Tag 2590 – Weich gekocht.

Heute musste ich doch noch mal ins Büro. Eigentlich habe ich mit meiner Chefin besprochen, dass ich im August nur selten komme, wegen des vermaledeiten „buss for tog“, also Bus statt Bahn auf der Strecke von uns bis zum Flughafen. Tatsächlich ist es für mich am praktischsten und schnellsten, dann am Flughafen statt in den Zug in den Flugbus zu steigen, aber das ist auch die Option, bei der ich pro Weg eineinviertel bis anderthalb* Stunden im Bus sitze. Im Bus kann ich nicht arbeiten, da kann ich nicht mal lesen oder auf dem Handy daddeln, weil mir dann schlecht wird. Ich setze mich schon immer nach ganz vorne, quasi beim Busfahrer auf den Schoß, aber es hilft nicht. Also gucke ich achtsam zweieinhalb bis drei Stunden aus dem Fenster, wenn ich ins Büro fahre. Das finde ich nicht akzeptabel, deshalb halt mehr Homeoffice. Eigentlich.

Für heute hatte ich aber ein Meeting arrangiert, zu dem Leute aus Bergen anreisten. Da kam es mir dann doch, ähm, uncool vor, zu sagen, dass ich keine Lust habe, aus Eidsvoll nach Oslo zu fahren. Und das Meeting war auch wirklich gut und sinnvoll, ich mag das ja, wenn Leute sich Gedanken machen und lieber drei mal nachfragen, BEVOR sie anfangen, irgendeinen Sch…ß zu machen. Grüße, die Behörde Ihres Vertrauens.

Allerdings haben wir das Meeting auch grob überzogen. Statt zwei Stunden waren es drei. Drei Stunden professionell sein, freundlich, sachlich und klar. Und dabei das Kunststück vollbringen, zu beraten ohne zu beraten. Wir dürfen ja nur zur Auslegung des Regelwerkes informieren, aber nicht sagen „macht es so und dann werden wir es schon durchgehen lassen“. Meine Kollegin meinte hinterher, ich hätte das sehr gut gemacht und sei total souverän und seriös. Das mag sein, dass das nach außen hin so wirkt, das ist ja auch mein Ziel. Aber nach dem Meeting war ich total matsche und ging auch recht schnell danach einfach nach Hause.

Uffz ey, nach den Ferien ist immer schlimm.

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*heute extra bescheiden, weil morgens kein Bus kam, der direkt zum Flughafen fährt, sondern nur der, der die dazwischen liegende Haltestelle auch anfährt. Also Gejuckel über die Dörfer. Und dann ist auch noch eine Brücke in Norwegen zusammengekracht und solange man nicht weiß, weshalb genau das passiert ist, sind alle Brücken der gleichen Bauart gesperrt. Von den 14 gesperrten Brücken liegen 5 in Eidsvoll (was sind wir für Glückspilze!) und die eine davon ist sozusagen der Autobahnzubringer. Was für den Bus hieß: noch mehr Gejuckel über die Dörfer, um die nächste Auffahrt auf die Europastraße zu nehmen. Mein armer Magen. Der ist ansonsten ja sehr robust aber motion sickness ist ein echtes Problem.

Tag 2588 – Willen gekriegt.

Heute habe ich mit meinen beiden Chefinnen als Verstärkung unseren Willen durchgedrückt und jetzt machen wir Inspekteure die Einweisung in das neue IT-Programm zwei Wochen NACH dem geplanten Release. Wir mussten uns dafür bereit erklären, halt zwei Wochen (in denen ich nicht da bin) ein System zu haben, das noch keiner so richtig kann (bis auf die 3 anderen Personen, die mit mir getestet haben). Ich sehe das tiefenentspannt, denn ich gehe davon aus, dass wir ganz im Gegenteil „nur“ zwei bis drei Wochen VOR dem tatsächlichen Release die Einweisung gemacht haben werden. Dann hat das Projekt am Ende ein knappes Jahr Verspätung, das ist doch total „on time und on Budget“.

