Tag 1167 – Ein paar konstruktive Vorschläge zum Thema „Ärztin-Patientin-Kommunikation“.

Wir sind, das mag jetzt überraschen, mich hat es jedenfalls heute morgen sehr überrascht, weiterhin im Krankenhaus. Nach einer einigermaßen okayen Nacht (wie das halt so ist wenn Dinger piepen und Zäpfchen gegeben werden und bei der Zimmernachbarin Blutdruck gemessen wird und so weiter) ohne Blutungen ging ich davon aus, dass auf das Frühstück wie beim letzten Mal die Visite folgen würde und dann dürften wir wieder nach Hause. Es kam die Pflegerin der Frühschicht und sagte, Pippi dürfe dann gleich auch wieder essen, wir sollen nur auf das OK der Ärztin warten. Pippi hatte ordentlich Hunger, oder Appetit oder einfach einen leeren Magen, der von der Glukoseinfusion halt unbeeindruckt war, jedenfalls aß sie ein Eis und trank Saft und dann holte ich mir Frühstück und brachte ihr einen Joghurt mit. Gestern hatte sie ja auch Eis und Saft in rauen Mengen bekommen.

Dann kam die Pflegerin und sagte „Hat sie davon was gegessen? Sie soll nicht essen!“, worauf ich sagte, ich hätte das so verstanden, dass sie nichts festes essen solle, damit die Wunden im Hals nicht gestört werden, worauf sie sagte, nein, sie solle gar nichts essen. Ich nahm Pippi den Joghurt weg, Pippi fand das absolut nicht cool und ich reichte ihr das Saftglas. „Sie darf auch nicht trinken. Sie soll fasten.“ „Warum denn das? Sie hat Hunger!“ „Sie kann keinen Hunger haben, sie hat Glukose bekommen. Und wenn sie doch Hunger hat, kann sie Eisstückchen lutschen.“ Sprach’s und verschwand.

Pippi verstand nicht, dass ich ihr ihr Essen wegnahm. Und ihren Saft. Und überhaupt alles. Wie auch, sie ist drei. Ich legte aus Solidarität auch mein Essen weg und versuchte sie zu beruhigen, aber es war absolut unmöglich, sie brüllte sich in Rage. Irgendwann hatte ich davon genug und ich ging mit ihr (brüllend) auf dem Arm an den Tresen und bat um eine Erklärung, WARUM sie plötzlich fasten solle. Die Pflegerin sagte, sie frage die Ärztin und käme dann sofort wieder.

Statt sofort kam sie eine dreiviertel Stunde später wieder. Mit der Ärztin im Schlepptau.

Das sei Routine, sagte die Ärztin. Falls man nochmal operieren müsse. Und wir sollen bis mindestens morgen bleiben. Weil ihr Hb-Wert zu stark gesunken sei. Das sei auch Routine. Essen dürfe sie weiterhin lieber nur flüssiges kaltes, und den Joghurt.

So. Und da, liebe Pflegekräfte, kommt jetzt mein „arrogantes Pflegekraftgebashe“. Ich möchte nämlich was dazu sagen. Ich habe direkt in der Situation auch zwei Sachen gesagt, nämlich

