Tag 1294 – Gnah.

Tag war echt ok, wir haben noch nicht mal übermäßig lang beim Hersteller gehockt. Die Liste ist nach dem 1. Inspektionstag auf der 2. Seite angelangt, Vortrag war kein Problem, es gibt kein Problem, warum habe ich Kopfschmerzen aus der Hölle? Wegen der Kopfschmerzen rannte ich auch nicht zum Zug und verpasste ihn dann um eine Minute. Für den Weg vom Bahnhof nach Hause (es fährt wieder kein Bus) habe ich mir ein Taxi bestellt, zu Hause werde ich einfach wieder ins Bett plumpsen. Ich muss mich nicht mal mehr abschminken, das musste ich nämlich vor der Begehung der Produktionslokale. Morgen kann ich einen Tacken länger schlafen, weil wir direkt wieder in die Produktionslokale gehen und ich dementsprechend mit nacktem Gesicht beim Hersteller auflaufen werde. Es gibt kein Problem, die Kopfschmerztabletten können dann jetzt bitte endlich wirken.

Tag 1293 – Gar nüscht.

Nix mache ich mehr. Nix. Ich Plumpse jetzt nur noch ins Bett, unlackierte Fingernägel hin oder her, ungefüllter Blog egal, ich hab ab morgen eine Inspektion die mööööööglicherweise ein ziemlicher Ritt wird und bis grade hab ich noch an der Präsentation gefeilt, die ich halten soll* und jetzt schlafe ich gleich einfach mal mehr als 5 Stunden.

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*im Grunde war die vorgefertigt, Folien vorlesen würde reichen aber ich kenne mich ja, wenn ich da kurz vorm Herzinfarkt sitze vergesse ich alles, was ich sagen soll muss und da ist es dann gut, wenn ich komplett ausformulierte Sätze in den Notizen hab. Diesen Vortrag werde ich auch nicht nur einmal halten, mit der Zeit kommt dann die Routine. Bestimmt.

Tag 1272 – #WmDedgT im Februar ‘19.

Ja, es ist schon wieder der 5. und da will Frau Brüllen wissen: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Also will ich das mal aufschreiben.

Ganz kurze Zusammenfassung: inspizieren.

Etwas länger: Der Wecker klingelt um viertel nach fünf, wie immer. Ich quäle mich mit viel Mühe aus dem Bett, ich habe beschissen geschlafen. Wie immer mache ich zuerst die Kaffeemaschine an, seit gestern hat sie eine eigene Steckdose und funktioniert deshalb endlich unabhängig von der Arbeitsplattenbeleuchtung, was natürlich um die Zeit völlig egal ist, weil das Licht eh an ist. Ich mache den Haferbrei für die Kinder fertig und dann gehe ich duschen. Nach dem Duschen, Eincremen, Föhnen und anziehen und schwupps ist es sechs, ohne Witz, ich habe keine Ahnung wo morgens diese Zeit hingeht, sie verfliegt einfach ohne dass ich gefühlt irgendwas sinnvolles tue.

Ich mache Kaffee und will grade etwas angesäuert den Mann mit Kaffee aus dem Bett werfen locken, da kommt er mir mit Pippi auf dem Arm entgegen. Gut, dann gehe ich mich schminken. Als ich damit fertig bin, sind beide Kinder immerhin wach und ich schicke sie zum Anziehen nach oben, wo Herr Rabe duscht. Ich mache so lange Brotdosen (schlechte Absprache gestern, daher ist das nicht gestern schon passiert) und packe den Kinderkram und meinen Kram zusammen. Um fünf vor sieben (die Zeit! Wo geht sie hin???) stehen Nörgel-Pippi und Laber-Michel im Flur und machen mäßig mit, Herr Rabe rödelt noch. Wir labern Klamotten an die Kinder und sind tatsächlich um kurz nach sieben alle im Auto. Pippi hat Kacklaune, weil sie ihre Thermoskanne nicht mit Kakao füllen durfte, aber das kann ich nicht wirklich ändern.

Wir setzen Michel an der Schule ab und er geht allein in den Hort-Raum, wir schrecklichen Rabeneltern.

Ich setze Herrn Rabe und Pippi am Kindergarten ab, drehe, warte kurz, sammle Herrn Rabe wieder ein und wir fahren zum Bahnhof. Wir bekommen beide den Zug um 07:30 und ich schreibe meiner Kollegin, dass ich von der Zugstation zum Hersteller laufe, weil ich früh genug bin.

