Tag 757 – Sagt einem ja auch keiner.

Schon seit Wochen gärt es in mir. Mal aufzuräumen mit diesem „sagt einem ja vorher auch keiner“. Ich sag es jetzt. Alles. Bis auf das, was ich vergesse.

Meine liebe kinderlose Freundin,

Du fragst dich, wie es ist, das Leben mit Kindern. Immerhin was, du fragst dich, das ist schon mal gut, dann kannst du dich vorbereiten und rennst nicht blind drauflos und bist dann total überrascht wenns kommt, wies kommt. Und ich mag dich, ich werde also ehrlich sein.

Erstmal: ich hasse diese Plattitüde „Es kommt sowieso alles ganz anders!“. Kotzwürg, echt mal. Dein Kind wird vermutlich nicht grün sein oder vier Meter groß oder niemals weinen. Es gibt ein gewisses Spektrum, das schon, aber manches ist halt relativ sicher, anderes eher offen. Aber ich kann dir ja schonmal sagen: du wirst diesen behämmerten Satz sehr oft hören. Denn: jeder hat eine Meinung zu Kindern/Eltern/Müttern/Schwangeren und die meisten tun sie gerne kund. Ich finde es schlimm, aber so ist es.

Es geht schon in der Schwangerschaft los. Plötzlich sind alle Experten. Tolle Ratschläge von allen Seiten. „Du darfst keine Erdbeeren (oder besser *insert random food*) essen, wegen…“. Lass dir gesagt sein: Diese Ratschläge sind zu 90% ohne wissenschaftliches Backing, zu 50% totaler Quark und zu ebenfalls 50% Ammenmärchen, die mal ihre Berechtigung hatten, inzwischen aber komplett überholt sind. Und zu jeder Meinung wirst du eine Gegenmeinung hören. Schon als Schwangere kannst du es nur falsch machen, aber besser ist, du gewöhnst dich da dran, so geht es nämlich weiter. Beispiel gefällig? Ärzte werden dir vielleicht vorschlagen, spezielle Vorsorgeuntersuchungen machen zu lassen. Man kann heute auf echt vieles testen. ERWÄHN NIEMALS ÖFFENTLICH, DASS DU DAS (NICHT) VORHAST! Du kannst nur verlieren. Wenn du eine gute Freundin hast (so wie mich, husthust) und Diskussionsbedarf besteht, kannst du es mal unter vier Augen ansprechen, aber besser ist, du bildest dir deine Meinung dazu schon vor der Schwangerschaft, eventuell mit dem Partner, und dann kannst du deine Entscheidung Ärzten mitteilen und gegenüber Arbeitskollegen/Bekannten/Dem Internet(TM) je nach Laune vertreten oder verschweigen. Weil auch hier gilt: du kannst es nur falsch machen. Machst du extra Vorsorge, giltst du als übervorsichtig und manche werden direkt denken, dass du ein Kind mit *insert random Beeinträchtigung* sicher sofort abtreiben würdest. Machst du keine extra Vorsorge, werden Ärzte und co. dich für fahrlässig halten. *Shrugs*.  Und apropos Vorsorge: Du kannst fast die komplette Schwangerschaftsvorsorge bei einer Hebamme machen lassen (hahaha, falls du eine findest!), aber dann erklären dich die Ärzte halt für bekloppt. Wenn du aber keine Hebamme konsultierst, erklären dir drölfzig Supermuttis gerne, dass das ja aber viel besser wäre und überhaupt, Ärzte sind alle schlimm und nur auf Geld aus und Schwangerschaft ist keine Krankheit und blablabla. Leg dir ein dickes Fell zu. Bester Tipp, den ich dir geben kann.

ACH JA. Genau. Schwangerschaft ist keine Krankheit. Für manche schon! Surprise, es gibt Schwangere, die kotzen 40 Wochen durch! Oder kriegen Diabetes, oder so herbe Symphysenprobleme, dass sie kaum mehr laufen können, oder oder oder. Die Geschichten wirst du alle zu hören kriegen, wie deine Oma damals an Weihnachten in die Salatschüssel reiherte und dass die Schwägerin der Kollegin 30 Wochen liegen musste und die andere saß nachher im Rollstuhl, weil ihr das Kind das Becken gebrochen hat. Ja, gibt es alles. VIELLEICHT wirst du aber auch zu denen gehören, die das schwanger sein in vollen Zügen genießen. Die wenig bis keine Beschwerden haben, die sich als schön und weiblich und sexy wahrnehmen, die dann von den anderen dauernd zu hören kriegen: Ah, wenn das erste (zweite) Trimester easy ist, wird das zweite (dritte) schlimm. Oder spätestens die Geburt. Meh. Ich persönlich fand schwanger sein ok, ich fühlte mich ganz ok, kotzte nicht, aß viel und hatte zur Abwechslung mal keine Hautprobleme. Ok, manchmal fühlte es sich halt an, als würde ich ein Alien ausbrüten, das mir den Kopf in die Blase drückt und dabei mit Füßen und Ellenbogen meine Rippen malträtiert. Und der Gedanke daran, dass dieses Kind ja irgendwann auch raus muss, der war mehr als gruselig. Denn auch da halten Leute sich mit Horrorstorys nicht zurück. Ich weiß mehr über die Geburtsverletzungen meiner Schwiegermutter als ich jemals verdrängen könnte. Ich erspare dir das deshalb, und umreiße kurz:

Eine Geburt tut sau weh. Ich kriege inzwischen Plaque, wenn mir Leute von Hypnobirthing vorschwärmen, aber nicht, weil ich nicht glaube, dass das funktionieren *kann*. Ich glaube schon, dass es Geburten gibt, die ohne Hypnobirthing schmerzarm und mit schmerzfrei sind. Geburten! Nicht: jede Frau kann eine schmerzfreie Geburt haben, wenn sie nur genug meditiert! Meiner Meinung nach wird so den Frauen auch noch die Verantwortung für ein möglichst *schönes* Geburtserlebnis aufgebürdet, eine Geburt muss nämlich heutzutage nicht nur in einem gesunden Baby und einer gesunden Mutter resultieren, nein, du hast gefälligst dafür zu sorgen, dass das alles *schön* ist, dass keine „unnötigen“ Untersuchungen und Interventionen gemacht werden (um das zu entscheiden, was unnötig ist, hast du vorher eine klitzekleine Ausbildung in Geburtshilfe absolviert, versteht sich, oder aber du hast drei Websites gelesen, kommt eigentlich aufs Gleiche raus *Ironie off*) und das alles, während du (höchstwahrscheinlich jedenfalls) die krassesten Schmerzen deines ganzen Lebens hast. Klingt verlockend, nicht wahr? Meine ganz ehrliche Meinung dazu ist: eine Geburt kann außerordentlich empowernd sein, aber sie wird nicht schlechter durch Schmerzmittel. Auch ein Kaiserschnitt kann eine schöne Geburtserfahrung sein. Ich kenne Frauen, für die war der ungeplante Kaiserschnitt am Ende eine Erlösung. Ohne Trauma. Ich kenne auch welche, für die das ganz schrecklich war, weil der Kontrollverlust eben enorm ist und vor allem bei Notkaiserschnitten die Komplikationsrate hoch. Du kannst es vorher nicht wissen. Ich möchte dir, als meiner Freundin, einfach ans Herz legen: Bereite dich auf Schmerzen vor, bereite dich auf Kontrollverlust vor, sperr dich nicht von vornherein gegen alles, was irgendwelche Leute als „nicht natürlich“ bezeichnen, denn: damit machst du es im Zweifel nur für dich schlimmer und schwerer zu akzeptieren, wenn es eventuell doch nötig wird. Und als letzten Tipp zu der Geburtssache: auch bei unschönen oder sogar traumatischen Geburten kommen fast immer gesunde Babys heraus. Und die Seelen der Mütter heilen auch. Manche mit Hilfe und manche mit der Zeit.

