Neuer Spaziergangsversuch, deutlich besser als vorgestern. Es wird also.
Unter dem Pflaster haben sich gleich zwei neue Level freigeschaltet, nämlich Berührungsempfindlichkeit und Jucken. Hurra. Das ist aber hauptsächlich nervig und ja ein Zeichen für Heilung, ich klage also nicht nur wenig. Weiterhin kann ich langsam wieder normal klingende Fragen stellen und auch singen – klingt nur seltsam, muss ich noch üben. Ich vermute mal, das ist, wie wenn man an der Hüfte operiert wurde und dann erst mal wieder üben muss, normal zu laufen.
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Pippi fand im Garten zelten so gut, dass sie und Herr Rabe das gleich noch mal machen. Mit Frühstück im Zelt! Ich schlafe also wieder alleine, jedenfalls so lange, bis Michel sich dazu kuschelt. Aber das ist immer noch viel mehr Platz, als mit Herrn Rabe UND Michel im Bett.
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Morgen kommen M. und H. aus Trondheim zu Besuch, Michel ist schon ganz aus dem Häuschen. Siehe oben.
Pippi und Herr Rabe zelten heute im Garten, das hat sich Pippi so gewünscht, beziehungsweise wollte eigentlich nur die im Garten zelten, fand das aber dann doch alleine viel zu gruselig (Michel sagte gleich rundweg nein), also erklärte sich Herr Rabe bereit. Das heißt, solange Michel in seinem Bett bleibt, habe ich das große Bett ganz für mich allein! Ich liege auch schon quer drin. [Disclaimer: ich liebe Herrn Rabe sehr und schlafe auch ausgesprochen gerne mit ihm in einem Bett, aber alleine schlafen ist manchmal einfach so, so gut!]
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Michel und ich haben heute einen Ausflug gemacht, Geburtstagsgeschenke für Pippi kaufen. Für Michel war es gut, weil der ein bisschen Abstand von seinem manchmal etwas sehr energischen Freund brauchte und für mich war es gut, weil der Punkt „Geschenke besorgen“ jetzt erledigt ist und mich nicht mehr stresst. Es war ein richtig netter kleiner Ausflug, bei dem ich viel über mein großes Kind erfahren habe. Der ist schon sehr wohlgeraten, muss ich sagen, und in diesem kleinen Kopf stecken viele kluge und erstaunlich reife Gedanken… und unglaublich viel Faktenwissen über alles mögliche, das manchmal einfach wahllos aus ihm rausblubbert.
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Der Ausflug ging kräftemäßig ganz gut, es scheint doch, als ginge es wirklich aufwärts. Ohne Paracetamol ins Bett war aber ne blöde Idee. Heute habe ich Geige gespielt, ich hatte ein bisschen Schiss, dass die am Hals drückt, aber das tut sie nicht, beziehungsweise weiter an der Seite, genau neben dem Pflaster (und auch da hinterlässt nur die Zwinge der Kinnstütze eine kleine Druckstelle am Schlüsselbein). Uff, da kann ich mir ja wenigstens die Zeit mit einer weiteren Aktivität vertreiben. Bei Kreislauf kann ich ja auch im Sitzen spielen, aber auch der war heute schon viel zuverlässiger als gestern noch.
Uffz, ich bin keine gute Patientin, ich bin jetzt schon völlig rastlos, aber mein Körper ist noch nicht wieder ganz hergestellt, wie auch, das dauert halt nach so einer Operation, Vollnarkose und jeder Menge für mich ungewohnt starker Schmerzmittel (ich verdächtige meinen Körper auch, irgendwas davon nicht richtig rauszubekommen). Heute habe ich einen kurzen und langsamen Spaziergang gemacht und war danach völlig alle. Mich nervt das. Hoffentlich wird das bald besser, ich möchte meine Routinen zurück.
Positiv: der Hals ist schon wesentlich besser, ich versuche jetzt mal, ohne noch eine Paracetamol zu nehmen, einfach zu schlafen. Auch positiv: duschen dürfen und in normaler Haltung schlafen können.
