Tag 1835 – Hoffnung auf Pilze.

Ich weiß, Sie haben noch Hitzewelle, jaja. Wir nicht so, beziehungsweise seit heute ist auch die norwegische Version von Hitzewelle vorbei und es regnet. Immerhin regnet es noch bei 20 Grad und noch nicht wieder bei 10.

Wenn der Sommer vorbei ist, kommen die Pilze und hier könnte ich jetzt sehr viel Häschtäck Pilzliebe reinkübeln, aber eigentlich trauere ich noch dem Sommer hinterher. Ich will jetzt keinen Herbst mit Corona und allem, noch nicht mal mit Pilzen.

Generell war meine Stimmung heute irgendwo nah am Gefrierpunkt. Abends hab ich dann noch mit Herrn Rabe gestritten. Regen, innen wie außen.

Tag 1834 – Platt und missmutig.

Diese monatlichen Stimmungsschwankungen sind etwas anstrengend, auch heute wieder. Je normaler der Zyklus*, desto schlimmer das PMDS, desto früher will ich also Leute anlasslos langsam zu Tode foltern. Was, das vermute ich allerdings nur, eigentlich eine Projektion meines – genauso anlasslosen – Selbsthasses ist. Hormone. Geile Sache.

Jetzt liege ich also auf dem Sofa und hoffe, dass ich noch mal hoch komme, sehe da aber die ein oder andere Herausforderung drin. Ich muss aber noch so viel, Pizzateig machen zum Beispiel, und Sport machen. Ich möchte aber ein weiteres Schokoladeneis (eins hatte ich schon beim Arbeiten) und schlafen, schlafen, schlafen, auf dass die Laune morgen besser ist. Als würde ich nie dazu lernen, weil die Laune einfach nicht von sich aus besser werden wird, weil die Hormone erst kurz vor der Periode fertig sind damit, mir die Laune zu verhageln. Biologie. SO SCHÖN.

(Ach würd ich nur hormonelle Verhütung besser vertragen. Aber das ist es nicht wert.)

Dabei war heute gar kein schlechter Tag, so insgesamt. Wir inspizieren wieder, und zwar zum Ausprobieren Teil-Remote. Wir gehen schon vor der eigentlichen Inspektion einen ordentlichen Batzen Dokumentation durch, treffen mit dem Hersteller auch schon mal detaillierte Absprachen, was wir alles noch anschauen wollen, damit die entsprechend vorausplanen können, wer wann erreichbar oder vor Ort sein muss und eventuell Leute instruieren können, Verfahren xyz zusätzlich zu ihrem eigentlichen Spezialgebiet abc zu präsentieren. Wir versuchen dadurch, Zeit On-Site zu sparen und auch Kontakte On-Site zu minimieren. Das macht für uns unterm Strich leider mehr Arbeit, aber so ist das eben 2020. Ich finde es allerdings tatsächlich spannend, neue Wege auszuprobieren und es war auch offen gestanden eine wahre Wohltat, wieder ganz stinknormale Inspektionsaufgaben zu erledigen. Insofern war der Arbeitstag gut.

Jetzt muss ich nur noch, aus Gründen, wie so eine Löwenmutter drum kämpfen, dass unser neuer Kollege, der in eineinhalb Wochen anfängt, nicht ganz allein in eine andere Etage gesetzt wird. Herrje. Wer denkt sich sowas aus???**

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*Ich habe jetzt ab und an anovulatorische Zyklen. Das ist in meinem fortgeschrittenen (hahaha) Alter wohl normal, finde das trotzdem nicht unbedingt amüsant.

**HR.

Tag 1833 – Nicht viel los gewesen.