So. Jetzt sitzt du da also, hast dein blaurotes Schrumpelalien rosiges Baby im Arm, blutest wie Sau, traust dich nicht aufs Klo, hast Hämorrhoiden und dein Partner hat dich grad kacken gesehen siehst es an und wartest auf den Wow-Moment. Vielleicht hast du den auch direkt. Vielleicht nicht. Vielleicht möchtest du erstmal schlafen. Vielleicht bist du überfordert von der Verantwortung. Vielleicht kommt gleich die Hebamme und stopft dem Kind deine Brust in den Mund. Vielleicht bist du schockverliebt. Vielleicht saugt sich das Kind grad an der Nase deines Partners fest, weil du noch zu zittrig bist, um es zu halten. Und weißt du was: alles ok. Stress dich nicht damit, jetzt sofort irgendwas fühlen zu müssen. Wenn es dir richtig kacke geht, physisch eh, aber psychisch auch, sag wem Bescheid. Aber stress dich nicht selbst: Du hast grad ein Kind geboren, einen richtigen kleinen Menschen, das ist erstmal genug und so überwältigend, da produzieren Menschengehirne eben die unterschiedlichsten Reaktionsmuster. (Nach ein paar Tagen kommen übrigens die Heultage, das ist auch normal, ich hab bei beiden Kindern Rotz und Wasser geheult, wegen absolut gar nix, bei Pippi wars glaube ich die Farbe der Babydecke oder so. Meist kommen die Tage mit dem Milcheinschuss zusammen, das ist dann besonders prickelnd, das kann nämlich auch ziemlich unangenehm sein. Aber wichtig ist, dass das vorbei geht und wenn nicht, musst du auf jeden Fall wem Bescheid geben, so eine Geburt kann nämlich auch eine besondere Form der Depression verursachen und das ist scheiße, aber behandelbar.)

Aber ich wollte ja sagen, „was einem vorher keiner sagt“. Genau: Also, dein Körper, ne? Du denkst, du kriegst den jetzt zurück, ne? Möööp. Zurück eh nicht, weil was sich einmal so aufgebläht hat, das geht nicht mehr ganz in die gleiche Form zurück, da kannste trainieren und diäten und machen, was du willst, ganz exakt so wie vorher wirds nicht mehr. Das kann man schlimm finden oder nicht, ich finde ja, man sollte auch da die Kirche im Dorf lassen und sich nicht übermäßig unter Druck setzen, nach ner Woche wieder auszusehen wie Prinzessin Kate. Aber vor allem geht die Fremdbestimmung über deinen Körper weiter, weil: Stillen. Und jetzt sagst du, meine liebe emanzipierte Freundin, dass ja nicht jede stillen will. Und ich applaudiere dir und sage, du hast natürlich recht. ABER. Erklär das mal den Hebammen/Stillberaterinnen/Supermuttis. Nicht stillen und zwar von Anfang an ist ein Frevel sondergleichen in unserer ach so aufgeklärten Welt. Plötzlich hat JEDER was dazu zu sagen, wass du mit deinen Brüsten tust (oder eben nicht tust). Es ist zum Kotzen und deshalb wirst du von mir da nie ein irgendwie urteilendes Wort hören. Von mir aus still, oder lass es bleiben, still bis zur Grundschule oder exakt vier Monate, es ist deine Entscheidung. Deine. DEI-NE. (Kurz zum Stillen an sich: Kann man mögen, muss man aber nicht. Brustwarzen müssen sich auch erst mal dran gewöhnen, dass sie plötzlich große Teile des Tages benuckelt werden, das ist möglicherweise unschön. Richtig wehtun sollte es nicht, dann sollte mal eine Stillberaterin drauf gucken. Es geht immer wieder auf und ab mit der Menge, der Regelmäßigkeit und auch dem Mögen. Stillhormone sind schon was feines. Im Liegen Stillen hat mir meine Nerven beim zweiten Kind gerettet. Und dieser Blick, wenn so ein Baby einen beim Stillen verliebt anguckt… hachz. Fast so schön, wie bei nem Fläschchen.) Menschen werden dich beklatschen, andere abstoßend finden, wenn du in der Öffentlichkeit stillst. Menschen werden kommentieren. Dauernd. Der gesellschaftliche Konsens momentan ist in etwa: still 4-6 Monate voll und dann still sehr schnell ab. Ab ca. neun Monaten ist stillen mehr oder weniger eklig (nicht meine Meinung! s.o.). Und auch wenn du es so machst, wirst du trotzdem überall anecken, entweder bei den „Ich stille solange, wie das Baby will“-Müttern oder bei… allen anderen, also: dickes Fell. Sehr dickes. Hast du schon Haarwuchsmittel? Kauf dir welches. Das Fell. Du weißt schon.