Ich sitze also erstmal eine knappe Stunde im Zug und dann gehe ich eine viertel Stunde durch einen verschneiten Osloer Vorort. Tatsächlich bin ich um zwanzig vor neun zeitgleich mit der SMS meiner Kollegin beim Hersteller: der Kollege nimmt den Zug, der in Eidsvoll um 07:51 gefahren wäre, der hat aber 10 Minuten Verspätung. Ich feiere, dass ich der Igel bin und ziehe schon mal meine besseren Schuhe an. Meine Kollegin und der Kollege kommen um 08:56 mit dem Taxi.

Dann Inspektion. Geheim halt. Ich schlage mich wacker, denke ich. Dieser Hersteller ist ganz anders als der letzte, in ganz vieler Hinsicht. Unpassender Weise muss ich bei einer Geschichte wirklich lachen. Tjanun.

  • Wir inspizieren nach dem Mittagessen direkt die Produktionsanlage und das Labor und ich bereue meine Schuhwahl. Ewig lang neben einem Dings stehen und sich alles in allen Feinheiten zeigen und erklären zu lassen, macht mit mittelhohen Absätzen schon nur noch mittel viel Spaß.
  • Heute inspizieren wir bis kurz nach fünf und sitzen dann zusammen bis halb acht. Ich überrede meine Kollegin und den Kollegen zum Laufen statt Taxi und so kriegen wir einen Zug um viertel vor acht. Ich steige noch um und sitze bis zehn vor neun im Zug, wo ich erst recherchiere, ob ein Bus nach Hause kommt, wenn ich in Eidsvoll bin (nein), ob ich einfach ein Taxi nehmen kann (nur mit gutem Grund) und dann, ob ein guter Grund sein könnte, dass ein Taxi für den Staat günstiger sein könnte, als mich für eine halbe Reisestunde zu bezahlen (knapp, so knapp, dass ich das nicht ohne vorher das ok von meiner Chefin eingeholt zu haben machen will). Ich seufze herum und beschwere mich bei Herrn Rabe und der sagt, er holt mich ab. Ich hadere damit, dass er dann ja die Kinder allein zu Hause lassen muss. Michel gibt sein ok, der ist nämlich noch halb wach, damit ist das geklärt.
  • Ich fange schon mal an zu bloggen und dann bin ich auch schon am Bahnhof und werde schon abgeholt. Um neun sind wir zu Hause. 14 Stunden unterwegs.
  • Die Reihenfolge zu Hause ist Klo–Essen/mit Herrn Rabe unterhalten–Sofa/Bloggen–Bett. Ich bin sehr fertig und morgen klingelt der Wecker wieder um viertel nach fünf. Mal sehen, ob wieder ein paar Eichhörnchen gegrillt werden.
  • Tag 1264 – Das ging fix.

    Heute mit meiner Kollegin die Arbeitszeitabrechnung für die letzte Woche gemacht. Einmal 3 Tage Inspektion = 10,5 Überstunden. Und das war ja noch eine einigermaßen entspannte Inspektion. Ich kann übrigens jedes Mal aussuchen, ob ich die Überstunden ausbezahlt haben will, oder ob ich die „Abspaziere“, wie man hier so schön sagt. Ich werde vermutlich mehr abspazieren, Zeit sticht Geld eigentlich immer. Direkt heute hab ich zwei Abspaziertage eingetragen, einmal hat die KiTa zu, einmal werd ich’s aus anderen Gründen brauchen.

    Ansonsten war heute ein mittelmäßiger Tag. Ich höre das Gras nach der Chipsmanngeschichte sogar wachsen, wenn ich auf einer durchgängig betonierten Fläche stehe. Das ist anstrengend und nicht hilfreich. Wird hoffentlich bald besser.

    Immerhin heute geschafft, endlich Zugang zu diversen Jobdingen zu kriegen, die mir noch fehlten. Im Ernst, ich glaub langsam, ich bin verflucht. Nicht nur fehlte mir zu Anfang einfach mal der Zugang zu allem, was im Vorfeld hätte der IT mitgeteilt werden müssen (wurde wohl in Gänze vergessen), nein, auch alles was ich nachträglich noch klären musste wie Reiseportal und Betriebs-Telefonapptralala, ging irgendwie schief. Falsche Rechte zugeteilt, irgendwas schief gelaufen in der Registrierung, Benutzerprofil doppelt angelegt, was da schiefgehen kann, ging bei mir auch schief. Jetzt scheint alles zu gehen. Mal gucken, wie lange.

