Tag 1338 – Misanthrop.

Für meinen Geschmack heute schon wieder zu viel Menschenkontakt gehabt. Leider sind viele Leute auch… herausfordernd. Erst war Frühstück im Kindergarten, dann las ich auf dem Weg zur Arbeit Direktiven und Regulations der EU, dann kam ich bei der Arbeit an und hui, das ist zwischenmenschlich weiter alles nicht einfach. Ich habe jetzt, wo ich mit meiner ewig langen Einarbeitungsliste grad fast durch war, eine weitere Liste, ich nenne sie mal die „Frau Rabe studiert Pharmazie“-Liste. Sie geht über vier Seiten. Es steht alles drauf, außer dem was ich eh schon kann und das mich interessiert, weil „das brauchen wir nicht“, also wurde es gestrichen. Tschö, monoklonale Antikörper. Wir sehen uns wieder, die werden hier nicht ewig nur Tabletten pressen.

Immerhin kam ich fürs erste um eine sogenannte Erfolgskontrolle herum, aber auch nur, weil meinem Kollegen so spontan keine passende Prüfungsform einfiel.

Man braucht Eier für diesen Job. Eier und ein dickes Fell. Water off a duck’s back.

Jetzt haben glaube ich alle Ferien, ich werd also morgen allein da mit der Kaffeemaschine sein. Das wird auch ganz schön, glaube ich.

Von der Arbeit direkt zum Elternabend, das halt wie Elternabende so sind, ich bin ab Sommer dann Stellvertreterin für die Elternvertreterin aus Michels Klasse, danke, Merkel Nähmutter. Außerdem ist bald 17. Mai und was habe ich mir eigentlich dabei gedacht, in die 17. Mai-Hauptstadt zu ziehen? Gar nix. So sieht’s aus.

Die Steuererklärung hab ich auch endlich gemacht. Und jetzt geht’s einfach direkt ins Bett. Pfft. Menschen. Überschätzt.

Tag 1330 – Technik! So großartig! Alles daran!

Während ich heute morgen mit denkbar schlechter Laune (Kinder, Schlaf, Kombi daraus) im Zug saß, las ich den gestrigen Beitrag von Frau Wunnibar. Also, in Etappen tat ich das, weil die Netzdeckung zwischen Eidsvoll und Eidsvoll Verk nur so lala ist und das Internet deshalb immer etwas hakt. Und mit dem Zug-WLAN redet mein Handy ja aus irgendeinem Grund nicht. Unterbrochen von blankem Bildschirm beim Scrollen las ich also, wie großartig das alles ist, wie viel einfacher unser Leben geworden ist, weil wir immer Computer im Hosentaschenformat mit uns rumschleppen, die die vielfache Rechenpower einer der Möhren haben, auf denen wir damals Tetris und Mahjong und Lemmings spielten und über die großartige Graphik von Monkey Island völlig aus dem Häuschen gerieten.

Bei dem Artikel fiel mir siedend heiß ein, dass ich ein neues Bahnticket brauchte, und zwar ab in 30 Minuten. Ich hatte gestern schon versucht, das zu kaufen, natürlich über die App, aber da war noch meine alte Kreditkarte gespeichert, die inzwischen abgelaufen ist und irgendwie hatte es gestern meine neue Karte nicht registrieren wollen. Also versuchte ich dasselbe heute nochmal, BankID spinnt ja gerne mal rum und kriegt sich kurz drauf wieder ein.

Es klappte aber wieder nicht. Selber Fehler wie gestern, selber Fehlercode. Auch bei einer weiteren Kreditkarte. Aber es gibt ja die Möglichkeit, in der NSB-App mit Vipps zu bezahlen. Logischerweise war das der nächste Versuch. Bei Vipps war auch noch die alte Kreditkarte registriert, aber da klappte das Einlesen der neuen komischerweise problemlos, obwohl beide Systeme (also NSB und Vipps) scheinbar auf den selben Dienst zugreifen. Seltsam. Aber egal, innerlich klopfte ich mir schon auf die Schulter für diesen Workaround. „Zahlung gesendet, Vipps möchte auf die NSB App zugreifen“ zeigte es an und ich klickte auf ok auf dass mir das Ticket in die NSB App geflogen käme. Und dann passierte nichts. Kein Ticket in der NSB App. Geld aus Vipps weg, Geld laut Bank-App auch vom Konto runter, aber kein Ticket. Ich atmete sehr heftig und vielleicht sagte ich auch sowas wie „What the fuck?“ ziemlich laut da im Zug und Spotify war fertig mit Linkin Park und spielte nun Hammerhead von The Offspring, das war so fröhlich und damit in Diskrepanz zu meiner Laune, dass ich kurz davor war, das Handy einfach aus dem Zugfenster zu werfen, aber das wär ja blöd, dann hab ich kein Ticket und keine Möglichkeit, wen bei irgendwelchen Hotlines anzuschreien. Die 30 Minuten waren inzwischen auch rum, ich musste aussteigen und so machte ich einfach fluchend Screenshots von der Bezahlung in Vipps, der Bezahlung in der Bank und dem nicht-Ticket in der NSB-App und fuhr den Rest des Wegs dunkelgrau zur Arbeit.