Mich nimmt die Flutkatastrophe in Deutschland sehr mit und ich bin ja komfortabel weit weg, auch, und besonders, nachrichtenmäßig. Ein kurzes Überfliegen angespülter Facebookkommentare reicht da schon, dass ich alles anzünden will, oder wen verhauen, oder am besten alles zusammen. Ich möchte ohnmächtig um mich schlagen, wenn ich, während in Deutschland Dämme und Talsperren brechen, und zeitgleich in Nordamerika reihenweise Menschen an Hitze sterben und ganze Ortschaften abbrennen, lesen muss, man müsse Wetter und Klima unterscheiden und Aktionismus sei doch jetzt fehl am Platze. Vor grad mal eineinhalb Jahren ist halb Australien abgebrannt. Absurd heiße und zum Teil auch viel zu trockene Sommer 2003, 2015, 2018, 2019, 2020. Kyrill, Kathrina, Elbehochwasser, Donauhochwasser. Wenn wir nicht langsam was machen, wann denn dann? Es ist schon zu spät für vieles, denn die Klimakatastrophe ist im Gange, es ist ganz deutlich und Leute, die davor immer noch die Augen verschließen, machen mich einfach nur rasend wütend (das macht die Ohnmacht, ich bin ja eigentlich Pazifistin, aber wenn ich mich machtlos fühle, werde ich emotional zu einem Kleinkind). Lasst uns endlich, ENDLICH was tun, damit wenigstens Teile des Planeten in 30-50 Jahren überhaupt noch bewohnbar sind, möglichst sogar in einer Form, die es den (vermutlich eng zusammengerückten) Menschen dort erlaubt, ein gutes Leben ohne Ressourcenkriege zu führen.
In 30 Jahren sind meine Kinder so alt wie ich und Herr Rabe jetzt sind. Und das sind die zeitlichen Perspektiven, die man realistisch gesehen annehmen muss. Wir haben keine Zeit mehr für „Kohleausstieg irgendwann“ und „aber der Ölfonds!“, da haben grad, mitten in Europa, in einem reichen Land mit guter Infrastruktur, mit stabilen Häusern aus Stein (*winkt der „die mit ihren Holzhütten in den USA“-Arroganz zu*), Leute alles verloren, viele sogar ihre Leben.
Solche Dinge werden immer häufiger und immer schlimmer werden. Es passiert schon, wesentlich früher, als prognostiziert.
Lasst uns was tun. Jede*r auf die eigene Art, jede*r, was in der eigenen Macht steht, aber nicht einfach weiter gar nichts machen und auf irgendeine Magie hoffen, die sich schon seit Jahrzehnten nicht blicken lässt.
Wir haben heute klein angefangen, und beantragt, uns ins Wähler*Innenverzeichnis aufnehmen zu lassen. Wählen ist wichtig (und für Auslandsdeutsche halt mit Einsatz verbunden). Außerdem haben wir an eine Hilfsorganisation gespendet, die Menschen in dieser und anderen Notsituationen hilft (eine Übersicht gibt es zum Beispiel bei der Tagesschau).
So, das war’s von mir zum Stand der Dinge, danke fürs Zuhören, ich meditiere dann mal die Klimapanik weg, damit ich nicht so eine unangenehm keifende Klimagöre bin. Nein, Scherz. Unangenehm for life. Unangenehm for das life, das auch in 30 Jahren noch lebenswert sein soll.
Ich wurde heute morgen nach einem letzten Abschlussgespräch mit dem Chirurgen entlassen. So läuft das in Norwegen, kaum kommt man knapp ohne Schmerzmittel, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, zurecht, wird man entlassen. Paracetamol nehmen und spazieren gehen. Nein, ganz so ist es natürlich auch nicht, aber ich habe ja zum Beispiel keine Drainage, das machte es schon mal einfacher, ich habe keine Probleme mit der Stimme, Schwellung, Schmerzen (najaaaa…) und mein Kalzium ist nicht toll aber auch nicht dramatisch schlecht, das kriegen wir so hin. Ich bin auch froh drum, nach Hause zu können, hier kenne ich die Geräusche, niemand schnarcht, niemand bekommt nachts Infusionen oder Einlagen gewechselt, und schon mal gar nicht kommt jemand und sticht mir mitten in der Nacht Nadeln in den Arm. Das ist ein eindeutiger Vorteil, man weiß das ja so gar nicht unbedingt zu schätzen.