Und jetzt bist du also Mutter. Angekommen im Mutter-sein. Und nun? Überraschung – auch jetzt kannst du’s nur falsch machen. Gehst du früh wieder arbeiten: Rabenmutter. Lässt du’s bleiben: Heimchen am Herd. Was mir aber am Herzen liegt, ist das hier: Du brauchst jetzt einen Partner, der das mitträgt, was du für dich entschieden hast. Ich hoffe inständig, dass ihr da vorher drüber gesprochen habt. Lange vorher. Im Prinzip gibt es zwei Extreme und natürlich drölfzig Schattierungen dazwischen: Entweder du (oder dein Partner, aber sagen wir mal, ihr seid *etwas* klassisch drauf, trotz aller Emazipation) bleibst lange zu Hause und kümmerst dich ganz klassisch um Haus, Hof und Kinder. Dann bedenke! BITTE! dass so ein Typ eventuell nicht für immer bei dir bleibt. Sieh zu, dass dir Rentenpunkte übertragen werden, oder er soll dich privat finanziell absichern, sodass du nicht am Ende echt dumm aus der Wäsche guckst, wenn du alleine da stehst, seit Jahren („aber das haben wir ja gemeinsam so entschieden!“ davon wissen einige Väter dann plötzlich gar nichts mehr…) aus dem Job raus, mit Kindern an der Backe (Arbeitgeber lieben das bekanntlich) und der Aussicht auf allerfeinste Altersarmut, weil ja lange nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Du machst zu Hause einen anstrengenden Vollzeitjob, der sollte von deinem Partner entsprechend gewürdigt werden und dazu gehört auch, dass er dich irgendwie absichert. Oder (das andere Extrem) du gehst halt so schnell wieder arbeiten, dass der Arbeitgeber nicht meckert, stellst die Ohren für alles „aber Fremdbetreuung ist des Teufels!“-Geheul der Vollzeitmütter auf Durchzug, nimmst deinen Partner für sämtliche Care-Arbeit (dazu gehört auch der Haushalt, nicht nur Kinderbetreuung!) zu 50% in die Pflicht (optimaler Weise hast du auch so einen Herrn Rabe, für den das keine große Diskussion ist) und… kämpfst trotzdem mehr als jeder Vater. An allen Fronten. Aber vielleicht hilft dir ja mein Strohhalm: dass unsere Töchter vielleicht nicht mehr so kämpfen müssen. Ich will das nicht beschönigen, so viel arbeiten, dass man im Zweifel auch ohne Partner über die Runden käme und noch (kleine) Kinder haben ist ein dauernder Balanceakt und zeitweise fürchtet man nichts mehr als eine Miniböe, die einen vom Seil pustet. Vor allem ohne soziales Netz ist das saumäßig anstrengend. Und egal wie toll du balancierst, wirst du gefragt werden, wie DU denn die Kinder betreust, wie DU das denn machst, ob DU jetzt SO EINE Karrieremutti bist, ob DU denn das Kind nicht vermisst, etc. pp., während sich Väter sowas ca. nie anhören müssen. Das macht mürbe und müde. Alles daran. Aber wenigstens nicht arm… *Shrugs again* Aber, wie dem auch sei, mach es mit deinem Partner zusammen. Und lass dich nicht mit „naja, aber er verdient halt auch mehr, das lohnt sich gar nicht“ abspeisen. It’s a trap. Während du nämlich K1 hütest, startet er beruflich durch (hat ja Zeit und ist vermutlich in den besten Jahren). Dann bist du grade so wieder im Beruf angekommen, Teilzeit, weil er arbeitet ja >40 h/Woche und das geht ja sonst mit der KiTa nicht auf und… wirst wieder schwanger. Er verdient jetzt noch mehr als noch vor K1, du viel weniger, naaa, wollen wir mal raten, was das Argument sein wird, weshalb er leider gar keine Elternzeit nehmen kann? Eben. Ich sage nicht, dass es so laufen muss, aber oft genug läuft es genau so und da muss man gemeinsam! bewusst gegensteuern. 

(Alternativ kannst du dich auch in die lange Reihe derjenigen stellen, die nach dem „Dorf“ schreien. Aber dann können wir leider nicht länger Freundinnen sein, weil mich dieses hohle Gelaber inzwischen derart anödet. Wir können wieder reden, wenn du wirklich bereit bist, in eine Familien-WG oder so etwas zu ziehen. Dein Haus, dein Auto, dein Boot, alles zu verscherbeln oder der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen.)

Bleibt noch was? Ach ja, die mommy wars. Hast du dir schon einen Erziehungsstil ausgesucht? Na dann wirds aber Zeit! Und dann musst du den extremistisch auslegen und missionarisch verbreiten, während du Andersdenkende rechts und links aggressiv wegbeißt. Wie in so ner richtigen Sekte. Glaubst du nicht? Na dann guck mal in Elternforen. Oder besser: lass es bleiben. Echt mal. Es gibt ca. sechtausend Erziehungsratgeber und manche davon sind gut, andere schlechter und wieder andere sind totaler Quatsch, aber entweder liest du die alle lange bevor du Kinder hast und noch halbwegs neutral in deinem Urteil über den Sinn und die Anwendbarkeit bist, oder du wartest damit, bis die Kinder aus dem Haus sind. Dann kannst du wenigstens herzlich drüber lachen. Und ich sage es dir, es gibt nichts, was es nicht gibt, die möglichen Erziehungsideale reichen von totalem Helikoptern bis hin zu „meine Kinder dürfen alles, was sie wollen, wann sie es wollen und so viel sie davon wollen“. Und, surprise, da gibt es echt viel Konfliktpotential. Ich glaube ja, dass, je schwerer es fällt, irgendeine Lebensweise durchzuhalten, die Anhänger besonders empfindlich gegenüber Kritik werden. Da reicht ein „find ich nicht so cool“ und schon wird wild um sich geschossen, dass man das Gefühl hat, man wäre nicht nur auf die Zehen sondern direkt aufs rohe Fleisch getreten. Mit Spike-Schuhen an. Mit denen man eben noch durch Streusalz gelaufen ist. Was kein Wunder ist, wenn man sich die Regelkataloge einiger dieser Lebensweisen durchliest (was oft übrigens eher durch die Anhängerschaft definiert wird, als durch die, die sich das ursprünglich mal ausgedacht haben). Ich sag mal so: wenn ich jeden Tag nen Marathon laufen würde, dabei jonglieren, ein Buch auf dem Kopf balancieren und „Die Glocke“ rückwärts aufsagen und dann würde jemand kommen und mich fragen, was das denn solle, obs nicht auch einfacher ginge, würde ich vermutlich auch ausrasten. Ich habe da nur jetzt leider keinen tollen Tipp für dich, meine liebe Freundin, außer, sich von dem ganzen Zeug sehr weit fern zu halten. Alles, was irgendwie wie ein Rezept für tolle/schlaue/empathische Kinder klingt ist mit großer Wahrscheinlichkeit Humbug. Kinder sind Individuen. Auf jedes Kind das gleiche Rezept anwenden ist also zum Scheitern verurteilt. Lass dich bloß nicht auf diese Grabenkämpfe ein, das bringt gar nix außer Frust. Den Kindern bringts in jedem Fall schon mal überhaupt nix.

Aber wie ist es denn nun, das Leben mit Kindern? Naja…

Wunderbar. Ganz einfach. Alles wert. Die Nächte Wochen Monate Jahre mit wenig Schlaf. Die Paarstreitereien. Den Vereinbarkeitsspagat. Das kriegt man alles zurück. Doppelt, dreifach, hundertfach.

Aber wie, kann ich dir auch nicht so genau erklären. Das muss man erleben.

Deine R., die sehr müde ist, eine Körbchengröße weniger hat, dafür zehn Paar Augenringe mehr als vor den Kindern. Und ein pralles Glückskonto, das hat sie auch.
 

Tag 753 – Schnipsel. 

Konfokalkurs gehabt. Wo soll ich anfangen? Bei der bunten Häkelweste und der Holzperlen-Lederkette? Den ständigen Hinweisen, was für ein cooooooooler Musiker der Konfokalobermotz doch ist? Oder meinen mörderischen Kopfschmerzen? Oder damit, dass, genau wie im 1. Semester damals, die Antworten immer „Wärme“* oder „Pi-Elektronen“** sind? Naja, war, jetzt darf ich alleine am Mikroskop arbeiten. 