Da kaufte ich dann zuerst ein Ticket über die Ruter-App, natürlich nachdem ich auch dort meine neue Kreditkarte registriert hatte und dann suchte ich auf der NSB-Webseite nach einer Hotlinenummer um Menschen anzuschreien, die auch nichts dafür können, dass die Uhrzeit falsch ist und die Kinder sich dauernd streiten. So eine bin ich nämlich. Schlau von den NSB-Media-Menschen ist es an dieser Stelle gewesen, den „Chat“-Button sehr groß und prominent auf der Seite anzubringen. So kotzte ich mich schriftlich aus schilderte wutschnaubend mein Problem. Die Dame sagte, da sei kein Ticket in meinem Account, wenn die Bank das Geld tatsächlich abbuche, solle ich mich morgen noch mal melden. Morgen??? Ich schnaubte noch mehr. Da plopped an meinem Arbeitsrechner ein Feld auf, ich solle mich für eine Anwendung einloggen, das wunderte mich, das hätte ich noch nie gemusst, aber ich gab mein Passwort ein und dann nochmal das richtige Passwort und dann nochmal das wirklich ganz sicher richtige Passwort und dann sagte das System, mein Account sei nun gesperrt.

Mein Arbeitsaccount, dessen Passwort ich gestern erst geändert hatte, war gesperrt, ich draußen und die NSB-Chat-Frau drinnen. Zum Glück [hier vor Ironie triefenden Tonfall vorstellen] haben wir ja unseren Support, der für solche Fälle Selbstbedienungslösungen bereit hält, die man mit Autentifizierung über drülfzig Faktoren erreicht. So hatte ich meinen Account schnell wieder entsperrt und dabei auch gleich mein Passwort noch einmal geändert, diesmal auf etwas, das sich gut schreiben statt nur gut merken lässt. Natürlich half diese Sache nicht grad beim Heben meiner Laune. Natürlich war auch, bis ich wieder drin war, die NSB-Chat-Frau mit den Worten „Meld dich sonst einfach morgen nochmal, wenn es doch abgebucht wurde.“ gegangen. Mit inzwischen ziemlichem Blutdruck machte ich mich an die Arbeit, Arbeit Arbeit, oh, Meeting, oh, Meetingergebnis ist: schreib denen eine Mail, dann kannste auch gleich im Dokumentenverwaltungssystem eine neue „Sache“ anlegen, sag Bescheid, wenn was ist, oh, oh, oh. Sache anlegen dann viel einfacher als gedacht, aber Mail schreiben eher so ein Großprojekt, meine erste Mail als Inspektørin, sozusagen, eine Mail nach draußen, mit erhobenem Zeigefinger, uiuiui. Ich hab noch nie so lange für eine fünf Zeilen lange Mail gebraucht. Ich hab aber auch noch nie von einer @behörde.no Adresse und mit „Inspektør“ unterzeichnete Mails mit erhobenen Zeigefingern drin geschrieben.

Nach dem Mittagessen dann zurück an den Rechner und eine Arbeit verrichten „für einen, der Vadda und Mudda erschlagen hat“, wie mein Opa früher sachte, Abweichungen zählen und daraus eine kleine Statistik basteln, die SOP, es ist kompliziert. Jedenfalls ca. 40 Reports aus unserem Dokumentenverwaltungssystem rausgesucht, scroll scroll, Zähl Zähl, scroll scroll, Zähl, zähl, immer so weiter, bis plötzlich „Passwort eingeben“. Was tun? Eingeben vorhin war doof, also „Abbrechen“. Oh, geht gut. Weiter gescrollt und gezählt und gescrollt und gezählt und schwupps „Account gesperrt“, aber komplett, ich kam gar nicht mehr rein.