Ich hoffe jedenfalls, dass ich zu Hause nicht wieder um vier Uhr morgens wach bin und trotz Schmerzmittel, das eigentlich dösig machen sollte, nicht mehr schlafen kann.
Die Schmerzen waren in der Nacht schlimm, aber wenn man versucht, zu schlafen, fühlt sich ja auch alles, was eine daran hindert, noch schlimmer an. Dazu diese quasi sitzende Schlafposition… Jetzt gerade geht es schon viel besser, der Hals ist zwar belegt und Sprechen strengt an, aber ich habe eben testweise ein wenig gesummt und auch das geht nahezu normal. Der Rest kommt auch wieder, bin ich ganz sicher.
Jetzt nehme ich eine (kleine) Weile Kalziumtabletten mit Zitronengeschmack, bis meine Nebenschilddrüsen sich von den „Prügeln“, wie der Chirurg es nannte, erholt haben und werde danach 3Ms beste Kundin, damit ich brav ganz lange Narbenpflaster tragen kann.
Und morgen feiere ich das Wiedersehen mit der Dusche. Ich kann gerne ein paar Tage hauptsächlich auf dem Sofa liegen, aber nicht, wenn ich dabei von drülfzig Fliegen bekrabbelt werde.
Am Besten an allem ist aber, wieder meine drei Lieblingsmenschen um mich zu haben. Hach!
Mein Nacken fühlt sich an, als hätte ich beim Krafttraining völlig übertrieben, ich muss alles sehr sehr gut kauen, damit es auf dem Weg nach unten nicht hängen bleibt, ich habe ziemlich krasse blaue Flecken und Löcher in Armbeugen und am Fußrücken und das Kinn heben oder den Kopf ansatzweise normal drehen geht nicht. Insgesamt fühlt sich alles zwischen Brustbein und Kinn an, wie vermöbelt. Und all das ist genau wie geplant, nach so ner Schilddrüsen-OP.
Und damit kann ich auch das Geheimnis lüften, was gestern schief lief: die OP sollte nämlich gestern stattfinden. Um 06:30 musste ich kommen, nüchtern, um operiert zu werden. Herr Rabe sollte mich fahren, weil ich nicht abends schon aufgenommen werden konnte, das Hotel, mit dem das Krankenhaus eine Absprache hat, sodass ich das hätte erstattet bekommen können, im Juli geschlossen hat und um die Zeit noch kein Zug fährt. Dazu war extra dienstag abends die Babysittertochter zu uns gekommen und hat bei uns übernachtet, damit die Kinder nicht alleine sind, sollten sie aufwachen, bevor Herr Rabe zurück käme (ca. 07:30). Erstes Ding, das schief lief: Michel, der sich gewünscht hatte, wir mögen ihn wecken, wenn wir losfahren (er durfte bei uns im Bett schlafen, weil er so aufgeregt war. Avocadobaum „Benjamin“ passte auf ihn auf. Das Kind ist etwas speziell in seiner Phantasie, ja.), weinte bitterlich, als wir ihm Bescheid sagten, weil er Angst hatte, nicht wieder einschlafen zu können, bevor wir fuhren. Nun ja, wenn man doll weinen muss, kann man auch tatsächlich schlecht schlafen, und im Endeffekt zogen wir ihm ein T-Shirt über und nahmen ihn halt mit.
Michel hat alle unsere Pflanzen benannt.
