Tag 1109 – Immerhin.

Immerhin haben wir heute: Michel neue Unterhosen gekauft, den Schnecken neue Erde, uns allen etwas zu Essen, keine Mikrowelle* aber dafür Herrn Rabe eine neue Speicherkarte. Immerhin habe ich heute die Kinder** nur mehrmals angeschrien und nichts schlimmeres. Immerhin habe ich beide Toiletten geputzt und tausend Teige angesetzt.

Mehr positives gibt’s über den Tag nicht zu sagen.

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*In einem anderen Land hätte ich längst einfach eine bestellt. Ich möchte einfach gerne eine Mikrowelle haben, und zwar keine zum Einbauen, weil die einfach das drei- bis fünffache von den normalen kosten. So, wie schwer kann das sein? Sehr schwer. Die einen können zu viel und sind deshalb zu teuer. Die anderen sind zu klein. Wieder andere zu groß. Hat jemand eine Empfehlung für eine Mikrowelle? Sie sollte auftauen können (und zwar ohne dass Teile schon gar sind, andere aber noch gefroren) und ansonsten warm machen. Ich werd da keine Kartoffeln oder ganze Hähnchen drin zubereiten, es ist eine Mikrowelle und wie haben auch einen Ofen.

** Pippi ist jetzt volle Möhre in der A-Phase. Und es ist schlimm. Sie hat heute allein drei mal mehr schreiend in Einkaufsladengängen gelegen, als Michel überhaupt bisher.

Tag 1108 – Feierabend.

Herr Rabe weilt auf dem Sommerfest seiner Firma, deshalb habe ich heute beide Kinder von ihren Einrichtungen abgeholt, mit Michel Hausaufgaben gemacht (weil er wollte, nicht weil er musste, er wollte wirklich unbedingt und naja, Bögen malen und Worte die mit S anfangen markieren, das kann man auch von den Hausaufgaben der nächsten Woche vorziehen. Überhaupt meckert Michel ein bisschen über den langsamen Lern- und Lehrfortschritt, das gibt sich hoffentlich noch.), habe gekocht und wir haben zusammen gegessen, dann habe ich beide Kinder ins Bett gebracht, die Küche aufgeräumt und dann stand ich vor der Entscheidung, direkt ins Bett zu gehen oder halt nicht. Nach der Woche wäre ersteres vermutlich klug, aber herrje, es ist Freitag und ich gucke jetzt einen Film, den Herr Rabe wohl eh eher nicht sehen wollen würde (The Hunger Games, ganz was erbauliches) und dabei esse ich Trauben-Nuss-Schoko, die Herr Rabe wegen der Trauben auch nicht mag und genieße, dass ich morgen nicht früh aufstehen muss. Ich hab auch echt genug von Tabellen und Artikeln und für jemanden, der nicht gern telefoniert, habe ich in den letzten Tagen sehr viele Menschen, die ich überhaupt nicht kenne, wegen echt wichtiger Dinge angerufen. Ja, ich bin echt gar. Aber ich brauch auch noch ein bisschen zum runterkommen.

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Auto-Lobhudelei: den Nachmittag mit den Kindern wirklich entspannt verbracht, sogar Michels Hausaufgaben-Übermut in konzentrierte Bahnen gelenkt.

Tag 1107 – Verantwortung.

Mein Kollege meinte neulich schon, wir sollten eine Sitcom aus der Firma machen. Ich wäre da sofort dabei und bin auch sicher, das würden sich Leute anschauen. Das ist alles nämlich dermaßen absurd da, das glaubt mir keiner. Heute zum Beispiel hatten wir ein Meeting mit der Geschäftsführung, das wieder ganz anders lief, als ich vermutet hatte. Ich dachte ehrlich gesagt, dass meine hübsche* Präsentation etwa das letzte ist, was ich für die Algen mache, weil die Geschäftsführung den Laden dichtmachen würde. Taten sie aber noch gar nicht, stattdessen soll ich jetzt die Präsentation nochmal schicken, zwei der Cases gründlicher und gewohnt kritisch** durchrechnen, dann schauen wir weiter, ob wir das weiter verfolgen, dann würde ich wohl doch nochmal einen Abstecher ins Labor machen, allerdings ein gemietetes und voll ausgestattetes, um zu gucken, ähhh*Betriebsgeheimnis*, dann schauen wir nochmal, ob sich der Prozess wirklich lohnen kann und dann würden wir wohl wirklich einen der beiden oder sogar beide Prozesse*** da hinstellen. Allerdings erst dann und nicht jetzt schon, weil, bei aller Liebe: der Plan einen 1,5 Kubikmeter fassenden Bioreaktor zu kaufen, wenn man noch gar nicht weiß, was man drin machen will und wozu, ist komplett hirnrissig und wird jetzt wohl sehr zum Missfallen des Chipsmanns auch auf Eis gelegt. Möglicherweise hat der Chipsmann dann gar keine Lust mehr mit uns zusammen zu arbeiten und ich kann nicht sagen, dass mich das übermäßig traurig stimmen würde.

