Tag 1817 – Zu Hause ist’s doch am schönsten.

Endlich wieder zu Hause. Mein Kopfkissen, meine Matratze, mein Kühlschrank mit meiner Ordnung. Meine Kaffeemaschine (fürs nächste Mal: die funktioniert am besten, wenn man sie einstöpselt).

Morgen ist mein Urlaub vorbei und ich mag nicht, irgendwie. Vielleicht sind fünf Wochen Urlaub zu lang. Ich fühle mich, als wäre ich komplett raus.

Das heißt auch, früh aufstehen. Ob ich das noch kann?

Michel und Pippi gehen morgen wieder in ihre Betreuungseinrichtungen. Michel in den Hort, Pippi beginnt ihr letztes Kindergartenjahr. Nur noch ein Jahr Kindergarten für sie, und damit auch für uns als Familie. Das fühlt sich seltsam an.

Die Meerschweinchen hatten eine gute Woche ohne uns. Alle drei haben ein bisschen zugenommen, sogar Muffin, obwohl der offenbar ein bisschen auf die Mütze bekommen hat. Irgendwer hat ihm wohl ordentlich in den A… gebissen. Ich vermute, Pølse war’s, die ist nämlich sonst die Königin, Muffin scheint das aber nicht uneingeschränkt so zu sehen. Vermutlich hat er aufgemuckt und den Hintern versohlt bekommen. Passiert bei Rudeltieren, muss ich dann mal ein Auge drauf behalten, sowohl ob alles heilt wie es soll als auch ob sie die Rangordnung bald mal geklärt bekommen.

Mehr habe ich nicht zu erzählen. Pippi wäre sicher sauer, wenn ich schreiben würde, dass ihre Eltern nachts den von ihr gemopsten und versteckten Schlüssel eine halbe Stunde lang im ganzen Haus gesucht, schlussendlich aber auch gefunden haben. (Dieses Kind, ey!)

Tag 1816 – Takk for nå.

Nach einer überaus entspannten Autofahrt sind wir auf der Fähre angekommen, haben unsere Kabine bezogen, haben festgestellt, dass das Schwimmbad für heute schon ausgebucht ist, und jetzt hab ich noch fünf Minuten zum Schreiben, bevor ich das Handy ausmache, weil eh kein Empfang ist.

Tschüss, Deutschland. Ich finde dich zunehmend merkwürdig, aber du bleibst halt mein (und Herrn Rabes) Herkunftsland.

Tag 1815 – Aufzuhausefreude.

Michel schläft neben mir. So etwa drei Minuten, nachdem wir das Licht ausgemacht haben. Endlich. Endlich ist dieser schreckliche Tag vorbei, an dem er eine Laune hatte, die man nicht mal mehr als herausfordernd bezeichnen kann sondern eher als reine Provokation.

Morgen geht es nach Hause und ich hätte echt ganz gerne mal nen Heimat“urlaub“, an dessen Ende ich mich nicht unbändig auf zu Hause freue. Natürlich waren die Umstände dieses Mal auch sehr speziell, aber es wurde halt auch rundum nicht so wirklich wesentlich besser.

Michel und ich haben auch das gemeinsam: wir wollen einfach nur nach Hause.

Um mit einer lustigen Anekdote abzuschließen: Michel und ich fuhren heute mit dem Auto des Opas Abendessen holen (Döner – das muss sein, wenn wir in der alten Heimat sind), da Carona wirklich gerade so in die Einfahrt des Opas passt und da zum Laden mit geradezu chirurgischer Präzision geparkt war. Erst fragte Michel ganz interessiert, was ich da denn mache. „Schalten.“ sagte ich. „Das kenn ich, das muss man bei Rennwagen auch machen, dann fahren die ganz schnell!“ Michel denkt jetzt also, Opas A-Klasse ist ein Rennwagen und ich bin dann wohl Rennfahrerin. Ich bin nur froh, dass ich das Auto nicht abgewürgt habe und auch nicht im 1. Gang zur Dönerbude gekrochen bin. Schaltwagen fahren ist halt doch wie Fahrrad fahren. Um das zu verlernen, muss man sich schon viel Mühe geben.