Ich kam pünktlich ins Krankenhaus, bekam ein Bett und eine OP-Kluft, die ich auch direkt anziehen sollte und ziemlich direkt auch einen Zugang gelegt und harrte fortan der Dinge, die da kommen mögen. Nach einiger Zeit kam eine Schwester und sagte, ich stehe als Nummer 3 auf der Liste, es dauere also noch, wie lange, konnte sie aber nicht sagen. Sie versprach mir aber eine Infusion mit Flüssigkeit, ich hatte ja höchstens ein halbes Glas Wasser getrunken seit dem Aufstehen (um 04:45), um meine Tabletten herunterzuspülen. Um viertel nach elf, nüchtern seit 13 Stunden, mit beginnenden Kopfschmerzen vom niedrigen Blutzucker und dem Körpergefühl einer vertrockneten Rosine, fragte ich nach dieser Infusion. Die war vergessen worden und ich bekam sie dann immerhin binnen Minuten. Da war endlich der Zugang zu was gut. Die Kopfschmerzen killte die NaCl-Lösung leider nicht.
Die Wartezeit vertrieb ich mir mit Lesen, Handygedaddel, etwas Dösen und Musik hören. Medizinstudentin T. vertrieb sich meine Wartezeit damit, ein EKG abzunehmen, also erst mal sehr lange sehr, ähm, planlos, mit Kabeln und Aufklebern und der Anleitung herumzufummeln, dann die falschen Kabel an der falschen Stelle anzubringen und wieder zu tauschen, dann ratlos auf den Ausdruck zu schauen und lieber doch einen fertigen Arzt zu fragen. Nicht falsch verstehen, wir hatten beide Spaß dabei und ich glaub, ich kann jetzt auch ein EKG abnehmen, sie muss es ja auch lernen und ich hatte ja Zeit. Besonders lustig war, dass mittendrin Michel anrief und fragte, wie es ginge, und als ich sagte, ich müsse noch warten, sagte er (natürlich auf Norwegisch und natürlich hatte ich den Lautsprecher an) „Papa sagt, du bist damit nicht sehr zufrieden?“. Da T. schon schmunzelte, schob ich es Michel gegenüber darauf, dass ich seit sehr sehr langer Zeit nichts gegessen hatte und sehr hungrig war und „das haben wir dir ja erklärt, manche Leute, so wie du und ich auch, werden dann sehr sauer, dabei ist es eigentlich nur Hunger“.
Irgendwann kam meine Zimmernachbarin (oh ja, Doppelzimmer mit Doppelbelegung, Pandemie, keine Mundschütze, keine Coronatests) aus dem OP. Sie war Nummer 1 gewesen und hatte noch lange im Aufwachraum gelegen, ich schöpfte also etwas Hoffnung, dass Nummer 2 bald durch und ich dran sei.
Um halb zwei (ca., ich nüchtern seit 15 Stunden) kam der Chirurg, der mich operieren sollte. Meine Kopfschmerzen waren inzwischen mörderisch und ich hatte das Gefühl, mein Magen verdaue sich selbst. Leider hatte der Chirurg eine Hiobsbotschaft: es gab einen Notfall, der vorgezogen werden musste, mit dem „mein“ Anästhesieteam beschäftigt war, man könne mich eventuell (!) in der für Notfälle vorgesehenen Zeit um 16 Uhr operieren. Wenn nicht – dann nicht. Der Chirurg wirkte darüber selbst ziemlich frustriert und leitete das Gespräch auch ein mit den Worten „ich könnte ne Stunde diskutieren über Operationsplanung in diesem Krankenhaus, aber es hilft ja nicht“. Immerhin sorgte er, als er hörte, dass ich seit Ewigkeiten nichts gegessen hatte, dafür, dass ich sehr schnell eine Glucoseinfusion (von T.) bekam.
