Tag 1573 – Baum anzünden.

Norwegische Weihnachtstraditionen sind mitunter gar wunderlich. Zum Beispiel muss man Anfang Dezember überall zum „Julegrantenning“, also den Weihnachtsbaum anzünden. Es dauerte wirklich ein bisschen, bis ich verstanden hatte, dass da mitnichten der ganze Baum angezündet wird, sondern man nur die Beleuchtung anschaltet. Donnerstag waren wir bei einer Julegrantenning (ich hab’s verpasst wegen Zugodyssee), heute waren wir bei einer Julegrantenning und morgen werden wir auch auf einer Julegrantenning sein. Das läuft immer nach dem gleichen Schema ab: Man macht unter einigermaßen großem Buhei den Baum an, dann laufen alle (alle!) im Kreis mit Händchen halten drum rum und singen, am Ende kommt der Weihnachtsmann und die Kinder kriegen kleine Süßigkeitentütchen. So einfach, so schwer. Denn natürlich kann niemand alle gefühlt 25 Strophen von der Musevisa oder Julepresangen, und auch das (echt doofe) Lied mit dem Wachholderbusch scheint schwer zu erinnern zu sein. Meine Aufgabe für morgen ist Auswendiglernen der kompletten Musevisa, dann kann ich schon mehr als die meisten Norweger*Innen. Haha! Der goldene Muttiorden am Band ist mir sicher.

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1. Weihnachtsgeschenk ist bestellt. 2. gekauft.

Tag 1572 – Vainakts-Räuming.

Heute morgen wachte ich mit dickem Kopf, Husten, Niesreiz und wenig Stimme auf und schmiss (mal wieder) die Wochenendpläne über den Haufen. Herr Rabe ging allein mit den Kindern zur Bibliothek und dem dortigen Weihnachts-Singen und -Basteln und ich genoss die Stille zu Hause.

Ich überlegte kurz, wieder ins Bett zu gehen aber dann dachte ich an letztes Wochenende und dass ich vermeiden muss, das Gefühl zu haben, nichts zu tun.

Dann dachte ich, ich könnte den Adventskalender packen, aber ich wusste ja nicht, wann die Familie zurück kommen würde und sah mich hektisch bei jeder klappenden Autotür einen Haufen Süßigkeiten vom Tisch wischen.

Dann dachte ich, ich könnte ja nähen. Ich habe noch Wollflanell in rötlichem Lila, der müsste für einen Rock reichen. Aber dann kam ich ins Arbeitszimmer, mich traf der Schlag, Nähen war da nicht möglich und dann räumte ich halt stattdessen 6 Stunden lang im Arbeitszimmer auf. Das war sehr nötig, ich habe unter anderem Kontoauszüge von 2002 weggeworfen und Michels Geburtsurkunde wieder ins Stammbuch geheftet, wo sie seit der Ausweisaktion im Sommer nicht mehr war. Ich fand kleinere Scheißelkram-Verstecke, wo ein Kind sämtliche Fliegen (die zum um den Hals machen) die Michel besaß, zerschnitten hat und dann die Leichen wohl verschwinden lassen wollte. Diverse Filzstifte wurden weggeworfen und ich fand eine komplette Box mit sicher 40-50 Bleistiften – Notiz an mich: wir müssen wirklich keine im Laden kaufen. Alle Stifte sind risikobasiert verräumt – Eddinge versteckt, Filzstifte im Schrank, Bunt- und Bleistifte in einer Box im Regal. Wir haben sehr sehr viele Eddinge weil der Mann früher mal so einer war der Stromkästen vollgetaggt hat.

Weil ich ja krank bin dauerte das Aufräumen wegen Teepausen etwas länger aber jetzt ist der Zustand des Arbeitszimmers so, dass man da arbeiten, nähen und auch Gäste haben könnte. Die Papiermülltonne ist schon halb voll, weil ich auch viel Kinder“Kunst“ weggeworfen habe.

Derweil erzeugte Herr Rabe mit den Kindern wie erwähnt neue Kinderkunst, aber hübsche. Unter anderem hat Michel Weihnachtskarten für Opa und die Tante geschrieben und sich sehr viel Mühe gegeben, auf deutsch zu schreiben. Vielleicht geht „Vainakten“ jetzt in unseren Familienwortschatz über.

Was mir dabei einfällt: Beide Kinder können „Weihnachts-„[-Baum, -Mann, -Plätzchen] nicht aussprechen. Die Lautkombination ch-t ist zu schwierig für die kleinen Halbnorweger und da wird es bei beiden Weihnaks. Und ich finde das so putzig, das darf gerne so bleiben.

Abends noch den Adventskalender gepackt und wir haben Adventskerzen in eigenwilliger Anordnung auf dem Tisch.

Also außer krank sein alles guti.

Tag 1570 – Ausgeufert.