Ich wurde hier gefragt, wozu das IT-Projekt denn überhaupt gut sein soll. Ich frage mich das auch. Die Antwort ist ein schillerndes „Alles wird viel besser!“ (hier Regenbögen und Feuerwerk vorstellen). Nein, also, es ist so, dass wir im Werk ziemlich viele ziemlich alte IT-Systeme haben, die nicht miteinander reden und die von verschiedenen Firmen mit unterschiedlichem Einsatz und Erfolg maintained werden. Das größte Problem dabei für uns ist dass die Systeme nicht miteinander reden. Zum Beispiel ist es ein nahezu unmögliches Unterfangen, alle relevanten Dinge zu einer bestimmten Firma und/oder einem bestimmten Produkt rauszubekommen, die an unterschiedlichen Stellen im Haus bearbeitet wurden. Hat die Firma kürzlich einen Konkurrenten gekauft, haben sie 3/4 der QPs (qualifizierten Personen) ausgetauscht, haben sie 5 neue Produkte in die Fabrik geholt, alle MAs (marketing authorizations) verkauft? Gab es Qualitätsprobleme mit einem Produkt oder gibt es eine aktuelle Mangelsituation? Kriegen sie den Wirkstoff jetzt aus China statt aus Schweden? Alle solche Informationen sind für uns Inspekteure relevant, und genauso haben andere Bereiche einen Bedarf, gewisse Dinge über Inspektionen (wann, wie oft, was darf die Firma, haben die ein Zertifikat, haben die Probleme in bestimmten Bereichen?…) herauszubekommen OHNE uns zu fragen. Weil solche blöden Fragen wie „wie oft besucht ihr eigentlich Firma xy?“ haben wir eigentlich keine Zeit zu beantworten.

Für die Leitung des Werkes ist das größte Problem, dass es teuer ist, drölf IT-Systeme zu verwalten. Und deshalb soll jetzt alles in EINE Plattform gequetscht überführt werde. Das ist ein angepasstes Off-the-Shelf-System, also nichts, was von Grund auf aufgebaut werden muss. Und damit wenigstens ein paar von uns normal arbeiten können, wird es häppchenweise überführt. Und weil wir und Zulassungen das neueste und damit am besten aufgeräumte und am besten dokumentierte (und teuerste) System haben, wird das zuerst ersetzt. Zack.

Wir kriegen ein paar ganz kleine Extras, die für uns Dinge vereinfachen (und mein Leben sehr viel schwerer machen, bis es läuft), aber im Grunde geht es erst mal drum, das alte und alle alten Systeme zu ersetzen. Wenn dann alles ersetzt ist und in der neuen Plattform läuft ist das Geld alle und es wird gar nichts mehr getan) wird das System weiter entwickelt und neue Features implementiert, zum Beispiel eine Datenbank für Regelwerksreferenzen zu Deficiencies die wir so verteilen.

So einfach, so eine Geldverbrennungsmaschine so schwer.

Tag 2584 – Wie es aufgehört hat, geht es wieder los.

Erster Arbeitstag nach den Ferien, es wurde, das überrascht niemanden, mal wieder der Zeitplan für das IT-Projekt umgeschmissen, weil, auch das überrascht niemanden, das Projekt noch weiter verspätet ist. Was auch niemanden überrascht, ist, dass sie sich mitnichten im, ich weiß nicht, ich habe den Überblick verloren, 5. Versuch? einen realistischen Zeitplan geben, sondern stattdessen häppchenweise den Release verschieben. Inzwischen bin ich so resigniert, dass es mich schon gar nicht mehr juckt. Es macht keinen Sinn, jetzt alles wieder umzustellen, sich anzupassen und Dinge zu verschieben, weil auch der neue Zeitplan garantiert nicht gehalten wird. Wir haben schon vor den Ferien angekündigt, dass unsere Möglichkeiten, Inspektionen zu verschieben, ab jetzt gleich null sind, weil wir im Grunde seit einem Dreiviertel Jahr ständig alles mögliche verschieben, weil das IT-Projekt danach verlangt. Jetzt geht es nicht mehr. Firmen brauchen Zertifikate, da können wir nicht einfach sagen „sorry Leute, wegen dem IT-Projekt können wir leider erst nächstes Jahr kommen“, bzw. könnten wir natürlich schon, aber dann steigen uns sowohl die Firmen als auch die Staatengemeinschaft aufs Dach, und das völlig zurecht. Das ist nunmal was, zu dem wir uns verpflichtet haben, kein nice to have wie, seien wir ehrlich, IT-Projekte. Insofern lehne ich mich belustigt zurück und bin bereit, das komplette Projekt auflaufen zu lassen, was aber ja gar nicht nötig sein wird, weil es sich weiter verspäten wird.

Trotzdem bin ich nach dem einen Arbeitstag jetzt hundemüde und bereits im Bett. Auf dass morgen besser werde.

Tag 2548 – Urlauuuuub!

Vor 15 Minuten habe ich den Rechner ausgemacht. Ich hatte zwischendurch eine längere Pause, aber es war trotzdem fast ein doppelter (Sommer-)Arbeitstag, und das ist kacke, aber die taubstumme Kuh ist vom Eis und wird morgen früh um 8 von Autlukk automatisch gesendet. Die andere Kuh ist noch da, aber die steht seit heute Mittag quasi in der Antarktis – also da wo unter dem Eis Gestein ist.

