Tag 3149 – Michel goes Politik.

Nun. Michel vs. Schule hat ein neues Kapitel erreicht. Heute kam er nach Hause und hierlt mir 45 Minuten lang eine flammende Rede darüber, dass die Schule generell und die Lehrpersonen im Besonderen keine Ahnung davon haben, was sie für Kinder mit ADHS, Autismus, Dyslexie oder anderen extra Baustellen machen können. Und das dass geändert werden muss, das muss „die Schule wo man Lehrer*in sein lernt“ denen beibringen. Nämlich. Und dafür wird er kämpfen, und wenn er irgendwann nicht mehr da ist dann sollen seine Kinder und Enkelkinder dafür weiter kämpfen! (Das hat er so gesagt.) Und weil er befürchtet, dass die Erwachsenen nicht auf ihn hören, weil er 11 Jahre alt ist, will er das der Person sagen, die „das bestimmt was die Lehrer*innen wissen müssen“. Am liebsten persönlich, aber ich bekam ihn auf eine Mail runtergehandelt. Ich dachte, dass wir diese Mail vielleicht zusammen schreiben würden und ich würde die Adresse vom entsprechenden Departement raussuchen, aber als ich das nächste mal guckte, warum es in Michels Zimmer so leise ist, hatte er seine Mail an Post ät Stortinget Punkt no schon abgeschickt. Michel backt also keine kleinen Brötchen.

Der Anlass war übrigens mitnichten, dass er irgendwas haben will, aber nicht bekommt. Nein, das Problem ist, dass er das bekommt, was in Deutschland den blöden Namen Nachteilsausgleich hat. In Norwegen läuft das ganz anders, jedenfalls auf dem Papier, denn jedes Kind hat das Recht auf einen individuell angepassten Lernplan und entsprechende Anpassungen des Schulalltags. Quasi ein Recht auf Nachteilsausgleich für alle. In der Praxis ist es allerdings so, dass man selbst mit ner Diagnose sich Fransen an den Mund labern muss, bis minimale Anpassungen (und bitte keine, die die Schule irgendwas an Anstrengung kosten, wo kommen wir da hin!) passieren. Wir hatten gestern mal wieder so eine Fransensession und heute bekam Michel deshalb von der Lehrerin mitgeteilt, dass er öfter seinen Computer benutzen kann, auch wenn der Rest von Hand schreibt. Weil er, wegen ADHS und Problemen mit der Feinmotorik, unverhältnismäßig viel Energie auf das Schreiben mit der Hand an sich verwendet, und dann der Inhalt leidet oder die Handschrift so schlecht wird, dass ich sie kaum entziffern kann. Das brachte Michel auf die Palme, denn er hat ganz richtig erkannt, dass andere in seiner Klasse auch Probleme mit dem Schreiben mit der Hand haben. Warum darf er, aber andere nicht, die davon auch profitieren würden? Weil die Schule das mit dem „Anpassung ist nicht von Diagnosen abhängig“ zwar sagt, aber nicht lebt. Alle sollen Michels Meinung nach so einen Fragenbogen ausfüllen, wie er es gemacht hat, wo es um genau solche Anpassungen geht. Michel hat Sorge, dass andere vielleicht gar nicht sagen, dass ihnen was schwer fällt. Michel hat auch Sorge, dass andere Kinder undiagnostiziertes ADHS etc. haben und genauso Probleme haben wie er – aber nicht die Anpassungen bekommen. Vielleicht weil deren Eltern nicht so ressourcenstark sind wie wir. Nicht alle können ständig ihre Kinder zu Terminen fahren, 30 Minuten pro Weg. Und in der Schule müssen die das doch eigentlich wissen und können aber tun sie offenbar nicht.

Ergo schrieb Michel an den Stortinget, damit die Lehrpersonen besser ausgebildet werden, damit sie dann besser mit Kindern und all ihren bunten Eigenheiten umgehen können und nicht er allein irgendwelche Dinge darf, nur weil er zufällig ne Buchstaben-Diagnose hat.