Erst ist ein Meeting etwas ausgeufert, dann meine Heimreise sehr und zu guter letzt ein Elternvertreterinnenmeeting (den Mann meine ich mal mit) total. Inklusive der letzten 20 Minuten war ich, seit ich heute morgen das Haus um 7:12 mit Michel verließ, 45 Minuten zu Hause. Aber wir haben nun die Weihnachtsfeier für die 2. Klassen minutiös durchgeplant und müssen eigentlich nur noch einkaufen, Kaffee kochen und nen Weihnachtsmann organisieren und dann kann das Fest beginnen.

Meine Güte bin ich fertig.

Tag 1568 – Lässt nix aus.

Möglicherweise werde ich jetzt auch noch krank. Eigentlich wollte ich heute nach der Arbeit Sport machen, aber seit dem Mittag fühlte ich mich diffus unwohl mit Gliederschmerzen und leichtem… nicht Schwindel aber so leichter Dizziness. Jedenfalls gab es keinen Sport für mich. Dafür liege ich jetzt schon geduscht und im Schlafanzug auf dem Sofa, im Rücken ein Wärmekissen und über mir eine Decke. Jetzt gucke ich noch eine Folge The Crown und dann gehe ich ins Bett und hoffe, morgen ist es besser.

So ein Scheiß.

Tag 1567 – Tag 3.

Fürs Protokoll: Tag 3 mit PMDS. Mein Arbeitsrechner kann froh sein, dass ich ihn heute nicht aus dem Fenster geworfen hab. Zwischendrin hätte ich auch immer wieder einfach so in Tränen ausbrechen können, zum Beispiel weil ich heute morgen (zum ersten Mal!) an meiner Haltestelle vorbeigefahren bin statt auszusteigen. Kann eine schon mal an den Rand der Verzweiflung bringen. Ähäm.

Leider ist das Wochenende ja auch für schlechte Laune draufgegangen, gemacht habe ich nix und dementsprechend herrscht Chaos und ich habe heute keinen Anspitzer gefunden. Manchmal (öfters) denke ich, so ein richtiges Karrieremenschendasein, also spät nach Hause kommen und mich dann konsequent auch für nix mehr verantwortlich fühlen, das hätte durchaus was für sich. Kein Essen machen, keine Brotdosen machen, keine Hausaufgaben kontrollieren (sorry Michel, aber mindestens die Hälfte davon mach mal nochmal) und keine Stifte anspitzen. Keine klitschnassen Wintersachen aufhängen und mich fragen, was so schwer dran ist, die Regensachen für Regen und die Schneesachen für Schnee zu benutzen. Nicht bei der Arbeit nen Verzweiflungs-Lachanfall kriegen, weil wieder ein Termin* für nächste Woche Dienstag 16:30 angesetzt wird, weil ich die Mails gar nicht kriege. Vielleicht kenne ich in meiner Karrierephantasie auch die Namen der Betreuer beim Sport-Hort nicht weil ich nie abhole, oder doch, einmal in zwei Wochen hole ich ab, mache Tiefkühlpizza oder hole Pommes und Burger vom Imbiss und lasse mich als beste Mama der ganzen Welt** feiern.

Manchmal denke ich, das wär schon echt ganz schön.

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*Elternabend beim Sport-Hort. Die Sport-Hort-Kinder können währenddessen da sein. Super, müssen wir nur das andere Kind während der Zeit draußen anbinden.

**Wie so ein Eventpapa halt. There, I said it.

Tag 1566 – Keine Freude.

Es ist nicht das erste Mal, aber ich muss nochmal kurz über PMS ranten. Obwohl ich eigentlich ja beschlossen habe, es konsequent PMDS* zu nennen, weil das hier alles nicht mehr normal ist.

Ich hasse alles. Wirklich alles. Ich hasse, dass Herr Rabe mit den Kindern gebastelt hat. Ich meine, GEBASTELT. Lustige Schneemänner. Dabei haben sie Weihnachtsmusik gehört, was ich hasse. Ich habe derweil die Meerschweinchenbox geölt, was ich hasse, weil es stinkt und eh nicht reicht, um das Ding Pipifest zu machen, weshalb nach drei Wochen die Kiste für immer Meerschweinpipigeruch verströmen wird. Und nein, Hass ist kein zu starkes Wort, ich bin derart geladen, dass ich mit keinem mehr rede, weil ich sonst gemeine, verletzende Dinge nicht nur sagen, sondern brüllen würde. MEINE FRESSE AUTOKORREKTUR, BRÜLLEN IST EIN VERB, DAS SCHREIBT MAN KLEIN! Entschuldigung.

Nichts macht mir Freude. Ich bin so gefangen in meiner grundlosen Aggression gegen absolut alles, es gelingt mir nicht, die von Herrn Rabe verteilte Weihnachsdeko (AM TOTENSONNTAG!) schön zu finden, oder den gebastelten Schneemann mit Puschelschwanz niedlich. Ich schaffe es nicht.

Ich hasse mich selbst und meinen Körper, der mir Schmerzen bereitet. Dass ich es nicht zum Sport schaffe, weil HASS auch auf Sport und das Fitnessarmband und den ganzen Leistungswahn man muss immer schön aussehen und straff sein und ob ich Schmerzen habe oder nicht liegt ja auch in meiner Hand, Sport ist so toll bei all dem, JAJA FU SPORT.

