Tag 224 – 8 Monate

Mein liebes kleines Mausemädchen,

Jetzt bist du schon acht Monate alt. Acht Monate die vergingen wie im Zeitraffer. Vor fünf Minuten bist du das erste Mal gekrabbelt. Gestern warst du noch ein kleines Minibaby, das mich zum ersten Mal angelächelt hat und damit mein Herz zum platzen brachte. Vorgestern hielt ich dich zum ersten Mal im Arm, zeternd und nass und blau und wunderschön. Vor einer Woche streichelte ich meine runde Babymurmel – nur um sofort von dir in die Rippen oder die Blase oder gegen die Beckenknochen geknufft zu werden. Und vor drei Wochen hielt ich das Stäbchen in der Hand, mit den sehr deutlichen zwei Strichen drauf und dachte gleichzeitig „Hupsi“ und „Wie schön“.

Jetzt liegst du hier auf meinem Bauch und verpennst den Tag. Du bist krank, Fieber und Rotznase und Gesabber. Dein Papa meint, du kriegst Zähne. Ich glaube nicht daran. Obwohl es zu dir passen würde, alles ganz anders zu machen als dein großer Bruder und die ersten Zähne unter größtmöglichem Trara zu bekommen. Manchmal macht es mich wahnsinnig, wie starrsinnig du bist, und wie sehr du mich und NUR mich brauchst. Papa scheinst du ganz ok zu finden – solange du ihn von meinem Schoß aus beobachten kannst. Bei jedem neuen Menschen ziehst du das vorwurfsvollste Gesicht, das ich je gesehen hab und weinst, bis ich dir ausreichend glaubhaft versichert habe, dass ich in deiner Nähe bleibe. Und egal bei wem du bist, wenn dir auffällt, dass ich nicht in deinem Wohlfühlradius von 5 Metern bin, brüllst du bis ich angelaufen komme. Wenn du dann auf meinem Arm bist, lachst du und siehst den anderen Menschen mit diesem „Siehste? Das ist meine Mama, die hab ich lieb, die ist toll!“-Blick an. Das muss für die anderen ganz schön verletzend sein. Aber du weißt halt, was du willst. 

Überhaupt deine Blicke. Als wir neulich Geburtstag feierten, hattest du alles voll im Blick und wundertest dich ganz offensichtlich sehr über unser Treiben. Dein Gesichtsausdruck in Richtung der Bestrn Freundin sagte wirklich eindeutig „Die sind ja ganz nett, aber eben leider alle irre…“. Sogar das „Ganz ruhig, gleich kommt jemand der Sie an einen ganz schönen Ort bringt!“-Lächeln hast du schon voll drauf. Dein großer Bruder fand (und findet) es gut, wenn man sich für ihn zum Affen machte. Du scheinst das alles zu durchschauen und würdigst es höchstens mit einem „Gaaaanz toll, Mama!“-Blick. Würdest du klatschen können, würdest du wohl noch ein Slow-Clap dazu machen. Dafür lachst du über ganz andere Sachen. Dein Spiegelbild. Bauchpupse. Deine eigenen Pupse. Wenn ich pfeife. Wenn ich schnalze. Wenn Michel Quatsch macht. Essen. Trinken. Wenn du das Babypixibuch gefunden hast und dessen behauptete Unkaputtbarkeit testest. Michels Autos. 

Du kannst schon so viel und bist doch unersättlich darin, Neues zu lernen. Grade Rollen gelernt? Du willst krabbeln. Du kannst krabbeln? Du willst stehen. Du ziehst dich selbst an Sachen hoch und stehst? Du lässt los, frei stehen ist jetzt das Einzige was zählt. Dabei nimmst du Rückschläge (meistens in Form von Umfallen, Hinfallen, Wegrutschen) nicht gerade gelassen hin, es scheint auch nicht in erster Linie der Schmerz, die Beule oder die Schramme zu sein, die dich schreien lässt. Du bist wütend. Auf den weggerutschten Hocker, auf den Schrank, der da steht und der dir einfach gegen den Kopf gesprungen ist, auf deine eigenen Beine, die eben doch noch nicht so ganz sicher stehen. Kurzes Zorngeheul und getröstet werden und du bist bereit für den nächsten Versuch. Unermüdlich. Mein starkes kleines Mädchen. 

Heute rieche ich an deinem Kopf. Den ganzen Tag. Ein bisschen erinnert es mich an den Neugeborenenduft von vor ein paar Monaten. Aber es ist so viel dazu gekommen. So viel Zuhause und Liebe und Familie. Ein Duft, der genauso gewachsen ist wie du. Und der mich unbeschreiblich glücklich macht. Wie du. 

Murch!

Deine Mama

Tag 223 – Angriff der blauroten Drachen

Heute, ich liege mit Pippi, die wieder Fieber hat, im Bett.

Michel kommt angestürmt: „Waaaaooooooorrrrrrr!!! Ich bin ein Drache!!!“

Stimmt. Er hat das Gesicht ganz blau angemalt. Mit… Buntstift? Interessant. Blaue Striche ins Gesicht, schon ist man ein Drache. Herr Rabe kommt auch angetrottet, mit ähnlicher Kriegsbemalung. Er sieht etwas schicksalsergeben aus, macht aber brav „Wrrraaaaooooo!!!“ mit Michel. Pippi wacht auf und hat kurz Angst vor den Drachen.