  • Es war noch nie die Rede von „nochmal operieren“ und ich hätte das gern schon gestern gewusst, wenn das im Raum stand/steht
  • Wieso wurde Herrn Rabe nicht gestern schon gesagt, dass es eventuell (sogar deutlich) mehr als eine Nacht Aufenthalt hier werden könne? (Denn es ist viel einfacher, 5 Unterhosen einzupacken und im Zweifel halt 4 ungetragen wieder aus, als sich von Tag zu Tag immer noch eine Unterhose nachliefern zu lassen.)
  • Bei beiden Dingen wurde, meiner Meinung nach, unterirdisch, nämlich gar nicht, mit uns kommuniziert.
  • Und da wird’s dann halt kompliziert, liebe Pflegekräfte und Ärztinnen. Denn ich bin durchaus nicht doof und vor allem wirklich kooperativ eingestellt. Ich möchte nur gerne verstehen, warum was gemacht wird. Weil ich eben nicht blöd bin. Ich kann mir beileibe nicht vorstellen, dass es viele Eltern gibt, die sagen „Ach so, Routine, ja gut, leuchtet ein.“, weil Routine nun mal keine Begründung darstellt. Bei mir kam es so an, dass mir nicht erklärt wurde, dass und warum gefastet werden sollte, aber mitmachen sollte ich es bitte und zwar ohne Nachfragen, denn auf Nachfragen wird man schnippisch. Es wurde nicht _erklärt_, warum wir noch hier bleiben sollen, bis der Hb-Wert wieder besser ist. Es wurden nicht mal Werte genannt, also weiß ich halt auch nicht, ob der Wert von 11 auf 9,8 oder von 12 auf 7,5 gefallen ist. Was ich aber weiß ist, dass Glukoseinfusion und Wassereis keinen Hb-Wert über Nacht verbessern werden. Weil ich, ich wiederhole mich, nicht blöd bin.
  • Wenn ihr meint, ein Kind muss, ungeachtet dessen ob es Schmerzen hat oder nicht, sechsmal am Tag Schmerzmittel kriegen: erklärt es bitte.
  • Wenn ihr meint, ein Kind muss eventuell nochmal operiert werden und sollte deshalb fasten: erklärt es bitte (und auch, wieso es am einen Tag anders gehandhabt wird als am nächsten, das ist mit btw immer noch nicht klar). Kommuniziert es und erklärt es. (Ich kann mir keine Eltern vorstellen, die auf eine Erklärung, dass nach einer Blutung wie dieser manchmal noch viel schwerere Blutungen auftreten können, die dann operativ gestoppt werden müssen wofür das Kind halt möglichst nüchtern sein sollte, sagen, scheiß drauf, YOLO, rein mit dem Schnitzel. Wirklich beim besten Willen nicht.)
  • Wenn ihr der Meinung seid, der Hb-Wert sei kritisch weit gefallen und rechtfertigt einen weiteren stationären Aufenthalt: Nennt Zahlen. Und dann: tut was, damit der Wert steigt. Zum Beispiel hättet ihr ja wenigstens mal fragen können, ob wir Vegetarier sind. So als Tipp.
  • Ganz generell: denkt nicht, alle die „nicht vom Fach“ sind, sind unmündige Idioten, die man gar nicht erst nicht aufzuklären braucht. Es könnte passieren, dass die ihren Groll ins Internet schreiben. Es könnte aber auch passieren, dass die tatsächlich einfach gehen. Dass die keinen Bock mehr haben, ihre Kinder erklärungslos mit Zäpfchen, Blutabnahmen und Fasten drangsalieren zu lassen, wenn sie keinen Sinn dahinter sehen, weil das einzige „Argument“ dafür, das sie zu hören bekommen, ist „das ist eben Routine“. Vielleicht kommen die bei der nächsten Geschichte dann einfach gar nicht mehr, weil sie fürchten, dass aus „nur mal gucken“ ein mehrtägiger Aufenthalt ohne Information aber mit FastenZäpfchenTralala wird.
  • Informed consent. Zwei Worte, beide davon so wichtig. Ohne Information kann kein Patient eine Entscheidung treffen, ob eine Behandlung sinnvoll ist oder nicht. Patienten, die den Sinn einer Behandlung nicht sehen, sind wenig kooperativ. „Routine!“ ist keine Information. „Routine!“ ist gewissermaßen der Rausschmeißer einer Diskussion und eine Ausrede. Das nächste mal, wenn ihr wen als unkooperativ abstempeln wollt: fasst euch mal kurz an die eigene Nase und fragt euch, was eure Kommunikation damit zu tun haben könnte.
  • Grüße –
  • Eine Mutter. Weder vom Fach noch doof.
  • 10 Gedanken zu “Tag 1167 – Ein paar konstruktive Vorschläge zum Thema „Ärztin-Patientin-Kommunikation“.

