Tag 473 – Schön, schön. 

Ein Tag, der sehr viel Potential hatte, richtig bescheiden zu werden, das aber nie tat. Angefangen hat es mit Kindern, die sich beim Abliefern im Kindergarten kaum noch verabschieden, weil sie es so eilig haben, mit Peers und Betreuer*Innen zu spielen und Weihnachtslieder zu singen und Raritäten für die Weihnachtszeit anzufertigen. Bei der Arbeit setzte ich mich dann direkt an die Präsentation, die ich um zwölf halten sollte, was ich seit, hmmm, drei Monaten weiß. Gestern hatte ich schon meine Daten eine Stunde lang mit meinem german stare sauer angestarrt, leider wurden sie davon auch nicht besser. Das war allerdings auch schon alles, was ich für die Präsentation bisher getan hatte. Also bastelte ich gute drei Stunden an der Präsentation, verzichtete auf so gut wie allen Text (keine Zeit!) und ein paar unwichtige Ergebnisse (keine Zeit!!!), machte aber ein paar hübsche Bildchen und Modelle in Power Point, weil ich das auch selber mag, hübsche Bildchen und Modelle gezeigt zu bekommen. Um zwanzig vor zwölf war ich fertig, wog kurz zwischen Kaffee und richtigem Mittagessen ab, schmierte mir dann ein Brot und aß es auf dem Weg zum Kaffee holen. 

Exkurs: ich hasse es, vor Leuten zu reden. Selbst, wenn es nur zwanzig sind und die alle meine Kollegen sind und ich wirklich, wirklich weiß, dass die mir nix böses wollen, ich mag es einfach nicht. Gar nicht. 

Der Vortrag war auf zwanzig Minuten ausgelegt, aber quasi dreigeteilt, weil das Projekt momentan drei lose Enden hat. Nach jedem Teil der Präsentation hatte ich sozusagen eine Diskussionsrunde eingeplant, weil wir teilweise echt festhängen und nicht weiter wissen und ich bat also um Input. Und Input und Diskussion bekam ich, niemand hielt mich für blöd, weil ich festhänge oder die Daten zu schlecht oder zu unaussagekräftig zum Publizieren sind. Voll supi, echt. Jetzt habe ich ein paar neue Ideen, was ich noch machen kann, um die losen Enden festzuzurren und etwas neue Motivation. Allerdings zog sich die Präsentiererei durch die viele Diskussion auf, tadadaaa, fast eineinhalb Stunden. Was mich am meisten überraschte, war dass ich hinterher von zwei Seiten spontanes Feedback zum Vortrag bekam, nämlich, dass das sehr gut gewesen sei, so viel Raum für Austausch zu schaffen und ich hätte eine unterhaltsame Art* zu präsentieren, schöne Modelle seien das gewesen. Sehr klar und übersichtlich**. Ich schaffte es sogar, das Kompliment einfach anzunehmen und nicht irgendsowas wie „ach, das hab ich heute morgen schnell zusammengeklöppelt, das war echt nicht der Rede wert“ rauszuhauen, wie sonst meistens. Ich muss mir dafür selbst mal auf die Schulter klopfen. Ich werde besser. (Also nicht beim Prokrastinieren, da werde ich schlimmer.)

Danach hatte ich mörderische Kopfschmerzen, aber noch Laborarbeit zu machen, das lief so lala. Zwischendurch trank ich noch einen (widerlichen Brüh-)Kaffee mit einem meiner Lieblingskollegen, der heute morgen schon angefragt hatte, was ich aber wegen des Vortrags ablehnen musste. Wir schnackten ein bisschen über sein neues Haus und Arbeit und mit wem von unseren Kollegen man lieber nicht zusammenarbeiten möchte, dann ging ich zurück ins Labor um weitere verrückte Ergebnisse zu erzeugen und dann war endlich, endlich Feierabend. Der gemeldete Starkregen passierte gerade, im Bus saßen viele nasse Menschen, meine Kopfschmerzen wurden nicht besser, dafür meldete sich mein Magen ziemlich deutlich. Insgesamt eine eher unschöne Heimfahrt. 

Auch eine eher unschöne Ankunft, denn nachdem Herr Rabe mit Blick auf seinen Kontostand*** meinte, wir könnten doch mal wieder auswärts Pizza essen, rastete Michel aus und wollte zu Hause bleiben. Tja, ich (mühsam unterdrückt) hangry, Michel (ohne es zu wissen) hangry, ungute Kombi. Wir kamen trotzdem ohne Mord im Restaurant an und nachdem die Kinderpizza auf dem Tisch stand war auch Michel wieder mehr als verträglich. Er aß sogar ein Stück von Herr Rabes und meiner**** Pizza und bat um extra viel Ruccola. Salat, so erklärte er mir beim ins Bett gehen, ist nämlich sein Lieblingsessen*****. Überhaupt war das Essen total lecker, die Kinder friedlich und niedlich und auch halbwegs sauber und insgesamt gesellschaftsfähig. Das kann man ja von einem 4- und einer 1-Jährigen auch weder erwarten noch immer behaupten. 