„Mit was habt ihr euch denn so schick geschminkt?“ Herr Rabe antwortet mir mit Augenrollen.

„Mit Buntstift. Die sind ja abwaschbar.“

Worauf Michel aufgeregt dazwischenblökt: „Jetzt abwaschen, Papa? Ich will ein ROTER Drache sein!!!“

Was ganz anderes: Herr Rabe verlangte von mir eine Gegendarstellung. Er sei gar keine Couchpotato. Heute war er mit den Kindern draußen, am Fjord, zufällig war ich auch dabei (Augen auf bei den Sportuhrzeiten in den Osterferien…) und was ich am beeindruckendsten fand: er hatte sogar eine Obstbox fertig gemacht.

Wir waren draußen. Beweisbild.

Tag 220 – Durcheinander 

Herr Rabe hat seit heute Nachmittag frei. Jetzt muss er bis August nicht arbeiten. Das ist für alle weird. Auch für mich. Das heißt, ich hab nur noch sechs Wochen, dann muss ich wieder arbeiten. Sechs Wochen sind schnell rum. Wo sind eigentlich die letzten achteinhalb Monate hin???

Michel hustet ganz furchtbar. Das wird eine schlafarme Nacht.

Pippi hat Fieber. Ich tippe auf 3-Tage-Fieber. Waldorfkindergartenviren, ick hör dir trapsen. Heute Mittag waren es 39,9 Grad und sie ganz schlapp und fertig. Ein Hoch auf die Fieberzäpfchen. Wird wohl trotzdem ne schlafLOSE Nacht. 

Ein Baby mit Fieber stillen fühlt sich sehr komisch an. Als würde man seine Brust in sehr warmes Wasser tauchen. 

Heute den Kleinercast zum Thema Menstruation gehört. Danach neue Zyklusapp runtergeladen. Ebenfalls jeglichen Maßstab für zu viel Information verloren. Q.e.d.

Gestern habe ich mir ein falsches Muttermal (Lipom) am Rücken entfernen lassen, das mich schon seit tausend Jahren total nervt, weil es direkt unter dem BH-Verschluss sitzt und da reibt, drückt und allgemein auch doof aussieht. Dafür tuts jetzt halt irgendwie ein bisschen weh im Sitzen wenn ich mich anlehne. Voll supi, wenn man den ganzen Tag ein Baby am Leib kleben hat. Und Ostermontag soll ich zur Notfallpraxis um die Fäden ziehen zu lassen (ja, so groß war der „Froschpickel“. Vier Stiche.). Äh ja, mal sehen wie wir das machen. 

Das Schrägband abgemacht. Weiter nicht gekommen mit dem Nähprojekt. 

Ich muss jetzt noch (dringend!) Vorteig ansetzen für Brötchen, die morgen gebacken werden wollen. Die Küche und der Esstisch sehen auch noch aus wie Sau. Logistisches Problem: ich liege mit dem rasselhustenden Michel inzwischen im großen Bett, Herr Rabe ist von Pippi belegt. Hmhm. 

Tag 219 – Neues Projekt (Wääähähähäää)

Ich habe ein neues Nähprojekt. Ich nähe Pippi eine etwas schickere Hose, ohne Ärmel, also für den Urlaub. Es ist ganz gut, was zu tun zu haben, dann denke ich nicht so viel über Michel nach. 

Hier mal ein Bild von der Front, ist alles noch sehr Work in Progress aber obenrum bin ich fast fertig. 

  
Zum ersten Mal was gekräuselt. Ist ok geworden, finde ich. Ich kann ja eigentlich gar nicht nähen, das ist alles learning by doing und leider auch trial and error. Natürlich habe ich auch wieder wie verrückt aufgetrennt. Wirklich viel diesmal. (Er hat gesagt… Wääähähähäää!). Möglicherweise war ich auch etwas unkonzentriert. (Er hat gesagt, er maaaaaag mich nicht! Wäääähähääää!) Zum Beispiel darf ich morgen auch an den Armlöchern das Schrägband wieder auftrennen, das war mein erstes Mal Schrägband, ist auch ok geworden, aber das Armloch geht noch weiter und das hab ich nicht gecheckt. (Er maaaag nur Papaaaa! Mich mag er niiihihiicht! Wääähhhhhhh!!!) Natürlich ist der Schrägbandstummel nun zu kurz, sodass ich das alles wohl oder übel nochmal aufmachen und neu drandutzeln    muss. Hrmpf. 

  
Aber ist der Igelstoff nicht niedlich? Und wie easy peasy Baumwolle zu nähen ist, nachdem man die letzten Male immer stretchige Stoffe hatte! (Warum maaaag er mich denn nicht?) 