Langsam setzt Entspannung ein. Heute habe ich sogar, als ich auf meine Mikroskopzeit wartete, einfach so einen Kaffee getrunken und nahezu nichts*** getan. 

Mikroskop, erstes Mal alleine: läuft, würde ich sagen. Wie immer alle sagen, dass das totaaaaaaal schwierig ist, das alles richtig einzustellen, und, äh, das ist total logisch. Das ist echt nicht schwer, wenn man verstanden hat, welches Dings was tut, all die kleinen Spiegel und Filter und Verstärker und Tralala. Keine Ahnung, wieso sich meine Kollegen da so anstellen… Für alles, was komplizierter ist, gehe ich eh zur Core Facility, aber das grundlegende „hat meine Färbung geklappt?“ kann ich jetzt alleine. 

Ich habe offenbar viel genörgelt in letzter Zeit, ich kriege jedenfalls plötzlich viel Hilfe von meinen Kollegen angeboten. Das fühlt sich sehr viel besser an, als das Alleinsein und die ungeteilte Verantwortung von vorher. 

Morgen werde ich einen potentiellen Opponenten für die Defense ansprechen. Das ist sehr aufregend. 

Meine Kinder sind die, die sich bei 12 Grad auf dem Spielplatz die Socken und Schuhe ausziehen. 

Auch auf dem Spielplatz: Kind-Kumpel: „Was arbeitet deine Mama?“ Michel: „Meine Mama arbeitet mit Zellen. Im Krankenhaus. Weißt du was für Zellen?“ – „Nein?“ – „So welche, die im Körper sind!“ – „Meine Mama arbeitet mit Brillen!“.

Diese Autokratzersache**** ist jetzt richtig teuer geworden, offenbar hat unsere Versicherung einfach alles bezahlt, was die Gegenseite verlangt hat***** und es uns aufgebrummt. Heute kam jedenfalls ein Brief, sie hätten 1700€ ausgelegt und würden mich entsprechend hochstufen. Mal sehen, ob ich die Nerven und die Zeit finde, da morgen mal nachzufragen, ob die noch alle Tassen im Schrank haben. 

Aber echt mal: die Kinder. Hachz. So ist das, wenn sie schlafen sollen. (Ton anmachen.)

Fehler
Dieses Video existiert nicht

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* „Wo geht die Energie hin, die Quantenausbeute ist ja nie 1?“

** „Warum kann man das anregen, damit es dann leuchtet?“

*** ne To-Do-Liste erstellt. 

**** Ich wollte verlinken, hab dabei aber gemerkt, dass ich offenbar noch nichts davon erwähnte. Kurz: Michel hat auf unserer Tour nach Bergen an einem Parkplatz die Tür des Autos beim Einsteigen etwas schwungvoll aufgemacht und drei rote Lackspuren, von denen ich zwei mit Mikrofasertuch, Feuchttuch und Fingernagel wegbekam, am Nachbarauto hinterlassen. Das ganz neu war. Und weiß. Und teuer. Und weil ich ja unverbesserlich ehrlich bin, bestand ich drauf, auf die Besitzer des anderen Autos zu warten. Die fanden das voll nett. Und ficken einen dann eben doch hintenrum . Mache ich wohl auch nicht nochmal. Also warten. (Haha, natürlich doch, ich kenne mich ja.)

***** offenbar mindestens die komplette Tür lackiert, ungeachtet meiner Beschreibung der nicht mal fühlbaren Lackspuren. Das waren ja nichtmal Kratzer. Was natürlich jetzt im Nachhinein auch keiner beweisen kann, weil ja einfach gemacht wurde. Ohne Kostenvoranschlag, ohne irgendwas. Nur „nach Ihrer Beschreibung des Unfallherganges sind Sie schuld, wir halten Sie auf dem Laufenden.“. Dass ich (naja, Michel, aber der ist ja einfach noch nicht mündig) „schuld“ bin, habe ich ja auch nie angezweifelt. Nur das Ausmaß ist… äh… etwas absurd. Und „auf dem Laufenden halten“ verstehe ich auch irgendwie anders als „das hat’s gekostet, ihre Prämie erhöht sich damit um 300%, bitte verwenden Sie bei Rückfragen die Schadensnummer“.

Tag 744.2 – Doch noch mehr hingerotzt.

Wissen Sie, dieses PhD-Dings, mit kleinen Kindern, das ist nicht nur ein bisschen anstrengend. Jedes für sich ist anstrengend und die Kombination ist… ach. Ach, ach, ach. Mir gehen die Vergleiche aus. Ich würde schreiend im Kreis laufen, aber nicht mal dafür hab ich Zeit. Ich würde so gerne zu Fuß zur Arbeit gehen, und wenigstens ein bisschen Energie körperlich loszuwerden und den Kopf freizukriegen, aber… das kostet mich ne Stunde jeden Tag, in der Stunde kann ich arbeiten, oder Zeit mit den Kindern verbringen, oder einen Wocheneinkauf erledigen. Ich beneide meine Kolleginnen, die noch keine Kinder haben und auch die, die mit ihrem PhD fertig sind (ok, nicht alle, das Kein-Geld-Problem betrifft nicht nur mich, sondern fast die ganze Arbeitsgruppe). Aber eigentlich hab ich auch für Neid und andere Befindlichkeiten keine Zeit. Oder dafür, die Arbeit von anderen zu korrigieren und auszubügeln und für sie mitzudenken. Ich bin jetzt der Arschloch-PhD-Student, der sein Projekt als das WICHTIGSTE DER GANZEN WELT ansieht, weil, naja, meine kleine Welt hängt grad sehr von diesem Scheiß ab. Den Kollegen, die darüber stöhnen, möchte ich vor den Kopf knallen: wisster, in zweieinhalb Monaten seid ihr mich eh los! Und dann komme ich nach Hause, wieder zu spät, der Mann ist genervt, die Kinder entweder hypnotisiert vor dem Fernseher, oder beim Freund (Michel) oder im Ausrastmodus, ich bin so müde, Herr Rabe kocht, ich bin so müde, alles ist wie Blei, wir essen, die Kinder nörgeln, Michel will Dinge, wir stehen tausendmal beim Essen auf um Dinge zu holen, ich bin so müde, dann ist mindestens ein Kind plötzlich fertig mit Essen, oder ruft vom Klo, oder eskaliert wegen irgendwas. Ich bin erst halbfertig mit Essen. Und ich bin so müde. Das Essen dauert 1/3 länger als notwendig, weil ich pausenlos erkläre, dass ich noch nicht fertig bin mit essen. Kinder ins Bett bringen, es wird acht, scheiße so spät schon, dann kommen die morgen wieder nicht aus den Federn, Pippi turnt, Michel labert, ich bin so müde. Aber ich schlafe nicht mehr bei denen ein, ich hab ja keine Zeit. Wieder hoch, das Essen wegräumen, spülen, eventuell Brotdosen machen. Ich müsste noch *hier random Arbeitsdings einfügen*. Schnecken. Wäsche. Ich müsste noch *hier random Arbeitsdings einfügen*. Bett. Arbeitsdings dann morgen. Hab ja Zeit, so ca. 9 Stunden, wenn’s länger dauert ist der Mann eben noch ein bisschen genervter und die Kinder noch ein bisschen unausgeglichener. 
Noch zweieinhalb Monate, dann bin ich das los. 