Tag 1813 – Konnte nur besser werden.

Unser Tag startete so lala, die Kinder waren zu früh wach und hatten deshalb etwas herausfordernde Laune und Herr Rabe fuhr schon früh mit seiner Schwester zu seiner Mutter ins Pflegeheim – da gibt es Coronabedingt strenge Besuchsslots und nur zwei Besuchende dürfen gleichzeitig hin, deshalb eben nur die beiden. Ich war offen gestanden nach dem späten Abend gestern etwas träge und dazu die Laune der Kinder, leichtes PMS und Herr Rabe, der nach der Rückkehr aus dem Pflegeheim sagte, er wolle A tun, aber dann sehr ausführlich B tat… puh. Schwierig. Sehr schwierig.

Meine eigene Laune besserte sich, als wir dann doch noch (auf den letzten Drücker) A taten, nämlich sehr viel Zeug entsorgen, das hier noch im Opa-Haus von Herrn Rabe herumdiffundierte. Entsorgen finde ich immer gut.

Noch besser war dann aber das Minigolfspielen danach, das hat sehr viel Spaß gemacht, auch wenn (oder grade weil) sich die Kinder nur schwer an die Regeln halten können. Ich brachte ganz zu Anfang ein Mal aus Versehen Pippi zum Weinen, weil sie mich fast mit dem Schläger erschlagen hätte, mehrmals, und ich daraufhin eine Ansage machte und etwas schreckhaft auf ihre wilden Schlägerschwünge reagierte. Nachdem das aber geklärt war, hatten wir alle Spaß, dann schiebt Pippi halt den Ball mit dem Schläger den Hügel hoch, so what. Sie ist fünf. Michel sprang quer über den Platz und jubelte „I‘m a pro gamer!“ und es war sehr niedlich, äh, cool, total cool. Auf dem Rückweg machten wir ein albernes Familienselfie und dann wollte Michel schnell nach Hause. Wir übten auf dem Weg ein bisschen englisch, dann bekam ich einen Vortrag über Pokémon und dann übte Michel schnell duschen – wir hoffen ja immer noch alle, dass er dann im nächsten Jahr schwimmen in der Schule bekommt, das ist dieses Jahr ja ausgefallen wegen Corona. Aber da steht der kleine Zwerg unter der Dusche und philosophiert darüber, wie er dann ganz schnell immer duschen wird, und dass das komisch wird, weil er nie mit anderen schwimmen war als uns und seinem Kindergartenfreund H.. Hachz.

Ich habe heute auch versucht, Michel zu erklären, wie die Beerdigung wohl morgen sein wird, was eine Urnenbeisetzung ist und dass wir das Loch auf dem Friedhof nicht selbst ausheben müssen. Besonders das mit der Urne und das ganze Thema Kremieren fand ich schwierig, kindgerecht zu erklären. Da ich in Michels Alter war, als ich eine fulminante Angst vor Friedhöfen und Sterben entwickelte, die dazu führte, dass ich z.B. Angst vorm Einschlafen hatte, geht mir das extra nahe. Es war mir ein Anliegen, sehr klar zu sagen, dass nur der Körper der gestorbenen Person verbrannt wird, dass der Körper angezogen wird und der Körper in einem Sarg liegt und dass die Person da schon lange nicht mehr da ist und davon gar nichts mehr merken kann. Ich hoffe wirklich, es ist mir gelungen. Wir werden es morgen vermutlich sehen. Michels Kommentar dazu war übrigens „Ich hab das bei YouTube gesehen. Wir weinen alle zusammen und dann ist es vorbei.“ und wer weiß. Vielleicht wird es so. Oder anders.

Michel tickt sehr wie ich, im Guten wie im Schlechten.