Tag 218 – Klischees

Ich war heute in einem Waldorfkindergarten. Das kam so: am Montag schrieb eine Mutter aus meiner Barselgruppe (Muttergruppe, die sich, in meinem Fall, alle Jubeljahre mal trifft), sie ginge heute zu einem offenen Kindergarten, ob nicht noch mehr Lust hätten. Ich, ausgehungert nach sozialen Kontakten wie ich bin, sagte direkt zu, ohne mir noch groß Gedanken drüber zu machen. Offene Kindergärten sind mir zwar etwas suspekt, aber egal, Hauptsache raus!

Heute im Bus (die andere Mutter hatte geschrieben, welchen wir bis wohin nehmen müssen) checkte ich dann mal die Adresse und den Kindergarten an sich. Steinerkindergarten. Ach du…? Ich dachte wirklich kurz darüber nach, ob ich doch noch absagen sollte. Steinerpädagogik ist mal so gar nix für mich und das nicht erst seit ich diesen Artikel gelesen habe. Für mich ist das die Homöopathie der Erziehung. Zu einer Zeit, als Schläge und in den Keller sperren (oder eben Aderlass) noch zum täglichen Leben gehörten, war Steiner sicherlich ein Vertreter einer neuen, fortschrittlichen und sanften Art der Erziehung (und Hanemann eben der Heilkunde). Aber heute weiß man vieles doch so viel besser und da finde ich Steiners Erziehungslehren recht verschroben, steif und überholt. Und menschenfeindlich gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen beispielsweise. Oder Linkshändern. Die Einstellung vieler Antroposophen zum Impfen finde ich gemeingefährlich. Man wächst nicht an Kinderkrankheiten. Aber viele sterben dran. Aber egal, ich schweife ab. Ich halte jedenfalls nichts von Waldorf, bin aber nunmal auf dem Weg zum Waldorfkindergarten. Nun ja, wenn schon scheiße, dann scheiße mit Schwung. 

Mir öffnet ein Mann mit ungekämmtem, garantiert von der Freundin mit der Maschine geschnittenem Haar und Zauselbart. Schätzungsweise so alt wie ich. Er stellt sich vor: er heißt Thore. Sein Sohn (ca. 5) ist auch da. Der heißt Odin. (Ehrlich wahr!) Beide tragen garantiert von der Freundin selbst genähte Leinenkleidung mit unförmigen Schnitten in Erdtönen. Garantiert von der Freundin selbst gestrickte Wollsocken mit Löchern. Thore redet so sanft mit mir, dass ich ihm in die Fresse schlagen möchte. Und er lächelt beseelt. Bekifft ist er nicht, denke ich, keine roten Augen und auch kein dämliches Kiffergrinsen, einfach so ein super-achtsames „Ich sehe DICH!“-Lächeln, das mich aggressiv macht. Ich sehe mich hilflos in dem kleinen Raum um, diverse Muttis mit Kleinkindern und Babys in mehr oder weniger abgeranzter Wollkleidung und die eine aus der Barselgruppe, die dieses Ding angeleiert hat. Ihr Kind trägt saubere und heile Wollkleidung irgendeiner teuren Marke und sie sieht genauso verloren aus wie ich. Ich setze mich zu ihr. Pippi fängt schon mal an, Musikinstrumente zu besabbern. 

Wir singen. Wir singen viel. Wir trommeln auf pseudoafrikanischen Trommeln, schütteln Rhythmuseier, Thore spielt Gitarre, Odin tanzt sehr expressiv, die Babys und Kleinkinder sind je nach Veranlagung begeistert bis desinteressiert, wir Muttis singen. Ich singe laut, weil ich alles andere total albern finde (scheiße mit Schwung!), die anderen Muttis piepsen herum. Ein Papa kommt zu spät mit einem völlig verrotzten Einjährigen Kind, die beiden haben scheinbar die gleiche Näh-, Strick- und Haareschneidbegabte Freundin wie Thore und Odin. Wir singen noch mehr. Der Papa singt auch laut. Immerhin. Pippi ist im siebten Himmel. Zottelbart-Thore himmelt sie förmlich an, oder zumindest die Gitarre. Sie liebt Musik. Mir fällt auf, dass sie sich auf meinem Schoß im Takt hin und herwiegt. Dann fällt mir auf, dass ich mich im Takt hin und herwiege und sie dabei mitbewege. Ich bin sehr froh, dass das Gesinge danach vorbei ist. 

Es gibt Lunch, alle haben was mitgebracht. Ich auch, nämlich eine Banane. Tadaaa! Pippi isst eine halbe Banane, die andere Hälfte will sie nicht und ich verschenke sie an ein anderes Kind, dessen Oma nichts mitgebracht hat. Ich trinke einen Becher Kaffee, der so dünn ist, dass man in der vollen Tasse noch den Boden sehen kann. Neben mir diskutieren zwei Muttis über Impfungen. Ich denke noch, das kann doch nicht wahr sein, so viele Klischees halte ich gar nicht aus, da sagt die eine (Harry-Potter-Brille, Schlabberpulli über magerem Oberkörper mit schlechter Haltung und ohne BH) „Ja, es ist so schlimm, meine Kleine ist adoptiert und wurde direkt nach der Geburt gegen Hepatitis geimpft, die Mutter hatte das! Das konnten wir natürlich nicht mehr verhindern. Schlimm ist das.“. Die andere Mutti nickt mitfühlend. Innerlich renne ich schreiend im Kreis. Mit all meiner Willenskraft wende ich meine Aufmerksamkeit etwas anderem zu.