Dank Espresso nach und Cola zum und Ibuprofen vorm Essen waren wieder zu Hause sogar die Kopfschmerzen weg, Ich gönnte mir ein Mini Glas Rotwein (jaja, die Leber schreit, ich weiß) zu Gilmore Girls****** und Stricken und ja, doch, das war ein richtig feiner Tag. Meist. 

* Galgenhumor

** gezwungenermaßen, ain’t nobody got time for mehr als ein Ribosom pro RNA

*** im Dezember zahlen wir nur die Hälfte der Einkommenssteuer*******

**** wir hatten jeder eine, aber tauschten nach der Hälfte

***** und Zebra, sagte er. In echt ist sein Lieblingsessen nach wie vor Nudeln ohne alles. 

****** noch nicht die neuen Folgen, ich bin jetzt bei S07E20

******* Dafür zahlen wir sonst halt mehr. Die Jahressteuer teilt sich auf 10,5 Beitragsmonate auf. Im Juni zahlen wir keine, im Dezember nur die halbe Einkommenssteuer. So hat man, unabhängig von irgendwelchen Betriebs- oder Gewerkschafts-Vereinbarungen quasi Urlaubs- und Weihnachtsgeld, das man übers Jahr selbst anspart. Ist ne nette Sache, aber nicht(!) ein Geschenk vom Staat, wie es gerne mal auf Facebook behauptet wird. 

Tag 463 – Überprüf das!

Heute morgen, in meinem Kopfschmerz-Husten-Alles-Doof-Delirium, erreichte mich eine Mail an meine Arbeits-Emailadresse. Sie kam von Linda J. und ihr Inhalt lautete:

‚Bitte kontrollieren!‘

Kein Hallo, kein Tschüss, noch nicht mal ne angehängte Signatur. Ich war kurz etwas verwirrt und ehrlich gesagt auch leicht angepisst (was, bitte, ist das denn für ein Ton?), bis ich doch noch einen Anhang fand. Im Anhang befand sich noch eine Mail. Von einem Unternehmen, bei dem ich vor acht Wochen oder so mal Antikörper bestellt habe, die auch längst angekommen sind. Der Inhalt der Mail des Unternehmens lautete: 

‚Liebe Frau J., ihre Bestellung haben wir erhalten, blablabla. Leider haben wir für die letzte Bestellung ihrer Institution (Nummer blabla) noch keine Zahlung verbuchen können. Gemäß unserer AGBs blablabla schicken wir los, sobald die vorherige Rechnung beglichen ist. Mit freundlichen Grüßen – Antikörperfirma‘

Jetzt ist es so, dass wir unsere Bestellungen ja nicht selbst bezahlen. Oder überhaupt irgendwas selbst bestellen. Nein, nein. Das geht alles über den Server des Instituts, da trägt man ein, was man braucht, dann wird es von Menschen mit verschiedensten Nummern versehen, dann wird es weiter geschickt an die Zentrale Versorgung der Uni (hier irgendwo arbeitet Linda) und dann geht von da die echte Bestellung raus. Dann wird irgendwann das Gedöns geliefert, erstmal an die Zentrale Verteilungsstelle der Uni, die verzeichnen schon mal den Eingang und geben entsprechend Rückmeldung an den Lieferanten. Dann kriegen wir es und müssen nochmal bestätigen, dass die Ware in Ordnung (also noch kalt/gefroren/MHD nicht abgelaufen…) ist. Und dann gibt unsere Bestellmeisterin die Begleichung der Rechnung in Auftrag. Die dann wieder… egal, sie haben ja jetzt ein Bild.

Jedenfalls konnte ich mich noch sehr lebhaft dran erinnern, der Bestellmeisterin Bescheid gegeben zu haben, dass die Lieferung in Ordnung war. Ich gab ihr nämlich auch den Lieferschein, der noch im Paket war, normalerweise nimmt sie den schon mal raus. Das Paket war aber fälschlicherweise im falschen Gebäude gelandet, von da holte ich es ab. Überprüfte alles und gab den Lieferschein mitsamt der Aussage „alles ok!“ an die Bestellmeisterin.