Abends habe ich wieder Harry Potter auf Norwegisch vorgelesen und sehr mit den Augen gerollt, aber als ich aufstehen wollte, war ich versöhnt durch zwei Kuschelkinder.

Es ist immer noch manchmal ganz absurd, dass wir die Eltern von zwei richtigen kleinen Menschen sind.

Tag 1812 – Piep.

Nur ein kurzes Hallo, wir leben alle und wir haben es sehr gut. Heute Abend waren wir in der Twitterkneipe bei Leuten aus der Twitterkneipe und das war sehr schön aber auch sehr spät. Pippi hat sich um elf ausgeschaltet und ist mit Ankündigung auf meinem Schoß eingeschlafen, Michel hat viereckige Augen und wir Erwachsenen sind beglückt aber müde und mehr schreiben schaffe ich nicht mehr.

Tag 1811 – Kann. Augen. Nicht. Offen. Halten.

In diesen Minuten bin ich 20 Stunden wach und mein Akku ist leer. Ich liege zwischen den schnurchelnden Kindern, habe ein ganzes Kapitel Harry Potter vorgelesen (auf Norwegisch! Es ist schlimm, die meisten Namen sind übersetzt, wer macht denn sowas???) Das ist alles sehr schön (bis auf das mit Humlesnurr) und mir wird ganz warm und die Augen ganz ganz schwer.

Tag 1809 – Revival of allein daheim Tag 4.

Hups, noch später als es die letzten Tage schon war.

Ich habe den halben Tag an der Nähmaschine und dem Bügelbrett verbracht und mir eine „schnelle“ Bluse genäht, ich bin ein bisschen aus der Übung, aber dafür ist sie gut geworden. Jetzt habe ich eine Bluse zum Rock (und immer noch keine Fotos).

Ansonsten war heute Sport, Blumen gießen, Schuhe putzen, Sandalen suchen, Meerschwein-TÜV (keine Bissspuren, also alle Rangordnungsrangeleien voll im Rahmen) und die komplette zweite Staffel von Dead to me bingen – weshalb ich auch jetzt erst ins Bett komme (sorry, Herr Rabe!). Beim Fernsehen habe ich noch ein Schnittmuster zusammen geklebt und ausgeschnitten.

So langsam vermisse ich die Familie. Aber wie nötig diese Auszeit einfach war, gerade dieses Jahr. Ich kann das jedem Elternteil, das nicht grad Energie daraus zieht, immer mit der Familie zusammen zu sein (soll’s ja auch geben und whoa – mein Neid ist euch sicher), nur ans Herz legen, wenn es irgendwie geht, mal allein sein. Gerne zu Hause, es geht aber auch bestimmt ein Städtetrip wenn man sowas mag (ich nicht so). Zu Hause hat den Extra-Zauber des Was-Schaffens und es bleibt halt so wie man es hinterlassen hat. Alles. Ich kann die Stoffscheren überall rumliegen lassen ohne, dass ich Angst haben muss, dass damit entweder Papier, Haare oder unsere Bettlaken geschnitten werden. Ich kann die Stoffscheren auch wegräumen und mich daran freuen, dass nichts rumliegt. Ganz wie ich will.

Jedenfalls, ich betrachte das hier als meine mini Mutter-Kur. Den Sinn von Eltern-Kind-Kuren habe ich ja eh noch nicht ganz verstanden, solange es nicht darum geht, irgendwas am Zusammenspiel Eltern-Kind zu behandeln. Elternteil-ohne-Kinder-Kur hingegen kann ich mir viel eher vorstellen, wenn die Kinder der Grund für den Kurbedarf sind. Aber ich lenke ab. Das hier ist meine Mini-Kur, allein mit mir und meinen Gedanken, denen ich jetzt ein paar Tage sehr gründlich zugehört habe. Ich kann förmlich körperlich spüren, wie meine Batterien sich laden. Introvertiert halt.