Mit der intus versuchte ich verzweifelt, die Kopfschmerzen wegzudösen. Das funktionierte eher schlecht als recht, und um viertel nach drei weckte mich eine Schwester mit Paracetamol und Dexametason, das ich zur OP-Vorbereitung nehmen sollte. Kein Problem, immerhin hieß das, dass 16 Uhr wahrscheinlich sei. Meine Zimmernachbarin freute sich schon mit mir, ich war aber noch vorsichtig und, tja, um 16:15 kam der Chirurg und sagte „es hat grad so nicht geklappt“. Faen, altså. Er sagte aber, immerhin, dass ich dann jetzt essen dürfe, und, noch viel wichtiger, dass ich über Nacht bleiben könne/solle und wir es am Folgetag (also heute) noch mal auf die gleiche Art probieren würden und wenn es wieder nicht klappe, ich in jedem Fall zeitnah einen neuen Termin bekommen würde (NOCH MAL DIE GANZE ODYSSEE? BITTE NICHT!). Er wirkte ein wenig, als wolle er was anzünden.
Ich schaffte es, nicht zu flennen, bis ich Herrn Rabe anrief. Yeah.
Nun ja, es gab dann Essen (Krankenhausessen, kein besonders schlechtes, aber auch keine herausragende Küche, aber immerhin feste Nahrung – nach 18 Stunden) und tröstende Worte von der Krankenschwester und dann war alles schon etwas besser. Herr Rabe und die Kinder kamen mich besuchen, die Kinder waren mit McD auf dem Weg bestochen worden, und sie brachten mir meine Tabletten, die ich ja nicht mehr zu brauchen geglaubt hatte, sowie eine Migränetablette. Wir saßen in der „Glassgata“, ich mit Milchkaffee und alle mit Eis vom Narvesen, und ich musste beiden Kindern erklären, wie der Zugang funktioniert und wofür ich den haben muss. Weil Michel fragte, erklärte ich ihm außerdem, warum wir nicht in mein Zimmer gehen würden und weil er sich dann Sorgen machte, dass es mir nach meiner Operation auch „nicht so gut“ gehen würde, musste ich leider auch erklären, was Krebs ist und dass und warum man solide Tumore wegoperiert, wenn man kann. Ich muss sagen, ich bin immer noch unsicher, wie viel Information für Michel angemessen ist, ohne ihn zu ängstigen. Er will halt immer alles wissen und hält damit glaube ich seine Ängste in Schach, aber herrje, ich hab doch selbst Angst vor Krebs und weiß noch viel viel mehr darüber, hab sowas ja studiert… Uff uff. Sowas wie „Noiiin, niemand von uns kriegt je Krebs“ geht auch nicht, das durchschaut er sofort, dass das eine unzulässige Aussage ist, aber wir waren uns dann einig, dass wir beide doll hoffen, dass niemand von uns oder die wir gern haben, Krebs bekommt.
Der Rest des Tages ging unspektakulär rum, ich musste noch mal duschen zur Vorbereitung auf die OP, las, daddelte am Handy, und versuchte, recht früh zu schlafen – was mäßig klappte. Vor allem war ich heute morgen um viertel vor fünf knallwach, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als weiter lesen und warten… heute bekam ich aber schon um halb sieben eine NaCl-Infusion, um sieben Paracetamol und um halb acht wurde ich abgeholt.
Trotzdem glaubte ich nicht so richtig daran, dass ich tatsächlich operiert würde, bis ich auf dem OP-Tisch lag und mir der sehr nette (deutsche, wie sich herausstellte) Anästhesist erklärte, was nun alles passiere.
Bei der OP ging wohl alles gut, sie haben alle Nebenschilddrüsen gefunden und erhalten können, ich kann normal reden („Üb‘ das, die Stimmbänder müssen jetzt wieder ein bisschen trainiert werden“, sagte die Chirurgin), hatte „minimale Blutung“, habe also auch keine Drainage, und bisher nur eine leichte Schwellung an der Wunde. Im Aufwachraum gab es noch einen lustigen Schmerzmittelmix wegen doch ziemlichem Aua und dann ein Eis, wegen Aua im Schluckapparat. Ich fand noch eine Elektrode an meiner Stirn, von der Stimmbandstimulation, nehme ich an. Mir ist nicht schlecht (beim letzten Mal, dass ich eine Vollnarkose hatte, musste ich danach brechen), ich durfte, als ich endlich wieder auf dem Zimmer war, auch sofort essen und wenig später in meine normalen Klamotten umziehen, aufs Klo und mein Gesicht waschen (Kleberreste überall!) und war auch schon beim Narvesen, ordentlichen Kaffee und ein weiteres Eis holen. Hurra!
