Tag 951 – Hydroxdings.

So langsam setzt die Nervosität ein. Ach was, „so langsam“, mit Macht setzt die ein. Essen, schlafen, alles nebensächlich, arbeitarbeit zackzack. Nicht mal Lust auf Schminken hatte ich gestern und heute (und bin tatsächlich bis auf Mascara ungeschminkt aus dem Haus gegangen, das ist inzwischen für mich auch sehr ungewohnt). Aber dafür habe ich heute eigentlich alles geschafft, was ich wollte: den Vortrag habe ich auf exakt (!) 40 Minuten runtergekürzt, ohne dass man’s großartig merkt. Leider kann ich jetzt halt nix mehr zu Viren erzählen, das ist schade, Viren sind nämlich echt interessant, faszinierend, wie die sich zusammen mit ihren Wirten entwickelt haben… aber tjanun, mit Viren wäre das halt alles zu lang.

Zu Hause dann Essen gemacht, Besuch aus Deutschland empfangen, noch mehr Besuch aus Deutschland empfangen und den dann direkt mitgeschleift in die Uni: vor Internet-Publikum und im Hörsaal die Probevorlesung proben. Lief schon mal besser als der Probe-Defensevortrag, technisch immernoch nicht ganz perfekt aber geht schon. Das Online-Publikum war auch nett zu mir, es waren am Ende noch alle wach, das ist ja schon mal was. Nach den Rückmeldungen werde ich nochmal an den Einstiegsfolien feilen, bzw nicht an den Folien selbst, sondern an der Sprache dazu, das ist alles noch sehr… präzise. Zu präzise. Und an anderer Stelle fehlen dann ein, zwei Erklärungen, und schwups, hat man das Publikum schon früher abgehängt als nötig, nur weil wir unsere Nomenklatur als so selbstverständlich hinnehmen, dass wir glauben, da nix mehr zu sagen zu müssen.

Morgen werde ich also einige Fachbegriffe rauswerfen und gegen normale Sprache ersetzen und dann kriegt auch am Donnerstag niemand plötzlich Schluckauf oder Augenzucken, weil ich hydroxo statt hydroxy gesagt hab. Weil, „this site in the middle binds this site at one end and forms a loop, then the ends here bind each other and the loop in the middle falls off“: kein hydroxy, kein attack, kein 5′-3′-Zeug.

Geht alles. Ist alles aufregend.

Huiuiui.

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Auto-Lobhudelei: tatsächlich nicht schreiend im Kreis gerannt sondern den Druck genutzt. Getting shit done. Geht jetzt wieder.

Tag 948 – Keine Zeit.

Hui, die Zeit rennt. Der Vortrag ist immernoch nicht fertig, aber eigentlich schon zu lang, aber es hilft ja jetzt auch nichts, ich muss ihn erst fertig machen und dann kürzen. Das Kleid ist auch noch nicht fertig, es ist alles nur so mittelentspannt grad. Dazu ein halb krankes Kind und eins, dem die Decke auf den Kopf fällt, das das aber nicht einsehen will. Hrmpf. Ich murmle also hübsch mein Mantra „Es wird schon hinhauen“ und versuche, den zeitlichen Druck so gut es geht zu nutzen ohne mich hetzen zu lassen. Und ohne die Kinder allzu doll und zu oft anzuschreien. Klappt alles eher mäßig aber man wächst mit seinen Aufgaben, ne?

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Update von gestern: Antibiotikum scheint zu wirken und nicht ganz so schlimm zu schmecken, nach einiger Diskussion und mit ein bisschen Zwang und Bestechung hat Pippi alle drei Dosen heute genommen.

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Auto-Lobhudelei: mir erfolgreich eingeredet, dass ich nicht die schlechteste Mutter der Welt bin, auch nicht die zweitschlechteste, vielleicht, wenn ich mir Mühe gebe, nicht mal im untersten Drittel. Außerdem das Futter fürs Kleid zusammengebaut, gewaschen und gebügelt. Uff.

Tag 863 – Piiiiiiiiiieeeeeeep!