Jedenfalls habe ich noch mindestens eine Woche lang einen Job, und (mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit, aber trotzdem!) würde immer mehr Verantwortung übernehmen können, für die eingeschlagene Richtung, für den Prozess und die Leute****. Und ich… freue mich drauf. Es ist schön, wenn einer zugehört wird. Wenn die Meinung was gilt und die Erfahrung. Und wenn sich die Arbeit, in die man ziemlich ungeplant***** geworfen wurde, auszahlt.

Leider wurde das Hochgefühl kurz getrübt, als ich den Zug ganz knapp verpasste und dann erst 5 Minuten nach 5 (also 5 Minuten zu spät) beim SFO war um Michel abzuholen. Da kam ich mir sehr verantwortungslos vor, kurz jedenfalls. Michel hat es aber ganz gut verkraftet, ich hatte ja auch direkt als der Zug ohne mich gefahren war angerufen und er wusste Bescheid. Trotzdem sollte das natürlich keine Gewohnheit werden.

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Auto-Lobhudelei: Dieses Meeting, ne? Ich war da schon echt gut. Und ich hab über mich gelernt, dass ich mir, wenn man mich mit unangenehmen Fragen in Verlegenheit bringt, in den Haaren und am Hals rumfummle und kann das beim nächsten Mal hoffentlich besser unterdrücken.

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*naja, was man halt so in drei Stunden zusammengekloppt bekommt

**die sind recht dankbar, nach langer Zeit mit sehr, sehr! optimistischen Produktivitäts- und Umsatzberechnungen mal eine Realistin da sitzen zu haben

***es ist kompliziert und nichts davon ist, was der Chipsmann eigentlich möchte. Aber was der Chipsmann möchte, wird sich niemals rechnen, so leid mit das tut

****Ich wurde auch endlich! mal gefragt, wieviele Leute denn so benötigt würden, um so eine Fabrik zu betreiben. Spoiler: ich allein kann’s nicht.

*****Ich bin eingestellt als Process Engineer, mir macht diese Rechnerei aber echt Spaß, sieht man davon ab, das die vor einem Jahr hätte passieren müssen

Tag 1106 – Balance.

Heute morgen im Auto dachte ich darüber nach, dass ich, dafür dass nun wirklich grad alles nicht so wirklich einfach ist, einigermaßen ausgeglichen bin. Und woran das denn liegen könnte. Da spielen ja sicher viele Faktoren eine Rolle, zum Beispiel habe ich eine tolle Familie und jeden Morgen freue ich mich, wenn Pippi von hinten „Singe lauter!“ verlangt, damit ich die Musik lauter mache*, und dann „Mama også sing!“, damit ich mitsinge. Neulich habe ich Podcast gehört, da kam dann ein sehr enttäuschtes „Singt gar nix!“, das war wirklich sehr sehr niedlich. Also, ja, Familie toll, Haus schön, es ist eigentlich *nur* die Arbeit (und die Fahrerei nervt auch), die schlimm ist. Aber ich kenne mich ja, Sie kennen mich ja jetzt auch schon länger, das ist bei mir nicht *nur* so ein Nebenaspekt. Ich arbeite an sich gern, ich ziehe viel Bestätigung da raus und, ja, hab wohl auch gewisse Tendenzen es mit der Arbeit sowohl quantitativ als auch beim Faktor „Impact auf Restleben“ zu übertreiben. Gemessen daran müsste es mir also vermutlich echt schlecht gehen. Nicht nur so ein bisschen miese Laune am Morgen und allgemeine Müdigkeit am Nachmittag. Eher so kaputt. Aber das tut es nicht. Vielleicht ist mein Akku vom letzten halben Jahr noch gut geladen**. Aber ich glaube es kaum.