Und da bin ich dann auch einfach nach Hause gegangen. Einfach so. Ganz ruhig. Innerlich alles kleinhackend.

Zusammenfassung: Technik, voll schön wie abhängig man sich davon gemacht hat und nun ist. Weiterhin schön, wenn sie denn funktioniert, was sie ja nie zu 100% tut, und wenn so richtig ernsthaft was nicht geht möchte ich alles einfach zerstören und allein im Wald ein elektrofreies Leben leben. Heute jedenfalls male ich mir das da im Wald als überaus befreiend und gemütlich aus. Fragt mich dann nochmal, wenn es seit Tagen nur Dreckwasser zu trinken gab.

Tag 1328 – Alarm! Alarm!

Neulich hatten wir bei der Arbeit schon Kakerlaken, also in unseren eigenen Büros, die sind wohl recht verbreitet hier und dann hat einer eine gesehen und Zack, überall Fallen und Gedön und „Sanering av kakerlakker“, was ich immer als „Sanierung von Kakerlaken“ gelesen habe und jetzt denke, dass überall frisch sanierte, glänzend gestriegelte Kakerlaken rumkriechen. Mit kleinen, weißen Spa-Handtüchern um. Hab ich erwähnt, dass es „tyske kakerlakker“ waren? Ich hätte dann jetzt gerne meine Sanierung.

Heute dann: Papierfischchen. Es seien Papierfischchen gesichtet worden, in den Büros. Alarm, Alarm, neues Spiel, Fallen, Putzen, alles Papier muss von den Tischen entfernt und mit Insektiziden behandelt werden, kein Essen mehr am Arbeitsplatz, nein, wirklich gar keins, Alarm, Papierfischchen! Um deren Ausbreitung zu verhindern würde ab sofort außerdem außerhalb der Bürozeiten (8:00-15:45) die Temperatur im Gebäude „wesentlich gesenkt“ werden. Man könne sich, würde man länger arbeiten oder früher kommen, ein Set persönlicher Wollunterwäsche abholen, damit man nicht friert. Wegen des gestrichenen Essens am Arbeitsplatz (No more Knäckebrot, Knäckebrot ist des Papierfischchens Leibspeise, gleich nach super sensiblen Papieren die wir ja auch gar nicht alle digital verfügbar haben…) würden außerdem diesen Monat 100 Kronen mehr auf die Kantinenkarte geladen, um den Anreiz zu erhöhen, in der Kantine zu essen.

Bei Wollunterwäsche war ich noch bei What The Fuck?!?, bei der Kantinenkarte hab dann aber auch ich gerafft, dass das ein Aprilscherz war. Haha. Sehr lustig.

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Unlustig: erklärt bekommen, was in Norwegen so passiert, wenn KriseKriegKatastrophe eintreffen sollte. Bin ja nun im Staatsapparat und muss sowas wissen, wenigstens die Medikamentenversorgungsseite. Leider kriege ich bei solchen Themen aber derartige Beklemmungen, dass ich nur weinen und wegrennen und meine Kinder drücken will, viel mehr als „Du musst Jodtabletten kaufen!“ kommt in meinem Kopf da nicht an. Wahrlich ein lustiger Tag.

Tag 1323 – Kurs.

Der Einarbeitungsplan verlangt ja diesen Lead Auditor-Kurs von mir und heute und morgen ist der zweite Kursteil. Dann könnte ich, wenn ich wollte, im Juni noch das Zertifizierungsexamen machen, das weiß ich aber noch nicht, ob ich das will. Mal sehen. Für die Arbeit brauche ich nur den Kurs. Das verlangt aber einiges von mir ab, zum Beispiel den ganzen Tag da zu sitzen und morgens um neun die Frau, die mit „können wir morgen um acht anfangen? Dann können wir früher nach Hause!“ nicht zu erwürgen. Denn um (sicher) um acht da zu sein, muss ich um 06:51 den Zug nehmen, der Bus ist planmäßig um 06:51 am Bahnhof, das klappt also oft nicht, der Bus davor fährt um 06:23. sorry, nein. Beim letzten Kurstag meinte die Dame auf diesen meinen Einwand hin, dann solle ich doch einfach im Hotel in Oslo wohnen, so wie sie auch. Ich sag’s mal so: geh dich gehackt legen und du hast den schlimmsten Dialekt überhaupt, du Wurst. Ätsch. Und weil die Kursleiterinnen mit Menschen wie mir mindestens genauso viel Mitleid haben, wie mit Menschen die im vollen Bewusstsein über die Kurszeiten Flüge buchen, die machen, dass sie eine Stunde eher gehen müssten, fangen wir nun um 08:30 an. Lose-lose. Danke, Dialekt-Wurst.

