Aber kein Krebs, keine Knoten, nix, wie im Morbus-Basedow-Bilderbuch.

Die beste Krankheit taugt nix, echt.

___

*Müdigkeit, Gewichtszunahme, in meinem Fall auch Risiko auf Gollumaugenscheiße

Tag 2073 – Nichts los hier.

Alltag eben. Bestes Event: endlich mit der Kollegin und dem Lieblingskollegen ein virtuelles Mittagessen abgehalten. Nach einem Jahr Homeoffice und der Aussicht auf weitere mindestens 4 Monate.

Ich hab die Schnauze voll von Homeoffice, das ist ja aber auch nichts Neues.

Wenn mir dann wer sagt „aber im Juni sind wir doch alle geimpft“ möchte ich der die Impfpläne um die Ohren hauen, die besagen, dass man im Juli mit meiner Gruppe überhaupt erst anfangen wird. Was ja gut ist, weil es heißt, dass ich jung und gesund bin und mein Risiko, schwer an Covid19 zu erkranken, gering. Das heißt aber nicht, dass ich ab erstem Juli dann wieder in knallvollen Büros sitzen will, ungeimpft.

___

Ach ja, Covid und Impfstoff. PRAC hat gesprochen und sagt, die Vorteile des Impfens überwiegen gegenüber den sehr seltenen Fällen von Sinusvenenthrombosen in Verbindung mit Thrombozytopenie, deren Zusammenhang mit den Impfungen zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden kann.

Gleichzeitig haben norwegische Ärzte im Blut der Patient*innen Antikörper gegen deren eigenes Blut gefunden, das sieht man sonst nur ganz selten nach Heparin-Gabe. (Heparin wird nicht gesunden Menschen gegeben, sondern kranken. Da ist die Basis für die Nutzen-Risiko-Abwägung eine andere. Aber ich schweife regulatorisch ab.)

Auch gleichzeitig sind zwei weitere Patient*Innen mit Thrombosen und Thrombozytopenie in Oslo eingeliefert worden. Ingesamt jetzt also sechs in Norwegen.

Jeder Mitgliedsstaat hat das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Ein Entzug der Zulassung hingegen hätte für alle Mitgliedstaaten bedeutet, dass sie diesen Impfstoff nicht mehr einsetzen können (also, naja, schon, aber dann würden sie gegen EU-Recht und -Verträge verstoßen).

Ich lasse das mal so unbewertet stehen, ich will mich da nämlich wirklich nicht streiten, es bringt nichts, außer Sie sitzen zufällig im PRAC oder der Europäischen Kommission, dann vielleicht, aber selbst dann könnten Sie ja nicht allein bestimmen – Demokratie eben.

Ich hab jedenfalls das Gefühl, dass uns das noch eine Weile beschäftigen wird.

Tag 2072 – Milder gestimmt.

Arbeitstag mit seltsamen Komplimenten (ich folge doch nur Conduct of Inspections of Pharmaceutical Manufacturers or Importers Punkt 2.4) und ein bisschen Chaos und ein bisschen Langeweile und ein bisschen Eskalation. Bunte Mischung.

Zwischendurch (siehe Langeweile) habe ich mir Notenbücher bestellt. Ich habe nämlich letzte Woche aus einer Laune heraus meine Geige herausgeholt, bedröppelt festgestellt, dass alle Saiten mehr oder weniger hinüber waren, beide Bögen mehr oder weniger hinüber sind und das Schaumpolster und die Gummiüberzieher der Schulterstütze morsch sind. Im Vorrat fanden sich noch drei Saiten, die einzige wirklich kaputte – A – aber natürlich nicht. Also bestellte ich ich einen Satz und eine extra A-Saite und eine neue Schulterstütze. Und schrieb, nach Tipp des Lieblingskollegen, eine Kollegin an, ob sie einen Bogenmacher kennt, der wenigstens meinen Lieblingsbogen neu bespannen kann. Die ziemlich vielen gerissenen Haare am Bogen schnitt ich erst mal ab.