Pippi lutscht an Musikinstrumenten. Ich möchte alles desinfizieren. Sie pupst hörbar, ich nutze die Gelegenheit zu einer Pause und wickle sie laaaange. Dann setzen wir uns wieder zu der Barselgruppenmutti. Ihr Kind kommt mir infekttechnisch halbwegs safe vor und unsere beiden Kinder besabbern sich ausgiebig gegenseitig. Pippi ist pikiert, als das andere Kind ihr ins Auge piekt. Alle stillen ihre Kinder (nein, natürlich der Papa und die Oma nicht), es ist kurz gemütlich. Die andere Barselgruppenmutti erzählt mir, dass sie und ihr Mann ab Sommer in den USA ein Forschungssemester machen werden. Odin schlägt auf eine Trommel. Alle schrecken hoch. Thore kündigt an, dass nächste Woche kein offener Kindergarten sein wird, wegen der Osterferien. 

Ach, wie schade. 

Draußen blökt ein Schaf. 

Wir gehen nach Hause. Ich brauche einen ordentlichen Kaffee und was zu essen. Pippi schläft wie ein Stein im Kinderwagen. Ich kompensiere das Waldorftrauma mit dem Kauf von zwei Kleidchen für Pippi im Sonderangebot, keins ist aus Wolle oder Leinen und beide sind heile und bunt. Meine Ohren heile ich mit den Foo Fighters von den Ohrwürmern des Vormittags. Ich denke an Pippis leuchtende Augen beim Singen und klatschen und trommeln. 

Vielleicht geht Herr Rabe ja noch mal mit ihr hin. 

Tag 217 – Müüüüde!

Wir haben Pippis nicht genutztes Beisteillbett gegen die größere Variante eingetauscht. Es sieht aus als wolle sie sie nicht benutzen. (Hier mein hilfloses Schluchzen vorstellen.)

 

Nein, Pippi liegt nicht auf dem Kissen. Sie hat nur gerne was am Kopf, als Begrenzung.

 
Mal im Ernst: dieses Familienbett, das klingt so schön. Das klingt nach „ich kann sooo viel besser schlafen, wenn ich alle meine Babys ganz nah bei mir hab“. I call bullshit on that. Ich hab die letzten Nächte wieder ultra bescheiden geschlafen. Pippi mag gerne dauernuckeln, ich krieg schon davon zuviel, dann knetet sie aber auch gerne an meinen Brüsten herum oder grabbelt nach meiner Nase und mir kann doch keine weismachen, dass sie dabei „ganz schnell wieder einschläft“. Als Sahnehäubchen noch den hustenden und zähneknirschenden und sich breit machenden und rumwälzenden Michel oben drauf, ich, eingekeilt und bewegungsunfähig zwischen den Kindern, bekomme Schmerzen überall, in meinem Ohr piept es, Herr Rabe schnauft UND ICH RASTE INNERLICH AUS UND SCHREIE IN MEINEM KOPF ALLE AN UND ZIEHE ALLEINE NACH ALASKA aber natürlich bin ich leise und ziehe noch nicht mal nicht aufs Sofa um, denn ich will ja keinen wecken. Tagsüber ist mir dann die ganze Zeit zum Heulen. Weil ich eine Kackmama bin und es ja „so“ gewollt hab (nein, natürlich nicht, niemand denkt sich „ach, ich schlafe so gut, ich krieg mal ein Baby, damit das anders wird!“) und „man“ „soll“ „sowas“ nicht mal denken. Ja, wenn ichs aufschreibe klingt es für mich auch komplett albern, aber morgens um sieben, wenn der Wecker am Handy klingelt und ich nur mit äußerster Willenskraft mein Handy nicht gegen die Wand schmeiße, zerhacke und verbrenne, fühlt es sich anders an. 

Wenigstens bin ich nicht alleine müde.

Tag 209 – Shoppen

Ich habe mir heute einen neuen Bikini gekauft. Mutig trotz Noch-Stillens. Er ist schlicht und schwarz und falls meine Brüste nicht nach der Stillzeit drei Nummern kleiner werden, sollte er auch dann noch passen. Um diesen passenden Bikini zu finden, musste ich allerdings zwei Bikinis in jeweils 4 Größen anprobieren. Gut, dass Pippi die ganze Zeit geschlafen hat, wie ein Stein. Auch gut, dass man mit der besten Freundin so gut einkaufen kann, sie ist immer ehrlich und im Gegensatz zu Herrn Rabe, der mich gerne auch mal zu überaus unvernünftigen Käufen verleitet, überaus sparsam. Wenn was nicht 100% überzeugt, wirds nicht gekauft. Ergo kam bei der dreistündigen Bummeltour durch die Innenstadt außer dem Bikini nur ein Gürtel (braunes Leder, schlichte Schnalle, breit: genau was ich gesucht hatte) bei rum, und das war sehr gut so. Beim Kaffee fragte sie mich dann, was ich denn so machen würde, wenn sie nicht da wäre, ich sagte wahrheitsgemäß ich würde mir ein Kleid nähen und heute Abend nach dem Essen schlug sie mir dann vor, doch damit anzufangen. Die Taschen hab ich jetzt schon fertig und den Stoff habe ich zugeschnitten während wir uns über dies und das unterhielten und Pippi auf ihrem Bauch schlief. Pippi hat jetzt manchmal Albträume, dann weint sie im Schlaf und schlägt um sich, so auch heute auf dem Bauch der Freundin, aber ansonsten war es sehr gemütlich. Überhaupt Pippi so: sitzt jetzt richtig stabil aufrecht, krabbelt ziemlich fix in der Gegend rum und zieht sich an allem hoch. Imitiert Geräusche, die man macht (Schmatzen, Schnalzen, Dadada, Prusten,…). Die große kleine Maus.