Ich glaube, es liegt daran, dass ich ziemlich genau seit ich den Job angefangen habe, wieder eine Pille nehme. Ja, hormonelle Verhütung, schlimmschlimm und eigentlich wollte ich das auch nie mehr. Aber dann kam nach Pippis Geburt das PMS aus der Hölle, das statt besser immer schlimmer wurde. Wirklich schlimm. So schlimm, dass ich an PMS-Tagen davon überzeugt war, depressiv zu sein und zwar nicht nur ein bisschen sondern schwer. Ja, inklusive Gedanken wie „Ohne mich wären hier alle besser dran“. So, liebe Leute, sollte keine Frau bloß wegen ein paar Hormonen Monat für Monat fühlen müssen. Aber was tun? Alle empfahlen mir eine Hormonspirale, aus diversen Gründen. Aber hier kostet das ein Schweinegeld und ich hatte im letzten Jahr von dem Verhütungsring, den ich vor den Kindern lange beschwerdefrei*** hatte, richtig ätzende Nebenwirkungen, das wollte ich nicht riskieren, da für 500 € ein Dings einsetzen zu lassen und das nach 2 Wochen zu bereuen. Also dachte ich mir einen Plan aus: wenn ich eine (Mikro-)Pille nähme, die den gleichen Wirkstoff hat, wie die Hormonspiralen, die es so auf dem Markt gibt, dann ist der höher dosiert als die Spirale am Tag abgibt. Außerdem wirkt die Spirale nicht so stark systemisch wie eine Pille. Würde ich also erträgliche Nebenwirkungen von der Pille bekommen, müssten die ja eher weniger werden bei einer Spirale. Aber eben: erträgliche Nebenwirkungen.

So fädelte ich das dann auch ein, blöd war nur dass es so eine Pille hier nicht gibt. Schlussendlich bestellte ich durch einen ganz komplizierten Prozess eine Pille aus Deutschland, ärgerte mich acht Wochen lang mit der davon völlig überforderten Apotheke herum und jetzt bin ich eben wieder druff. Und es geht mir sehr gut. Bei mir wirken solche Präparate offenbar gefühlsdämpfend, fast wie Antidrepessiva. Das kann ich grad recht gut gebrauchen, um ehrlich zu sein, und Hauptsache, das PMS bleibt weit, weit weg. Ich danke also für meine überraschende Ausgeglichenheit den Firmen B**** und J********, denke ich.

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Auto-Lobhudelei: seit 15 Tagen immer um 22 Uhr diese Pille eingeworfen.

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*Genre egal, aber „Mama, ich kan også sing: Lulululu BAH, BAH!****“ ist einfach Hachz hoch 10.

**hahahahaha. Das war emotional ein ziemlicher Ritt.

***auch da war ich ein wenig emotional gedämpft, hab’s aber erst im Nachhinein bemerkt.

****Der Opener vom Album „This is all yours“ von Alt-J.

Tag 1105 – Hausaufgaben.

Michel hat jetzt nicht nur normalen Schulunterricht, sondern auch Hausaufgaben auf. Gestern hat er eine Reihe iiiiiii-s und IIIIIIII-s gemalt und Bilder von Wörtern die mit I anfangen angemalt. Heute gabs nichts, morgen dann wieder, Donnerstag nicht und Freitags generell nicht. Ich finde das eine gute Menge Hausaufgaben für die erste richtige Schulwoche, so zum dran gewöhnen. Ich finde auch gut, dass man alle zwei Wochen die Wochenpläne für die kommenden zwei Wochen bekommt, wo schon die Inhalte des Unterrichts und eben die Hausaufgaben draufstehen. So kann nichts vergessen werden und alle wissen, was kommt. Sehr gut finde ich das. Später brauchen sie das vielleicht mal.

Ok, was soll’s. Mein Chef hat heute seine Hausaufgaben gewissermaßen im Bus abgeschrieben und dann versucht mir weiszumachen, dass seine Schrift immer so krakelig sei. Ich bin stocksauer und frage mich, wie alt denn die Leute sind, mit denen ich da zusammenarbeiten soll.

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Auto-Lobhudelei: nicht explodiert, hat viel Mühe gekostet. Hätte ich Zigaretten gehabt, naja. Aber das ist es auch nicht wert. Aber meine Nerven, ey.

Tag 1104 – Gesagt, nix getan.