Entsprechend ratlos war ich hinsichtlich Lindas Aufforderung. Ich schrieb mit meinem Matschkopf zurück, mit CC an die Bestellmeisterin:

‚Hallo Linda, Ich weiß nicht, wieso das nicht bezahlt wurde, ich leite die Mail an unsere Bestellmeisterin weiter, vielleicht kann die helfen. MfG- R.‘

Keine zwei Minuten später erhielt ich Abtwort von Linda:

‚Die Rechnung wurde am 24.10. bezahlt.‘

Mit stellen sich jetzt ein paar Fragen.

  1. Ist es so schwer, Hallo und Tschüss in eine Mail zu tippen?
  2. Warum kriege ich überhaupt eine (dank fehlender Höflichkeitsfloskeln recht barsch klingende) Aufforderung, irgendwas zu kontrollieren, wo Linda doch auch weiß, wie Bestellungen bei uns funktionieren?
  3. Warum kriege ich eine Aufforderung, irgendwas zu kontrollieren, das Linda ganz offensichtlich bereits kontrolliert hat?
  4. Was für eine Antwort erwartet Linda jetzt?

Kurz überlegte ich, mit ‚Aha!‘ zu antworten, ließ es dann aber doch einfach ganz. 

Morgen also vielleicht eine Auflösung. Wahrscheinlich aber nicht. 

Tag 394 – Riesling. 

Es war ja heute die am Montag mit dem Slogan „Socializing ist wichtig!“ angekündigte Shrimp-Party. Auf der Dachterasse, weil es da schön ist und heute, weil heute das Wetter schön sein sollte.


2 Stunden vor der Party goss es in Strömen auf das auf der Dachterasse wegen Dachdeckerarbeiten installierte Baugerüst.

30 Minuten vor der Party hatte es immerhin aufgehört zu regnen und weil Norweger auch ein klitzekleines bisschen stur sind, wurden stoisch Stühle und Tische unter dem Baugerüst aufgebaut.

Pünktlich zur Party wurde das Baugerüst dann sogar von ein paar Sonnenstrahlen beschienen. Und trotz totaler Unlust meinerseits war es dann doch sehr nett, der Chardonnay machte sich auch sehr gut zu den Shrimps und weckte ein paar tief verbuddelte Alleinunterhalter-Skills in mir. Dann trank ich aber leider auch ein Glas Plastikbecher Riesling (lieblich! Ich hätte es beim ersten Schluck wissen und lassen sollen!) und aß zwei Stück Schokolade dazu (Gesichtspalme galore!) und ab da konnte ich der Migräne leider beim Wachsen zusehen, trotz zwei Becher schwarzen Kaffees und Unmengen von Leitungswasser. Zur Heimfahrt nahm ich eine von den Ultra starken griechischen Flughafen-Ibuprofen-Tabletten, legte mich zu Hause aufs Sofa, kuschelte versehentlich Michel in den Schlaf und jetzt hab ich nur noch eine viertel Migräne und mir ist auch nicht mehr übel, den Rest erledigt hoffentlich der Schlaf.

Wofür man seine Doktorarbeit im Zweifel auch nutzen kann: die Dame, die diese hier schrieb, bekam kürzlich ein Baby, das sehr viel spuckt. Ihr Mann nahm die Bücher mit (man muss ja immer drölfzig drucken lassen und was soll man sonst damit machen? Auf der Straße verscherbeln „Ich hab ein Baby, ich muss Windeln kaufen, prekäre Verhältnisse in der Wissenschaft…“?) um das Babybett am Kopfende etwas anzuheben, damit das Kind hoffentlich etwas weniger spuckt und die Eltern hoffentlich ein klitzekleines bisschen mehr schlafen lässt.

Tag 309 – Playdate deluxe

Wir waren heute zum Grillen und Spielen eingeladen, bei H. In Michels Kindergarten ist nämlich direkt nach dem Fahrrad-Hype die Besuch-Seuche ausgebrochen. Wirklich jeden Tag wenn ich Michel abhole nölt irgendein Kind seine Eltern an: „XYZ søøøp mæææ!“. Beim ersten Mal musste ich eine Betreuerin um Übersetzung von Kinder-norwegisch ins norwegische bitten. Es heißt eigentlich „XYZ (skal) besøke meg!“ also „XYZ soll mich besuchen!“. Letzte Woche war deshalb H. hier und wir heute bei H.