Gestern kam dann die A-Saite und die Schulterstütze. Der Saitensatz war ausverkauft. Aber so oft reißen Geigensaiten ja nun auch wieder nicht, wenn ich da irgendwann demnächst mal was bekomme, bin ich vorerst safe. Die A-Saite zog ich also auf (die anderen hatte ich letzte Woche schon gewechselt), stimmte, stimmte wieder, stimmte ca. 500 mal bis ich nicht mehr sofort nachstimmen musste, stellte den Steg wieder auf, der sich durch das Aufziehen der Saiten etwas geneigt hatte und dann spannte ich todesmutig zum ersten Mal seit ca. 15 Jahren meinen nun eben leicht ausgedünnten Bogen und schrappte ein bisschen auf den Saiten herum. Gestern ging das so mittelmäßig gut, der Bogen hopste sehr und die Finger wollten gar nicht mitmachen und alles an mir fühlte sich sehr verkrampft an. Außerdem waren meine Fingernägel zu lang und ich hatte geschafft, mich selbst zu kneifen. Aber schön war es. Ich mag ja meine Geige sehr, muss ich sagen. Sie klingt sehr schön und ist hübsch, sieht alt aus und ist es ja auch („Dachbodenfund“, aber restauriert) und sie ist meins und als Kind und Jugendliche haben wir sehr sehr viel Zeit miteinander verbracht. Dann kam Demotivation, weil ich irgendwann keinen großen Fortschritt mehr merkte. Vermutlich wäre es damals gut gewesen, eine*n neue*n Lehrer*In zu suchen, so im Nachhinein. Ich hörte halt nach der Schule einfach auf zu spielen, und zwei, drei Jahre nach der Schule wanderte die Geige in ihren Koffer und ward nicht mehr ausgepackt.

Heute probierte ich es noch mal, mit Noten und nicht nur Tonleitern. Nach einigem Graben hatte ich meine alten Etüdenbücher wieder gefunden und erwartete eigentlich etwa das gleiche Resultat wie gestern. Die ersten fünf Minuten war es auch so. Mein Bogenarm ist schlapp und der Bogen hüpfte und bewegte sich irgendwo zwischen Griffbrett und Steg wild herum, die linke Hand traf nur grob in Richtung der richtigen Töne und ich war froh, dass das niemand hörte (weil Herr Rabe und Michel Pokémon fangen waren und Pippi fernsah). Aber nach ein paar Minuten Konzentration auf die Finger ging das wieder und nach ein paar mehr Minuten Konzentration auf den Bogen lief auch der wesentlich runder (zumindest im Legato). Nach anderthalb Stunden tat mir alles weh, die Fingerkuppen, der rechte Arm, der linke Arm, aber: ich hatte ein Ergebnis produziert, das sich durchaus mit dem messen lassen kann, was ich vor mehr als 20 Jahren gespielt hätte, als ich mir an den 3 heutigen Etüden das erste mal die Zähne ausbiss.

Und vor allem hatte ich sehr große Freude daran. Es ist eben ein sehr schönes Instrument. Wenn man’s kann.

Vorläufiges Fazit des Tages, was das Geige spielen angeht: sehr schön. Ein bisschen wie Fahrrad fahren, zumindest auf das Niveau von 3-4 Jahren Unterricht (in Frau-Rabe-Unterrichts-Jahren, s.u.) kommt man schnell wieder. Gerne wieder, sehr gerne sogar. Unterricht wäre sicher gut, aber erst mal muss die Pandemie weggehen. Und morgen hab ich sicher Muskelkater, aber der ist ehrlich erarbeitet.

Freitag bringe ich den Bogen zum Bespannen lassen. Dann kann ich ihn voraussichtlich Dienstag wieder abholen. Solange muss ich mit dem anderen, noch ömmeligeren Bogen üben, aber was soll’s. (Das Bespannen selbst dauert nicht so lange aber Coronabedingt sind die Angestellten dort alle in Kurzarbeit und der Bogenmacher arbeitet nächste Woche nur Dienstag.) Ich freu mich.