Vielleicht würde mich das nicht so ärgern, wenn ich nicht Montag noch mit viel Mühe den Babysitter überredet hätte, morgen abzuholen, weil ich sonst eine Stunde früher gehen müsste.

Auch ansonsten ist der Kurs etwas herausfordernd, denn wir müssen Rollenspiele machen. Ich mag sowas nicht. Gar nicht. Ich habe stellenweise starkes Fremdschämen und möchte, wenn meine „Kollegin“ zum 3. mal fragt, wer die Abweichungen denn nun schließt, obwohl sie eigentlich wissen will, warum da keine Bewertung des Effekts der Maßnahmen gemacht wurde, dann möchte ich gerne eingreifen und sagen „was meine Kollegin eigentlich meint ist…“. Und dann erinnere ich mich an Michel und die spiegelverkehrten Zahlen und dass sie’s nicht lernt wenn sie nicht in diesem safen Setting diese Fehler machen darf. Jedenfalls atme ich viel und schaue aus dem Fenster und lese die Standards und vielleicht mache ich das Examen wirklich, dann hab ich wenigstens einen Survivor-Badge.

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Apropos Survivor-Badge: gestern habe ich diesen Brief vom Inkasso-Büro beantwortet, indem ich der Forderung recht förmlich widersprochen habe. Es hat Vorteile, bei der Behörde zu arbeiten, unter anderem Gesetzestexte lesen zu können und auch auf beamtennorwegisch schreiben zu können. Um ein bisschen einen auf dicke Hose zu machen, schloss ich mit „Bitte bestätigen Sie mir den Eingang dieses Widerspruchs. Mit freundlichen Grüßen – Dr. R. Rabe“. Gnihihi. (Nee, ne Bestätigung habe ich noch nicht bekommen.)

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Morgen fliegt Herr Rabe nach London. Auf eine Konferenz. Ich bin also zwei Tage mit den Kindern alleine, das wird spannend.

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Ansonsten heute wunderbarer Sonnenschein, wärmend und bei 9 Grad im Schatten. Fast konnte man den Frühling schon riechen. Wär jetzt halt noch super, wenn ich von diesen Temperaturanstiegen nicht immer Kopfschmerzen bekäme.

Tag 1322 – Vernachlässigt.

In den Tagen seit Sonntag verzeichne ich hier einen erhöhten Andrang. Ich habe da so eine Ahnung, wie das kommen könnte und weil ich bemüht bin, ein positives Menschenbild zu haben, rede ich mir ein, diese mehr Leser*Innen sind hier, weil sie die andere Seite zu einem Konflikt hören wollen. Ich muss Sie aber da leider enttäuschen: dieser Konflikt geht nur mich und die andere Person was an und ich werde mich dazu hier nicht äußern. Das heißt nicht, dass mir die ganze Sache am Hintern vorbei geht, sie mich nicht beschäftigt oder ich nicht sogar einen ganzen Haufen Emotionen dazu habe. Nur Reden – wie gesagt – möchte ich wenn dann mit der anderen Person und ohne dass Sie alle dabei Popcorn mampfend zusehen.

Ja? Ja. Weiter im Text.

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Hier einiges vernachlässigt, wie mir scheint. Entschuldigung dafür. Ich war viel müde und andere Gründe gab’s auch, die sind jetzt aber mal egal. Jedenfalls muss ich wohl was nachholen. Ich versuche es mal.