Kurzer Exkurs: ich mag keine Playdates. Meistens bin ich angespannt weil ich versuche, auszuloten, wie viel Einmischung in das Spiel von mir erwartet wird. Das perfekte Playdate für mich wäre eines, bei dem ich nicht bei sein muss. (Oh, was freue ich mich darauf, dass eines Tages die Kinder einfach sagen „Ich geh zu XYZ zum Spielen! Zum Essen bin ich wieder da! Tschüss, bis nachher!“) Das zweitbeste ist, wenn ich und eventuelle andere Betreuungspersonen einfach rumsitzen und Kaffee trinken und schnacken, während die Kinder das Kinderzimmer (oder eine sonstige Spielfläche) auseinandernehmen. 

So gesehen war das Playdate heute nahezu perfekt. Michel und H. ölten rum, Pippi ölte mit, Herr Rabe beaufsichtigte das ganze im Garten und feuerte derweil den Grill an, ich machte mit H.s Mama (M.) den Rest fürs Essen fertig. Wir gingen raus, aßen, dann gingen Michel und H. rein und nahmen das Kinderzimmer auseinander, Pippi schlief total fertig nach drei Schlucken Stillen ein und wir Erwachsenen schnackten einfach im Garten weiter. Nach einiger Zeit, in der man nichts von drinnen gehört hatte, nahm ich schon fast an, Michel und H. schlafend im Bett vorzufinden, aber nein,

*** grade hat Pippi auf Veröffentlichen geklickt, toll, Pippi! ***

aber nein, sie saßen in einem Haufen Brio-Schienen und lasen. H. Hatte sich Regenzeug und einen Fellhut angezogen und schwitzte wie ein Schwein, war aber glücklich. Da die beiden ja direkt vom Kindergarten ins Playdate gestartet waren, schickten wir sie gemeinsam duschen. Auch das ging ohne Probleme. Danach bekam Michel noch saubere Sachen von H. („Da passt der eh nicht mehr rein!“) und Michel und H. von M. vorgelesen und dann verabschiedeten wir uns und trugen und schoben und quatschten unsere übermüdeten Kinder nach Hause. Zu Hause fix Zähne geputzt und ab ins Bett und Michel schlief wie ausgeknipst ein. 

Das war echt schön, ein echt schöner Nachmittag und Abend. 

Und das was daran am verwunderlichsten ist? M. ist Norwegerin. 

Tag 280 – Hipp Hipp Hurra!

Festumzug, Symbolbild. Ich stand die meiste Zeit auf Zehenspitzen und werde wohl morgen schrecklichen Muskelkater haben.


Heute war der norwegische Nationalfeiertag. Das ist hier ein richtig krass großes Ding, das wird von allen richtig groß gefeiert. Mit meiner deutschen Sozialisierung kam ich da erst nicht gut mit zurecht, dieses ganze Flaggengewedel und man gratuliert sich gegenseitig zum in Norwegen leben? Seriously? Inzwischen hab ich mich dran gewöhnt. Ich wedle zwar noch nicht selber mit Flaggen, aber es stößt mich auch nicht mehr ab, wenn andere oder sogar meine eigenen Kinder das tun. Ist ok. Ich bretzel mich auch gerne ein bisschen auf, wenn es denn sein muss. Und der Festumzug ist immer ziemlich witzig. Also, so von außen betrachtet. Aber sehen Sie selbst, ich habe kompensatorisch getwittert, das musste sein, weil ich mit Pippi weiter hinten stand, während Herr Rabe, seine Eltern und Michel ganz nah am Geschehen standen. Ich hatte also keinen zum Lästern außer mein Handy. 

Noch kurz vorab: bei dem Umzug dürfen im Grunde alle mitmachen. Jeder Verein oder Gruppierung oder Berufsgruppen oder Einwanderergruppen, also alle. Dann trägt man ein Fähnchen vor der Gruppe her, manche machen Quatsch, viele nicht. 

Man muss dazu sagen, dass die Trønder berühmt sind für ihre Schnäuzer und hier jedes Jahr die Bartmeisterschaften ausgetragen werden. Da sind echt verrückte Konstruktionen dabei. 

Spielmannszug ist eine beliebte Sache in Norwegen. Ich muss leider immer an die (großartigen) Doktor Proktor Bücher denken, daran wie die Kinder zwei Wochen vorm 17. Mai anfangen zu üben um dann am 17. Mai selbst zwei Stunden im Regen das immer gleiche Repertoire aus drei Liedern zu spielen. Hihi. 

Curling ist ja eh auch so ne Sache für sich. Aber auch sehr beliebt in Norwegen. Da sind sie auch international gut drin. 

Natürlich meinte ich schlafendes. Aber trotzdem finde ich die Darbietung etwas gruselig. 