Am schlimmsten ist aber dieser allgemeine Zustand, dass ich einfach nicht abstellen kann diese unfassbar schlechte Laune zu haben und im Prinzip ein wandelnder Mario-Barth-Witz bin. Ich weiß nicht was tun, soll ich drüber reden und mich der Lächerlichkeit preisgeben, eventuell andere Frauen mit reinreiten, die PMS haben weil „HAHA, DU BIST SCHON WIE FRAU RABE!!!“ oder soll ich es lassen und die Zähne zusammenbeißen und einfach „Heut schlechte Laune, kein Eintrag“ schreiben? und das unsichtbar machen, dass es Leute gibt, die WIRKLICH JEDEN MONAT EIN FUCKING PROBLEM HABEN und dass uns niemand hilft (LOOKING AT YOU, GYNÄKOLOGIN!)?

Wie eine es dreht: das Patriarchat lacht sich immer ins Fäustchen.

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Disclaimer: Bitte. Keine. Gesundheitstipps. Keine. Gar keine. Wirklich. Keine.

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*prämenstruelle dysphorische Störung, googeln Sie das ruhig, Kurzfassung: die wahlweise depressive oder alles kleinhackende große Schwester von normalem PMS

Tag 1565 – Kacktag.

Den ganzen Tag in einer Spirale aus unzufrieden und kaputt und nichts gebacken kriegen und dann noch unzufriedener sein gesteckt.

Beste Leistung des Tages: mit Michel ein echt dämliches Brettspiel gespielt. Mich geärgert, dass in diesem Spiel – das sehr (SEHR!) amerikanisch ist, sowohl Deutschland als auch Japan als dunkel und bedrohlich (und Deutschland auch noch in so ner Schriftart, die es mir kalt den Rücken runter laufen lässt) dargestellt sind. Kotzi, Amis, ehrlich mal. In einem Kinderspiel.

Völlig unrelated zu dem Spiel mit Michel über den Holocaust gesprochen. Und über Fremdenhass heute. Ich hoffe, Michel hat was mitgenommen aus dem Gespräch. Wir hatten ja schon mal ein Gespräch über die Mauer, in dem ich sehr eindringlich wurde, weil ich es nicht ertrage, wenn er so Sachen sagt wie „dann hätte ich die gehauen! Oder denen einen Witz erzählt und wenn die lachen, dann wär ich weggelaufen! Oder ich hätte mich verkleidet wie die!“ und ich hoffe jetzt, er kriegt keine Albträume von „…dann hätten die dich erschossen.“

Ich glaube, Michel möchte nicht mehr alleine mit mir zu Hause bleiben. Mama sagt dauernd gruselige Sachen.

Tag 1564 – Bisschen kurz.

…meine Zündschnur heute.

Gefühlt den ganzen Tag nur Augen gerollt. Gestern auch schon. Und vorgestern. Ich sollte das mit dem Twitter wirklich einfach lassen, wenn ich Phasen habe, in denen ich

  • Geschwurbel
  • Verschwörungstheorien
  • Sich widersprechende Aussagen von ein und derselben Person
  • Unsachlichkeit
  • Fehlinformation
  • Völlige Unfähigkeit einiger, über ihren Tellerrand zu schauen

wirklich nicht ertragen kann. Manchmal geht das besser, aber im Moment hab ich wieder mal eine Phase wo ich mir eine Welt voller Roboter wünsche. Ich stelle mir Kommunikation mit Maschinen überaus angenehm vor.

Im echten Leben auch nicht besser, bei der Arbeit alle irre und keiner hört irgendwo zu.

Kleine Anekdote, woran sich mein Kopf momentan wieder sehr aufhängt: wir haben einen Evaluierungsfragebogen bekommen, ob wir unsere bescheuerte Stillarbeitszeit behalten wollen. Und dann fragen die da: „Hast du durch die Stillarbeitszeit am Morgen mehr Konzentrationszeit bekommen?“ Und sie meinen: wurdest du weniger zu Meetings eingeladen, haben weniger Leute im Büro laut gesprochen oder geflüstert, warst du mehr ungestört? Aber das schreiben sie nicht und im Moment muss ich wieder Energie drauf verwenden, drüber nachzudenken, was sie meinen, aber nicht schreiben. (Am Ende habe ich mich trotzdem dazu entschieden, die Frage zu beantworten, so wie sie da steht, nämlich mit „Nein, ich kann mich nämlich eh morgens nicht gut konzentrieren und könnte da viel besser Meetings haben.“)

Oft geht das besser, dann ist auch die Zündschnur länger, das macht nämlich müde, dieses Reininterpretieren in Ungesagtes.

Vielleicht bin ich auch einfach urlaubsreif.

Dreieinhalb Wochen noch.

Aber die Kinder haben mich heute zum Lachen gebracht. Michel hat wieder einen Winkezahn und Pippi hat sich im Kindergarten einen Smiley mit Ohren auf den nackten Bauch gemalt. Die sind schon super, die zwei.