Er ist ja schon sehr toll. Ich vergesse das manchmal, weil er auch so ganz anders kann. Aber er hat ein großes Herz, ein sehr feines Gerechtigkeitsempfinden, wenig Respekt vor Hierarchien und einen großen Drive, wenn ihn was bewegt. Da sollte man ihm nicht in die Quere bei kommen, sonst wird man einfach nieder gemäht. Ich finde, das sind im Grunde alles gute Eigenschaften. Er ist 11 und tritt mehr für seine Werte ein, als die meisten Erwachsenen.

Tag 3136 – Wenn alles falsch ist.

Also erstmal ein kleiner Nachtrag zum Tabletten kauen: aufgrund eines technischen Problems konnte Kommentatorin Anja ihren Kommentar nicht veröffentlichen. Ich finde aber dass das ein guter Tipp ist:

„Was tatsächlich zu einer schnelleren Wirkung beiträgt, ist sich auf die rechte Seite zu legen. Dann rutscht die Tablette schneller in den Darm. Ist nur leider nicht immer und überall möglich…“

Klar geht das nicht immer. Aber ich liege sonst automatisch auf der linken Seite, wenn ich mich hinlege, vielleicht sollte ich die rechte mal ausprobieren.

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Bei der Arbeit waren heute die zwischenmenschlichen Dinge eher schwierig. Zu Hause auch. Michel wollte in einem Computerprogramm („Blender“) etwas machen, aber OHNE sich irgendwelche Anleitungen oder Tutorials anzugucken und das funktionierte nicht. Die Frustration führte zur unweigerlichen Explosion und dann ist erst mal alles komplett falsch. Helfen ist falsch, nicht helfen ist falsch, nicht helfen können ist total falsch und nach Lösungen googeln ist ebenfalls total falsch. Egal was man macht, die Explosion geht immer weiter, wie eine unerschöpfliche Feuerwerksbatterie, aber ohne bunt und Glitzer, nur mit Chinaböllern aus Tschechien. Das ist wirklich gar nicht mal so schön. Irgendwann, als der Zorn an einer Box Taschentücher ausgelassen und verraucht und die Tränen getrocknet waren, hat er sich entschuldigt, aber in der Situation kommt er selbst überhaupt nicht da raus, wie eine hängen gebliebene Schallplatte, nur in wütend. Ich hab da keine gute Lösung, er auch nicht. Aushalten I guess it is. Ich habe diese Sorte Ausraster ja auch nur noch sehr selten, also so innerhalb der nächsten 25 Jahre wird er das wohl lernen. Galgenhumor hilft.

(Bevor wieder Kommentare kommen: er tut mir in erster Linie total leid, so große und schwierige Emotionen haben und nicht hantieren können ist ja vor allem für ihn schlimm. Aber ich kann leider auch nicht so viel machen. Das war einfacher, als „auf den Arm“ noch gegen alles half.

Und um anderen Kommentaren vorzugreifen: das Wort weirdo benutze ich nicht als Beleidigung, im Gegenteil. Ich möchte das Reclaimen, als Umschreibung für neurodiverse Menschen. Ich bin meistens sehr zufrieden damit, ein weirdo zu sein. Natürlich ist nicht alles daran rosig, so wie Situationen wie die oben beschriebene. Aber so im Großen und Ganzen ist es halt einfach nur anders.)

Tag 3116 – Süß.

Michel hat heute sein Weihnachtsgeschenk von Tante H. und Opa eingelöst und war Tierpfleger für einen Tag drei Stunden im Oslo Reptilpark. Das ist ja generell ein sehr schönes (und beliebtes, ich wär beim Abholen fast rückwärts wieder raus gefallen weil da so viele Leute und so viele kleine Kinder waren) Ausflugsziel, und Michel mag Schlangen ja sehr und wollte da auch ein bis dreitausend Fragen zur Haltung von Schlangen stellen. Das tat er auch und als ich ihn abholte, fing er zu reden an und hörte nur auf, um sich einen Burger reinzuschieben. Ich bekam sehr viele Infos zur Schlangenhaltung second Hand von Michel weiter gegeben, inklusive Links. Michel präsentierte auch seinen Projektplan, nämlich: nach den Winterferien möchte er eine Königspython haben. Dazu braucht er [lange Liste von Gedön] und aber gar nicht so viel Futter. Es soll ein Baby Jungtier sein, denn die sind „süß“ und „dann kann man denen noch beibringen, keine Leute zu töten oder zu beißen“. Ich habe eine andere Definition von süß, aber ok. Also, damit wir uns nicht falsch verstehen: ich finde Schlangen als Haustier durchaus ok, in Michels Alter wollte ich auch unbedingt eine haben, nur „süß“ wäre mir als Bezeichnung jetzt eher nicht eingefallen.