    Sie entnehmen dem Obigen vielleicht, dass Pippi heute im Kindergarten war. Das stimmt, da war sie. Sie schniefte da mit ein paar anderen Kindern um die Wette, aber nachdem sie heute um halb sechs wach war und direkt sang und Mundharmonika spielte entschied ich, dass sie auch in den Kindergarten kann. Fieber hatte sie ja schon gestern keins gehabt und eine völlig unabsehbare Zeitspanne abwarten, bis die Nase nicht mehr läuft, hmm, ja, nee. Schön für die Eltern, die das können, sag ich mal.

    Jetzt schnieft Michel.

    Es ist zum Mäuse melken.

    P.S. Ich hab schon über zum Beispiel ein Au-pair nachgedacht*. Aber da gibt es so gewisse Standards, die wir nicht bieten können, bei einem eigenen Zimmer, möglichst auch Bad angefangen, über Taschengeld und Sprachkurs bezahlen können bis hin zu „da wohnt eine weitere Person mit uns im Haus für echt lange“. Und wir haben ja unseren Wikinger. Und 10 Überstunden pro Inspektion, die Möglichkeit für Homeoffice** und 10 Kindkranktage pro Jahr pro Elter. Es geht schon. Kranke Kinder sind für alle echt blöd, aber die meisten haben ja Kinder zumindest mal gehabt von weitem gesehen und heucheln haben entsprechend Verständnis.

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    *genauso wie jede andere Möglichkeit, den Spagat zwischen Berufstätigkeit und Familienleben irgendwie kleiner zu machen.

    **halt in der Anlernphase mit drülfzig Meetings pro Tag noch eher schlecht

    Tag 1261 – Nicht viel Neues.

    Die Inspektion wurde heute abgeschlossen. Es lief wie ich erwartet hatte. Der Hersteller hatte heute früh noch ein paar Knochen von gestern poliert und heute vormittag ging es so weiter. Mir wurde sehr geduldig der nicht ganz unkomplizierte Batch Release Prozess erklärt, ganz ohne dass ich das Gefühl hatte, die halten mich für doof. Natürlich bin ich noch nicht so weit, wie meine Kollegin mit der dienstältesten QP über „Ne, haha, DAS muss ja nicht von einer QP gemacht werden, DAS kann ja auch QC!“ zu witzeln, aber ich lerne ja noch. Das wird schon noch. Dann muss ich nur noch drauf bauen, dass mich die zu 95% deutlich älteren Menschen allein wegen meiner Funktion ernst nehmen, das wird spannend, wenn ich dann nicht mehr nur „Observatør“ bin. Aber das dann zu seiner Zeit. Ich fand es lief so fürs erste Mal überraschend gut, mal schauen, was die nächsten so bringen.

    Weil die aber da immer so fleißig ihre Knochen poliert haben, fiel das Abschlussgespräch sehr kurz und friedlich aus, wir haben unsere wenigen Fleischfitzel präsentiert, über die gab es auch keine Diskussion. Ausdrucken, unterschreiben, bis in drei Jahren das Labor erweitert ist dann, hyggelig å hilse. Alle fuhren zufrieden auf ihre Hütten, ich fuhr in die Hauptstadt, kaufte Tofu, gepresste Kokosfaser fürs Terrarium und Wein für morgen abend*, traf Herrn Rabe und Pippi, die kleine Rotznase und dann fuhren wir zurück aufs Dorf und lösten den Babysitter, der Michel abgeholt hatte, ab.

    Fernsehabend mit Star Trek: Discovery, ach, die erste Folge der 2. Staffel fand ich noch sehr gut, die 2. jetzt… eher Mittel. Sehr oldschool Star Trek, eine (wie es scheint) abgeschlossene Geschichte in einer Folge bin ich gar nicht mehr gewohnt. Mhmhmh.

    Jetzt platt. Ich gehe mal lieber ins Bett. Und träume von Validierungsdokumentation, erklärt auf norwegisch, in Dialekt.

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    *Ich hab die Nachbarinnen eingeladen. Und dann panikartig Weingläser gekauft. Wünschen Sie mir Glück und ein paar Social Skills.

    Tag 1260 – Mini Winni.