Also, liebe Mit-Eltern: wenn irgend möglich, schafft euch ab und zu, einmal im Jahr, einmal in fünf Jahren eine Auszeit allein. Es ist so, so, so gut.

Tag 1808 – Revival of allein daheim Tag 3.

Ein weiterer Tag im sauberen Zuhause. Jetzt auch wieder mit ordentlichen Blumenbeeten. Es hat den ganzen Tag die Sonne geschienen und war dabei nicht allzu heiß, ich war fast den ganzen Tag draußen und es war herrlich. Jetzt kann es von mir aus morgen schütten wie angekündigt.

Ich habe tatsächlich Kirschen gepflückt, allerdings nicht so viele wie ich gerne gepflückt hätte, weil ich nur an die untersten Äste kam (und man auf den einen Baum, der noch komplett voll hing und vermutlich hängt, auch nicht drauf klettern kann, wenn man keiner Klimmzüge mächtig ist, was ich nicht bin). Die Hälfte habe ich gleich gegessen, ein paar habe ich noch für morgen.

Meine kleine Kirschpflück-Fahrradtour beendete ich mit dem Kauf einer Flasche Wein und Parmesan, um mir abends Risotto kochen zu können.

Das machte ich auch und bin immer noch ein bisschen im Risottokoma. Ich kann nicht mehr für eine Person kochen, weshalb ich gleich für morgen mitgekocht habe, aber es ist trotzdem ziemlich viel. Aber halt auch lecker, also yolo.

Abends habe ich dann endlich den Rock fertig genäht. Es fehlte noch der Reißverschluss und weil ich ein Volltrottel bin, musste ich auch Knopf und Schlaufe tauschen. Auf den letzten Metern (beim Fädeln der Schlaufe) habe ich dann auch noch meine Nähnadel verloren, die ist jetzt irgendwo, im Sofa, im Teppich, in meinem Pulli oder im Rock. Bin gespannt, wann ich sie mit meinem Po finde. Handnähen ist echt nicht ohne.

Ich konnte leider keine vernünftigen Bilder machen, aber die Länge ist perfekt, die Falten fallen schön und ich hab nur zwei Fehler eingebaut, die man dank des Bindebandes nicht sieht. Danke, Omi, für das Bindeband.

Vielleicht kriege ich es morgen mit dem Selbstauslöser hin, bessere Fotos zu machen. Jetzt ist der Rock erst mal in der Waschmaschine, um die Kreidemarkierungen wegzuwaschen. Dann noch bügeln und fertig.

Während des Nähens habe ich das Finale der aktuellen Staffel RuPauls Drag Race geguckt, was quasi Skype-Edition war wegen Lockdown in den USA. Abgefahren. Finde auch spannend, dass RuPaul sich nicht in Drag begeben hat für die Home-Folgen. Die Gewinnerin überraschte mich allerdings, nachdem ich bei den Performances von einer anderen den Blick kaum abwenden konnte.

Da das mit dem Reißverschluss eine umfassendere Geschichte war (lies: ich bin mit der Hand wirklich langsam), guckte ich danach noch den Eurovision-Film auf Netflix (The Story of Fire Saga) und dachte die meiste Zeit so etwa „what am I seeing???“ aber wer eine kurzweilige, etwas abgedrehte, reichlich alberne und Eurovisions-selbstironische Unterhaltung für ca. 2 Stunden sucht, ist damit gut beraten.

Ebenfalls beim Nähen konnte ich die Rangordnungskämpfe der Meerschweinchen belauschen und beobachten. Eieiei. Da werden die Köpfe hochgerissen und die Zähne gezeigt und geschnattert was das Zeug hält und zwar, so wie es grad aussieht, jeder gegen jeden. Bisswunden habe ich noch keine gesehen, aber ich werde morgen beim Meerschwein-TÜV ein extra Auge darauf haben.

Herr Rabe versorgt mich mit Fotos der Kinder, die scheinen viel Spaß zu haben. Hach, es freut mich, dass ich nicht die einzige bin, die eine gute Zeit hat.