Jetzt noch etwas Purity (dieses Buch muss ich ja auch irgendwie mal durchkriegen!) und dann Augen zu. Morgen wird Geburtstagskuchen gebacken und wir gehen ins Schwimmbad, den neuen Bikini auf Badetauglichkeit testen. 

Tag 208 – Hyttetur

Heute haben wir einen wunderwunderwunderbaren Ausflug zur Hütte gemacht, wie die Norweger das halt so machen am Sonntag. Es war sonnig, kalt, Schnee und frische Luft. Ja, der Satz „Es war Schnee.“ ist sehr falsch, das ist mir gerade aber sowas von egal! 

Am Freitag hat Herr Rabe einem Kollegen eine Kraxe abgekauft, er hatte bei der Arbeit erwähnt, dass wir für den Urlaub eine gebrauchte suchen und dann sagte jemand „Ach, ich hab eine, die krieg ich nicht verkauft.“. Tja, und heute wurde sie ausprobiert. Weil ich paranoid bin, dass sie frieren könnte, habe ich Pippi folgendes angezogen:

  • Body
  • Wollstrumpfhose
  • Dünnen Wollanzug
  • Dicke Wollhose
  • Wollsocken
  • Nikijacke
  • Wolljacke
  • Mütze
  • Handschuhe
  • Fellschuhe

Und dann in die Trage. Sie konnte sich zwar kaum bewegen, fand das aber nicht weiter schlimm und guckte den Hinweg über in der Gegend herum. Michel, der tapfere Schneezwerg, lief mit nur wenig Genörgel den Berg hoch. Das dauerte natürlich ein bisschen, auch wenn es nur etwas mehr als ein Kilometer war, mit so kurzen Beinen und stetig bergauf ist das schon auch anstrengend. Wir motivierten ihn mit Eis, das es auf der Hütte sicherlich gäbe. 

Nach einer knappen Stunde waren wir oben auf dem Berg angekommen und suchten uns einen freien Platz in der Hütte. Es gab genau einen freien Tisch. Und kein Eis. Um Katastrophen (also einen Wutanfall ähnlich dem gestrigen) abzuwenden, gestanden wir Michel freie Wahl beim Gebäck zu, in logischer Folge aß er einen kompletten Riesen-Schokomuffin. Pippi aß zwei Maispinns, stillte dann ausgiebig und zog sich als Nachtisch eine komplette Banane rein. Wir tranken Kaffee und aßen Bulle und Käsebrötchen. Dann nochmal alle schnell Pipi (aufm Plumpsklo: ahhhhhh, ist das kalt von unten!!!) und wieder zurück, diesmal den längeren Weg (2,5 km). 

Michel rannte den größten Teil des Weges befeuert durch den Schokomuffin und zwei Gläser Saft den Berg runter, dass mir schon vom Zugucken ganz anders wurde. Ich trabte so gut es ging hinterher, rief ab und an, worauf er auch immer stehen blieb und mit rot leuchtenden Wangen auf mich wartete. Pippi schlief nach wenigen Metern wahrscheinlich wegen des Bananenvollen Magens ein und sah sehr niedlich aus, wie sie so das (extra dafür vorgesehene) Kissen vollsabberte:

  
Noch ein Selfie mit allen am See und dann weiter dem Kind nach den Berg runtergerannt. Im Endeffekt dauerte der Rückweg genauso lange wie der Hinweg und alle kamen rotwangig und aufgeräumt wieder am Auto an.

Zu Hause holten wir uns eine Pizza von dem Restaurant, wo wir am Mittwoch gewesen waren (wieder sehr lecker und nicht sooo teuer!), ich brachte Michel ins Bett, kochte sehr fix Gelee aus dem von der besten Freundin mitgebrachten Holundersaft und schaute dann mit der besten Freundin Tatort. 

Hachz. So könnte es öfter sein. <3

Tag 204 – Da isser. 


 Wegen der krömpeligen Gürtelschlaufen muss ich den jetzt immer mit Gürtel tragen, das macht aber nichts, weil ich grundsätzlich immer einen Gürtel trage. Aber in neue Gürtel könnte man mal investieren.