Michel hatte offenbar eine richtig gute Zeit da und hat dann auch verdaut, dass die Hinfahrt ein schlimmes Chaos war, weil wir die Zughaltestelle verpasst haben, ich dann dreimal in die falsche Richtung gelaufen bin auf der Suche nach einer Bushaltestelle und am Ende nervlich völlig am Ende ein Taxi gerufen habe. Note to self: bei Stress lieber wirklich einfach gleich ein Taxi rufen, da Orientierungssinn bei Stress nur noch ein Clown ist und das zu nichts außer Tränen führt. An diesem Ende nicht sparen. Was man nicht im Kopf hat, muss man im Portemonnaie haben. Auf der Rückfahrt sagte Michel jedenfalls einfach: „Jetzt können wir wenigstens nicht die Haltestelle verpassen.“, womit er recht hat, weil wir an der Endhaltestelle wohnen.

Ich fiel nach dem Vormittag in ein Schlangen-Rabbithole und habe jetzt Nachrichten von Schlangenzüchtern, mit Bildern von Baby Jungtierschlangen auf meinem Handy und vielleicht sind die doch ganz süß. Selbst Pippi meinte, dass sie „so eine“ dann doch haben will.

Tag 3112 – Kurz Bloggen.

Kurzes Update zur Schulgeschichte von gestern: das ist natürlich alles gar nicht so gewesen und überhaupt. Kann ich ja gut ab, wenn Erwachsene gleich in eine Abwehrhaltung gehen, ne?

Ansonsten muss ich zu meinem Tag mal später vielleicht irgendwann einen Sammelbericht schreiben. Jetzt grad und seit heute Nachmittag bin ich eigentlich hauptsächlich ziemlich geschlaucht. Es war ein anstrengender Termin mitten am Tag, zu dem ich obendrein zu spät kam, weil ich zuerst im falschen Gebäude (genau genommen sogar in beiden Teilen des falschen Gebäudes) war. Am Ende des Termins habe ich dann doch lieber das Navi benutzt, um nach Hause zu finden, obwohl ich da (also nicht zu Hause, sondern da woher ich nach Hause fahren musste) schon echt oft war (im falschen Gebäude, zu anderen Anlässen aber richtig). Aber wenn ich schon kaum den Weg aus dem Flur finde, benutze ich im Zweifel selbst für den Weg zum Bäcker (haha, als gäbe es hier Bäcker, aber für das Bild muss er herhalten) das Navi. Ich habe mich schon an den absurdesten Orten verfahren und verlaufen, better safe than sorry.

Abends versuchte ich erst, für Michel das nächste Kornettlehrbuch im lokalen Musikhandel zu kaufen, aber leider erfolglos. Michel ist von seinem Kornettlehrer gestern sehr gelobt worden und im quasi selben Atemzug bekamen wir eine Einkaufsliste, was er alles braucht. Unter anderem das nächste Lehrbuch. Hach ja, so schnell geht das von pröt pröt pröt, pröt pröt pröt, pröööt, pröt pröt, pröööt pröööt zu richtiger Musik.

Danach ging ich zum Ballett, wo ich mich zwischenzeitlich fragte, ob es eventuell sogar gut ist, dass ich mental so geschlaucht war, weil ich über einzelne Dinge gar nicht mehr nachdenken konnte, sondern mich drauf verlassen musste, dass mein Körper schon irgendwie macht – und plötzlich funktionierten diese Dinge. Sehr komisch, aber höchstwahrscheinlich einfach purer Zufall. Man hat ja manchmal so Tage, wo das Tanzen plötzlich überraschend gut läuft und sich alles anfühlt, als hätte man super viel Zeit. Und dann kommt auch wieder ein Tag, an dem man sich anstellt als hätte man drei linke Beine, eins davon falschrum angewachsen. Trotzdem hätte ich heute gern eine dieser superweich und kontrolliert gelandeten Pirouetten gefilmt, um fürs nächste mal, wenn ich über meine eigenen Füße falle, einen Beweis zu haben, dass es auch anders geht.