Morgen geht es, aller Voraussicht nach, nach Hause.
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*Fun fact: in Norwegen gibt es das nicht mit den obligatorischen Heparinspritzen, nur wenn man einen bestimmten Risikoscore erfüllt, auf dessen Skala ich aber nur einen Punkt erreiche.
Also der Tag lief, von vorne bis hinten, total überhaupt gar nicht wie geplant, womit ich schlecht umgehen kann*, aber so richtig erzählen, was war, mag ich auch (noch) nicht. Morgen dann, irgendeine Art von Fortsetzung wird sich morgen ergeben. (Ich hoffe, die Fortsetzung wird besser als der erste Teil.)
Allen, die einen nasophayngealen Abstrich zur Coronadiagnostik schlimm finden, möchte ich einen Stimmbandendoskopie empfehlen, so zur Abhärtung. Voll schön, so einen Schlauch dreißig Zentimeter durch die Nase, quer durch den Rachen und Hals bis zu den Stimmbändern geschoben zu kriegen und dann noch Geräusche machen zu sollen. Wussten Sie, dass sich bei Ihhh-Lauten auch in der Nase was zusammen zieht? Ich bisher auch nicht und ich hätte auf dieses Wissen auch gut verzichten können, das ist nämlich überaus eklig, wenn’s in der hintersten Nase, kurz vorm Gehirn, vibrierend kribbelt.
Noch was, das ich bis heute nicht wusste: wenn man hier in Norwegen die Blutgruppe bestimmt, müssen zwei Personen zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten zwei (also je eine) Proben nehmen. Also Person 1 linker Arm, Pieks, [füllt 4 Röhrchen], zieht Nadel raus, sagt Person 2 Bescheid, die nach 5 Minuten kommt, rechter Arm, Pieks, [füllt 1 Röhrchen], zieht Nadel raus, Frau Rabe verlässt mit 2 verpflasterten Armbeugen und einem sich entwickelnden Hämatom (Person 2) und kribbelnder Nase das Krankenhaus.
Nääää, all das wird nicht mein neues Hobby.
P.S. Es trägt schon wieder niemand mehr Mundschutz in diesem Krankenhaus. Es ist zum Heulen. Ich kam mir schon komisch vor, als ich ihn für die Stimmbanduntersuchung abnehmen musste.
Nein, ich koche nicht vor, bevor ich operiert werde.
Aber ich entferne schon mal alles Metall aus meinem Körper*.
Ich brauchte schnell einen Platz, wo ich es nicht aus Versehen vom Tisch fege…
Morgen habe ich den HNO-Termin zur Kontrolle, und ich dachte, FALLS das Zungenpiercing nicht rausgeht, könnte ich im Notfall nach dem Termin in Oslo zu einem Piercingstudio gehen und es dort entfernen lassen. Aber ging ja, mit zwei Zangen und Herrn Rabes Fingerspitzengefühl. Angeblich wächst das ja super schnell zu, ich bin gespannt, ob das stimmt. Auch wenn ich nach 18 Jahren denke, es ist jetzt auch mal gut gewesen damit. Irgendwann muss eine ja erwachsen werden.