Lessons learned:

  • Mit 4,5 Stunden Schlaf steht es sich unfröhlich auf
  • Ohne durchgeknallte Schilddrüse wäre das hier alles gar nicht machbar, dann müsste ich ja ernsthaft schlafen
  • Die Kolleginnen haben viel Schokolade im Büro, in der Schublade hinter M.s Platz
  • Der Chef ist ein Arsch. So, jetzt ist’s raus.
  • 2 Tage für 1 Paper und 1 Thesis-Diskussion ist nicht wirklich genug
  • Man muss eine beglaubigte Kopie seines Masterzeugnisses abgeben, wenn man die Thesis einreicht
  • Wenn irgendeine Thesis wegen mangelnder Substanz zurückgewiesen wird, dann meine, aber die schiere Masse sollte es eigentlich richten, es ist… naja, viel.
  • Die Diskussion ist aber zu 90% aus den Paper-Diskussionen zusammen-ge-copy-pastet
  • Morgen ist noch gut was zu tun
  • Gleich auch
  • Der letzte Bus nach Hause fährt um 23:56

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Auto-Dings: alter, ich stehe noch, ich arbeite noch, ich blogge sogar noch (ok, im Bus, aber egal). Ich will schon seit geraumer Zeit nicht mehr und habe das Gefühl, das ist alles große Scheiße, aber: ich mache noch weiter.

Tag 862 – Piep!

Kurze Pause, ich muss ja auch mal was essen.

Paper 3 hat jetzt 21 Seiten und ich muss nur noch zweieinhalb Abbildungen beschwafeln, bis auf eine alle Bildunterschriften schreiben und dann ein Abstract verfassen. Zwei mal, weil eins ja auch für die Thesis. Jöss.

Es hat sechs Abbildungen (mit 3 bis 7 Unterabbildungen) und ich habe alle drei Tabellen ins Supplementary geschoben, weil sie hässlich und doof sind. Und eine Abbildung auch, eigentlich müssten noch mehr Abbildungen ins Supplementary, aber, Ahhhhhh, wer soll das denn machen und wann??? Heute habe ich aus Frust, weil alle Abbildungen gleich aussehen und ich einfach echt keine Balken in Graustufen mehr sehen kann noch Mikroskopbilder mit reingenommen, der Chef so „OHHHHH! So hübsch!“, aber das ist auch echt das höchste der Gefühle.

Jetzt essen und dann weiter.

Ich tippe auf nach Mitternacht.

T minus 1 Tag.

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Auto-Lobhudelei: totes Hirnstreik-Loch überwunden, Panik-Loch überwunden, diverse Prokrastinationslöchlein überwunden. Ich überwinde echt viel grad. Es fühlt sich absolut grauenvoll an, um ehrlich zu sein, aber, hey, getting shit done. (Also, showing everyone who thought I was crazy that I’m actually crazy but still getting shit done.)

Tag 860 – Piep of the day.

Läuft ganz toll, aber nörgeln hilft ja nicht. Der Chef hat die gestern gemachten Bilder nicht genommen, auch die nochmal wiederholten Versuche haben es nicht reingeschafft, aber: das eine, unendliche Paper ist endlich fertig. Er sieht das vermutlich nicht so, ich betrachte es aber einfach als fertig, nach mir die Sintflut, echt mal, ich hab heute noch seinen „und das gibt es NUR in Hefe“ zu „das wurde in Hefe, Insekten und Pflanzen nachgewiesen, aber bisher nicht in Säugetieren“ Murks korrigiert und entsprechende Referenzen eingebaut und über den Sinn und Unsinn von Methyltransferasen spekuliert, dabei wollte ich heute mit dem dritten Manuskript fertig werden. Gnah. Bin ich nicht, nicht mal im Ansatz, aber tjanun, es ist echt schwierig, aus dem Zeug, das meine Kollegin da gemessen hat (das zum Teil den ersten beiden Artikeln widerspricht, zum Teil nicht verwertbar ist und zum großen Teil nur nichts aussagender Zahlenwust) irgendeine Story zu kreieren. Es wird wohl auf maximal drei weitere Abbildungen samt „Schlüssen“ daraus („Protein XYZ macht überhaupt gar nichts mit Modifikation ABC, Tadaaaa!“) hinauslaufen, dann fehlt immernoch die overall conclusion meiner drei Artikel, die sich ja wiedersprechen, und vielleicht fange ich demnächst einfach morgens schon mit Wein statt Kaffee an, damit mein Gehirn diesen Spagat schafft. Oder meine Moral, die widersprüchlichen Daten einfach rauszuwerfen.