Nun, also, der Chipsmann, aka der Algenmann, also mein Chef eben ist seit heute aus dem Urlaub zurück. Er kam erst nachmittags, das fand ich um neun, als ich das nach einer Stunde Warten in Erfahrung brachte, nur so mittel. Dann musste ich aber eh zum NAV und zwar in Eidsvoll (nicht da wo ich arbeite, sondern da wo ich wohne) und das auch bitte zwischen 12 und 14 Uhr, also fuhr ich da hin und natürlich kam just in dem Moment als ich in Eidsvoll wieder aufbrach, der Chef in die Firma. Tjanun. Ich kam dann ja auch wieder zurück und dann lief alles mal wieder nicht so wie geplant, weil er in seinem Büro einfach die Tür zumachte und der Kollege damit vom Gespräch ausgeschlossen war. Auch wieder: tjanun.

Ich war dann sehr erwachsen und nüchtern und erzählte alles frei heraus, jetzt ist es halt gesagt und die Reaktion war ganz und gar nicht wie erwartet*, sondern auch der Chef ist dankbar und rechnet mir die Ehrlichkeit und Offenheit hoch an**. Ich weiß nicht, ob er die Tragweite des Ganzen verstanden hat, das wird sich morgen zeigen, wenn wir nochmal en Detail durch die Rechnungen gehen. Unerfreulicher Weise scheint sich eine Situation anzubahnen, in der sich Geschäftsführung und Chef gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, aber erfreulicher Weise habe ich noch immer einen Job.

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Michel hat heute das I und das i gelernt. Michels Schreiblernbuch ist nicht sonderlich politisch korrekt und illustriert das mit einem amerikanischen Ureinwohner zum Ausmalen. Mal schauen, ob sich da noch Empörpotential ergibt.

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Auto-Lobhudelei: vernünftig geredet, keine Haare gerauft, den Chef nicht geschüttelt.

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*Heulen und Zähneklappern auf Norwegisch, vielleicht „Hrm!“ und den Raum verlassen um eine Runde durch den Wald zu drehen.

**das ist ja schön und gut und freut mich wirklich sehr, aber damit kann ich im Supermarkt leider nicht bezahlen.

Tag 1103 – Ordentlich platt.

Man verlernt das mit dem Tanzen ja nicht und ich hatte gestern wirklich sehr viel Spaß. Völlig nüchtern, denn ich bin gefahren. Der letzte Zug von Oslo nach Eidsvoll geht nämlich um 0:44 Uhr, das ist für einen Club ja nix. Aber von Ankunft bis Laden schließt habe ich die 2,5 Stunden eigentlich konstant durchgetanzt, mit einer Pinkelpause auf dem Unisex-pro-Kabine-nur-eine-Person-sonst-fliegste-raus-Klo. Hachja. Doch, das war sehr schön. Trotzdem war heute ein recht gammeliger Tag, ich war eben erst um fünf im Bett und außerdem habe ich furchtbaren Muskelkater.

Die Kinder haben sich weiter mit den Nachbarsmädchen angefreundet, die klingelten einfach an der Tür und dann tobten sie hier zu viert durchs Haus und die Gärten, das freut mich nach fünf Jahren Norwegen mehr als ich gedacht hätte. Ich bin ein Einsiedler geworden hier, der sich beim Klang der Klingel* fast erschreckt und dann fragt, ob sie was bestellt hat, aber es ist ja Sonntag und…? Und dann stehen da zwei Mädels und fragen „Kann Michel zum Spielen rauskommen?“ Hachz. Michel hat die zwei dann übrigens schwer beeindruckt, indem er sich einen Eimer kaltes Wasser übergegossen hat. Wir haben Videos, das wird ein schöner 18. Geburtstag. Besonders schön auch in Kombination mit dem Video von Pippi: während Michel nach dem Gießen herumspringt wie ein Frettchen auf Speed, gackert wie ein Huhn und lautstark kundtut, wie kalt das ist, gießt Pippi einfach und antwortet auf Nachfrage, ob das kalt ist: „Joa.“ Ich habe mich darüber sehr amüsiert.

Jetzt Bett, morgen müssen wir dem Chipsmann sagen, was Sache ist. Das wird… nicht so schön.

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*sie klingt sehr schön. Überhaupt finde ich unser Haus nach wie vor sehr sehr schön. Hachz.

Tag 1102 – Stressabbau.

Mein Kollege hat mich überredet, mit ihm tanzen zu gehen. In einen Club. Eine richtige Diskothek. Viel Überredungskunst war da nicht nötig, ehrlich gesagt, ich liebe ja tanzen, nicht nur Ballett. Ich hatte nichts anzuziehen und trage jetzt Jeans und T-Shirt, aber dafür volle Lila-Dunkellila-Gold-Glitzerattacke im Gesicht. Allerdings bin ich damit fast unauffällig geschminkt, es ist wohl grad in, die Schläfe und den Wangenknochen komplett in einem Halbmond aus grobem Glitzer einzuschmieren. Nunja. Interessant. Aber davon abgesehen: die Musik ist laut und rhythmisch und laut und ich bin sehr glücklich.