Die Kinder. Sie sind sehr super. Michel wird jetzt richtig selbständig und packt seine Hausaufgaben direkt nach der Schule auf den Tisch, liest sich selbst die Aufgabenstellungen vor und legt dann los. Das macht es mir viel einfacher, ihn alle Fehler machen zu lassen, die er machen muss, um daraus zu lernen. Wenn ich daneben sitze, juckt es mir immer in den Fingern, ihn zu korrigieren, das ist einfacher, wenn ich eben nur grob im selben Raum bin und andere Dinge tue, Blumen gießen, Kochen, sowas halt. Dann kann ich trotzdem noch sagen, wie das „hinten am Fuß“ heißt, kriege aber keine Stresspusteln wenn ich sehe, wie krakelig Michel „HÆL“ schreibt oder dass die Hälfte der 2-en und 4-en immernoch spiegelverkehrt ist. Heute musste Michel Fragen lesen und dann ja oder nein ankreuzen, eine dieser Fragen lautete „Har du rene tær?“ (Hast du saubere Zehen?“) und Michel so „Æ kan sjekk.“ (Ich kann gucken.), zieht eine Docke aus, inspiziert seinen Fuß und dann: „Niks!“ und kreuzt nein an. Ich hätte mich beömmeln können. Wie Michel sagen würde: Tipptopp, tommel opp (tipptopp, Daumen hoch). Nächste Woche fängt Michel mit drei Nachmittagen pro Woche im Sport-Hort an. Dann kostet uns das ~nur~ 1000 Kronen mehr im Monat als jetzt, dafür kann er morgens und an zwei Nachmittagen zum Schul-Hort gehen. Ich hoffe das wird gut.

Pippi hat weiterhin Phase und manchmal möchte ich sie im Wald aussetzen, auf dass sie von einem freundlichen Wolfsrudel aufgezogen würde, aber dann gucke ich Michel an und weiß, es wird besser werden, und Pippi ist ja schon auch toll, nur halt eher so… im Großen und Ganzen toll, in den einzelnen Situationen muss ich momentan oft Herrn Rabe die Erziehungsarbeit überlassen, weil ich sonst innerhalb von Sekunden auf 180 bin und rumbrülle. Bald, bald, ist bestimmt auch diese Phase vorbei.

Sonst so: Arbeit. Viel Arbeit. Ich habe grad mal nachgeguckt: ich habe nach den drei Monaten jetzt 73 Stunden und 25 Minuten Überstunden. Dabei habe ich schon zwei volle Tage abgefeiert. Der Großteil dieser Stunden wird in den Sommerferien abgefeiert, da ich ja letztes Jahr nicht dort gearbeitet habe, steht mir zwar Urlaub zu, aber kein Feriengeld, sprich: wenn ich die Urlaubstage nehme, kriege ich die halt vom Lohn abgezogen. Das ist in den Fällen ja noch ok, wo man von einem anderen Arbeitgeber kommt, der einem ja beim Vertragsende das Feriengeld ausbezahlen muss, wenn man aber arbeitslos war und genau 0 Kronen Feriengeld angesammelt hat, ist das Recht kacke. Deshalb ein Hoch auf die Überstunden, denn sie sichern mir Urlaub ohne dass es hässlich große Löcher in die Haushaltskasse reißt. Groß wegfahren werden wir aber dieses Jahr wohl nicht.

Ja, so viel Arbeit ist sauanstrengend. Ich bin, Überraschung, nicht jemand, der nach Arbeitstagen von 9-19 Uhr noch die Energie für mehr als Essen–>Bett aufbringt. Pendeln, Arbeit, Pendeln, Schlafen, Repeat. Ich glaube auch nicht, dass sich das mit mehr Erfahrung bessern wird. Aber, und das ist der wichtige Punkt: es macht Spaß. Ich habe immernoch das Gefühl, im Lotto gewonnen zu haben. Ich kann mein Glück kaum fassen, ich sitze da in der Behörde, ich darf richtig interessante Sachen machen, mir wird auch intern schon richtig viel zugetraut und ich liebe es einfach. Ich mag meine Inspektør-Kolleginnen und Kollegen und dass das alles so grade-raus-e Menschen mit zum Großteil sehr trockenem Humor sind. Auch wenn die meisten meine Eltern sein könnten, hab ich das Gefühl, ich passe da hin. Und das ist ja nur die Seite im Büro*, wenn wir „draußen“ sind, auf Inspektion, sehe ich so viele verschiedene Pharmahersteller wie in keinem anderen Job in der Branche. Es ist immer anders, aber immer interessant. Kein Tag wie der andere und das liebe ich. Ich werd auch besser im Fragen und vor allem lockerer im Umgang mit all diesen Leuten, ich werd nur noch ein bisschen rot, wenn Leute meinen beruflichen Hintergrund abklopfen und habe gelernt, bei Diskussionen um das Pharmaziestudium und wie schwer ja Qualified Persons zu kriegen sind einfach aus dem Fenster zu gucken. Und der Rest kommt sicher mit der Erfahrung.