Alltag halt (yeah!). Homeoffice mit vielen Meetings und emails. Michel hat’s in der Schule mit dem Fuß übertrieben und jetzt ist der Fuß wieder ein bisschen dick und tut auch wieder weh. Michel war nach der Schule im Hort und die waren wieder bei der Betreuerin mit den Pferden, diesmal haben wir ihm aber Ceterizin mitgegeben und die Betreuer*Innen instruiert, dass er eine halbe davon nehmen soll, bevor sie los fahren. Das hat gut geklappt und Michel konnte dann sogar ein bisschen Sulky fahren. Pippi war im Kindergarten und die haben einen Ausflug nur mit den Vorschulkindern gemacht. Dementsprechend platt war Pippi aber nachmittags. Abends Sport mit Herrn Rabe und uns tut inzwischen alles weh vor Muskelkater aber das ist das gute Wehtun, nicht das verspannte Homeoffice-blöde-Stühle Wehtun.

Jetzt Bett. Die neue Unsicherheit angesichts steigender Fallzahlen überall frisst viel meiner Energie und ich brauche wieder mehr Schlaf. Gute Nacht!

Tag 1832 – Back to sowas wie Alltag.

Heute war der erste Schultag für den frisch gebackenen Drittklässler. Whoop, whoop. Wir haben am Wochenende schon seine Stifte durchsortiert und den Rucksack gepackt, gestern den Stundenplan und den Hort-Plan ausgedruckt und heute früh einen sehr aufgeregten Michel zur Schule gebracht.

Da war es dann: „Gut.“

(Morgen ist Schulsport draußen, was bin ich froh, dass ihm mit der Schiene kein Schuh außer Crocs passt, er ist so schon kaum zu bremsen, seit der Fuß nicht mehr weh tut. Ab übernächstem Montag hat er dann endlich auch Schwimmunterricht – das hätte eigentlich im März, in der ersten Woche, in der die Schule dann geschlossen hatte, starten sollen.)

Für Pippi und mich habe ich Tanzkurse gebucht und auch gleich bezahlt. Vielleicht stecke ich mir grade die Finger in die Ohren und mache Lalala, was die Pandemie angeht. Ich mag nicht mehr. Ich mag wenigstens die Illusion haben, dass Dinge wieder in halbwegs geordneten Bahnen laufen.

Wenig alltäglich: wir haben heute für Pippi eine Brille ausgesucht. Gestern war Herr Rabe mit ihr beim Augenarzt, der Termin hätte ebenfalls irgendwann während der Alles-Schließungen stattfinden sollen und wurde dann jetzt nachgeholt. Und ja, Pippi sieht schlecht. Nicht mega schlecht, aber korrekturbedürftig. Pippi findet das alles noch total cool und aufregend und kennt ja auch ihre Mutter nur mit Brille, ich denke, das wird sie schon ok finden. Zur Erhöhung der Compliance durfte sie ohne Schielen auf Preisschilder und nur minimalem Eingreifen unsererseits, was Farbe und Form anbelangt, das Gestell selbst aussuchen. Es wird eine lila-rosa Hello-Kitty-Brille. Jetzt freut sie sich riesig auf die Brille und war sehr enttäuscht, dass es knapp zwei Wochen dauern wird, bis sie fertig ist.

Ganze 28% der Brille bekommen wir erstattet. Uns tut sowas nicht schlimm weh, aber ich kann mir vorstellen, dass eine Brille bei Familien, die nicht mal eben ein paar Hunderter locker machen können, übel reinhaut. Ach, ach.

Tag 1831 – Pandemiearbeiten.

Whoop whoop ich war im Büro und da waren tatsächlich fast alle meiner Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich am meisten zu tun habe (also: Das Inspektorat(TM) und die Zulassungen- (und Zertifikate-) Gruppe. Das haben wir jetzt jeden Montag so, Präsenztag im Büro, Freitags dürfen wir, wenn wir wollen, ansonsten Homeoffice. An anderen Tagen sind andere da, aber nie mehr als 40% der Belegschaft gleichzeitig. Es gibt allerlei teils seltsam anmutende Vorsichtsmaßnahmen, wie zum Beispiel einen recht… willkürlich erscheinenden Sitzplan. Das norwegische Pandemie-Mantra ist ja „Abstand, Abstand, Abstand!“, ich frage mich aber schon, was es bringen soll, in der Kantine oder in Meetingräumen mit mindestens einem Meter Abstand zueinander zu sitzen, während eine Klimaanlage die Luft fröhlich im Raum verquirlt und im ganzen Haus verteilt. Bevor ich die Filter (die ja hoffentlich in der Ventilationsanlage irgendwo verbaut sind) selbst inspiziert hab, gehe ich davon aus, das wir uns das ganze Abstandsgehampel im Zweifel in die Haare schmieren können, wenn bei uns jemand infiziert und infektiös bei der Arbeit erscheint, sind die Bedingungen für ein Super-Spreading-Event mindestens gut.