Tag 742 – Fauler Sonntag und Erklärung. 

Wir haben heute den ganzen Tag quasi nix gemacht, war auch mal schön. (Echt sehr, vor allem hatte ich mal wieder ein bisschen Zeit mit Michel alleine, das passiert selten und ist… wunderbar. Was er mit einem Mal alles so erzählt! Zum Beispiel, dass er Pippis Geschrei nicht gut haben kann, weil er dann nichts machen kann, sich aber verantwortlich fühlt. Er ist ja der große Bruder. Das nervt dann. Das löste bei mir so eine Mischung aus Ach! und Oh je! aus, die ich ihm hoffentlich verständlich gemacht habe. Dass es nämlich natürlich nicht seine Verantwortung ist, Pippi zu beruhigen und dass es uns auch nervt, wenn sie krank ist und nur brüllt und getragen werden will. Aber wir können da ja auch nichts machen, nur uns aufteilen und einer ist für Michel da, einer lässt sich anbrüllen.)

Aber das wollte ich gar nicht erzählen. Gestern stolperte ich bei meinen Recherchen zum komischen Western Blot* über einen kürzlich veröffentlichten Artikel zu einem Protein, über das ich *hust* grad ziemlich viel weiß, weil ich *hust* ja auch daran herumforsche und *hust, hust* grade erst viel Zeug darüber gelesen und geschrieben habe. Das Protein macht bestimmte Arten von DNA-Veränderungen rückgängig, nämlich Methylierungen an bestimmten Positionen an bestimmten Basen (Aas et al. 2003, Falnes et al. 2002, und so weiter und so fort). Einer der reparierten Schäden ist Methylierung an der N3-Position von Cytosin (3meC). Diese Base würde, wenn sie unrepariert bliebe, mutagen wirken. Das Enzym von dem wir hier reden, macht die Methylierung einfach** ab, dann ist da wieder ein normales C und alle sind happy. Die Fieschergruppe, die den gestern von mir entdeckten Artikel geschrieben hat, hat nun herausgefunden, dass das Gen für das Enzym, das 3meC repariert, bei manchen Brustkrebspatientinnen*** vom Tumor still gelegt wird, durch epigenetische Promoter-Methylierung an der C5-Position von Cytosin. Solche Methylierungen sitzen am Anfang eines Gens und machen, dass das Gen nicht mehr abgelesen werden kann, das heißt, es wird kein Protein mehr nach diesem Gen hergestellt. Die Zelle hat also kein Enzym mehr, das 3meC repariert, also sammelt sich 3meC im Genom an und wirk,t ja genau, mutagen. Krebszellen mutieren die ganze Zeit, weil bei denen viele solcher Reperaturmechanismen völlig aus den Fugen geraten, entweder werden die abgestellt oder einzelne Teile total hochgefahren, sodass sich (mutagene) Zwischenprodukte ansammeln und, ach, also am Ende hat man halt Krebs, ne? Die Arschlochkrankheit, die öfter als nicht gegen Therapien resistent wird, weil sie eben dauernd mutiert. Entsprechend fand die Gruppe mit dem Artikel auch, dass eine starke Promotermethylierung für dieses Reperaturenzym mit einer schlechten Prognose einhergeht. So weit, so gut. 

Und dann kam der Punkt, an dem ich herzlichst lachen musste. Nämlich der Punkt, an dem sie 3meC in Zellen „quantifiziert“ haben. Per… Immunfluoreszenz.

Exkurs: Immunfluoreszenz. Man hat Zellen, hier Krebszellen, die züchtet man direkt auf nem Objektträger. Dann fixiert man die da drauf, dann sind sie sozusagen wie eingefroren, die einzelnen Bestandteile sind alle noch da, wo sie sein sollen, sehen auch (mehr oder minder) auf molekularer Ebene noch normal aus, aber bewegen sich nicht mehr. So sind die Zellen auch einigermaßen haltbar. Dann kann man einzelne Bestandteile der Zellen anfärben, dazu nimmt man erst einen Antikörper, der genau das**** erkennt, was man sehen will, also zum Beispiel ein einzelnes Protein. Oder 3meC. Der Antikörper kann dann wiederum mit einem anderen Antikörper, der fluoreszenzmarkiert ist, sichtbar gemacht werden. Man hat dann also *Ding, was ich sehen will*-Antikörper1-Antikörper2-Fluoreszenztag. Die Markierung kann dann mit einem speziellen Mikroskop mit allerlei Lasern und Filtern und Tralala sichtbar gemacht werden. In der Zelle. Und wenn man das geschickt kombiniert, kann man durchaus mehrere Dinge gleichzeitig anfärben, also zum Beispiel zwei Proteine, die vermutlich interagieren, und vielleicht noch ein Compartment*****, in dem sie das vermutlich tun. Dann beleuchtet man eine Zelle – die gleiche! – mit verschiedenen Wellenlängen und schaut durch die verschiedenen Filter und kann dann sehen, ob die Proteine immer an derselben Stelle sind, oder immer da sind, wo das Compartment ist. Klingt easy, kann manch einer aber auch nach neun Monaten völlig verkacken. 

Ja, da konnte ich nicht mehr. Denn, was auch immer die da gesehen haben, es war nicht 3meC. Oder nicht nur. 

Denn es ist so: ich habe *alle* verschissenen  Antikörper gegen 3meC, die man kaufen kann, in meinem Gefrierfach. Und sie funktionieren alle nicht. Die Firmen behaupten das zwar, aber: die sind alle nicht spezifisch. Die erkennen nämlich alle auch – hauptsächlich! – 5meC. Ich nehme an, dass die das mit reinen Basen testen, und dann einen Dot-Blot machen: also einmal nur 5meC und einmal nur 3meC auf eine Membran tropfen und dann mit dem Antikörper drüberwaschen, um zu gucken, welche von den Spezies erkannt wird. Und auf diesen Blots ist dann alles hübsch, es wird nur 3meC erkannt, Hurra, schreib 400 USD pro 10 Mikrogramm dran. In echt, im Genom, in einer Zelle, sieht der Kontext aber natürlich ganz anders aus. 3meC zum Beispiel ist unfassbar selten. Selbst wenn die Krebszellen dann, sagen wir mal, das Zehnfache ansammeln, ist es immernoch total selten. 5meC ist total häufig. Wir reden hier über einen Unterschied von hundert- bis tausendmal so viel 5meC, wie 3meC******. Schon allein deshalb ist es nicht plausibel, dass deren Zellen bei 3meC-Detektierung so dermaßen doll leuchten. Außerdem ist 3meC etwas „versteckt“ in der DNA-Struktur, während 5meC eher prominent außen dran sitzt. Das alles macht einen Riesenunterschied, wenn man komplette, klein geheckselte Genome auf den angeblich 3meC-spezifischen Antikörper haut. So wie ich das gemacht habe. Ich bekam *nur* 5meC. 3meC war nicht detektierbar, so wenig war das. Und das mehrmals. Das was da also leuchtet, das ist 5meC. Vielleicht auch ein minibisschen 3meC. Aber das meiste, sorry, ist 5meC. Weshalb der Vergleich mit den unteren Bildern, wo 5meC zu sehen sein soll, auch sinnlos ist, weil, naja, also 5meC ist auch da, wo 5meC ist, na so eine Überraschung aber auch. 