Ansonsten passierten heute diverse Dinge hier zu Hause. Ich habe das darüber äußerst empörte Langhaarschwein mit dem Langhaarschneider traktiert, damit seine Haare nicht im Draußengehege über den Boden schleifen. Immer wieder faszinierend, dass man sich aus den abgeschnittenen Haaren fast ein zweites Meerschwein häkeln könnte. Kaum war ich damit fertig, als plötzlich, zusätzlich zu Pippis Spielbesuch, zwei weitere Kinder bei uns waren, die Herr Rabe ins Haus scheuchte während er mir zurief, er fahre jetzt deren Vater (unseren Nachbarn) zur Legevakt, der von einer Wespe in die Nase gestochen wurde und eine allergische Reaktion vermutete. „Mir wird ein bisschen schwindelig!“ hörte ich den Nachbarn sagen. Es ging alles gut, es gab Adrenalin und Antihistaminika für den Nachbarn, der jetzt Allergiediagnostik gewonnen hat. Der Schwindel kam vermutlich von den Herzrhythmusstörungen, die der Wespenstich ausgelöst hatte und es war gut, dass er gleich gekommen ist. Die Kinder trugen es mit Fassung, vielleicht auch, weil wir ein neues Switch-Spiel haben. Spannend an Pippis Spielbesuch war, dass ich, getrieben von der bekannten, heftigen Wespenallergie des Kindes (das ist das, was immer einen EPI-Pen dabei hat) und diesem Schreck mit dem Nachbarn leicht hektisch werdend die sich plötzlich im Haus materialisierenden Wespen rausscheuchte und dann alles verrammelte, als wäre nicht Sommer und 26 Grad und Durchzug wegen Pandemie eigentlich sinnvoll. Aber man kann nicht alles haben, und ich will echt nicht diesen Pen benutzen müssen.
Dann machten wir einen kleinen Ausflug zum Bauernhof, wo ich das Besuchskind erfolgreich in Socken, in die auch die langen Hosenbeine gesteckt wurden, quatschte, wie es mir seine Mutter geheißen hatte. Keine nackten Knöchel, während man im hohen Gras rumstapft. Wir ernteten Rhabarber und Salat und es gab keine Eier. Tjanun. Aber Rhabarber, morgen gibt es also Kuchen und der Rest wird eingefroren und wartet darauf, dass norwegische Erdbeeren irgendwann vielleicht bezahlbarer werden. Was möglicherweise nicht passiert, weil die Erdbeerbauern nicht so leicht die üblichen Billiglohnpflücker*Innen importieren konnten und sich (angeblich) die Norweger*Innen für sowas zu fein sind. Aber das ist dann halt so und ein Kilo Erdbeeren (plus Zucker und Geliermittel) ist immer noch wesentlich billiger, als die Marmelade zu kaufen, die man daraus kochen kann und es schmeckt auch besser (weil wir die norwegischen Erdbeeren reintun und Rhabarber haben).
Medienmäßig ist Sommerloch, man merkt es deutlich. „Überraschend“ wurden im ersten Halbjahr 2021 weit mehr Kinder geboren, als der Trend der letzten Jahre anzeigte. „Überraschend“ nehmen norwegische Hoteliers und Leihwagenfirmen die in Norwegen urlaubenden Norweger*Innen schamlos aus, Angebot (zum Teil künstlich) klein, Nachfrage groß, Kapitalismus ist so schön simpel. „Überraschend“ sind die Freizeitparks alle auf Wochen ausgebucht. Es ist alles ein großes „Nein! Doch! Oh!“-Fest.
Ich werde morgen „überrschend“ müde sein, wenn ich um sieben hier los fahre zu dem HNO-Termin…
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*abgesehen vom Draht, der meine Schneidezähne an ihrem Platz hält
Heute haben wir mit (Teilen) der Babysitterfamilie gegrillt, nachdem wir uns seit… ewig ja fast gar nicht gesehen haben und wenn, dann immer nur mit riesigem Abstand. Nun ist S. aber schon eine ganze Weile wegen ihrer Vorerkrankungen voll geimpft und das Wetter ist gut genug, um die ganze Zeit draußen zu sitzen und sogar – dank Wind – im Haus für Durchzug zu sorgen. Man muss ja auch mal aufs Klo.
Das war sehr schön, wir schnackten einfach ewig lang und holten ein bisschen auf, was in den letzten anderthalb Jahren einfach nicht ging.