    Bloggen aus dem Zug, ich werde wohl so gegen halb neun zu Hause sein. Das ist jetzt auch mein Leben, mein Arbeitsleben zumindest. Aber ich mag’s. (Wir haben einen Plan, morgen vor der angekündigten Zeit fertig zu sein, das wird wohl auch klappen und zwar nicht nur, weil mein Kollege danach auf die Hütte fährt. Insofern wird wenigstens morgen nicht auch noch so lang.)

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    Es folgt: eine zusammenhanglose Erzählung. Aus Gründen.

    Meine Kollegen haben mir erklärt, dass es bei den meisten Inspektionen „Pølse“ gibt, woraufhin ich verwirrt war und dachte es gehe ums Mittagessen. Aber nein, der Ausdruck stammt noch aus Zeiten, da man nur ein paar mal im Jahr schlachtete. Zur Schlachtzeit gab es natürlich viel Fleisch, da waren die Würstchen aus den Schlachtabfällen unattraktiv und wurden liegen gelassen. Übersetzt heißt das: bei vielen Inspektionen findet man so viele Fleischbrocken, dass einem die Würstchen entweder durchgehen, weil man keine Zeit mehr hat, wirklich jeden Knochen abzuschaben oder man lässt sie liegen weil es erstmal drum geht, dem Hersteller der Familie beim Essen des Festtagsbratens zu helfen.

    Ich hab jetzt schon ein bisschen Hunger.

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    Horrorgeschichte erzählt bekommen, dass meine Kollegen mal bis halb zwölf zusammensaßen, weil beim Hersteller so viel schief lief. Immerhin auswärts, also im Hotell. Trotzdem: /o\

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    Fühle mich Rabenmutterig und Rabenfrau-ig, weil Pippi krank ist, heute morgen mega schlechte Laune hatte und Herr Rabe sie heute den ganzen Tag an der Backe hatte betreuen musste durfte. Geht bestimmt auch noch weg und dann überwiegt die Freude am Job. Bestimmt. Bald.

    Er ist schon cool, der neue Job. Mehr völlig verschiedene Betriebe von ganz ganz nah sieht man woanders wohl eher nicht. Ich bin auch nicht zu doof dafür, auch wenn ich es mehrmals heute und gestern dachte, das haben mir meine Kollegen heute auf Nachfragen bestätigt. Puh!

    Tag 1257 – Seuche.

    Pippi schlief sehr schlecht und hustete viel. Um halb drei hustete sie dann so schleimig, dass sie brechen musste. Jetzt sind unsere Badezimmerteppiche mal wieder gewaschen. Pippi war dann auch nicht im Kindergarten, sondern mit Herrn Rabe zu Hause. Das fand Pippi ziemlich doof und wir alle hoffen, dass sie morgen wieder in den Kindergarten gehen kann. Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich wegen Inspektion Mittwoch bis Freitag und davor Inspektionsvorbereitung wirklich einfach nicht zu Hause bleiben kann und mal wieder vieles an Herrn Rabe hängen bleibt.

    Dafür schleppte ich mich heute nach zu wenig und zu unterbrochenem (muhaha) Schlaf zur Arbeit. Dort trank ich viel mehr Kaffee als sonst und musste trotzdem immer mal wieder aufstehen und herumlaufen, um meinen Kreislauf in Gang zu halten. Habe meinen direkten KollegInnen gestanden, dass ich absolut kein Morgenmensch bin, mich nur dank eisernem Willen aus dem Bett rolle und abends nicht ins Bett komme. Das schien niemand schlimm zu finden. Gute KollegInnen.

    Von meiner Arbeit kann ich ja nix erzählen und heute ist das echt schlimm, weil ich Ihnen so gern die Geschichte erzählen würde, die die Worte „Milchpackung“, „Kristallkugel“ und „Homöopathin“ verbindet. Das müssen Sie sich jetzt denken, wie das zusammen geht, aber verrenken Sie sich nicht das Hirn, ans Original kommt’s eh nicht ran.

    Die übernächste Inspektion soll ich dem betreffenden Unternehmen ankündigen und UIUIUIUI! (Vor allem Uiuiui, weil ich dann zum ersten Mal so richtig ernsthaft mit dem seltsamen Dokumentenverwaltungssystem arbeiten muss. Uiuiui.)