P.S. Nicht dass Sie denken, ich wäre mal wirklich gut gewesen. Nope. Ich habe kein übermäßig großes Talent dazu. Ich kann sehr gut hören und bin sehr diszipliniert und kann auch fleißig sein, das ist drei viertel der Miete. Der Rest ist vermutlich Talent und das habe ich, wie gesagt, nicht. Aber ich muss ja jetzt auch gar nicht mehr mit den anderen viel talentierteren Kindern zusammen im Geigerkreis und im Orchester spielen und mir angucken, wie die mit der Hälfte der Erfahrung an mir im Können vorbei ziehen. Ich bin jetzt groß und kann das einfach für mich machen! Und wenn ich Vivaldi in halbem Tempo spiele, erfährt das niemand! Erwachsen sein ist toll!

Tag 2070 – Alles brennt.

Jahui. What a dayyyyyyy.

1. Das IT-Projekt ist… nicht so cool, genau genommen ist es richtig kacke bisher und heute bin ich deshalb einigermaßen ausgeflippt. Nicht nur einigermaßen. Ich hab geheult deshalb. There, I said it. Nach dem Heulen musste ich 5 km spazieren rennen und mich dabei von einem verzweifelten Mann anschreien lassen*. Danach ging es halbwegs und ich konnte ein reinigendes Gespräch mit meinen Chefinnen führen ohne wen anzuschreien oder in Tränen auszubrechen.

2. Diese Nebenwirkungsgeschichte beschäftigt uns hier ja nun schon seit Freitag, eskaliert aber bekanntermaßen vollständig. Nein, ich weiß da auch nicht mehr als die Allgemeinheit, aber wenn ich noch ein Mal irgendwo Thrombose höre ohne dass niedrige Blutplättchenzahl dazu gesagt wird, muss ich schreien.

3. Es hat an unserem Dachfenster reingeregnet. Jupp, an dem neuen Fenster. Genau genommen hat es reingetaut, nicht -geregnet, aber letztlich ist mir egal, wie es genau entstanden ist, ich will keine Pfützen unterm Fenster haben. Heute waren deshalb die Vögel wieder da, die das Fenster ja auch schon reinverbrochen hatten und jetzt sollte es dicht sein, denn: „Masse tejp, alt bra“ (Viel Tape, alles gut). NA DANN.

4. Ab Mitternacht ist hier alles zu, was zu sein kann, außer Schulen und Kindergärten. In ganz Viken und Oslo. In Teilen von Oslo sind auch Teile der Schulen zu, nämlich alles ab Klasse 5 aufwärts. Das betrifft 2,1 Millionen Einwohner*Innen, also 36% der Gesamtbevölkerung, die, das rechnete ich mal aus, auf 6% der Fläche Norwegens leben. Total überraschend haben die dicht besiedelten Regionen dank britischer Mutante große Probleme, die Pandemie unter Kontrolle zu behalten. Genau genommen scheitern wir. Und nachdem die Krankenhauseinlieferungen seit einer Woche steil nach oben gehen und die ersten Osloer Krankenhäuser sich füllen, wird nun bis Ostern die Notbremse gezogen. 363 Tage nach dem 1. Lockdown. Im Gegensatz zum 12. März 2020 nehme ich es heute aber mit einem verzweifelt-resignierten Kopfschütteln zur Kenntnis. Ich warte da nämlich schon seit 6 Wochen drauf. (Mein Test vom Samstag war übrigens negativ.)

5. Eine Sache war schön, in all dem Scheiß, aber da denke ich noch drauf rum, wie ich das mal verblogge.

___

*Linkin Park hören

Tag 2068 – Bröckel.

What a day. Praktisch wenig gemacht. Brav zum Test gegangen, obwohl die Halsschmerzen natürlich heute morgen weg waren. Dort lange gewartet, weil jetzt eine andere Grundschule unseres Kaffes getestet werden muss. Der Test selbst ging dann schneller als das Händedesinfektionsmittel trocknen konnte. Wird nicht mein Hobby, muss ich sagen, aber ich hatte schon Zervixabstriche, die wesentlich unangenehmer und blutiger waren.