Tag 3111 – Schule like it’s 1948.

Nach den -25 Grad und dem absurd vielen Schnee ist es jetzt überall glatt, jucheh, kommt man also deshalb jetzt nicht zur Arbeit.

Michel hat morgen Draußentag, und die Kinder sollen jeweils ein Holzscheit mitnehmen. Sie grillen darüber dann Würstchen am Lagerfeuer, aber mich amüsiert es immer wieder (das passiert ja regelmäßig), wenn wir den Kindern Holzscheite einpacken. Vielleicht noch ein Henkelmann? Sechs mal gestopfte Wollsocken? Eine Schiefertafel?

Leider war Schule heute auch aus anderen Gründen für Michel mal wieder etwas unschön, der Unterrichtsstil und Umgangston der Klassenlehrerin ist halt auch eher so aus Schiefertafelzeiten.

Tag 3110 – Tautröt.

Wir haben die Kinder wieder abgeholt, und wie üblich gab es ein Abholkonzert. Ich finde immer wieder erstaunlich, was man mit knappen eineinhalb Tagen zielgerichteter Musikpädagogik aus einem Haufen halbmotivierter Kinder und Jugendlicher herausholen kann. Es war wirklich gut, was die gemacht haben, und ich glaube alle hatten auch wie immer eine gute Zeit, was ja das wichtigste ist. Zurück bekamen wir zwei müde, aber sehr zufriedene Kinder.

Was nicht so schön war, war das fahren. Es waren da wo die Kinder waren heute 28 Grad mehr als gestern, also grade noch so Minusgrade. Dazu schneite es sehr feucht und dicht und die Straße war so lala geräumt. Auf fest gefahrenem Schnee (der wird hier auch oft noch „aufgerauht“ mit so einem Kratzedings am Räumfahrzeug. Man kann auch einfach ein paar mal mit nem Traktor drübermöllern, das macht auch Struktur in den Schnee) kann man ja noch relativ gut fahren, aber wenn sich das langsam auflöst und mit frischem Schnee so eine lose Masse macht, macht Auto fahren keinen Spaß mehr. So war das heute. Heute Nacht soll es dann regnen, auf all den Schnee. Herr Rabe und ich folgen der Empfehlung und machen Homeoffice, was wir mit den Kindern machen, wissen wir noch nicht. Sport-Hort bittet darum, die Kinder nach der Schule abzuholen, Taxis und Busse werden wohl nicht fahren, es ist Chaos vorausgesagt – aber die Kinder sollen bitteschön antanzen, in einer Kommune, in der nur wenige Kinder zur Schule laufen können. Hrmpf.

Es kommt bei mir persönlich hinzu, dass ich mit der Unsicherheit, was morgen früh sein wird, echt schlecht umgehen kann. Aber was will man machen.

Tag 3070 und 3071 – Kulturelle Erziehung.

Das Wochenende plätscherte so dahin, zu meinem Glück und Frohlocken war ich gestern sogar gute vier Stunden alleine zu Hause und hab auch nur in der Hälfte davon Geige gespielt. Ähäm.

Heute bekamen wir leider einen übermüdeten Michel zurück, der keine Medikamente genommen hatte und wegen Müdigkeit extra Kotzbrockig drauf war. Diesen motzenden, unzufriedenen, überreizten, zappeligen Haufen Kind und seine kleine Schwester zerrten wir dann in ein klassisches Konzert, weil was könnte schon schief gehen.