    Noch ein Seuchending: die Erdmücken. Oder Trauermücken, oder Erdfliegen, oder einfach die dreckigen Scheißviecher, die sich in Terrarium und Küchenkräutererde vermehren wie die Pest. Sie nerven mich zu Tode und die Schnecken wohl auch, jedenfalls haben letztere sich alle eingegraben und lassen sich auch mit Futter nicht locken, nicht mal mit Zucchini. Arme Schnecken. Die Mücken sind überall und nerven unsäglich, dauernd (wirklich) haue ich sie tot, aber es sind so viele, das ist völlig sinnfrei. Im Terrarium kann ich kein Gießmittel anwenden, Nematodenlarven auch nicht, Gelbstecker bringen rein gar nichts und ich kriege echt zu viel. Meine letzte Hoffnung sind Raubmilben, mal sehen ob ich die hier bekomme*, falls nicht, muss mir die wohl wer** mitbringen. Zwinker, zwinker. Ich hoffe ich kriege die hier, weil man sicher für den Import von insektenfressendem Getier in Teufels Küche kommt, wenn man erwischt wird. Morgen mal recherchieren, dank Gleisbauarbeiten habe ich ja morgens (und nachmittags) jetzt extra viel Zeit im Zug.

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    *man kriegt hier auch kein Insektengift, jedenfalls hab ich noch keins gefunden

    **zwinker, zwinker

    Tag 1250 – Halbe 2500.

    Heute auf die Minute passend gearbeitet, auf die Minute passend die Kinder abgeholt. Es ist ein Spagat und ich frag mich, ob sich auch Väter schlecht fühlen, wenn sie ihr Kind um zwei vor Schluss aus dem Hort abholen? Ich hoffe es.

    Leider sind wir auf den Hort ja morgens und nachmittags angewiesen und damit ist die kurzzeitig verlockend erscheinend gewesene Idee des „Sport-Hort“ schon wieder passé. Der Sport-Hort kostet das Gleiche wie der normale Hort, hat aber tägliches Sportprogramm und (noch viel besser) tägliche Gelegenheit zum Hausaufgaben machen. Aber der Sport-Hort ist nicht morgens und soweit ich das sehen kann gibt es keine andere Möglichkeit, als beim normalen Hort einen halben Platz zu nehmen um morgens je eine Stunde in Anspruch zu nehmen und dafür aber 67,15% des normalen Hortpreises zu zahlen. Wir würden also 167,15% von dem bezahlen, was wir jetzt zahlen und das ist viel. Enorm viel. Mistekack.

    Mein Meeting heute war mittelspannend, das Eis ist fest, allerdings brauchen wir um der Firma weiterhelfen zu können erstmal mehr Infos von eben dieser.

    Dafür werde ich wohl mit der Dokumentenmanagementsoftware noch viel Spaß haben, die ist nämlich das Gegenteil von selbsterklärend. Bester Tipp aus der Erklärpräsentation: man kann Shortcuts wie zum Beispiel esc benutzen. ACH! Na dann ist ja alles klar.

    Der lange Tag wurde mit einem glücklichen Michel belohnt, weil heute ein Paket aus dem Internet ankam. Da hat er auch gleich halbwegs motiviert Hausaufgaben gemacht. (Sie lernen diese Woche den Buchstaben F und weil er keine Lust hatte, die Worte aus der Wörterliste zu schreiben und zu malen hat er seinen Vater gemalt und seinen Namen geschrieben. Im Auto wollte er dann wissen, ob man Felix denn eigentlich mit k schreibt. Norwegen halt.) Hach, mein großes Kind.

    Sport-Hort wäre wohl wirklich nicht doof für ihn. Immer in Bewegung.

    Tag 1247 – Im kalten Wasser.

    Mir fiel heute auf, wie viele seltsame Redensarten es rund um das Thema Wasser gibt. Der Auslöser war, dass ich von meiner Chefin mitgeteilt bekam, dass sie mich in einer neuen Gruppe haben will, die ein noch recht junges Unternehmen hinsichtlich Herstellerlaubnis und (später dann) Zulassung für ein Produkt aus dem Bereich „Advanced Therapies“ begleiten und beraten soll. Advanced Therapies sind Therapien, die Gentherapie, Zelltherapie oder künstliche* Gewebe beinhalten. Das ist heißer Scheiß und genau das, wofür man eine junge, moderne und andere Inspektørin gut gebrauchen kann und zufällig auch genau das, was diese junge, moderne und andere Inspektørin auch sehr gerne machen möchte, weil es heißer Scheiß ist.

