Tag 2059 – Produkteiert herum.

Ich bin ja jetzt Produkteier, auf gut deutsch „Product owner“, für so ein IT-Projekt. Heute hatten wir das erste echte Arbeitsmeeting und naja. Naja, naja. Vielleicht bin ich nicht agile genug dafür, aber es erscheint mir wenig sinnvoll, acht verschiedene Personen aus sieben verschiedenen Inspektionsbereichen zusammenzuschmeißen, um „unsere Arbeitsprozesse“ zu analysieren. Nur weil wir alle irgendwie inspizieren, sind ja unsere Arbeitsprozesse nicht gleich. Nicht mal ähnlich. Genau genommen haben manche in dieser Gruppe noch gar keine etablierten Arbeitsprozesse. Andere haben steinalte, eingefahrene, die dringend mal auf ihre Effizienz hin untersucht werden müssten. Zwei Stunden Meeting voller „aber bei uns ist das alles ganz anders“ ist jedenfalls echt nur so naja naja halt.

Ok, grade raus: das ist total ineffizient und Verschwendung unserer kostbaren Arbeitszeit. Und wir werden noch viele solcher Meetings haben (alleine elf Stunden in den nächsten zwei Wochen), wenn wir daran was ändern wollen, dass alle acht Personen die kompletten elf Stunden investieren, dann also fix.

Und genau das hab ich grade hübsch verpackt der Projektgruppe zurückgemeldet. Inklusive Gegenvorschlag. Es ändert sich ja nichts, wenn man nichts sagt.

Man kriegt was man bestellt. Du kaufst eine Inspektørin, du kriegst eine Inspektørin.

Tag 2058 – Laune.

Produktivitätsarbeiten ist sehr gut.

Arbeiten mit Laune ist sehr schlecht.

Es bringt ja nix, Frustration ins Blog zu kübeln und am Ende davon Magengeschwüre zu kriegen. Also hab ich heute den Frust dorthin geleitet, wo er hingehört. Darf das Werk ja gerne mal merken, dass nicht alle Angestellten alles mit sich machen lassen und einfach vor lauter Dankbarkeit für den Staat zu arbeiten sich freiwillig verheizen lassen.

Am Ende des ersten Teils des Arbeitstages dann auch noch eine (bis ultimo aufgeschobene) Aufgabe erledigt, die noch schlechtere Laune machte. Denken, eine könne als Grundgerüst die Arbeit von anderen benutzen und dann noch ein paar Details hinzufügen ist ja schon relativ naiv. Dann feststellen, dass da kein Grundgerüst ist sondern ein kompletter Jahrmarkt inklusive jonglierenden Clowns auf Einrädern, ist extra fies. Da kann man eigentlich nur noch alles verwerfen und von vorne anfangen. Tabula rasa. Aus Gründen geht das nicht, also habe ich brutal herumgekürzt und schonungslos kommentiert („Glaube nicht, dass das hier irgendjemand versteht.“ „Die zwei Absätze verwirren nur.“ „Das eine Dokument, auf das verwiesen wird, existiert nicht und in dem anderen steht nicht das drin, was hier behauptet wird.“) und hoffe jetzt, dass meine Kollegin das nicht als Angriff versteht. Die hat die Clowns ja nicht verbrochen.

Niemand mag Gesülze.

Whatever. Ab ins Bett.

Tag 2057 – Müde. Sehr.

Re: gestern. Heute schreibt mir der IT-Support, für Problem X [Spoiler: hat sich eh erledigt, ihr Schnarchnasen, mein Zugang ist jetzt gesperrt, ich hab ja auch erst am 8.1. angefangen mich drum zu kümmern, ne?] müsse ich ins Büro kommen. Wenn ich sowas abends um zehn auf dem Sofa lese, muss ich mich sehr zusammen reißen, nicht mit „ich war gestern da und komme voraussichtlich das nächste mal am 3.5., das müsste ja in eure Definition von „bald“ passen“ zu antworten.

Warum lese ich Mails um zehn? Weil ich arbeite. Warum arbeite ich um zehn? Weil meine Arbeit, genau wie die der anderen Inspektøre, nicht in der normalen Arbeitszeit zu schaffen ist. aber hey, lass mal unfassbar ressourcenintensive Projekte anleiern, die dann ~alles viel besser machen~. Es ist zum Beispiel sehr sinnvoll, während man umpriorisieren muss, weil man einfach zu wenig Köpfe für zu viel Arbeit hat (danke, Covid! Du Arsch.), einen Umstrukturierungsprozess in Gang zu setzen. Dann hat man die Angestellten durch die Bank auch noch an der Front beschäftigt. Møte, møte, innspill, møte, krisemøte, innspill, hastemøte, møte…

Und so weiter.