Michel ist sehr enttäuscht, dass der Stoff jetzt alle ist. Er wollte gerne eine Hose aus dem Stoff haben. Mit Taschen. Nun ja, da seine eine Fleecehose ohnehin bald zu klein ist, habe ich ihm meine Fleecestoffe gezeigt und ihm angeboten, eine Hose zu nähen. Mit Taschen, selbstverständlich. Vorne und hinten auch, wenns sein muss. Natürlich hat er den hässlichen und fusseligen Stoff ausgesucht, aus dem ich Pippi letztens einen Schlafsack genäht habe. Blärgs. Egal, da wird jetzt ne Hose draus, der muss ja auch irgendwie weg. Die Taschen und Bündchen mache ich aber aus einem anderen Stoff, damit es sich auch farblich ein bisschen absetzt. Das wird bestimmt schick. Nun überlege ich noch, ob Kordel oder Gummizug besser ist?

Was anderes: wir kriegen morgen Besuch von der besten Freundin und ich bin ein bisschen aufgeregt, habe deshalb heute die Bude geschrubbt (war ohnehin sehr nötig) und bin heute Abend mit Herrn Rabe und Pippi essen gegangen in ein relativ neu eröffnetes Lokal hier um die Ecke. Das letzte Mal als die beste Freundin hier war eskalierte eine allgemeine Frustsituation meinerseits ziemlich und deshalb wollte ich gerne noch mal bewusst einen Abend in Ruhe mit Herrn Rabe haben, damit nicht wieder irgendwelche aufgestauten Ärgerlichkeiten aus mir raussprudeln, wenn mehr Östrogen im Haus ist. Da Pippi aber ja noch nicht bei der Babysitterin bleiben kann, musste sie mit. Ich glaube, es hat ihr ganz gut gefallen, sie durfte bei uns ein bisschen mitessen und fand großen Gefallen am Kürbispüree des Hauptgangs und am Wasserglas von Herrn Rabe. Herr Rabe und ich fanden großen Gefallen an Allem. Schmack-o-fatz, sage ich nur, aber sehen Sie selbst:


Moah, das war soooo lecker! Herr Rabe hatte noch zwei Bier dazu, davon eins zum Nachtisch, wo der Malz über Erlenholz geräuchert wird, das fand ich ganz furchtbar eklig, aber Herr Rabe fand es lecker und darauf kommts ja an. Ich blieb lieber bei meinem Kakao. Und der ganze Spaß hat uns am Ende nur knapp über 100 € gekostet, das ist für norwegische Verhältnisse und die Qualität des Essens und zweieinhalb alkoholische Getränke (mein Bier war „alcohol free, 0.5% vol.“) echt wenig.

Jetzt zu Hause und selig.

Tag 199 – Mein erstes Mal

Gestern war ich das erste mal im Indoorspielplatz. Oder sagt man auf dem Indoorspielplatz? Ich weiß nicht. Egal. Im Lekeland halt. Anlass war ein beweglicher Ferientag des Kindergartens und dass ich vor Monaten, als die beweglichen Ferientage bekannt gegeben wurden, auf Herrn Rabes Frage „Soll ich dann Urlaub nehmen…?“ leichtsinniger Weise mit „Ach was, das geht schon!“ geantwortet hatte. Dazu kam dann noch kurzfristig „Am 25. ist PayDayDinner und Dartturnier Endrunde, da muss ich spielen, ich komm nach der Arbeit und vor dem Dinner nicht nach Hause.“ . Hurra. Jackpot quasi. Mit zwei wuseligen Kindern allein zu Haus – den ganzen Tag vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-bringen. Als wir Michel letzte Woche eröffneten, dass der Kindergarten diese Woche zwei Tage zu haben würde und er die Tage mit mir und Pippi allein verbringen müsse und ich auch noch nicht wüsste, was wir dann machen würden, sagte er zuerst, er wolle zu Brutus. Und dann, als ich sagte, das ginge nicht so einfach, „Splielplatz elleicht… Elleicht Einkaufen…“ Einkaufen, ja, guter Plan, nur leider nicht tagesfüllend. Und dann war das Wetter gestern auch noch Ultra kacke, sodass Spielplatz beim besten Willen auch nicht drin war. Und verrotzt sind die Rübennasen ja auch noch, also auch kein Schwimmbad. Hilfe! Letzter Ausweg: Indoorspielplatz. 

Inzwischen bin ich ja schlau (oder fies, wie mans nimmt) und sagte Michel erstmal gar nichts. Ich packte uns ein bisschen Proviant ein (Michel wunderte das gar nicht groß, dass wir Brotdosen zum Einkaufen mitnahmen. Hauptsache, er durfte die Dose mit den Gurken halten), stopfte heimlich Michels Stoppersocken in meinen Rucksack und dann gingen wir einkaufen. Mit dem Bus zum Shoppingcenter, da in den Supermarkt, Gedön kaufen und für jeden noch einen Snack. Dann setzten wir uns auf ein Sofa und aßen unseren Proviant bis auf zwei Bananen komplett auf, Michel verschüttete meinen Tee auf dem Sofa (Glücklicherweise Fake-Leder) und krümelte alles mit seinem Croissant voll, Pippi kaute glücklich an einem Stück Birne und schluckte vielleicht 1% davon runter, der Rest landete überall und dann war da noch die Sache mit den Lolliverteilenden Werbeheinis, die Michel übersahen, kurz: danach war ich im Eimer. Aber so richtig. Mein Körper schrie nach Kaffee. Also fragte ich Michel, ob er Lust auf Lekeland hätte, so ein ähnliches, wie sie letztens mit dem Kindergarten besucht hatten (und wonach Michel im Kindergarten eingeschlafen ist, hähähä…) gäbe es hier auch. Natürlich war er gleich Feuer und Flamme. Welcher Dreijährige wäre das nicht? Und der Eingang: ein riesiges, aufgerissenes Haifischmaul! Sooooo toll! Innerlich brülle ich „Für Kaffee!!!“, während ich mich in das Haifischmaul stürze. 