Aber die lustigen Menschen mit dem Artikel, die glauben das echt. Niedlich.*******

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*Membran mit Proteinen drauf. Es fing an mit Southern Blot – Membran mit DNA drauf, benannt nach Herrn Southern, dem Erfinder. Dann war wer voll witzig und nannte seine Membran mit RNA drauf „Northern Blot“ und dann ist das alles etwas eskaliert. KEIN WITZ.

**natürlich ist es nicht so einfach, aber den Vortrag dazu geb ich mir für die Defense auf. 

***generisches Femininum, und ja, ich weiß, dass auch Männer Brustkrebs bekommen können. 

**** genau das, nur das, aber das bitte auch immer. Das kommt einem Lottogewinn gleich, wenn man so einen Antikörper auf Anhieb findet. 

*****Zellteil, Organell, Manchmal auch nur kleine Minibubbels oder so. Ich gucke nach minibubbels. 

******seriöse Leute wie wir *hust* messen sowas per quantitativer Massenspektrometrie. Und nach drölfzig Messungen kann man die groben Zahlen dann auch auswendig. 

*******Nur: was mache ich jetzt? Das Journal anrufen und in den Hörer lachen? Den corresponding Author anrufen und ihm anbieten, 3meC in seinen Proben zu quantifizieren (also das würde dann wohl nicht ich machen, sondern die Core Facility, aber die freut sich auch über das Geld)? Nüx? 

Tag 737 – Nur schnell Hallo sagen.

Hallo!

(Ich muss ins Bett, Pippi meckert, die möchte glaube ich gerne Gesellschaft haben, nachdem sie heute im Kindergarten von der Schaukel gefallen ist und sich derbe auf die Zunge gebissen hat. Also so, dass es sichtbare Bissspuren auf ihrer Zunge hinterlassen hat und sie leider beim Essen von wirklich allem trotz Riesenhunger nach ein paar Sekunden anfing zu weinen. Dieses Kind kann ja unfassbar vorwurfsvoll (dass wir ihr das antun! Essen! Also bitte!) und enttäuscht (Essen ist doch ihr bester Freund und ihre Lieblingsbeschäftigung!) gucken, es ist fast niedlich, wenn es nicht so offensichtlich wäre, dass sie wirklich große Schmerzen hat. Ich setze auf das gute Heilfleisch von Kindern generell und im Mund insbesondere, das sollte morgen schon viel besser gehen. Aber irgendwie ist gerade bei vielen Kindern der Wurm ein bisschen drin – Michel ist im Moment oft sehr wütend und auch sein bester Kumpel, zu dem er heute nach dem Kindergarten mitgehen sollte, ist nach den ersten zwei Wochen Schule, was hier ja nicht mit Schule anfängt, sondern mit Hort, etwas… durch. Weshalb auch heute das Treffen dann in letzter Minute geplatzt ist. Weshalb Michel dann bei einem anderen Kumpel war. Äh. Alles wirr. Andere Geschichte, aber related: wenn ich es morgens nicht schaffe, mich zu schminken, bevor die Kinder wach sind, liefere ich am Ende zwei glitzernde Kinder im Kindergarten ab. Weil „Ohhhh, Mama, was hast du da? Ist das so Glitzer? Mit GOLD? Ich will das auch! Und so Wimpern-schwarz! Und die Haare müssen so schick* sein!“. Naja und auf die Wutausbrüche kann ich morgens echt verzichten und wenn dann Michel glitzert dann muss natürlich Pippi auch und… tjanun. Hübsche Kinder wie meine können halt auch alles tragen ;) 

Vor allem mit Zahnpasta im Gesicht 😂


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* Heute: Rockabilly-Tolle. Hatte er sich so ausgedacht und mit Wasser in Form gekämmt, ich hab dann mit ein bisschen Wachs für einen etwas dauerhafteren Stand gesorgt, es sah einfach zu bezaubernd aus.)

Tag 718 – Allein Daheim Tag 4. 

Es geht mir sehr gut. Ich arbeite viel, aber in meinem Tempo, hier ist es sauber und ordentlich, ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich erst spät nach Hause komme. Die Sonne scheint, ich kann jeden Tag zu Fuß gehen, die Blasen an meinen Füßen heilen auch langsam. Ich gucke Fernsehen, alles nötige (und ein bisschen mehr) ist fertig geölt, das Öl ist jetzt auch fast leer. Ich esse einen Haufen getrocknete Tomaten zu allem und wenn das nicht reicht*, kippe ich noch selbstgemachten Ketchup drüber. Außerdem esse ich einen Haufen Erdbeeren. Heute habe ich drei Kilo gekauft, um nochmal Marmelade zu kochen. Außerdem habe ich heute die Anmerkungen vom Chef in die Diss fertig eingearbeitet und die Abschnitte, bei denen noch Referenzen fehlten, mit diesen gefüllt. Damit bin ich jetzt – soweit – fertig, es fehlen noch Tabellen, Abbildungen und ein wenig Prosa. Ich habe auch bei jemandem nochmal angerufen, dessen Firma ich gestern eine Bewerbung geschickt habe, nur um zu sagen, dass die Bewerbung da sein müsste und hoffentlich bald auf seinem Tisch landen wird. „It’s good that you follow up!“. 

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich freue mich sehr darauf, dass Herr Rabe und die Kinder bald wieder da sind. Ich vermisse sie auch wirklich doll. Als wir heute telefoniert haben, hatte ich das Gefühl, Pippi spricht plötzlich viel mehr und ich verpasse alles. Und als sich Michel dann wehtat, wollte ich so gerne was tun können. Aber nichtsdestotrotz genieße ich gerade die Zeit alleine auch in vollen Zügen. Ich überlege sogar, ob ich morgen Abend einfach so alleine ein Bier trinken gehe. Weil ich’s kann.

 Dochdoch. Es ist schon alles in Ordnung so. 

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*Heißhunger auf Tomaten, ist doch bestimmt irgendein Mangel. Vitamin K? Ist aber eigentlich auch egal. 