Lasst uns doch einfach unsere Arbeit machen.

Und jetzt ab ins Bett. Ich find schon kaum noch die Tasten auf dem Handy.

Tag 2056 – Abschied.

Ich war heute im Büro, whoop whoop, im richtigen, echten, Infektionshöllengroßraumbüro und saß da mit zwei weiteren Frauen im Meetingraum den ganzen Tag. Das war ein bisschen seltsam und ein bisschen wehmütig war es auch. Meine Kollegin, mit der ich 2019 und Anfang 2020 insgesamt 23 Inspektionen durchgeführt habe, mit der ich auf echt vielen Dienstreisen war, habe ich seit Anfang November nur via Bildschirm gesehen. Es hat mir noch mal vor Augen geführt, wie anders alles geworden ist, was alles ausfällt, wegfällt, anders gelöst wird. Ich möchte so gerne mal wieder das ganze Team treffen, in echt, und in der Mittagspause in der Kantine extra Stühle an einen Tisch holen, damit wir alle da zusammen sitzen können. Gut, nun haben wir jemanden, der krank ist und, so meine Vermutung, auch so richtig flach liegt, wegen Covid-19. Ich hoffe sehr, dass sich die Person sehr bald und gut erholt. Trotzdem – ich würde so langsam einiges geben für den normalen MeetingMarathonMontag IM BÜRO.

Als ich ging, stellte ich meine Drinnenschuhe wieder ins Regal zurück. Da stehen sie seit fast einem Jahr fast unbenutzt. Da werden sie auch noch ein halbes Jahr fast unbenutzt stehen, vermute ich. Ich könnte sie mit nach Hause nehmen, aber ich möchte, dass sie da stehen, wie ein Anker oder ein Eselsohr im Buch. Irgendwann geht es hier weiter.

Inzwischen wäre ich sogar wieder für 100% Präsenz nach der Pandemie zu haben. Scheiß auf „flexible Homeofficelösungen“, ich hätte mich am liebsten heute an die hässliche „DNA“-Treppe gekettet.

Aber weil ich reif und erwachsen bin, setzte ich meine FFP2-Mundbinde auf und nahm mal wieder Abschied vom Büro.

___

Wie lange noch? Sind wir bald da? Kann man’s schon sehen?

Tag 2055 – Auf, zu, auf, zu, zu, zu, au…zu.

Oslo macht also wieder zu. Ich (und Oslos Einwohner*Innen) bin dessen so müde. Das Krisenmanagement hier ist… naja. Es ist, wenn man die Zahlen betrachtet, ja nicht total unterirdisch (zum Beispiel immer noch besser als Deutschland), aber wie ich schon mal schrieb: das ist ein reines Wunder. Oder vielleicht ist es tatsächlich ein signifikanter Effekt, dass Norweger*Innen Natural Born Abstandhaltende sind. Ein großes Land mit viel Platz und kalten Menschen darin. Am Krisenmanagement kann es jedenfalls nicht liegen, denn erst hat man die britische (und die anderen) Mutante drei Wochen eskalieren lassen, während man überlegte, wie so eine Sequenziermaschine denn wohl funktioniert. Als man das raus hatte, machte man Oslo und dessen nördliche Umgebung panisch für zwei Wochen zu, weil, ohhhhh Mutante, Alarm Alarm. Man wolle „Überblick über die Situation und die Verbreitung der Mutante bekommen“. Nach den 2 Wochen machte man wieder auf, ich kann mir das jetzt, drei Wochen später nur so erklären, dass man den Überblick bekommen hat und der verriet: es ist zu spät. Die Mutante ist überall. Ist jetzt auch egal. *Handtuchwerfgeräusch*. Es war also zwei Wochen lang alles wieder auf, dann eine Woche Winterferien und ab übermorgen ist dann also alles wieder zu, weil, ÜBERRASCHUNG, DIE MUTANTE IST ÜBERALL UND IST ANSTECKENDER, DAS HEISST BEI GLEICHEN MASSNAHMEN MEHR INFEKTIONEN UND R-WERT ÜBER EINS. Entschuldigen Sie das Schreien. Ich fasse es einfach nicht mehr. Die zuständige Behörde sagt „es ist genau wie in Dänemark“ ALS HÄTTE MAN DAS NICHT VERHINDERN KÖNNEN. WEIL MAN DOCH WUSSTE, WIE ES IN DÄNEMARK LIEF!