Rollskier sind auch wieder so was spezielles. Aber nun gut, die Langläufer müssen ja irgendwie auch im Sommer trainieren. 

Nämlich bunte mit pinken Puscheln an der Seite. 

Tatsächlich finde ich Kampfsport für Kinder ziemlich gut, weil es sehr viel Körpergefühl vermittelt. Aber er muss es ja auch mögen. Erstmal schauen, dass wir irgendwo mal ein Probetraining machen können, nach den Sommerferien. 

Das war die „Vereinigung Intervalltraining“. Eher nicht mein Verein. 

Irgendwo hier wachte Pippi auf und ich verpasste den Star Wars Fanclub. Schnüff. 

Überhaupt ist die Tracht hier ganz und gar nicht uncool. Jedes Dorf hat seine eigene Tracht und auch und gerade junge Mädchen tragen zu festlichen Anlässen gerne Tracht. Am 17. Mai sieht man immer sehr viele Trachten, auch viele verschiedene. Mir wurde erklärt, dass man eine richtig gute Tracht gerne vererbt bekommt, oft zur Konfirmation. Anziehen kann man die zu Volksfesten, Konfirmationen, Taufen, Hochzeiten, Omas 80stem und so weiter. Es gibt auch Männertrachten, die sieht man aber sehr viel seltener. Ich finde viele Trachten sehr hübsch, aber der Preis (1000 € mindestens nur für das „Kleid“, dazu kommt noch Hemd, Schuhe, Cape/Mantel und vor allem das „Silber“, also Geschmeide und Gürtel und Schnallen und Dingsis zum dranmachen) schreckt doch sehr ab. 

Junge Frau mit Dreadlocks und Tracht kauft Süßkram.


Trøndertracht in Rot und in Blau (ich finde die in grün am schönsten. Es gibt auch noch beige und orange.)

Die hatten so traditionelle hellblaue Kleider an mit weißer Schürze und weißem Häubchen. Sah sehr niedlich aus. Deshalb wahrscheinlich die ernsten Gesichter, als Kontrapunkt. 

Ja, ob das ernst gemeint oder Ironie war, weiß man natürlich nicht. Das war auf jeden Fall die Vereinigung der Medizinstudenten. 

Und mit pinken Badekappen und sonst nix an. Bei 8 Grad. 

JugenDkorps sollte das heißen. War nicht mehr ganz so jugendlich. 

Also, von 170.000 Trondheimern laufen ca. 70.000 in dem Zug mit. Und 200.000 gucken zu. Oder so. 

P.S. Und dann war ich noch ganz kurz im Labor und die Zellen sind nicht hoch genug gewachsen und das ist ziemlich doof. 

Tag 270 – 500 km 

Also, falls sie mal mit dem Auto von Oslo nach Trondheim fahren wollen: es gibt da zwei Möglichkeiten. Die eine Route geht über die E3, durch östlichere Inland, die geht immer durch den Wald und ist ultra langweilig. Manchmal sind Stellen wo mehr oder weniger intensiv gebaut wird und da darf man dann nur 50 oder 70 fahren, da sind Buckel und so, das nervt. Ansonsten schaukelt man mit 90 dahin, das ist gut für den Spritverbrauch (4,4 L/100 km) aber schlecht fürs wachbleiben. Kaffeepausengelegenheiten gibt es auch nur ausgesprochen selten (also, ähh, eine.).

Die zweite Route geht immer über die E6, durchs westlichere Inland, durchs Gudbrandsdal, über den Dovrefjellpass und dann weiter durch Oppdal. Die Route ist landschaftlich sehr viel reizvoller und abwechslungsreicher. Berg, Tal, Wasserfall, alles dabei. Außerdem ist sie 50 km kürzer und Google Maps behauptet, sie wäre auch schneller. Das ist falsch. Man braucht länger, die Strecke ist kurviger, man darf ebenfalls oft nur 70 fahren, allerdings wegen Ortschaften. Dafür kann man an Selbstbedienungs-Büdchen Eier und Kartoffeln gegen mobiles Appgeld erwerben, das ist gut für Leute wie uns, die es in drei Tagen nicht geschafft haben, irgendwo Bio-Eier aufzutreiben.


So oder so braucht man für die 500 bzw. 550 km sieben bis acht Stunden, je nachdem, wie man eben so durchkommt.

Also irgendwie ist es Pest oder Cholera. Am Besten Sie nehmen den Zug oder gleich das Flugzeug.