Ich hab, weil ich ja eigentlich seit 15 Uhr Urlaub hab, zur Abendschicht auch 2 Gläser Weißwein getrunken und konnte mich der Kuh vielleicht nicht sachlicher, aber doch wohlwollender annähern. Das ist nicht so falsch, wenn man nicht als biestige Beamtin rüberkommen möchte, weil Zusammenarbeit wichtig ist und wir ja nun auch nicht möchten, dass man uns nicht mehr offen und ehrlich begegnet, nicht wahr?

Und falls Sie mal wieder mit einer vermeintlich biestigen Beamtin zu tun haben, deren Auto-Reply sagt, dass sie jetzt 5 Wochen Ferien hat, denken Sie dran, dass die vielleicht bis nachts um zwei Sachbearbeitung betrieben hat.

Immerhin kann ich so überprüfen, ob die zahnlosen Warnmails, die mich darauf hinweisen, dass ich das Arbeitszeitgesetz übertreten habe, jetzt wieder bei mir ankommen.

Tag 2547 – God nok.

Ich war im Büro, um sehr viel Papier wegzuwerfen, das ich nicht einfach in die heimische Papiertonne werfen kann, weil das Betriebsgeheimnisse sind. Das gelang mir, ich fuhr mit einer sehr vollen Tasche ins Büro und mit dem Beutel zusammengeknüllt im Rucksack von dort wieder los. Ich weiß jetzt auch, dass der Schlitz an der Destruktionstonne im Werk exakt DIN A4 breit ist, also knapp zu schmal für US Letter-Format. Ich weiß ebenfalls, dass unser Scanner schlau genug ist, auf 90% der Seiten den gelben Hintergrund (die Amerikaner hatten alles auf gelbes Papier gedruckt, warum auch immer) im Scan weiß zu machen. Dass der Scanner auch A5 (meine Notizen) und doppelte Letter-Größe (Floorplan der Fabrik) problemlos scannt. Und dass ich beim nächsten mal noch rigoroser aussortieren kann, was ich mitnehme, weil das meiste halt dann doch unnötiger Kram ist, den man nie mehr anschaut. Zugeschicktes ausdrucken ist auch Blödsinn, das wusste ich vorher, hab es aber noch mal probiert mit diesem Papier und nee, das ist nichts für mich, da kann man schlechter drin suchen als in jedem pdf und einzelne Sätze oder Bilder in One Note (als, ich glaube, einzige Inspektørin im Werk bevorzuge ich das für meine nicht handschriftlichen Notizen) kopieren ist auch nicht so einfach.

Bei der Arbeit war ich auch ansonsten sehr produktiv und muss jetzt morgen „nur noch“ eineinhalb sehr dicke Kühe vom Eis schaffen, von denen eine auch noch taub, blind, lahm und überaus stur ist. Danach ist aber Urlaub.

Nach der Arbeit hatte ich, vom Papier befreit, sehr gute Laune. Ich fragte zu Hause an, ob es wohl ok sei, wenn ich mir spontan die Haare schneiden ließe. Jaja, hieß es. Also schlenderte ich so Richtung Oslo City durch Byporten (die Frisörkettenapp hatte gesagt, da sei die kürzeste Schlange und „zufällig“ kommt man da auch an einer Backstube vorbei und Backstube hat authentische Laugenstangen, Franzbrötchen und Apfeltaschen, was will eine da machen). Oh, Taschenbücher, schau an, ein neuer Jussi Adler Olsen, dachte ich, als ich an einer Buchhandlung vorbei kam. Oh, und Kastaniemannen als Buch, da brauche ich die Serie nicht schauen (traumatisiert von True Detective hier, was in Bäumen hängende Basteleien an Tatorten angeht). Oh, 40% auf alle Spiele und Puzzles. Oh, Puzzles von Lisa Aisato. Oha.

Gekauft. (Strong enough ist eine seltsame Übersetzung. Gut genug reicht doch?)
Gekauft. (In dieser Übersetzung geht der Wortwitz verloren. Den kann man aber auch schlecht erklären, es ist eine Anspielung auf „bergtatt“, was etwa „gefesselt“ oder „versunken“ heißt, inklusive der mitschwingenden nicht-ganz-Freiwilligkeit.)

Wie so jemand, der Zeit zum Puzzeln hat.

Hier, das wünsche ich mir zu Weihnachten, nicht dass es wieder heißt, ich hätte ja nichts gesagt: https://salg.aisato.no/produkt/digitaltrykk/hverdagskjaeresterhttps://salg.aisato.no/produkt/digitaltrykk/hverdagskjaerester.

Das hier „hit too close to home“:

Ist aber wahrscheinlich einfacher zu puzzeln.