Dabei wieder festgestellt, dass ich wirklich keine Lust mehr auf diese Dreckspandemie habe. Für mich und viele andere ist sie nicht vorbei, es läuft immer im Hinterkopf ne ganze Menge Coronakram mit und das nervt. So. Uff.
Etwas lustig war, S. und A. Schnelltests zum Selbstgebrauch zu erklären. Die kann man hier zwar für nichts offizielles gebrauchen, aber sie sind ein gutes Mittel zur Beruhigung bei unspezifischen, leichten Erkältungs- oder auch Heuschnupfensymptomen, die „allerhöchstwahrscheinlich nicht Corona sind, aber man weiß ja nie“. Schnelltests kommen hier überhaupt grad erst auf, seit kurzem kann man sie in einer Art Drogeriekette und wohl auch einer Baumarktkette für Profibedarf kaufen. Wenn man nen offiziellen Test braucht, kann man zu einer Privatklinik fahren, die dann genau so einen Schnelltest mit einem machen und dafür 120€ (!!!) kassieren. Mit dem Ergebnis kann man dann aber beispielsweise verreisen. Und dann werden ständig die Farben von allem geändert und man kommt nicht mehr problemlos zurück, aber das ist eine ganz andere Geschichte.
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Weiterhin haben wir Michel heute erklärt, wie wir uns das mit meiner Operation vorstellen, dass nämlich die Babysittertochter bei uns schlafen wird, damit sie da ist, wenn die Kinder aufwachen, bevor Herr Rabe wieder da ist. Davon war Michel ganz und gar nicht begeistert, nach einigem Getobe und Gemotze bekam ich aus ihm raus, dass er wohl schlimm fand, dass ein mal morgens Oma in unserem Bett lag statt uns. Das war, als Pippi geboren wurde, da war er also noch nicht mal drei Jahre alt und wir dachten eigentlich damals, dass das alles recht gut geklappt hätte – hoppla, Kind traumatisiert. Für die Operation einigten wir uns dann darauf, dass wir Bescheid sagen, wenn wir fahren und ihn dafür auch wecken, damit er Bescheid weiß. Damit konnte er sich anfreunden und nun hat er ja auch noch ein paar Tage Zeit, um das sacken zu lassen und auf seine Art zu planen. (Beim ins Bett bringen kam dann noch die Frage auf, wie wir das machen, wenn Herr Rabe mich aus dem Krankenhaus wieder abholt. Da haben wir noch gar nicht groß drüber nachgedacht, ich denke, Herr Rabe nimmt die Kinder einfach mit. Auch damit war Michel zufrieden.) Generell scheint seine Art der Vorbereitung, was ja auch Bewältigung von Ängsten* ist, auf „alles wissen“ hinauszulaufen, was ich gut verstehen kann, ich bin und war immer schon genau so. Vermutlich mochte er auch schon als Kleinkind keine Überraschungen und hat es einfach noch nicht so mitteilen können. Und wir dachten damals halt, wenn wir fahren, wenn er noch wach ist (ich hatte mich ja extra aufs Sofa gesetzt, um die wirklich ordentlich anziehenden Wehen zu veratmen, während Herr Rabe ihn ins Bett brachte), kommt er sicher nicht zur Ruhe und wenn er die Oma morgens erst suchen muss und das Bett ganz leer ist, wäre er sicher verwirrt. Tjanun, jetzt im Nachhinein können wir es auch nicht ändern.
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* das ist grad eh ein Thema, ganz alterstypisch passiert da bei ihm grad viel und jetzt glaubt er, seine kleine Schwester sei „tougher“ als er. Ich habe ihm dann erklärt, dass Pippi solche Ängste (vor Tod etc.) einfach noch nicht hat, weil sie noch zu klein ist und sich das erst später im Gehirn entwickelt, nicht weil sie tougher ist. Das fand er spannend und scheinbar auch einleuchtend und ich hoffe, damit konnte ich ihm einen Teil der Angst vor der Angst nehmen. Und ich muss jetzt vermutlich erst mal kindliche neurologische Entwicklung studieren, um Michel das alles erklären zu können.