Danach innerhalb von einem Telefonat und einem schockierten Hören norwegischer Nachrichten die Stimmung von faul und wochenendlich auf ACH DU HEILIGE SCHEISSE katapultiert. Merke: wenn man Kollegen in den Nachrichten sieht, ist das selten gut, wenn es nicht so sonderlich medienfeste Kollegen sind, schon mal gar nicht.

Hoffen wir mal, dass Montag nicht alles bei der Arbeit brennt. Jetzt grad sieht es so aus, als sei das Potential dafür, zumindest aber für ein erneutes Covid-19-Kommunikationsdisaster, groß.

Abends online dem Schauspielfreund beim Schauspielen zugesehen. Das war sehr schön und eine gute Gelegenheit, auf andere Gedanken zu kommen. Die machen das jetzt ein Mal im Monat, wenn Sie Impro mögen, schauen Sie da doch ruhig mal rein: https://diestereotypen.de/termine (nächster Termin am 3.4. auch als Kindershow am Nachmittag).

Tag 2067 – Winteraktivität.

Bei meiner Arbeit gibt es jedes Jahr den „Winteraktivitätstag“. Da werden normalerweise Gruppenaktivitäten angeboten und normalerweise bin ich auf Inspektion (ein Schelm, wer denkt wir legten die Inspektionen mit Absicht so). Heute halt weder noch. Aber man bekommt einen halben Tag dafür frei und da will eine ja nicht so sein, also ignorierte ich das Halskratzen und marschierte los, Ziel: Eidsvollbygningen.

Nun, ich weiß jetzt: das sind 10,02 km und vieles davon geht leider über die Landstraße Richtung Bøn, da gibt es keinen Fußweg, sondern man latscht halt auf der Straße rum. Am Ende ist es aber noch mal nett, nämlich am Andelva:

Wenn da nicht der Untergrund gewesen wäre, wie der Untergrund erwartbar ist, wenn es erst viel schneit, dann viel taut, dann wieder friert und dann wieder schneit und wieder taut: klitschnasser, kniehoher Schnee auf einer massiven Eisschicht.

Aber hübsch da.

Nach etwas über zwei Stunden war ich trotzdem sehr froh, endlich angekommen zu sein und von Herrn Rabe abgeholt zu werden. Nächstes Jahr muss ich da echt ne Inspektion hin legen mache ich meine Winter-Lieblingsaktivität: Winterschlaf.

Dem Hals geht es übrigens so ok, es ist auch nur der Hals und die oberen Bronchien. Auf der Tour bin ich drei Leuten und drei Hunden begegnet und habe immer gut Abstand halten können. (gut = deutlich mehr als den norwegischen Meter, eher so drei Meter und Gesicht abgewandt.)

Tag 2066 – Tidelibomm.

Es schneit und schneit und schneit. Südnorwegen versinkt im spontanen Schneechaos, nachdem wir ja irgendwie alle schon sehr auf Frühling gehofft hatten.

Aber wie sagte eine Freundin mal so schön: Tauwetter vor Ende März kann ich nicht ernst nehmen.

Hier ist Frühling halt erst nach Ostern. Irgendwann lerne ich das noch. „Osterglocken“ im Mai, Pünktlich zum 17. Mai hier unten dann auch Tulpen.

Immerhin ist es hell, wir könnten dann die Weihnachtsbeleuchtung echt mal abmachen.

Winter soll jetzt weggehen und Corona mitnehmen.

Halsschmerzen, eigentlich nur ein Halskratzen mit einem leichten Gereiztheitsgefühl in den oberen Bronchien, braucht ja zur Zeit auch wirklich gar niemand. Schon mal gar nicht, wenn der nächste Testtermin erst am Samstag zu bekommen ist, weil morgen die halbe Grundschule erneut getestet werden muss, weil da die britische Variante grassiert. Japp, DIE Grundschule, auf die Michel geht und sämtliche Kinder sämtlicher Nachbarn. Juhu.