Jetzt wo das gesagt ist: es war leider richtig gut, mal wieder unter Menschen zu sein, nah an Menschen dran, die nicht alle nur im Bildschirm zu sehen. Richtig schön. Wie sozial dann doch selbst die Introvertierten sind, merkt man nach ein paar Monaten mit deutlich eingeschränkten Sozialkontakten dann eben doch. Wie es den Extrovertierten dann erst gehen muss.

Ich habe effizienter als im Homeoffice ein paar Sachen weggearbeitet, die mich schon länger gestört haben, dann gab es auch ein paar gute Nachrichten für mich persönlich, hach, es war einfach rundum ein guter Arbeitstag.

Nach der Arbeit waren wir dann noch schwimmen im Badesee ums Eck, der ist jetzt endlich warm genug. Also so warm, dass alle drin waren nur ich nicht, mir war es ab den Knien noch zu kalt. Ich bin jetzt auch in dem Alter, wo ich für spritzende Jugendliche die humorlose Trulla bin, die im Badesee stehend nicht nassgespritzt werden will. Schlimm.

Michels Fuß geht es auch deutlich besser. Baden darf er ja sowieso ohne die Schiene, aber auch sonst würde er, wenn wir ihn ließen, einfach weiter machen wie immer, weil es nicht mehr wehtut und er alles bewegen kann. Was natürlich nicht heißt, dass er den Fuß normal bewegen und belasten soll, aber die Einsicht ist mit sieben noch nicht ganz so einfach.

Tag 1830 – Gelungene Kinderparty, uffz.

Es war das reine Chaos, alle Kinder waren happy und zumindest Pippis (vielleicht auch ein paar der anderen) Eltern sind jetzt echt im Eimer. Ich hab das Gefühl als sei ich heute einen Marathon gelaufen, einfach wegen Geräuschpegel, Uhr im Blick haben, andere Eltern mit Kaffee versorgen und WARM!!! Aber wenigstens konnten wir die ganze Party draußen machen, das ist ja in Pandemiezeiten schon sehr gut.

Wir haben wegen Trubel kaum Bilder gemacht, hier nur die drei Highlights des Tages:

Lila ist wirklich noch lila geworden und auch meine Smarties-Füllung hat funktioniert! Hurra! (Geschmacklich jetzt nicht aufregend, aber ok. Nächstes mal geriebene Zitronenschale mit in den Teig.)
Die Nachbarn haben uns dieses tolle Ding geliehen, da ist so ein Geburtstag natürlich schnell rum. Kann ich sehr empfehlen, sowas hat bestimmt auch der Hüpfburgenverleih Ihres Vertrauens.
Einhorn-Piñata. Ich hab auch ganz tolle Videos, wie eine Horde kleiner Mädchen in (meist) rosa Badeanzügen wild darauf eindrischt. Ein Mädchen hat geschafft, den Stock zu zerbrechen, die Piñata hielt aber erstaunlich lang stand. Das hat allen Kindern super viel Spaß gemacht, auch das empfehle ich sehr.

Tag 1829 – Dies und das.

Ich war heute relativ viel alleine und das war schön. Erst war ich bei der Friseurin, jetzt sehe ich etwas anders aus als vorher:

Undercut und Jutebeutel…

Dann bin ich ins große Einkaufszentrum gefahren, dabei habe ich laut Musik gehört (wieder einmal eine ausgeprägte Muse-Phase bei mir, ich liebe es einfach) und im Einkaufszentrum habe ich dann außer der Dinge auf der Liste (Federmappe für Michel, Anspitzer, Trinkflasche, Socken für Michel) noch Zeug für mich gekauft, nämlich einen Arbeitsrucksack, der nett aussieht, bequeme Gurte hat und in den mein Laptop samt Lade- und sonstigem Gedöns passt:

War im Angebot. Hätte ich vielleicht auch für den eigentlichen Preis gekauft, weil ich nach sowas schon länger erfolglos gesucht habe.

und Socken und Unterhosen. Alle 5 Jahre kann eine mal neue Unterhosen kaufen, finde ich. Zum ersten Mal habe ich gleich einen ganzen Satz gekauft, obwohl die einzeln und nicht im x-Fach-Pack verkauft wurden. Über sowas preislich nicht so sehr nachdenken müssen, ist schon sehr schön und auch privilegiert, ich weiß das aus erster Hand, leider. Als nächstes kaufe ich mir dann 10-20 Paar Falke-Socken (nein, Happy Socks können nicht gegen Falke anstinken, sorry). Bis dahin müssen es die Lindex-Socken tun, aber die haben in der Qualität leider stark nachgelassen, von den zuletzt gekauften 4 Paar lebt nach nicht mal zwei Jahren nur noch eines.

Abends habe ich dann mit Herrn Rabe erst die Bude gründlich gelüftet (Hitzewelle jetzt auch bei uns, aber voll im Rahmen mit knapp unter 30 Grad und nächtlicher, deutlicher Abkühlung) und dann Pippis Geburtstagskuchen gebacken, für die Kinderparty morgen. Es wird ein Regenbogenkuchen mit… naja. Interessanten Farben. Vom Regenbogen inspiriert. Oder so.

Leberwurst und grau dürfen halt in keinem Regenbogen fehlen.

In der Form sah es schon besser aus.

Ich werde berichten, wie es fertig gebacken aussah. Von außen schon mal gut, von innen gibt es eben erst morgen.

Tag 1828 – Wer kann da widerstehen?

Heute war Michel, aus Gründen, nicht im Sporthort. Pippis Kindergarten hat heute und Montag zu, Aber Pippi spielte den ganzen Tag mit und bei den Nachbarsmädchen, deren Kindergärten auch alle geschlossen waren. Michel nicht. Michel wollte unterhalten werden. Möglichst mit wenig bewegen. Ich hatte aber auch Pläne und so kam es, dass ich mit Michel zum Bauernhof fuhr, wo ich Gemüse erntete und Eier holte, während Michel im Auto ein Stück namens „Pro kil“ komponierte. Ich war nach dem Ernten gar gekocht – erst auf dem Feld bei 30 Grad und dann noch im Gewächshaus aka Riesensauna mit Kräuter-Tomaten-Gurkengrünaufguss – Michel hatte die Klimaanlage laufen und sehr viel Spaß. Ich hatte auch Spaß, so ist das ja nicht, ich krieche da gerne durchs Feld.

Diese wunderbare Insektenweide ist nicht rechtzeitig geernteter Brokkoli. Ja, aus den grünen Köpfen entwickeln sich die Blüten.
Roter Grünkohl, hübsch und lecker. Nein, man muss wohl heutzutage nicht mehr bis zum Frost warten, um Grünkohl zu ernten.

Ich werde noch Grünkohl-Missionarin. Das ist so lecker! Mjaaaamm!

Das war wie immer schön und mit ein paar rhythmischen Anpassungen ist auch „Pro kil“ ein cooles Lied.

Tag 1827 – Endlich wieder Blasen an den Füßen.

Herr Rabe musste heute alleine trainieren, denn ich war fremdsporteln. Meine Freundin M. (schon wieder ne M. Hmm also für die Referenz: die Nähmutter) hat organisiert, dass der Papa eines weiteren Kindergartenfreundes von Pippi und auch I. während der Sommerferien ein kleines Grüppchen Ex-Tanz-Mütter unterrichtet. Bei ihr zu Hause. Gestern lud sie mich dazu ein, ich guckte ein Video an, es sah beim groben Drübergucken ohne Ton aus wie HipHop, ich dachte „scheiß drauf, Hauptsache Tanzen“ und sagte zu.