Neulich hab ich sogar meiner Kollegin erzählt, dass mich die Chipsfabrik nie bezahlt hat und ich da noch im Insolvenzverfahren drin hänge und auf mein Geld warte und dass das ordentlich kacke ist. Das ist für „immer fröhlich, nie persönlich“, was ich in den ersten Wochen gefahren habe schon eine große Entwicklung, mehr muss auch erstmal nicht sein, aber ich finde wenn man so eng zusammenarbeitet wie wir kann man zumindest ab und zu mal durchblitzen lassen, dass man ein Mensch mit Gefühlen ist.

Den Rest der Chipsgeschichte erzähle ich dann, wenn die Kollegin in Rente geht oder so. Das ist in ca. 10 Jahren, bis dahin kann ich das in eine lustige Dinnerpartygeschichte verpacken.

Also kurz und gut: super Job. Super anstrengend, super steile Lernkurve (das ist alles so ganz anders als absolut ales, was ich vorher gemacht habe!), super interessant, halt super. Jackpot.

Ansonsten: heute bei der Endokrinologin im Krankenhaus gewesen, endlich. War so hal gut und halb scheiße, denn jetzt grad sieht zwar alles tipptopp tommel opp aus, aber sie machte mir keine große Hoffnung darauf, dass das mein letztes Rezidiv war. Ich solle schon mal über eine mir passende Entfernungsmethode nachdenken, wegen der Augen käme aber eigentlich eh nur OP in Frage. Und das könnte man auch präventiv machen, man müsse nicht aufs Rezidiv warten**. Das muss ich nun erstmal verdauen, vielleicht bei einem Gin.

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*Großraumbüros hat allerdings der Teufel gemacht.

**letzteres kommentierte ich trocken mit „Das mache ich nicht solange wir einen Mangel*** an Levaxin haben!“, das sah die Ärztin dann auch ein.

***Medikamentenmangel. It’s a fucking big thing in Norway. Menschen auf derselben Etage wie wir drehen recht frei.

Tag 1318 – Fertig.

Fertig inspiziert. Für dieses Mal. Sehr interessant, lehrreich, aber im positiven Sinne. Musste mir zwischendurch mal kurz auf die Zunge beißen, als wir beim Thema Validierung bestimmter Autoklavenlasten drüber stolperten, dass eine Last noch nicht validiert ist, weil Tests fehlen, die in-House nicht gemacht werden konnten, wir daraufhin nach der SOP und den Schulungsprotokollen fragten, denn das muss den Mitarbeiter*Innen ja mitgeteilt sein, dass man dieses Programm mit dieser Last nicht fahren darf und es hieß nur „natürlich“ und drei Minuten später lag alles auf dem Tisch und war vorbildlich dokumentiert. Natürlich war es das, die machen da nicht so Murks, die machen überhaupt nix, ohne vorher wirklich gründlich drüber nachzudenken was zu tun ist und wie man es am allerallerallersinnvollsten angeht. Auf die Zunge beißen musste ich, um nicht loszulachen, es stellte sich in den letzten Tagen immer mal wieder ein „Was mache ich hier überhaupt?“- Gefühl ein.

Trotzdem schlaucht natürlich das Inspizieren. Eine Woche. Uff. Als Herr Rabe mir schrieb, er säße mit seinen Kollegen in einer Bar und trinke Bier, ob ich nicht auch vorbei kommen wolle, sagte ich einfach ja, mein Kopf war eh Pudding.

Dann nach Hause, noch was richtiges kochen, hahaha, es wurde Tiefkühlpizza, weil aus Gründen halt. Beim Essen machten die Kinder Fotos von allem, woher sie das nur haben.

Smiiiiil, Mama!

Smiiiiil, Papa!

Smiiiiil, Apfel, Smiiiiil, Glas!

Tag 1315 – Arbeiten im Schlafanzug.

Heute also das erste mal mit richtig richtigem Umziehen inspiziert. Das geht so:

  • bis auf die Unterwäsche ausziehen
  • Einen Schlafanzug* anziehen
  • Saubere Socken anziehen und über den Schlafanzug ziehen
  • Darüber eine Jogginghose** und einen Kittel anziehen
  • Haarnetz
  • Saubere Schuhe
  • Und natürlich Schmuck ab, Schminke ab, Hände waschen

Dann ist man fertig um in die Vorräume (!) der Produktion zu gehen. Je näher man dann an kritische Arbeiten kommt, muss man dann wieder Jogginghose und Kittel ausziehen und so eine Art Onesie über den Schlafanzug ziehen, mit oder ohne komplett geschlossene Kapuze, Mundschutz, Handschuhe, Gesichtsschirm, you name it. Und Hände waschen, waschen, waschen, die ganze Zeit. (Dafür schafft es dieser Hersteller mit beeindruckend wenig Händedesinfektion auszukommen.)