Nebenbei kriecht mir die Angst den Nacken hoch, dass das alles ein bisschen dünn ist und dass das Komitee die Thesis als nicht verteidigungswürdig einstufen könnte. Schön, schön.

T – 3 Tage.

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Auto-Lobhudelei: puh, äh, niemanden angebrüllt, Artikel 2 fertig gebastelt, versucht, Daten für Artikel 3 übersichtlich zusammenzustellen und dabei nur ein bisschen und nicht so laut geflucht.

Tag 743 – Mal nachdenken. 

Ich schrieb es ja schon mal: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ sitzt tief in mir. Und Vergnügen ist in dem Zusammenhang auch oft genug einfach als Ruhepause zu verstehen, Arbeit aber gleichzeitig mit Perfektionismus garniert, gewürzt und angerichtet. Da kann man jetzt irgendwen zwischen Luther und meiner Mutter für blamen*, aber das bringt ja auch nur minimal weiter. Woran ich halt arbeiten muss, um nicht mit schöner Regelmäßigkeit wieder kaputt (oder fast kaputt) zu gehen, ist, die Überforderung früh genug zu erkennen. Das klappt manchmal recht gut und ich mache mir dann Strategien, wie ich mit der Situation zurechtkomme. Manchmal klappt es gar nicht. Manchmal ignoriere ich die Anzeichen. Aber was sind denn die Anzeichen überhaupt genau? Spontanes Brainstorming mit mir selbst ergab: 

  • Essen. Ich vergesse das, habe auch keinen Appetit auf nix, manchmal dann Heißhunger. Langfristig nehme ich in Stressphasen immer ab. 
  • Schlafen. Ich stehe voll unter Strom bis zehn, elf Uhr, gehe ins Bett, lese bis zwölf, kann trotzdem nicht einschlafen bis… eins? Halb zwei? Zwei? Morgens komme ich dann nicht aus dem Bett und fühle mich direkt wegen der ersten Tätigkeit des Tages (Aufstehen) schon als Versagerin.
  • Wut. Mein Geduldsfaden ist am Ende nicht mehr vorhanden und ich kann auch meine Wut, wenn sie kommt, nur noch sehr schwer kontrollieren. Spätestens wenn ich anfange, wegen Nichtigkeiten gegen Wände zu schlagen, sollten alle, aber auch wirklich alle, Alarmglocken heulen. Aber gereizt und ungeduldig bin ich auch schon weit vorher. 
  • Konzentration. Wenn die flöten geht, ist’s aus. Leider gibt’s da keine Vorzeichen, mein Verstand läuft auf Hochtouren mit Karacho an die Wand.  Jedes Mal. 
  • Aufschieberitis. Dinge, die nicht supersupersuperwichtig sind, bleiben liegen. Seit Wochen ist das Laborbuch eine lose Blattsammlung? Hmm…
  • Self Care (ich hasse das Wort). Sport? Keine Zeit. Frisör? Keine Zeit. Neue Unterhosen besorgen, weil die alten alle ausgeleierte Gummis haben? Ach, nächstes Jahr vielleicht. Der Gedanke „Oh bitte jetzt nicht krank werden, Ich hab dafür keine Zeit!“ klingt selbst in meinen Ohren nach „Wheeeoooooeeeeeooooo!!!“, aber ich denke den oft. Wirklich erschreckend oft. 
  • „Nur noch diese Woche.“ Stimmt leider fast nie, denn dann kommt das nächste. Aber allein der Gedanke lässt ja darauf schließen, dass mir die Überforderung durchaus bewusst ist. 

Tja, ich würde sagen, ich habe gerade so ca. eine 8-9 auf der 10-Punkte-Stressskala. 

Nur noch… zwei Monate**. 

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*es tut mir echt leid, das Denglisch bricht sich seinen Bahn, das bringt das dreisprachige Leben hier so mit sich. Ich denke auch so und mir fallen manche Formulierungen echt erst nach langem Nachdenken auf Deutsch ein. 

**maximal ein Monat Labor, ein Monat am Schreibtisch. Ich bin jetzt in der Phase des PhD angelangt, wo ich noch bevor ich meinen Kram in mein Büro bringe in des Chefs Büro gehe, um irgendwelche bahnbrechenden Neuigkeiten, Versuchsergebnisse oder die vielfältigen Verfehlungen des Konfokalheinis zu besprechen.