Und so hatte ich dann etwas unvorbereitet eine Stunde in zeitgenössischem afrikanischen Tanz. Nix HipHop. (Was gut war, HipHop hab ich zuletzt vor mindestens 15 Jahren getanzt.) Es war richtig gut und sau anstrengend, der Lehrer hat ein ordentliches Tempo vorgelegt und die Musik wurde immer schneller. Die Musik hat mir auch sehr gut gefallen, aktuelle afrikanische Club-Musik kannte ich noch nicht, macht aber Spaß. Ich würde mich sonst wohl eher nicht zu afrikanischem Tanz anmelden, weil ich ganz schreckliche Cringe-Gefühle beim Gedanken an kalkweiße Nordeuropäer*Innen in erdfarbenen Gewändern, die sich zu Trommelmusik wiegen, kriege. (Diese Sorge ist nicht unbegründet, ich habe da viel Schlimmes gesehen, als ich noch deutlich aktiver getanzt habe. Da kannte ich den Ausdruck kulturelle Aneignung noch nicht, aber das hat wohl das Fremdschämen ausgelöst.) Heute waren aber keine erdfarbenen Gewänder zu sehen, nur schwitzende Mittdreißigerinnen und ein gut gelaunter und sehr professioneller und auch schwitzender Tanzlehrer, der uns Ex-Ballerinas geduldig sozusagen immer tiefer in den Boden drückte. Mit guter Laune und ohne Erbarmen. Kurz was trinken und dann nochmal und nochmal und nochmal. Der Schweiß lief, aber nochmal und nochmal und so lange bis die Choreografie sitzt und dann noch mal so lange bis die Konzentration zu sehr nachlässt und man wieder anfängt, sich zu vertun. Dann kurz was anderes zum Hirn auflockern und dann noch drei mal. So muss ein gutes Tanztraining sein.

Ich hab sicher 2 Liter Wasser ausgeschwitzt, laut Uhr 497 kCal verbrannt, mir an jedem großen Zeh eine fette Blase geholt und habe eine Stunde lang zwar sehr viel geschnauft, aber auch fast durchgehend gegrinst. Herrje, wie mir das Tanzen fehlt. Herrje, wie albern glücklich mich das macht.

(Netter Nebeneffekt: bis auf die Blasen tut mir endlich mal wieder NICHTS weh. Einmal alles durchgeschüttelt.)

Hach ja. Vielleicht sollte ich mich doch in der Tanzschule anmelden. Dann kann ich halt die Hälfte der Termine nicht. An der anderen Hälfte hab ich aber Spaß.

Tag 1826 – Muss leider draußen warten.

Long story very short: ich war mit Michel erst bei der Hausärztin, dann im Krankenhaus, da durfte ich teilweise nicht mit rein und wir wurden behandelt wie Aussätzige, weil wir vor neun Tagen aus dem Ausland(TM) zurückgekehrt sind. Michels Sprunggelenk außen ist gebrochen. Es geht ihm gut und er hat auch, im Gegensatz zu seiner Mama, nicht geweint.

Die ganze Geschichte ist natürlich ungleich länger. Aber es war alles so scheiße, dass ich mich dabei nur in Rage und eine Migräne rede. Ich habe auch das Gefühl, ich kann das kaum zusammenhängend erzählen, weil mich das emotional so geschlaucht hat. Als wir endlich zu Hause waren, musste ich mich erst mal hinlegen, so fertig war ich.

Die Ärztin hatte uns nur gesagt, wir sollen nach Ahus fahren. Das ist ein großes Krankenhaus mit mehreren Gebäuden. Sie hatte nicht gesagt, in welches Gebäude wir müssen und ich habe Michel erst in das falsche getragen. (Natürlich getragen, er konnte ja nicht laufen, deshalb waren wir ja da.) Danach habe ich Michel also in das richtige Gebäude getragen. Da wurden wir erst ins falsche Wartezimmer gesetzt und wenn nicht ein Patient (!) gesagt hätte, dass wir zum Röntgen sicher nicht ins HNO-Wartezimmer müssen, würden wir da vielleicht jetzt noch sitzen. Aber schon geil, wenn man ein Kind mit einem dicken Fuß reinträgt, sagt, man komme zum Röntgen des Fußes, dass einen dann Planlose Person A ins falsche Wartezimmer setzt. Whatever, jedenfalls mussten wir in den Keller.