Blöd halt, wenn man dann in die Umkleide zurückkommt und die Dame, die die eigenen Anziehsachen im Spind eingeschlossen hat, ist mitsamt Code unauffindbar. Dann muss man nämlich in diesem schicken Dress – Schlafanzug, Jogginghose, Kittel – Mittag essen. In der Kantine. Hurra.

Ansonsten: ziemlich platt. Herr Rabe scheint auch bei den Kindern eingeschlafen zu sein, I might just call it a day.

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* nicht wirklich, aber es sieht so aus.

** auch nicht wirklich, aber es sieht auch so aus.

Tag 1314 – Nackte, dicke…

… Ohren. Herr Rabe hat mir die Piercings aus den Ohren entfernt und bei dem einen ziemlich rumprökeln müssen, weil mein Ohr „zu dick“ sei. Mein Ohr! Am Knorpel! Zu dick! Also bitte.

Jedenfalls sind die Ohren nun nackt. Morgen (und vielleicht auch Donnerstag? Das muss ich noch nachfragen) bleibt auch das Gesicht wieder nackt, ich werde end-sterilisierte Produktion anschauen, es ist ein bisschen aufregend, sowas* machen wir Bio-Menschen ja nicht.

Jedenfalls heute Inspektion, ich habe noch nicht mal Kopfschmerzen, es wird also besser mit der Routine! Leider gemerkt, dass ich noch vieeeel zu langsam bin, ich muss am besten ne halbe Stunde bevor ich was anschauen will, schon drum gebeten haben, sonst warte ich ewig auf die Unterlagen und Leute, die mir dazu was sagen können. Auch neu: der Hersteller schreibt selbst ganz genau auf, was wer von uns angeschaut hat und mit wem wir gesprochen haben. Ich mag das, die lassen das nicht einfach passiv über sich ergehen.

Früh genug zu Hause zu sein, um die Kinder ins Bett zu bringen hatte ich mir total schön vorgestellt, leider war’s dann ziemlich doof, weil Pippi grad wieder so ne Phase hat. Die Phase ist gekennzeichnet durch zwei überaus unangenehme Verhaltensweisen:

  • Ich kann alles alleine entscheiden, aber bei der Umsetzung MUSST DU MIR HELFEN, ELTER!!!
  • Wenn mir nicht sofort jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird, heule ich los, dann sind noch 20 Sekunden bis zum Kreischen und Schlagen.

Ich weiß, es ist ne Phase, jaja, es wird alles besser, aber in dem Moment ist es trotzdem schwer auszuhalten.

So, genug genörgelt, jetzt gehe ich duschen und dann ins Bett. Meine dicken Ohren brauchen ihren Schönheitsschlaf.

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*also irgendwas zum Beispiel autoklavieren**, das können Proteine nicht ab, danach hat man höchstens sehr hart gekochtes Ei.

**unter Druck auf 121 Grad erhitzt

Tag 1310 – Warnix.

Ein paar Stichpunkte zum Tag:

  • Arzttermin im Krankenhaus wurde spontan abgesagt. Voll schön. Vor allem weil mir die Arbeitszeit trotzdem bis auf eine Stunde flöten ging, immerhin war ich um acht noch zu Hause, ich sollte ja um viertel vor zehn im Krankenhaus sein. Ich könnte mich immernoch aufregen. Zumal ich noch nicht weiß, wann ich stattdessen antanzen darf.
    Mein Arbeitsrechner, auf dem gestern zeitweise gar nix ging, worauf ich ziemlich angepisst den Support anrief, würde über Nacht wundergeheilt. Die Frau vom Support war’s jedenfalls nicht, sagt sie.
    Heute den halben Tag die Hausaufgabe für den Lead Auditor-Kurs runtergetippt den anderen halben Tag die Inspektion nächste Woche geplant. Mein Plan ist, die Hausaufgabe morgen vor halb elf abzuschicken, dadurch hätte ich nicht nur ein, nein gleich zwei Wochenenden ohne schlechtes Gewissen, das wäre schon sehr schön.
    Allerdings durch letzteres erst spät zu Hause gewesen, da schlief Pippi schon. Michel bastelte mit Herrn Rabe an einem magischen Friedens-Konfettipanzer:
  • Jetzt ist Pippi natürlich wach und hungrig, aber ich falle gleich um. Tjanun.