Das Konzert war aber tatsächlich super. Ein Klassiker unter den Klassikern und leicht zugänglich auch für Kinder – Die 4 Jahreszeiten von Vivaldi. Die kompletten*. Der Solist und, hmm, das heißt sicher nicht Dirigent, Orchesterleiter? war Christian Li, ein „Wunderkind“ aus Australien, über den ich schon viel gutes gehört hatte. Und es war auch wirklich toll. Wenn ich überlege, was ich mit 16 so gemacht habe, und wie reif, vielseitig, präsent, bescheiden und geschmackvoll diese Aufführung heute war… ähm ja. Prodigy gonna prodigy. Aber wirklich faszinierend, wie sich dieser auch körperlich nicht große Typ mit 16 Jahren da hinstellt und ein komplettes Streichorchester (alle mindestens doppelt so alt wie er) anleitet, dabei selber spielt und das ganze so hinkriegt, dass man nicht das Gefühl hat, 300 Jahre alte Musik zu hören, die man (also zumindest ich) auch schon in 142 verschiedenen Aufnahmen gehört hat. Wirklich toll.

Michel verschlief einen großen Teil des Konzerts und so löste sich auch diese Herausforderung. Pippi fand das Konzert super gut und lief auch danach noch durch den Bahnhof und machte „DÄNN-döddeldöddeldöddel-DÄNN-döddeldöddeldöddel-DÄNN-döddeldöddeldöddel-DÄNN!“

Jetzt schlafen alle. Inklusive mir, jedenfalls fast. Gute Nacht!

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*Naaaa, wie viele Sätze haben die 4 Jahreszeiten? Wenn Sie mal angeben wollen: 12, denn jede Jahreszeit ist ein eigenes Konzert mit 3 Sätzen, jedes klassisch mit einem schnellen, einem langsamen und dann wieder einem schnellen Satz. „Man“ kennt halt aus jeder Jahreszeit nur einen, höchstens zwei Sätze, nämlich die schnellen.

Tag 3067 und 3068 – Neu.

Ugh, die App sieht anders aus als vor dem letzten Update. Warum auch Sachen einfach mal so lassen, wie sie sind, solange sie so zufriedenstellend funktionieren.

Nicht neu: Michel hat wieder Fieber, ich weiß nicht, wie er das schafft, andererseits geht in der Schule zur Zeit alles rum, was rumgehen kann. An Arbeitsplätzen ja auch.

Der Lieblingskollege und die Lieblingskollegin riefen aus China an. Erstens war die Verbindung grausig, als führe man die ganze Zeit durch einen Tunnel. Wirklich seit vielen Jahren keine so schlechte Verbindung mehr gehabt. Es erforderte von meiner Seite viel Willenskraft, nicht einfach aufzulegen und das Gespräch per SMS (as if it’s 2003, nicht neu) weiterzuführen. Zweitens berichten sie, dass in China sehr viele verrotzte und herumhustende Menschen unterwegs sind und dabei gar nicht mal unbedingt Mundbinde tragen. Das ist neu oder zumindest unerwartet. Drittens frage ich mich, wann sie wohl ankommen und sehr lieb zu mir sind, weil irgendwer den Report, zumindest die Deficiencies, noch vor Weihnachten, in der Praxis vor Ende nächster Woche, qualitätssichern muss und ich eine von zwei Personen bin, die dafür in Frage kommt. Die andere ist unter einem Haufen Arbeit begraben. Nicht neu, vor Weihnachten ist immer schlimm.

Das war’s, mehr Neues und weniger Neues ist nicht passiert.

Tag 3064 – Hausaufgaben.