    Ich sagte meiner Chefin, dass ich da gerne ins kalte Wasser springe.

    Sie fragte, ob ich Angst hätte? Ich antwortete, nein, ich sei nur überrascht, dass es so schnell ginge. Außerdem freue ich mich über das mir entgegengebrachte Vertrauen und auf die Aufgabe**.

    Seitdem denke ich darüber nach, ob ich da wohl ins Schwimmen geraten werde? Ist das dünnes Eis***? Auch unter dünnem Eis ist das Wasser kalt und dann schwimmt man. Kommt halt drauf an, ob man den Kopf über Wasser halten kann.

    Ich freue mich so! Hach, hach. Und jetzt lese ich dann noch mal ein wenig in den Advanced Therapies Guidelines, damit das Eis wirklich richtig fest ist. Dann brauche ich auch keine Angst haben, ins Schwimmen zu geraten.

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    *hmmhmmhmm. Künstlich klingt so nach Plastik. Das sind schon echte Zellen bzw. Gewebe. Aber „engineered“ halt. Tissue engineering. Man entnimmt einem Patienten einige Zellen und lässt diese um ein Gerüst oder ähnliches wachsen. So kann man ganze Gewebe, zum Beispiel Darmzotten oder eine Aorta, nachwachsen lassen, die dann am Ende dem Patienten transplantiert werden können.

    **Jupp, ich klinge immer noch, als lebte ich in einem dauernden Vorstellungsgespräch.

    ***Ich hab die total vertraulichen Dokumente aus der Anfrage kurz überflogen und das Eis fühlt sich schon recht solide an.

    Tag 1244 – Hopps!

    Michel ist heute beim Skitraining das erste mal gesprungen. Ich war drinnen in der Skihütte und habe versucht, Guidelines zu lesen*, deshalb habe ich das nicht gesehen. Was wohl gut ist, weil ich gar nicht weiß, wie begeistert ich davon wäre, würde mein Kind Skispringer. Bei den Profis sieht das hinreichend sicher aus, aber ich bin sicher, deren Eltern mussten in jüngeren Jahren öfter mal diverse Blessuren versorgen und haben vermutlich auch das ein oder andere mal in der Notfallpraxis gewartet, während drinnen das angehende-Skisprung-Profikind genäht oder gegipst wurde. Da denkt man, Langlauf sei harmlos und dann kommt der Sechsjährige mit rot glühenden Wangen angelaufen und erzählt von seinen Sprüngen. Aber Hauptsache, er hat Spaß, ne?

    Und den hat er und das ist alle absurden Sorgen um ungelegte Skisprungeier allemal wert. Und auch, dass er unbedingt am Wochenende Skilaufen will, kann ich verkraften, aber wo kriege ich denn nun so schnell Ski her? Und lerne Skilaufen?

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    Ich bin todmüde. Und habe heute nach einer… ich nehme mal an einfach unbedachten Bemerkung mir gegenüber der hässlichen Fratze des Impostorsyndroms direkt wieder ins Gesicht geblickt. Aber nur kurz, dann überwog schnell der Ehrgeiz, es nun allen zu zeigen. Das ist mal ein Fortschritt seit dem PhD, da war mir der echte Ehrgeiz, der, der es nicht nur irgendwie über die Ziellinie schaffen will, sondern der schon mal die Fanfaren poliert und die Flaggen bügelt, der war mir da abhanden gekommen und jetzt ist er wieder da, mein alter Freund.

    Trotzdem müde. Morgens um viertel nach fünf bläst hier leider keine Fanfare.

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    Steuerkarte abgerufen und Schreck bekommen: der Lohnsteuersatz war routinemäßig auf das Letztjahres-Einkommen berechnet worden. Würde ich nur diese Steuern zahlen, käme mit dem Steuerbescheid nächstes Jahr eine wirklich schmerzhafte Nachzahlung auf mich zu. Was lobe ich mir in solchen Fällen Norwegen: einmal eingeloggt lässt sich einfach unter Angabe des neuen Einkommens eine neue Steuerkarte beantragen. Das tat ich heute am frühen Nachmittag als Kaffeepausenbeschäftigung und heute Abend kam die neue Steuerkarte. Was das für ein Aufriss mit Post und Zeug in Deutschland wäre, will ich mir gar nicht vorstellen.

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    *ohne Erfolg, ich döste über Partikelgrenzwerten verschiedener Reinraumklassen ein.