    1. Das macht mich jetzt schon fast ein wenig wütend. Nicht, weil manche Menschen so arrogant sind, dass sie glauben nichts mehr erklären zu müssen. Aber die kleine Pippi tut mir gerade leid, ohne Ende! Und unterschiedliche Informationen tragen nicht gerade zum Vertrauen bei. Der Kleinen jedenfalls wünsche ich alles nur erdenklich Gute, vor allen Dingen eine rasche und wirklich gute Besserung!
      Liebe Grüße, Werner

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    2. Sunni schreibt:

      Vollkommen richtig. Ein mündigerPatient – oder dessen mündige Mutter/Vater -gehören richtig informiert. Sachlich und so, dass man Dinge nachvollziehen kann und sie dem Kind erklären, das ja hilflos ist dabei. Ich dachte mir das mit dem event. nochmal operieren, da es bei mir damals so war (ohne Narkose und mit Mund auf, halt einfach die Schüssel drunter und nähen, da eben nachblutend, und da könne man nicht nochmal betäuben, ich war 9 und es war kein Stückchen lustig…Heute würde sich das kein Mensch bieten lassen!) Für Pippi ist das alles noch viel schlimmer als eben für einen Erwachsenen, da sie ja alles gar nicht hinterfragen kann. So, jetzt drücken wir mal fest die Daumen, damit es wieder nach Hause geht und alles gut wird!UND MÜTTER/VÄTER gehören richtig informiert, man ist kein Stück Papier, das da liegt, man sorgt sich, es bricht einem das Herz, wenn man sein Kind so sieht. Verdammt, das muss man doch begreifen als Schwester oder Arzt!- Kommt gut heim!!!

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    3. Guten Morgen, ich hoffe, dass es bei der kleinen Pippi nicht zu weiteren Blutungen kam.
      Auf den Kinderstationen, die wir kennengelernt haben, lief es mit der Information recht gut. Dafür fallen mir zu viele andere Beispiele aus anderen Patienten-Arzt-Konstellationen ein, die unterirdisch waren. Einmal war ich so sauer, dass ich dem Arzt erklärt habe, wie er es besser machen könnte incl. passender Literaturhinweise. Der war echt überrascht, dass ich so deutlich Kritik übe. Immerhin hat er sich alles angehört. Vielleicht hat es was gebracht.
      Viele Grüße von Maryme

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    4. virtuellesgluecksbuero schreibt:

      Das Verhalten der Klinik ist unfassbar; „mündiger Patient“ gilt wohl nur in der Theorie. Wie sollen sie das dem Kind erklären, wenn sie selbst so hingehalten werden!? Hoffentlich heilt Pippis Hals schnell, ich drücke die Daumen!

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    5. allegra schreibt:

      Na dann wollen wir mal gucken, ob ich mein nachmittäglichen Zuckertief mit Eisstückchen wegbekomme oder ob ich dann gemeingefährlich für Schüler*innen bin. Sättigung hat so viel mehr als nur mit Glucose im Blut zu tun.
      Die Gefahr besteht wirklich, dass man nur noch in einem akuten Notfall ein Krankenhaus aufsucht.

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    6. Amélie schreibt:

      Oh je, das ist ja wirklich fies. Was ich mir in solchen Situationen auch immer denke: wenn sich die Leute einfach die zwei, drei Minuten Zeit nehmen würden, um kurz was zu erklären oder auf etwas hinzuweisen, würden sich das ja auch ansonsten rechnen, da man nicht später länger diskutieren muss, jemanden suchen, oder was auch immer. Und in solchen Situationen auch doppelt blöd, nüchtern bleiben ist ja wirklich nicht ohne.

      Daher wünsche ich Pippi auf jeden Fall gute und schnelle Besserung!

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    7. M schreibt:

      1. Alles Gute für Pippi! 2. Vielleicht mögen Sie das auf norwegisch übersetzen und bei der Patientenevaluierung abgeben?

      Nach der Geburt von K1, wo einiges im KH unterirdisch lief, haben wir einen angeblich anonymen Evaluatierungsbogen sehr genau und ehrlich ausgefüllt. Nur angeblich anonym, weil wir bei K2 immer wieder auf gewisse Punkte angesprochen wurden, ob das jetzt eh passe. Das stand also vermutlich in meiner Krankenakte. Plus mein Beruf und dann Angst vor Haftungsklagen, vermute ich :-P

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    Ich freue mich über jeden Kommentar, außer er ist blöd, dann nicht. Außerdem ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt, um Ihnen mitzuteilen, dass WordPress bei jedem Kommentar eine mail an mich schickt, in der die Mailadresse, die Sie angegeben haben und auch ihre IP-Adresse stehen. Müssen Sie halt selbst wissen, ob Sie mir vertrauen, dass ich diese mails von meinen Devices alle sofort lösche, und ob Sie damit leben können, dass WordPress diese Daten auch speichert (damit Sie nämlich beim nächsten Mal hier einfacher kommentieren können).

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