Ich erinnere mich noch sehr genau an einen Muttertag, als ich so etwa 9 oder vielleicht grad 10 war. Wir hatten in der Schule Gutscheinhefte gebastelt und einer davon war, am Muttertag selbst morgens Milchbrötchen zu backen. From scratch. Und ich war halt 9 oder vielleicht grad so 10. Komischer Weise freute sich meine Mutter gar nicht, sondern war ziemlich unverhohlen angepisst von diesem Pseudogeschenk, das im Grunde bedeutete, dass sie Brötchen backte (und meine Mutter backt generell nicht freiwillig), am Muttertag, und das toll finden sollte. Ich erinnere mich so genau daran, weil ich das Geschenk ja gar nicht so gemeint hatte, das sollte lieb sein, in der Schule hatten sie gesagt, die Mutti freut sich sicher ganz doll! Generelle Enttäuschung darüber, dass sich Menschen nicht nach Vorschrift verhalten, gemischt mit dem Gefühl, Geschenkemäßig voll ins Klo gegriffen zu haben. Überhaupt verfolgen mich die Geschenke, die ich über die Jahre und besonders als Kind und Jugendliche an Menschen gemacht habe, die ich eigentlich wirklich sehr mag, vermutlich bis ins Grab, aber das ist eine andere Geschichte. Ich erzähle das auch nur, weil wir hier heute eine ähnliche Situation hatten, minus Muttertag, plus Hausaufgabe. Unser liebreizendes Erstgeborenes sollte als Hausaufgabe (gegeben über 2 Wochen, weil wir mit „nicht alle Kinder können sich das sinnvoll einteilen und manche Kinder können das auch nicht so schnell lernen wie andere, es gibt Werkzeuge für sowas, warum werden die nicht mit vermittelt???“ leider auf taube Ohren stoßen) nämlich ein zwei-Gänge-Menü für die Familie kochen, die Rezepte aufschreiben und den Kochprozess dokumentieren.

Also sollten wir Eltern als Hausaufgabe dies im Essensplan berücksichtigen, dafür einkaufen, Vorschläge machen, was man kochen könnte, das Kind dazu anhalten, dann auch langsam mal in die Gänge zu kommen, dem Kind die deutschen Rezepte übersetzen und den ganzen Prozess, von Übersetzen und Korrigieren von absurd vielen Rechtschreibfehlern bis zum Servieren geduldig begleiten. Zwischendurch immer mal wieder an die Fotos erinnern.

Nun ja. Ich habe das gemacht, vielleicht geduldig. Michel hat seine Hausaufgabe abgeschickt und auch recht routiniert gekocht, wesentlich routinierter als geschrieben jedenfalls. Wie beim Lieblingskollegen kann man den Stresslevel hören, wenn er tippt. Es ergaben sich interessante Gespräche, wie wie Herr Rabe und ich denn solche Hausaufgaben gemacht hätten, woraufhin er total geschockt war, dass wir in seinem Alter keine Laptops, nicht mal e-mail-Adressen hatten. Und dass die Computermonitore riesig waren, nicht in der Bildschirmdiagonale, sondern in der Tiefe. Das war in seiner Vorstellung kurz nach der Steinzeit, glaube ich. Vielleicht sitzen wir in seiner Vorstellung jetzt mit Lendenschurz am Lagerfeuer, jeder mit einem monströsen Röhrenmonitor auf dem Schoß.

Ich weiß jetzt über Michel, dass er rohen Lachs nur mit Handschuhen anfasst, weil er damit ein sensorisches Problem hat. Und dass die Schule nur stumpfe Messer und Pfannen, in denen alles anbrennt, hat. Nichts davon wundert mich. Auch nicht, dass er die Nudeln mit Lachssauce zwar (wesentlich mit-)gekocht hat, aber nicht gegessen. Immerhin den Nachtisch – eine Miniportion Kaiserschmarren ohne Rosinen – fand er lecker. Eier trennen war aber auch nicht so seins, wegen Glibber. Ist ok, ich hab damit kein Problem, ich kann alles anfassen, solange ich weiß, ich kann mir hinterher die Hände waschen, dann bin ich halt die, die das ins Eiweiß geplumpste Eigelb da wieder raus fischt.

Mein Fazit: ein ironisches Danke an die Schule, die dann jetzt, wenn sie will, auch bewerten kann, welche Eltern billig kaufen und welche bio, wer ne gut ausgestattete Küche hat und wer das Eiweiß per Hand schlagen muss. So inklusiv, much wow. Und so schön, dass die Kinder für uns kochen und wir „nichts“ machen müssen.

Ich hoffe, Michel hat sich wenigstens meine Power-Point-Tricks gemerkt. Und die einfache Regel dass fast alle zusammengesetzten Wörter, im Norwegischen genauso wie im Deutschen, zusammengeschrieben werden. Und! „Für rohen Fisch nehmen wir die Plastikbrettchen, weil die in die Spülmaschine können. Das Messer wird sofort gespült.“ Dann habe ich heute viel erreicht. Wenn auch unfreiwillig.