Tag 714 – Jetzt sind sie weg.

Herr Rabe und die Kinder sind endlich auf dem Weg zu Herr Rabes Schwester. Endlich, weil sie eigentlich schon längst da sein sollten, aber dann bekam Herr Rabe zwei Stunden vor Abflug eine SMS, dass der Flug gecancelled sei, „due to lack of crew“. Jetzt hab ich ja alles Verständnis dafür, dass auch Crewmitglieder krank werden. Aber Herrschaftszeiten, hat man dafür nicht Bereitschaftsmenschen? Oder werden die bei Norwegian auch schon eingespart? Und dann hing Herr Rabe auch noch geschlagene 45 Minuten in der kostenpflichtigen Hotline-Warteschleife, das finde ich dann schon mehr als dreist. Naja, Herr Rabe wird jedenfalls morgen über fairplane.de eine Entschädigung einfordern. (Dass der Flug, den sie jetzt haben, auch 45 Minuten Verspätung hat, also um viertel nach zwölf Ortszeit (also viertel nach eins „Hier“-Zeit) ankommen wird, ist dann schon fast egal. In England. Hoffentlich stehen sie nicht so lang an den Immigrations.)

Jedenfalls brachte dieses Chaos unseren geplanten Tagesablauf komplett durcheinander und im Endeffekt saßen Herr Rabe und die (natürlich super aufgeregten!) Kinder auf gepackten Koffern, während ich krampfhaft versuchte, etwas Ordnung zu schaffen. Als dann Michel anfing, auszurasten, weil er glaubte, WIR hätten das mit dem Flugzeug irgendwie verkackt, zogen wir die Reißleine und gingen Eis essen. Danach durfte Michel Shaun das Schaf gucken, Pippi machte sehr späten Mittagsschlaf, wir Erwachsenen räumten und tranken Kaffee und schwitzten (in der Wohnung war es sehr viel wärmer als draußen) und als Pippi wach wurde, kehrten wir einfach allesamt plus Gepäck ins Auto und fuhren Burger essen. Wir hatten nämlich für heute Abend kein Essen geplant und entsprechend auch nichts eingekauft und die Kinder waren eh aufgekratzt, da schien uns das eine gute Idee. Wars auch. Dann fuhr ich die Restfamilie zum Flughafen, sie gaben die Koffer auf und gingen zur Sicherheitskontrolle, wir drückten uns alle nochmal eine Runde und nahmen Abschied und dann…

…lief ich ziemlich schnell und den riesigen Kloß in meinem Hals runterschluckend zum Auto zurück, zahlte für 14 Minuten parken (12 sind kostenfrei) 30 Kronen und fuhr…

…direkt auf die Tankstelle, Benzin war grade relativ günstig. Dann überprüfte ich noch in einer Übersprungshandlung den Reifendruck. Twitterte. Und dann fuhr ich mit sehr lauter Musik an nach Hause. Dort überkam mich ein unwiderstehlicher Drang…

…zu putzen. Dabei war’s gar nicht so dreckig. Aber schlafen gehen, das wäre zwar schlau gewesen, aber wie denn, wenn die ganze Zeit der Katastrophenfilm zum Thema „Flugzeugabsturz“ im Kopf abläuft? Nur putzen schien mir noch nicht ganz ausreichend um den Film zu stoppen, also holte ich mir noch ein bisschen Putz- und Entspannungshilfe bei Tante Primitivo aus DutyFree-Land, das wird mir morgen vielleicht leid tun, aber hey, ich bin erwachsen, ich darf das ganz selbst entscheiden, ob ich nen dicken Kopf riskiere. Seit ich also zu Hause bin habe ich gesaugt (nur Küche, Essplatz und Bad, um nach zehn wollte ich nicht noch unbedingt überm Schlafzimmer der Nachbarin staubsaugen), gewischt, den Esstisch aufgeräumt und abgewischt, die Kinderstühle sauber gemacht, das Wohnzimmer aufgeräumt, die Dunstabzugshaube und die Kaffeemaschine geputzt und auf der Kaffeemühle und den Küchenlampen Staub gewischt. Das Glas Primitivo (sehr lecker übrigens) ist jetzt leer, ich habe geduscht, Klamotten sind rausgelegt, bei Twitter habe ich schon ausgiebig rumgeheult, vielleicht versuche ich es doch einfach mal mit dem Bett. Ich kann ja immernoch lesen, wenns mit dem Schlafen nicht klappt.

Tag 713 – Zwei Jahre. 

Meine liebe kleine Pippimaus,

Jetzt bist du schon zwei Jahre alt. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben. Eigentlich warst du gestern noch ein neugeborenes Minibaby, und vor fünf Minuten hab ich dich noch gestillt. Jetzt bist du so groß! Und so klein. Und so groß! (Wenn man sagt „bist du groß?“ reißt du übrigens die Hände nach oben und schreist „Jaaaaa!“, das ist sehr niedlich.)

Eine typische Unterhaltung mit dir ist ungefähr so:

„Pippi? Hörst du bitte auf, Sand zu essen?“ – „Nein.“

„Hörst du jetzt auf, Sand zu essen?“ – „Nein!“

„Hör jetzt auf, Sand zu essen!“ – „NEIN!!! *streckt Zunge raus und prustet – wie ein Minion*“

Du weißt was du willst. Immer. Du willst Sand essen und keine Eltern der Welt werden dich davon abhalten. Du willst keine Windel anziehen, oder das T-Shirt nicht, dafür den Schlafanzug. Die Schuhe müssen so rum. Du willst aufs Klo, drei mal in fünf Minuten. Auf der Nudel ist zu viel Ketchup. Wie, nur drei Mausclips? Nicht mit Pippi!

Meistens bin ich wegen deinem kleinen, hübschen Dickkopf sehr sehr stolz auf dich. Manchmal macht es mich auch ein kleines bisschen wahnsinnig, zum Beispiel wenn du, wie heute, nicht einschlafen willst. Aber dann, irgendwann, liegst du zusammengerollt im neben dem Bett und schläfst und seufzt manchmal „Hand, Mama“ und dann ist auch schon wieder fast alles vergessen. Und dann sehe ich da nur dich, und ich denke, es passt schon. Du willst viel mehr selbst bestimmen und kannst auch viel mehr selbst bestimmen, als ich das von deinem Bruder gewohnt bin. 