Tag 191 – Der Nachfolger von „DEUTSCHLAND!“

Neulich wurde ich gefragt, ob Michel denn noch diesen DEUTSCHLAND!-Tick hat. Hat er nicht. (Hier minutenlangen Seufzer der Erleichterung vorstellen.) Aber natürlich wird es mit Michel nie langweilig, denn allerlei Quatsch erzählen kann er ja ohnehin gut und das sogar zweisprachig. Manchmal erschreckt es mich ein bisschen, wie gut sein Norwegisch geworden ist, vor allem, wenn er im Kindergarten den Erwachsenen in feinstem Dialekt Familieninterna ausplaudert. 

Interessant ist auch immer, wenn er Wörter benutzt, die auf beiden Sprachen gleich sind, aber minimal unterschiedlich ausgesprochen werden, wie zum Beispiel Löwe. Jedes Mal, wenn ich sein „Löö(e)wä“ höre, wird mir bewusst, wie stark mein deutscher Akzent eben doch noch sein muss. Hier ein kleiner Spaß für Freundin A.: „Liiisäää? Kem er det som kjem? Kossen er det? Kofor? Æ like osså sånn. Itj! Slipp mææææ! Hør dokk tæ! Edvin, sjå hæ, æ e hunnj!!!“ 

Auch beim Singen haben wir unseren Spaß, Michel singt sehr gerne und auch viel, kann aber eben oft nur den halben Text und Melodien werden erst langsam erkennbar. Deshalb haben wir öfter mal Probleme, wenn er irgendwas singt, was sich für uns erstmal so anhört: 

„Lille kattepüs, jör düüdüüü? Æ lele mamma mi!“

Tja, und dann geht das googeln los. „Kinderlied norwegisch kattepus“. Aha! Lille kattepus, die ersten beiden Strophen gehen so:

Lille kattepus, hvor har du vært?

Jeg har vært hos mamman min.

Lille kattepus, hva gjorde du der?

Jeg fikk melk fra mamman min. 

Ohhh, voll süß, eine kleine Katze geht zur Mama und kriegt Milch. Ja, und später wird sie verhauen. Pädagogisch total wertvoll. 

Manchmal kann Michel sogar übersetzen. Manchmal klappt das sogar:

Michel: „Mama, de snööööa?“

Ich: „???“

Michel: „Snöööaa! *denkt nach* Schnee kommt!“

 Meistens greift dann aber doch die Sprachverwirrung, obwohl, vielleicht auch nicht, denn: wenn er ein Wort nicht auf der anderen Sprache weiß, oder es ihm grad nicht einfällt, sagt er das gleiche Wort nochmal in einer anderen Stimmlage. Also in etwa so:

*Michel bekommt Geschenk* 

Ich: „Möchtest du Danke sagen?“

Michel: „Dankeschön!“

Ich: „Du musst mit E. Norwegisch sprechen, die versteht das sonst nicht.“

Michel: *mit ganz tiefer Stimme* „Doonkööschöööön!“

Oder auch

Michel: „Papa, deutsch ist „Hallo“, weißt du? Und noreeeisch ist *ganz tiefe Stimme* „Hoolloooo“.“

Unser Sohn, das Sprachgenie. Direkt den Kern der Gemeinsamkeiten UND der Unterschiede zwischen den beiden Sprachen getroffen. 

Ich geh jetzt mal „Løwe“ sagen üben. 