Wir sind drin. Es mieft. Nach Turnhalle irgendwie. Käsefuß, Kinderpups und Weichbodenmatte. Nicht nach Kaffee. Aber ich kann eine Café-Nische sehen. Erst noch Schuhe ausziehen. Ich pelle den total zappeligen Michel aus zwei von drei Schichten Kleidung. Die Stoppersocken vergesse ich im Rucksack. Michel rast los. Ich hinterher, den Kinderwagen strategisch günstig direkt an der Caféecke geparkt, nehme Pippi raus, drehe mich zum Café… „MAMA! Daaaa! Boooot mit Kanoooonen! Komm! Komm jetzt, Mama!“. Ich zwinkere der Kaffekanne ein kurzes „Bis gleich!“ zu und schlurfe zu dem Boot. Tatsächlich. Da ist ein halbes Piratenboot. Mit Luftdruckkanonen drauf, mit denen man Schaumstoffbälle abschießen kann. Der innere Pazifist in mir winkt verzweifelt mit seinem weißen Fähnchen aber gegen Michels leuchtende Augen hat er keine Chance. Wir quetschen uns alle drei durch die Lamellenpforte. An den Kanonen angekommen erringt mein innerer Pazifist einen Teilsieg, weil ich nicht rausfinden kann, wie die Dinger funktionieren. Erst als eine andere Mama mir sagt „Das da ist kaputt. Da einfach reinstecken und dann auf den Knopf drücken… Neineinein, DEN Knopf DA!… Ja, so geht’s.“ schaffe ich, was die meisten Vierjährigen intuitiv hinbekommen und schieße einen Ball ab. Michel flippt völlig aus. Pippi setze ich auf den Boden, sie strahlt mich an und kann sich scheinbar nicht entscheiden, welchen der herumliegenden Bälle sie zuerst mit ihrem Schnodder beschmieren soll. Michel schleppt drölfzig Bälle an, mit denen muss ich dann die Kanone beladen, er schießt. Am meisten freut er sich, wenn er mehrere Bälle auf einmal abschießt. So spielen wir, Pippi sabbert Schaumstoffbälle an und fügt deren sicher bereits bunter Keimflora noch ihre eigenen Bazillen hinzu, ich bin Pinky, Michel ist Käpt’n Säbelzahn, dann ist er Pinky und ich bin Käpt’n Säbelzahn, ich habe keine Ahnung worum es geht, aber Michel ist im siebten Himmel. Plötzlich stürzt er los, raus aus dem Lamellenloch, hält sich den Schritt. Ich schnappe mir Pippi, die grad dabei war, mit dem Finger ein Loch in einen Ball zu prökeln, und stürze hinterher. „Mamaaaaa! Klo, SOFORT!“ ruft Michel. Ich dirigiere ihn leicht panisch zum Klo „für kleine Piraten und Prinzessinen“, kotze kurz innerlich ein bisschen als ich das lese, wir schaffen es rechtzeitig und dank niedriger Klos kann Michel sich alleine hinsetzen. Das Klo könnte sauberer sein und weniger nach Kinderpipi riechen. Hände waschen geht fix: Michel will sofort wieder zu den Kanonen. 

Ich will weiterhin Kaffee. Der Kompromiss ist die Babyecke neben dem Café. Hier sitzen schon einige Mamas mit Babys, die allesamt leicht abgeranzte Riesenspielwürfel besabbern. Ein paar etwas größere Kinder beklettern die Minirutsche. Es gibt noch ein etwas miefiges Bällebad, in das stürzt sich Michel direkt. Pippi krabbelt ein bisschen herum, will aber scheinbar nur andere Kinder beobachten. Sie guckt sich förmlich die Augen aus dem Kopf. Ich auch: der Kaffee ist in Sichtweite. Das nimmt Junkiehafte Züge an. Ich überlege, ob ich beide Kinder einfach kurz den anderen Mamas…? „Mama, guck mal!“ Michel hopst vom Rand ins Bällebad. Pippi versucht sich am Rand des Bällebads hochzuziehen. Ich stelle sie hin. Jetzt ist sie im siebten Himmel. Die anderen Muttis versuchen, Konversation mit mir zu betreiben. Pippi fällt um. Michel rutscht einem anderen Kind fast auf den Kopf. „Jaja, sieben Monate.“ Ich stelle Pippi wieder hin. Michel baut einen Turm aus den Riesenwürfeln. „Ja, hm, früh dran… Michel, sei vorsichtig da, hier sind überall Babies!“ Michel schmeißt den Turm um. Das einzige Baby das er trifft, ist Pippi. Sie fällt um. „Komm, Mama!“ Michel will wieder zu den Kanonen. Ich schaffe es, ihn davon zu überzeugen, alleine da hinzugehen, von hier kann ich ihn ja sehen. Die anderen Muttis sind plötzlich sehr in einem Gespräch unter sich vertieft. Auch gut. Mit Konversation hab Ichs nicht so ganz. Pippi krabbelt rum. Guckt die anderen Babies an. Guckt und guckt und guckt. Kommt angekrabbelt, versucht sich an mir hochzuziehen. Sie ist müde. Ich schnappe sie mir und gehe zu Michel, der grad aus dem Boot kommt. 