Überhaupt, dein Bruder. Dein größter Held. Du willst, was er hat, isst, tut. Manchmal macht ihr Quatsch zusammen. Dann platzt mein Herz. Er hat dich sehr lieb, das zeigt und sagt er auch ganz offen. Trotzdem gehst du ihm natürlich ganz oft ganz schön auf den Zeiger, wenn du ihm wieder irgendwas wegnimmst oder seine Zugbahn kaputt machst. Dabei willst du doch auch nur damit spielen. Dann ist das Geschrei auf beiden Seiten groß. Im Gegensatz zu dir würde er dich aber nicht hauen ;)

Wenn du mit anderen Kindern zusammen bist, bist du ein kleiner Clown. Der vermutlich niedlichste Clown aller Zeiten. Die „großen“ Kinder im Kindergarten sind dir allesamt verfallen, was mich unglaublich erleichtert, weil ich nach der grauenvollen Eingewöhnung vor knapp einem Jahr wirklich Angst hatte, dass niemand ein Kind mag, das den ganzen Tag motzt und brüllt und an der Erzieherin klebt. Aber nein, seit du da wirklich angekommen bist, nennen sie dich „Søtnos“ und wollen dich auf ihre viertenfünftensechsten Geburtstage einladen. M. möchte eine kleine Schwester, die ist wie du, also genau so. Eine Kopie. Du magst auch die größeren Kinder und jedes mal, wenn es an der Tür klingelt, rufst du freudestrahlend den Namen von Michels bestem Kumpel.

Du liebst es zu singen und zu tanzen und ich glaube in deinem kleinen Kopf geht viel mehr vor, als du verbal ausdrücken kannst.   Ich freue mich wirklich darauf, wenn du mehr sprechen kannst, dein Sturkopf und deine Niedlichkeit verheißen wunderbare Kleinkind-Diskussionen. Und später, ganz sicher, auch noch Großkind-Diskussionen.

Bei allem Wunsch des größer-Werdens möchte ich doch vor allem eins: dass du dir dein Wesen bewahrst. Meine große, kleine, willensstarke, schlaue, quatschige Rübennase. 

Ich hab dich lieb.

Deine Mama

Nur echt mit Rotznase und Erdbeerflecken. <3

Tag 712 – Ein paar Gedanken.

Die letzten zwei Wochen waren ja mehr oder minder verrückt. Eigentlich die letzten fünf, und eigentlich sogar das ganze letzte halbe Jahr, aber ich wollte doch mal die letzten zwei Wochen irgendwie gefühlsmäßig sortieren. Das wird vielleicht etwas wirr, wie eben auch die letzten Wochen waren.

Also das erste: direkt nach ner Stressphase in den Urlaub starten ist gleichzeitig sehr schlau und unfassbar dämlich. Auf der Con-Seite ist da vor allem die zeitliche Unmöglichkeit, Dinge vernünftig vorzubereiten. Wenn man sowas dann nicht auf den letzten Drücker erledigt bekommt oder allzu hochtrabende Pläne notfalls einfach fahren lassen kann, sollte man das lassen. Auf der Pro-Seite ist da aber die Deadline: Bis daundda muss alles fertig sein, UND DANN IST URLAUB. Muss man der Typ für sein, denke ich. Ich bin der Typ für sowas, das reduziert aber den damit verbundenen Stress nicht wirklich.

Dann: Leute aus dem Internet in echt kennen lernen ist ne ganz großartige Sache. Alle, die ich getroffen habe, sind in echt genau so, wie ich sie mir anhand von Tweets und Blogs und DMs (und Skype und Hangout und Telefon…) vorgestellt hatte. Außer Frau Brüllen. Die ist ein bisschen größer ;)

Dann ist auch noch so eine Sache, und das mag jetzt überraschend für Sie sein, aber: ich bin gar nicht so ne schlechte Mutter. Ich war eine sehr sehr gestresste Mutter, die sehr wenig Zeit für ihre Kinder hatte und so gefalle ich mir nicht, das macht mich dünnhäutig und dann reicht der normale Kinderlärm schon aus um mich aus der Haut fahren zu lassen. Wenn ich halbwegs entspannt bin, komme ich damit und mit viel mehr viel besser zurecht und siehe da: Ich kann mich an den kleinen und großen Rübennasigkeiten oft sogar erfreuen. Manchmal halt erst im Nachhinein, wie das eben so ist mit Kindern. Ich hoffe, dass ich ein bisschen von dem Entspannungsgefühl in den Alltag mitnehmen kann. Vielleicht wenigstens die Erkenntnis, dass meine gelegentlichen mütterlichen… Aussetzer eben nur gelegentlich sind und mit weniger Stress drumrum fast komplett wegfallen.

Aber auch die Erkenntnis ist interessant, dass Michel so eine Art „Sozial-Akku“ hat. In der Woche in Frankfurt hatte ich ein ganz zauberhaftes Kind, ganz offen und fröhlich und es sprach so gut deutsch wie nie! Ich hatte da schon die Vermutung, dass sich das rächen würde und so kam es auch. Zwischen Frankfurt und Bergen ließ Michel, ich kann es nicht anders sagen, die Sau raus. Suchte Streit (mit uns), rastete aus, schrie und schlug und warf Dinge. In Bergen dann wieder: Vorzeigekind. Nach Bergen, genau genommen am Abend der Fahrt von Høyanger nach Dønfoss, sprach Herr Rabe aus Verzweiflung  über die Ausraster from hell iPad-Verbot für den letzten Fahrt-Tag aus. Das führte zwar erstmal zu mehr Geschrei und dann auch am Morgen nochmal zu einem mittleren Terz, aber nach einer Stunde Fahrt und mit vielen phantasievollen Geschichten vom Rücksitz piepste er unvermittelt „Papa? Ich hab mich benehmt.“ Die message war also angekommen. Und das Kind kann seine Ausraster tatsächlich ein Stück weit kontrollieren. Hurra. (Nach nochmal einer Dreiviertel Stunde Fahrt und einer längeren Pause wurde das Verbot dann aufgehoben.) Ich bin maöl gespannt, wie es nächste Woche wird, wenn Herr Rabe und die Kinder Michels Tante in England besuchen.

Insgesamt bleibt noch das Fazit: Ferien mit Kindern sind toll. Ungleich anstrengender, das ganze drumrum, man schleppt plötzlich nen fast Fünfjährigen in Bergen einen Berg runter (davon bekommt man übrigens zornigen Muskelkater in Waden und Hüften), man balanciert zwei Kinderkoffer und ein schlafendes Kleinkind durch enge Flugzeuggänge, während man das nicht lesefähige Kind zur richtigen Reihe zu lotsen versucht, ganz abgesehen von „Ich muss ganz ganz dringend aufs Klo, jetzt sofort“ in den unmöglichsten Momenten, klar, das wäre alles viel einfacher, reiste man nur mit anderen Erwachsenen. Aber Urlaub mit Kindern, das ist schon prima, wie die die Welt sehen. Nur mit Erwachsenen würde man vielleicht mehr auf Berge steigen, aber vermutlich auch weniger in Aquarien gehen. Und dabei finde ich doch Axolotl und Schlangen und Frösche (alles klassische Aquarientiere, *hust*) selbst auch ganz schön toll. (Wandern dann halt später wieder, das, haha, läuft ja nicht weg.)

So, und jetzt ist es so spät, es ist mehr als Zeit, zu schlafen. Morgen wird Pippi zwei. Das mit dem Großwerden geht auch manchmal ganz schön schnell.