Tag 174 – ;(

Pippi und ich waren heute mal wieder beim Muttisport. Soweit nichts besonderes. Auf dem Rückweg schlief sie im Kinderwagen ein, ich schleppte sie also (zum zweiten Mal heute) mitsamt Kinderwagenoberteil die 42 Stufen in die Wohnung und stellte sie im kalten Schlafzimmer ab. Dann aß ich die zwei restlichen Pfannkuchen von gestern kalt auf (dabei denke ich immer an meinen Opa, der die auch kalt sehr gerne aß). Um 14:40 wurde Pippi wach und ich holte sie aus dem Kinderwagen. Und sah direkt: Matschauge. Ihr linkes Auge war verklebt und schleimig und gerötet und geschwollen. Tadaaaa: Bindehautentzündung. Michel hatte das so oft als Baby, diese Diagnose traue ich mir durchaus ohne medizinische Kenntnisse zu. Ich rief also nach kurzem Check, ob nicht im Kühlschrank doch noch antibiotische Augentropfen sind, direkt beim Arzt an. Die Telefonsprechstunde schließt um 14:30, sagte das Band. Hmmm, toll, 10 Minuten zu lange geschlafen. Dann rief ich die Notfallpraxis an. Und landete in der Warteschleife. Nach 15 Minuten (!) gab ich auf, legte auf und rief nochmal an, in der Hoffnung, an einem anderen Endgerät zu landen, wo vielleicht schneller jemand antworten würde. Diesmal antwortete tatsächlich schon nach 5 Minuten jemand. Trotzdem war ich so schockiert davon, dass ich statt den Lautsprecher auszumachen aus Versehen auflegte. Gnaaaaaa. Also nochmal angerufen. 7 Minuten später sprach ich endlich mit einem Menschen. Ich kam direkt zur Sache, Baby, Bindehautentzündung, Schleim, rot, juckt offensichtlich. Und bekam als Antwort: Mit Wasser saubermachen, Hände gut waschen, dafür sorgen, dass sie nicht im Auge pult (hahahaha) und morgen den Arzt anrufen, wenns noch da ist. Ehm ja. Danke für nichts, ne? Meine Hoffnung war gewesen, dass die Notfallpraxis (eventuell sogar ohne Hinfahren, man darf ja noch Träume haben) ein E-Rezept für Augentropfen ausstellt, das ich dann einfach in der nächsten Apotheke abhole. Statt dessen versuchen wir uns jetzt in Schadensbegrenzung, machen das Auge mit Kamillentee und Muttermilch sauber so gut es geht und scheitern daran, Pippi am Augen reiben zu hindern. Pippi sieht aus wie Karl Dall, ist ziemlich nöckelig und findet den ganzen Augensaubermachscheiß total daneben. Der Hausarzt darf sich morgen auf den Besuch einer wütenden Löwenmama (mir) freuen. Schön den Scheiß in die Länge ziehen. (Ich wette, bis morgen sind es dann beide Augen. Und/Oder es steckt sich noch schnell wer an. Grrrrrrr…)

  

Tag 166 – Schlittenfahren für Anfänger und Fortgeschrittene

Wir sind heute zum See gefahren, also zu einem der drölfzig Seen hier in der Nähe, die Wahl fiel auf den mit dem Schlittenhügel. Außerdem kommt man da gut hin, man muss nämlich nur mit der Trikk bis zum Ende fahren und dann ist man da. 

Leider war das Wetter ziemlich bescheiden, es regnete ein bisschen aber wir zogen trotzdem los in der Hoffnung, dass es auf dem Berg etwas weniger regnen und dafür vielleicht schneien würde. Dann mussten wir doch tatsächlich 10 Minuten auf einen Bus in die Stadt warten und danach auch noch zur Trikk hasten. Was passiert, wenn man das Kind hetzt? Genau. Es wird immer langsamer. Witzig, dass ausgerechnet Herr Rabe, der mitunter sehr ähnliche Tendenzen hat, das scheinbar nicht weiß (ab jetzt dann schon). Nun ja, wir erwischten die Trikk. Nur um drei Minuten später für 15 Minuten in selbiger herumzusitzen und einem Rudel aufgescheuchter Autofahrer beim verzweifelten Versuch zuzuschauen, ihr Auto mit Achsbruch von den Schienen zu bekommen. Für das Kind natürlich ein unerwartetes Highlight, denn die Automenschen (da saßen echt mindestens sechs Leute drin, war aber auch ein LandRover) versuchten zunächst, das abgefallene (?) Rad wieder dranzubekommen. Das Kind meint ja eh immer, Autos gehen bevorzugt an den Rädern kaputt, deshalb war das für ihn nur logisch. Die Automenschen scheiterten allerdings schon am Aufbocken des Autos und im Endeffekt musste so ein norwegisches-ADAC-Äquivalent-Heini kommen und die Anweisung geben, das Auto doch einfach auf den drei verbliebenen Reifen etwas beiseite zu rollen. 

Irgendwann waren wir dann aber doch am See, es regnete auch hier, aber wir und ca. 150 andere Menschen ließen uns davon nicht beeindrucken. Das Kind wollte direkt den großen Hügel runter, Herr Rabe meinte, das geht schon, ließ sich aber durch den Anblick einiger Eltern, die mitsamt ihren Kindern und Rodelgeräten sehr schnell und unsanft im Schnee landeten eines besseren belehren. Ich suchte den Idiotenhügel, fand aber keinen. Herr Rabe handelte derweil das Kind auf den halben großen Hügel runter. Nun gut, wissend, wie das enden würde, stellte ich mich schon mal unten hin (ich habe es geschafft, dem Mann zu vertrauen, dass er sicher nicht mal auf die Idee kommen würde, sich mit dem Baby in der Trage auf den Schlitten zu setzen), der Mann wies das Kind ein und ab ging die Post. Der Schlitten hat einen Lenker. Das Kind kann aber nicht lenken und lenkte direkt scharf nach rechts, sodass es quer über die gesamte Rodelbahn schoss. Dabei wurde es immer schneller und sein Gesichtsausdruck immer panischer, bis es nach ein paar Sekunden schließlich kopfüber im Schnee landete. Der Schreck war natürlich groß, aber nach Pusten, Trösten und „Ganz schnell eflogt, Mama, Schlitten runter fallt!“ war es dann schnell wieder gut. Inzwischen hatte ich auch sowas wie einen Idiotenhügel entdeckt: an einer Stelle übten norwegische Eltern mit ihren (Klein-)Kindern das Hügelhochklettern mit Langlaufskiern. Norweger werden wirklich mit Skiern an den Füßen geboren und verstehen auch nicht, wieso andernorts so viel Abfahrt gemacht wird. Langlauf ist das einzig wahre, halbwegs ok ist noch Skispringen. Aber das nur am Rande. 