Tag 1101 – Schönreden.

Also, ich war heute sehr produktiv. Zusammen mit meinem Kollegen habe ich den ganzen Tag lang Recherchiert und gerechnet und dann etwas verzweifelter recherchiert und neu gerechnet und nochmal neu gerechnet und dann nochmal so gerechnet und andersrum auch. Ich bin da auch sehr gewissenhaft bei gewesen (also, der Kollege auch) und bin deshalb jetzt sehr sicher, dass meine Berechnungen korrekt sind und sich durch Optimierung der Prozessparameter jedenfalls nicht mehr in der Größenordnung etwas ändern würde. Darauf reagierte ich auch einigermaßen gefasst (nachdem ich was gegessen hatte, vorher musste ich kurz im Internet über so unsinnige Dinge wie Algentee abranten), obwohl mir sehr klar war, dass der Ast, auf dem ich sitze, schon so morsch ist, dass er sich unter meinem Hintern ganz weich und flauschig und warm anfühlt. Auch gut war, dass ich den Kollegen immer mal wieder auf das produktive Gleis zurück gestellt habe, wenn er sich mal wieder in Nachkommastellen verrennen wollte. Nett, aber bestimmt. Er nennt mich Boss. Hihi. Und weil ich der Boss bin, weil ich erwachsen bin, weil ich ehrlich bin und aufrichtig und mir wichtiger ist, dass kein Geld von Leuten, die ich überhaupt nicht kenne und die mir total egal sein könnten, die ja sogar selbst mal hätten nachrechnen können, jedenfalls, dass deren Geld nicht sinnlos verbrannt wird ist mir wichtiger als mein eigenes Gehalt zu sichern und deshalb habe ich dann auch eine sehr präzise Mail geschrieben, in der ich auch nochmal mein Bedauern ausgedrückt habe, habe alle die Berechnungen angehängt und dann habe ich auf Ast absägen geklickt. Die Geschäftsführung ist dementsprechend informiert und hat sich artig für die gute Arbeit und die Offenheit und meine Einschätzung bedankt. Montag werden ich und der Kollege das dann noch möglichst schonend dem Chipsmann beibringen, der ja von all dem noch nichts weiß, weil er durch die Wälder wandert und dann kann man noch hoffen, dass irgendwem irgendein Wunder einfällt, oder vielleicht krieg ich auch schnell nen neuen Job und einen Kindergartenplatz der nicht 25 km in die falsche Richtung liegt, jedenfalls hab ich mein Bestes gegeben und dass es nicht klappt liegt nicht daran, dass mein Bestes nicht gut genug ist sondern im Gegenteil, mein Bestes hat erst dafür gesorgt, dass mal aufgefallen ist, dass das Pferd das wir reiten wollten leider nie lebensfähig war.

Und jetzt trinke ich Bier und baue Möbelkleinteile zusammen. Wenn Sie mal wen brauchen, der Ihnen in Rekordzeit Schubladen zusammenbaut: ich nehme ganz stark an, dass ich ab demnächst wieder viel Zeit haben werde.

Tag 1100 – Eingeschult!

Michel ist jetzt ein richtiges Schulkind.

Wir haben auch direkt einen Haufen Zettel zum Ausfüllen bekommen (zum Beispiel wird das Kind furchtbar schädliche 9 Stunden am Tag in der Schule verbringen, man stelle sich das vor, das arme Kind, hätten wir uns das mal eher überlegt, dann hätten wir den eben nicht bekommen, weil wir uns nicht leisten können, beide Teilzeit zu arbeiten*) und Michels Name wurde, da bin ich sehr sicher, beim Vorlesen vergessen. Aber das ist alles nicht so wichtig, wichtig ist das Ausflippen vor Freude über den Spidermanpulli und das „Danke, Mama!“.

Ein richtiges Schulkind. Hachseufz.

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Mein Meeting war leider ziemlich furchtbar, sie haben mich nach meiner Meinung zu Sachen gefragt, was soll ich da machen, lügen? Hab also meine Meinung gesagt, alles an der Tafel vorgerechnet und befürchte jetzt, dass es eher eine Frage von Wochen als Monaten ist, bis Konkurs angemeldet wird. Vielleicht sind’s auch nur Tage. Es ist alles nicht so sehr erfreulich.