    Tag 1309 – Diesdas.

    Bis grade gearbeitet und weil ich dachte, Abweichungen schrieben sich vielleicht einfacher mit etwas Muse, hatte ich dazu ein Bier. Hahaha. Das nächste Mal verzichte ich auf die Muse aus der Dose, die Abweichungen sind eh alle etwa so: „Die Routinen für XYZ des Betriebs sind mangelhaft (Beobachtung abc, Gesetzname Paragraph Dings, GMP Teil 1/2 Punkte Bums, Annex Tralala Punkte bla).“ Dann folgt noch eine Einstufung der Abweichung, dafür haben wir strikte Kriterien und der Hersteller hat dann je nachdem kürzer oder länger Zeit, die Abweichungen zu korrigieren. Jedenfalls – das klingt alles ziemlich trocken, aber immerhin werde ich schneller im Suchen nach den entsprechenden Vorschriften und Gesetzen und Richtlinien. Und mir macht es ja auch Spaß, ich geb’s ja zu, es ist schon spannend, aus einer Beobachtung, die, (frei erfunden jetzt, ne?) lauten könnte „Im Schrank im Produktionsbereich befand sich eine Tonne mit Wirkstoff. Dieser war seit 2015 abgelaufen, Retestdaten konnten nicht vorgelegt werden.“ den Kern der Sache rauszukitzeln und dann entsprechend mit Vorgaben zu untermauern. Geht’s mir um’s Abgelaufen, ums „stand im Produktionsbereich“, ums fehlende Retesting? Kann ich das mit anderen Beobachtungen verbinden, hat die Firma vielleicht insgesamt Schwächen beim Aussortieren abgelaufener Produkte? Sie sehen, alles spannend.

    Davon abgesehen: Abendschichten bis halb elf muss ich jetzt nicht dauernd haben. Ich schieb es auf den IT-Support, mit dem ich heute eine Stunde lang telefonierte, was aber mehr oder weniger erfolglos blieb. Heute morgen war die Computersituation wieder so schlimm, dass ich gar nicht arbeiten konnte und dann eben direkt anrief statt einen halben Tag Däumchen drehend auf eine Rückmeldung per Mail zu warten. Nach der Stunde konnte ich immerhin irgendwie und langsam arbeiten, in einem hakeligen System, das sich sehr nach Notlösung anfühlte. Aber arbeiten. Sonst wäre der Rechner wohl heute ernsthaft aus dem Fenster geflogen.

    Nachmittags die Kinder abgeholt. Ist auch mal ganz schön. Ich hab die nämlich sehr gern, alle beide. Michel hat Pippi heute, als sie ausrutschte und aufs Ohr fiel, ein Kühlpack geholt, das war schon sehr niedlich – und Pippi so überrumpelt, dass sie sofort zu Weinen aufhörte. Sehr praktisch. Michel hingegen kam mit eher unschönen Geschichten aus der Schule, da werde ich mal lose dranbleiben, wenn sich da was festfährt, kann ich die Löwenmutter nicht lange bändigen, das kann ich jetzt schon sagen. Es ist zumindest gefühlt ein schmaler Grat zwischen dem Kind das Gefühl geben, dass es gut und richtig war das zu erzählen, dass man es versteht und mit ihm traurig und sauer ist, dass ALLE ein paar der Kinder IMMER TOTAL DOOF SIND heute bei der einen Sache was doofes gemacht haben, dabei aber nicht kopflos werden und wütend die anderen Eltern anrufen oder gar die anderen Kinder beleidigen. Dabei finde ich die Aktion, wenn sie so lief wie Michel es erzählte (daran zweifle ich nicht, möglich ist, dass die anderen Kinder eine andere Wahrnehmung der selben Geschichte hatten), echt richtig kacke und gemein und rücksichtslos und es macht mich wütend, dass Kinder manchmal so kacke sind zueinander, aber ändern kann ich es auch nicht, deshalb bin ich ganz Zen. Wooozaaaa.

    Jetzt Schlafen. Morgen stehe ich, weil unter 6 Stunden Schlaf Folter für mich ist, ganz großzügig erst um sechs auf. Wow.