Den Idiotenhügel traute sich das Kind zuerst nicht alleine runter, also quetschte ich mich zum Kind auf den Schlitten und wir rodelten gaaaaanz laaaaangsam den Hügel runter. Dabei schafften wir es, niemanden umzufahren und auch nicht umzufallen. Das Kind hatte sein Vertrauen in den Schlitten, die Technik und seine Rodelfähigkeiten dann auch zurück und Herr Rabe hatte eine wenig benutzte Strecke entdeckt, die vom Steilheitsgrad her ein Mittelding zwischen dem Großen und dem superkleinen Hügel war. Da rodelte das Kind dann ein paar mal alleine und ein paar mal mit mir runter und es hat super Spaß gemacht, also mir zumindest, dem Kind glaube ich auch. 

Danach sind wir dann ziemlich nass nach Hause gefahren, haben Kekse in der Trikk gegessen (in der Trikk sah es aus wie in einem Skierwald) und auf dem Weg noch ein David Bowie-Plakat bewundert:

Kind: „Mama, der Mann hat Esicht annemalt!“

Ich: „Ja, das stimmt. Der hat sich immer gerne das Gesicht angemalt.“

Kind: „Sieht schön aus!“

Ich: „Ja, das fand der sicher auch schön.“

Kind: „Augen auch zu, auch annemalt.“

Ich: „Der hat die Augen bestimmt zu, damit man noch besser sieht, wie schön der sich angemalt hat.“

Kind: „Aber nich vergessen abwaschen, rausgeht. Geht weg sonst.“

Das hat er sich also gemerkt. Wenn man raus geht, muss man die Schminke vorher abmachen, weil die sonst im Regen oder Schnee abgehen könnte. Hoffentlich wusste David Bowie das auch. 

Tag 162 – und es schneit, und schneit, und schneit…

Es hört sozusagen gar nicht mehr auf. Genau genommen hat es heute für die zweimal kurz aufgehört, die ich aus Häusern gegangen bin, aus denen ich theoretisch Schirme hätte mitnehmen können, dies aber nicht tat, weil es ja aufgehört hatte. Beide Male schneite es nach zwei Minuten wieder wie verrückt. Mir ist das ja egal, dem Baby aber nicht, denn das mit dem Kinderwagen hat sich bei dem Wetter auch erledigt, da bräuchte ich eher ne Planierraupe. Also sitzt das Baby in der Trage unter der Jackenerweiterung, das ist schön warm, aber gegen oben reinfallende Schneeflocken hilft das auch nicht. Also Gemecker oder ich mache oben die Jackenerweiterung drüber, aber dann hab ich echt Angst, dass zu wenig Luft reinkommt. Morgen nehme ich nen Schirm mit. Aber wenigstens hab ich ein paar Fotos gemacht (auf dem Weg zum Kindergarten um das Kind abzuholen, wir haben heute morgen wegen Migräneanfall getauscht).


Das ist der Park mit der Kirche quasi direkt vor unserem Haus. Weiter in den Park rein kam ich nicht, der Schnee ging mir ca. bis Mitte der Oberschenkel.

Diebstahlsicherung norwegische Art.

Auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause (mit dem neuen Schlitten) wollte das Kind dann natürlich unbedingt auf den Spielplatz und da Schlitten fahren. Aber wie gesagt, Schnee, Mitte Oberschenkel, das Kind geht mir bis zur Hüfte, das war alles etwas schwierig.


Herr Rabe ist dann noch mit dem Kind losgezogen und ordentlich Schlitten gefahren, während das Baby und ich zu Hause Milchreis kochten. Und am Wochenende fahren wir zum See und fahren Schlitten und vielleicht probieren wir auch unsere neuen (Kind und ich) bzw. alten (Herr Rabe) Schlittschuhe aus. Das wird fein.