Meine Güte. Macht doch ein mal richtig zu, so RICHTIG, as in: die Baustellen (auf denen sich permanent die nicht-Homeoffice-machen-könnenden-Bauarbeiter*Innen anstecken) sind jetzt mal 4 Wochen lang egal und es kommt keiner rein oder raus und japp, KEINE EFFING ANGEBOTE FÜR KINDER, aber DANN IST DIE SCHEISSE WEG.

Statt dessen Maßnahmen, härtere Maßnahmen, noch härtere Maßnahmen. Aber halt nur für uns Büroarbeitende. Mehr vom Selben hilft ja bekanntlich immer. Ewiges hin und her und balancieren am Abgrund.

Es ist nicht richtig, die geäußerte Kritik ist unsachlich und faktisch nicht haltbar, weil Äpfel mit Birnen verglichen werden, aber ich kann die Bürgermeister von Molde und Bodø verstehen, wenn sie sagen: es scheint, als gelänge es Oslo nicht, die Infektionen unter Kontrolle zu bekommen. Nicht so wie den tollen Bodøs und Moldes, die zwar viel VIEL weniger dicht besiedelt sind, aber Schwamm drüber. Denn auch von näher dran kann ich nichts anderes mehr erkennen als Unwille zu tatsächlich effizienten Maßnahmen.

Was wäre das für eine Perspektive. 4-6 Wochen Endspurt und dann ist es vorerst gegessen. Stattdessen machen wir halt 4-6 Monate das lustige auf-zu-Spielchen, wie letztes Jahr auch schon das ganze Jahr über.

Entschuldigen Sie den Ausbruch, ich bin einfach sehr pandemüde und pandewütend.

(Ich mag nicht mehr ständig umplanen, es macht mich wahnsinnig.)

Tag 2054 – Nicht vergessen.

Ich hab nicht so viel Lust zu Bloggen, es gibt auch eh nichts zu erzählen. Die Nachbarn tauen langsam wieder auf und man sieht jetzt tatsächlich hin und wieder wieder Leute draußen. Ich feuere den Schnee an, schneller zu tauen, ich möchte wieder im Garten buddeln. Herr Rabe hat Carona gewaschen, die hatte es sehr sehr dringend nötig (dass man das Nummernschild hinten nicht mehr erkennen kann ist in Norwegen ja im Winter fast üblich, aber mich macht es trotzdem nervös). Drei Maschinen Wäsche habe ich auch gewaschen, morgen werden noch einige folgen. Ich hab mich auch über einen Klimaabdruck-Test gewundert, der mehrere Maschinen Wäsche pro Woche (pro Haushalt!) als irgendwie schlimm ansah, aber was sollen wir denn machen, die dreckige Wäsche wegwerfen, statt sie zu waschen? Klar ist norwegisches Tauwetter und Kinder eine extreme Kombi was die Dreckwäsche angeht, aber mei, Wäsche wird dreckig und dann gewaschen, wenn eine volle Maschine des betreffenden Wäschetyps gesammelt ist. Oder halt erst, wenn es eigentlich schon 2 Maschinen sind, momentan sind wir eher da, leider.

Jetzt gehe ich ins Bett, vorher darf ich nicht vergessen, noch meine Schilddrüsentablette zu nehmen. Abends vergesse ich die gerne, weil ich sie nicht auf dem Tisch stehen haben will und sie im Küchenschrank parke (Medikamentenkiste ist nicht zweckmäßig bei Einnahme zwei mal täglich) und dann dort vergesse, wenn wir essen. Ist aber auch nicht so schlimm, der Spiegel hält ne Weile.

Tag 2053 – Gechillt.

Ich hatte heute theoretisch frei, praktisch habe ich ca. 2,5 Stunden gearbeitet, aber war als „hat frei“ eingetragen, was der Produktivität in diesen 2,5 Stunden wesentlich Vorschub geleistet hat. Endlich eine monströse Kuh vom Eis geschafft, die da schon seit… 6 Wochen stand. Hupsi.