Haare schneiden lassen war ich dann tatsächlich auch noch. Das ist ja bei mir eine Sache von wenigen Minuten und deshalb gehe ich gerne zur 15-Minuten-Friseurkette, einmal 9 mm an den Seiten und im Nacken, leichten Fade und oben irgendwie wieder wie ne Frisur. Duschen kann ich zu Hause, die wenigsten Friseure waschen ja überhaupt nach dem Schneiden nochmal, da brauche ich die Wascherei generell nicht. Wenn ich mal Geld beim Friseur lasse, dann gerne richtig, aber insgesamt waren die meisten der Friseurbesuche in den letzten Jahren, die eher viel Geld gekostet haben, Verschwendung. Manchmal sah ich hinterher auch eher pfiffig aus. Da lasse ich mich lieber innerhalb von 5 Minuten mit der Maschine scheren und lasse die Farbe „mausblond mit wachsendem Anteil von unpigmentiert“.

P. S. Das Parfum ist wieder da. Ganz von selbst stand es plötzlich wieder im Bad, nachdem ich den Kindern gesagt hatte, dass ich es wirklich schön fände, wenn es wieder auftauchen würde. Schon kriegen die Dinge Beine und ein Gewissen und laufen selbst zurück.

Tag 2541 – Auf dem Heimweg.

Ich wusste bis letzte Woche nicht, dass es im Flugzeug Dreipunktgurte gibt, und ich wüsste auch nicht so richtig, wozu das gut sein soll, aber egal. Nach einer Woche freue ich mich auf zu Hause, freue mich auf die Horizontale und freue mich auf Temperaturen unter 30 Grad. Mein Plan ist, zwischen den Mahlzeiten im Flugzeug durchzuschlafen. Mal sehen, ob das klappt. Cheers jedenfalls!

Ich sehe etwas mitgenommen aus, so schlimm ist es eigentlich gar nicht.

Übrigens haben wir aus Gründen etwas vom Hersteller geschenkt bekommen. Jeder und jede von uns eins:

Bestes Fidget-Toy.

Insgesamt war das alles sehr spannend und sehr gut. Hach. Den besten Job, den ich mir wünschen könnte, habe ich!

Tag 2532 – Nicht cool.

Ich würde gerne behaupten können, dass ich diese Reise routiniert und tiefenentspannt angehe, weil ich ja dauernd reise, aber dieses Mal ist halt alleine (ohne meine Kollegin und meinen Kollegen, mit einem Inspektor aus einem anderen Land, den ich bisher nur auf Bildschirmen gesehen habe) und über mehrere Zeitzonen hinweg. Ein Drittland. Irgendwann musste das ja passieren, aber jetzt ist es sehr real und uff. Wahhh.

Einzig beruhigend, dass ich erfahrungsgemäß souverän rüber komme, egal wie sehr ich mir vorkomme wie ein verkleidetes Kind.

Tag 2527 – Kaltstart.

Heute Morgen habe ich verschlafen. Das ist auch schon was her, dass mir das passiert ist. Aber um zwanzig nach sieben wachte ich auf, versuchte, auf meine Handy-Uhr zu fokussieren, und dachte SCHEISSE. Ich hätte nämlich um halb neun bei der Arbeit sein sollen, und dann muss ich um halb acht im Zug sitzen. Naja, ich saß stattdessen um fünf vor acht im Zug, was ich beachtlich finde, besonders wenn man einbezieht, dass ich da angezogen und mit geputzten Zähnen, geschminkt und mit gemachten Haaren saß (ein Hoch auf die Kurzhaarfrisur und ein 5-Minuten-Basismakeup, das ich wahrscheinlich auch im Schlaf machen könnte).

Allerdings war ich, bis ich dann bei der Arbeit war, auch echt verstrahlt und neben der Spur.

Dafür habe ich aber heute meine Testcases durchgeorgelt und bin jetzt fertig. Morgen noch meine Chefin durch ihre drei Cases begleiten und dann ist die erste Runde durch. Wird auch Zeit, ich hab nach morgen eigentlich nur noch einen Arbeitstag an dem ich was testen könnte, dann ist Inspektion, dann ist Jetlag, dann sind Ferien.

20 Fehler im Akzeptanztest in meinem kleinen Bereich.

Die Kinder haben ab morgen um 12 Uhr Sommerferien. Ich bin ein bisschen neidisch. Michel tut schon so, als lese er ganz viel, weil es da einen Sommer-Lesewettbewerb gibt. Pippi ist erkältet, was zur Zeit heißt, dass sie zu Hause immer wenn sie da ist nur nölt, aber fast nie da ist, weil Sommer ist und alle Kinder der Reihenhaussiedlung, außer Michel, beieinander ein- und ausgehen.

Kaum zu glauben, dass schon wieder ein Schuljahr rum ist.