„Michel, ich muss einmal Pippi wickeln, möchtest du mitkommen?“ Dämliche Frage von mir. Natürlich will er. Ich schnappe meinen Rucksack. Auf dem Weg zum Wickelraum kommen wir am Kino vorbei. Michel gravitiert automatisch ins Kino. Es läuft eine norwegische Fassung von Doc MacStuffins und ich frage mich kurz, woher ich weiß, was das ist. Weiß es nicht. Spreche mit Michel ab, dass ich Pippi wickeln gehe und er so lange Film gucken kann. Gehe Pippi wickeln, auch der Wickelraum könnte sauberer sein und als ich den Windeleimer öffne um die Windel zu entsorgen, schlägt mir ein infernalischer Gestank entgegen. Welchen ich ignoriere und durch sehr flaches Atmen zu verdrängen versuche, schnell mit Pippi auf dem Schoß selbst aufs Klo gehe und dann sehr schnell den Raum verlasse. Puh. Michel sitzt noch im Kino. Ich soll reinkommen, sagt er. Pippi hat Hunger. Ich sage ihm, dass ich keine Lust auf Film habe, dass ich Pippi stillen will und ihn dann abhole. Ok, sagt er. 

Ich suche mir eine Ecke, in der ich mit Pippi sitzen kann, aber den Eingang des Kinos im Blick habe. Beim Stillen schlafe ich fast ein. Pippi schläft nicht nur fast ein. 

Michel kommt aus dem Kino und rennt zum Klo. Hämmert an die Tür. Er denkt, ich sei da drin. Ich rufe, aber er hört mich nicht. Pippi nuckelt noch. Ich tue, was ich mir mal geschworen hatte, niemals in der Öffentlichkeit zu tun und gehe leicht vornübergebeugt mit dem angedockten Baby los um Michel zu retten. Als ich am Kinderwagen angekommen bin (direkt neben dem Café, Sie erinnern sich?), sieht er mich. Ich tarne die Aktion als eine weniger panikartige indem ich souverän Pippi abdocke, blitzschnell die Brust unter dem Shirt verschwinden lasse und Pippi in den Kinderwagen bugsiere. Sie schläft weiter. Michel sieht die Donuts und behauptet, er hätte Hunger. Das ist meine Gelegenheit! Ich kaufe einen Donut, einen Muffin und EINEN KAFFEE! Mir ist völlig egal, dass der Kaffee mal wieder eher schlecht ist. Hauptsache, er wirkt! Das tut er. Der Tag hat einen Sinn. 

Michel will wieder zu den Kanonen. Das kann doch nicht sein, dass er von ca. 10 Sachen hier nur mit einer spielen will. Die große Rutsche vielleicht? Er traut sich nicht. Vom Kaffee beflügelt, biete ich ihm an mit ihm zu rutschen. Das ist ok. Zuerst rutscht er vor mir und ich halte ihn fest. Dann rutschen wir nebeneinander und halten uns an der Hand. Dann rutschen wir nebeneinander ohne festhalten. Und dann rutscht er alleine. Ich bin ganz stolz, dass er sich jetzt traut. Er rutscht ca. eine Million mal. Pippi wird wach und wir sehen Michel beim Rutschen zu. Sein Gesicht ist schon ganz rot vor Anstrengung und Spaß. Ich gehe mit Pippi wieder in die Babyecke. Sie guckt und steht und guckt und krabbelt und guckt und sabbert und guckt. Michel rutscht und rutscht und rutscht. Zwischendurch ruft er zu mir rüber: mit meinem Vornamen! Hat er geschnallt, dass es keinen Sinn macht, zusammen mit 40 anderen Kindern nach „Mama!!!“ zu rufen? Vielleicht. Ich sinniere vor mich hin. Pippi sieht schon recht fertig aus. Zu viel zu gucken. Gleich schmurgelt Ihre Birne durch, statt neue Synapsen zu machen. Michel sieht aus wie ein Feuermelder. Mit einem Mal trägt er Schaumstoffkanonenkugeln zur Rutsche. Ich interveniere. Hauptsächlich daran, dass er überhaupt nicht protestiert mache ich fest: Zeit zu gehen. Michel muss noch kurz den Kanonen Tschüss sagen. Und dann noch mal rutschen. Zum Abschied. 

220 Kronen, plus 70 im Café. Dafür, dass Michel als erstes heute morgen Herrn Rabe vom Boot und den Kanonen und dem großen Hai und so Puffpuff und große Rutsche ganz schnell erzählt hat. 

War ganz ok, glaub ich.