(Nur noch drei weitere Kühe.)

Nachmittags war ich mit den Kindern einkaufen, eigentlich wollten wir nur Michels Brille „fixen“ lassen, Optiker 1 hatte aber das notwendige Gerät (=Klebepads für den Nasenbügel) nicht da und schickte uns zu Optiker 2. Dort waren wir dann, außerdem in der Apotheke und Essen einkaufen. Der Ausflug war, dank einer kleineren Rübennase, die unbedingt mitwollte, nicht so gechillt, man könnte auch sagen, ziemlich anstrengend.

Abends war dann aber wieder gechillt, dank online-Spieleabend mit online-Freunden und Freundinnen. Sehr schön, sehr entspannt und entspannend.

Insgesamt ein okayer Tag. Richtig frei haben wäre auch mal wieder nett.

Tag 2051 – Vorbereitungen, Nachbereitungen, zu viel Arbeit.

Jaja, nee, keine Ahnung wie die Zeiterfassung drauf kommt, ich schöbe zu viele Überstunden.

Grad fällt alles zwischen Stühle, dabei machen wir gar keine richtigen Inspektionen. Fristen werden gerissen, Arbeit bleibt liegen, und trotzdem Überstunden. Mein Kalender für die nächsten Wochen ist schon wieder so voll, dass ich gar nicht weiß, wie da jemals Inspektionen reingepasst haben.

Ach und hab ich erwähnt, dass ich eine coole Bestimmerinnenrolle für ein Projekt(TM) übernommen hab? Die Rolle ist echt cool, das Projekt(TM) interessant und nützlich und all das, aber heute habe ich die veranschlagte Arbeitsleistung, die von mir in diesem Projekt(TM) erwartet wird, bekommen und sehe nun endgültig schwarz für Inspektionen im nächsten halben Jahr. Alternativ muss eine gewisse Projektleitung ihre Ansprüche etwas justieren. Ich mag meinen Job ja gerade auch, weil ich inspizieren mag. Es gibt auch ein paar Hersteller, die ziemlich weit oben auf der Prioritätenliste stehen, die ich mir ungern „wegnehmen“ lassen möchte. (Mal abgesehen davon, dass das heißen würde, dass sich meine Kollegin in ein anderes Regelwerk einlesen müsste, in dem ich schon recht gut im Thema bin.) Nunja. Es kommt wie es kommt, nicht wahr? Vielleicht kann ich mich auch doch noch klonen.

Nächste Woche ist Selbstinspektion, öfter mal was Neues, im Werk, Hurra Abwechslung. Ich freue mich schon ein bisschen darauf, hier mal wieder rauszukommen. Ich kann die Tage, die ich seit inzwischen fast einem Jahr im Büro war, immernoch an zwei Händen (ok, vielleicht muss ich einen Fuß zur Hilfe nehmen) abzählen. Und die Luft ist raus, muss ich sagen. Und das sogar, obwohl wir „bei der Arbeit“ jetzt auch jemanden haben, die an Covid-19 erkrankt ist. Da kam es aber über Familienmitglieder und sie war seit lange vor der vermuteten Ansteckung nicht im Büro. Trotzdem kacke und wir drücken alle Daumen, dass sie nicht schwer oder lang anhaltend erkrankt.

Selbstinspektion, genau. Muss vorbereitet werden. Mir wurde immer gesagt, dass man irgendwann an den Punkt kommt, wo gründliche Vorbereitung Luxus ist, von gründlicher Nachbereitung NACH der Inspektion mal ganz zu schweigen. Ich hab das immer für schlechtes Zeitmanagement gehalten, muss ich zugeben, aber da ich trotz noch mal dransetzen um halb zehn morgen um neun schlecht vorbereitet zu diesem Meeting erscheinen werde, muss ich wohl einsehen, dass das von mir ziemlich arrogant gedacht war.

Tjaja.

Unten auf dem Sofa sitzt Herr Rabe und bereitet Dinge für die Beerdigung seiner Mutter vor. Er kann nicht, wenn ich neben ihm sitze, sagt er. Die Beerdigung wird für die meisten online stattfinden, weil ja zur Zeit sich niemand auf an irgendeinen Tag geltende Regeln verlassen kann.

Pandemie soll jetzt bitte endlich weg gehen.