Da fragte uns eine Westenperson, eine Infektionsschutzaufpasserin, ebenfalls ohne wirklichen Plan, ob wir in den letzten 10 Tagen im Ausland gewesen seien. Ich sagte „äh.“ und rechnete nach und sagte dann, wir seien vor 9 Tagen aus Deutschland zurückgekommen. Ich muss jetzt dazu sagen, dass Deutschland ein okayes Reiseland war und nach wie vor ist, das heißt, wir mussten und müssen nicht in Quarantäne nachdem wir da waren. Die Westenfrau war aber von dieser Information trotzdem überfordert und musste erst wen anrufen. Die kamen dann nach 10 Minuten, in denen wir wie Falschgeld auf dem Gang standen, mit 1 Mundschutz und 1 Paar Handschuhe – fürs Kind. „Oder waren Sie auch im Ausland?“ Ja zur Hölle natürlich war ich auch im Ausland. Vor neun Tagen. In einem „grünen“ Land. What the fuck? Ok, nach weiteren 5 Minuten kam also noch ein Mundschutz und ein paar Handschuhe und alles wurde uns mit sehr spitzen Fingern am sehr langen Arm gereicht.

Danach durften wir uns endlich anmelden. Also in einem Wartezimmer eine Nummer ziehen, warten, und uns dann anmelden. Als einzige mit dem Mundschutz und den Handschuhen der Schande. An der Anmeldung wurde uns dann mitgeteilt, dass wir im Auto warten müssten. Wegen der Auslandsreise. Vor neun Tagen. In einem grünen Land. Wir würden dann angerufen.

Ich schleppte also Michel wieder zum Auto. Es war weit und warm. Nach etwa 45 Minuten warten, in denen ich vorsorglich schon mal organisiert habe, dass Pippi mit einem anderen Kind nach dem Kindergarten nach Hause fahren kann (wir haben ja nur ein Auto), klingelte das Telefon. Michel sei in 5 Minuten dran. Wir sollen zum Ambulanzeingang kommen. An der kurzen Seite des Gebäudes. Ich dürfe nicht mit rein. Wegen der Auslandsreise. In einem grünen Land. Vor neun Tagen. Einem Land, das geringere Infektionszahlen hat als Oslo. Vor neun Tagen. Vermutlich haben wir sogar vor Mitternacht die Grenze passiert.

Vor dem Gebäude stehend, nachdem ich Michel da wieder hin getragen hatte, ging mir auf, dass ein Rechteck zwei kurze Seiten hat. Ich ging also rein, zu Planloser Person A (s.o.) und fragte, wo der Ambulanzeingang sei. „Sind Sie die aus Deutschland???“ „Ja.“ „Wo ist ihr Mundschutz???“ „Im Mülleimer. Wo ist der Ambulanzeingang?“ (was zur Hölle einfach? Soll ich Mundschutz und Handschuhe stundenlang anlassen, damit in mein eigenes Auto und alles mögliche anfassen und dann einfach wieder damit ins Krankenhaus? Was. Zur. Hölle.). Planlose Person A zeigte es mir auf einer Karte: auf der entgegengesetzten Seite des kompletten Krankenhausgeländes. Geschätzte 10 Minuten Fußweg für mich allein, ohne humpelndes Kind, das ich tragen muss. Da brach ich in Tränen aus. „Ist das ihr Ernst?“ „Das ist der Ambulanzeingang.“ „Ich muss ihn da hin tragen, er ist sieben, und da kriege ich ganze fünf Minuten vorher Bescheid???“ Achselzucken.

Ich kam, mit Michel auf dem Arm, ziemlich sehr fertig, etwa den halben Weg weit, bevor mein Telefon wieder klingelte. Wo wir denn seien? „Auf dem Weg. Ich muss ihn tragen und ja um das ganze Gelände rum, ich darf ja auch nicht durch das Gebäude…“ „Warum um das Gelände rum, das ist auf der kurzen Seite des Gebäudes.“ „Ja aber welchen Gebäudes denn?“ „Dem, in dem Sie eben waren.“ „Planlose Person A in dem Gebäude hat mich grad zum anderen Gebäude geschickt!“ „Ja, das ist falsch.“ Ich brach schon wieder in Tränen aus. Wollten die mich alle verarschen? „Sie können mit dem Auto fahren und direkt vor der Tür parken.“ na immerhin etwas.

20 statt fünf Minuten nach dem Anruf, dass Michel bald dran sei, waren wir dann also am Ambulanzeingang DER ORTHOPÄDISCHEN AMBULANZ. NICHT DES GESAMTEN KRANKENHAUSES. Und ich war mit den Nerven runter. Und Michel wurde an der Tür von der Krankenpflegerin abgeholt, mit Handschuhen und Mundschutz versorgt, in einen mit Plastik ausgekleideten Rollstuhl gesetzt und davon gefahren. Ich durfte nicht mit rein. Nicht nur nicht in den Röntgenraum. In das Gebäude. Wegen der Auslandsreise. Die vor neun Tagen war. Die kein Problem gewesen wäre, wäre sie einen Tag früher beendet gewesen. Oder wenn wir in Oslo Urlaub gemacht hätten, das, ich sage es nochmal, wesentlich höhere Ansteckungszahlen hat als Deutschland, NRW und Bielefeld. Das sagte ich der Krankenpflegerin auch, als sie Michel wieder rausrollte. Dass ich das unverhältnismäßig finde, einen Siebenjährigen deshalb nicht in ein Krankenhaus begleiten zu dürfen. Sie verstand das, ich verstand, dass das nicht auf ihrem Mist gewachsen war, ich bat trotzdem um die Weitergabe meines Feedbacks.

Vielleicht deshalb durfte ich dann immerhin zur Behandlung mit rein (mit Mundschutz und Handschuhen). Wir wurden in einen leer geräumten Raum gesetzt, in dem alles, was noch drin war – ein Stuhl für mich, ein Hocker für den Arzt, ein Tischchen und diverse Türklinken – mit blauem Plastik abgedeckt war. Ich kam mir vor als hätten wir MRSA, Krätze, Syphilis und Covid19 zusammen und würden aus offenen Geschwüren heftig eitern oder so.

Nach sehr langer Warterei kam dann ein Orthopäde, der sich von einem sehr aufgeregten Michel nochmal die ganze Geschichte erzählen ließ, hielt erst übertrieben viel Abstand und musste dann doch eine körperliche Untersuchung vornehmen, Überraschung, Michel hat nicht einen meter fünfzig lange Beine. Immerhin wurde er dann zutraulicher. Zur Besprechung des Röntgenbildes holte er dann noch einen Kollegen dazu, der aber auch der Meinung war, es sei eben das Sprunggelenk etwas untypisch gebrochen, nur ein bisschen, nicht verschoben und ohne Spaltbildung, und ohne Bänderriss, also kommt da so eine abnehmbare Schiene drum, Schmerzmittel und schonen und in ein paar Wochen springt Michel wieder rum und spielt Fußball, kein großes Ding.

Auch der Rest – das Anpassen der Schiene und Herauskomplimentieren aus dem Krankenhaus – lief einigermaßen ok ab, aber ich glaube es dauert noch ne Weile, bis ich mich von der Aktion heute erholt habe.

(Und die Moral von der Geschicht: 1. bitte immer Leuten wirklich genau sagen, wo sie hinmüssen, 2. bitte nicht Ehrlichkeit mit unverhältnismäßigen Maßnahmen bestrafen, 3. Maßnahmen wenigstens erklären, damit sie Leuten nicht ganz so unverhältnismäßig vorkommen, 4. selbst Menschen mit Covid19 sind doch Menschen, die man nicht behandeln sollte wie Aussätzige.

Danke.)

(5. Zeit, in der man ansteckend wäre, Zeit bis zur Entwicklung von Symptomen, dies, das, egal.)

(6. Wenn es sich vermeiden lässt, nicht mehr nach Ahus.)