Tag 1479 – Der Blitz, der Zug, die Gruppenarbeit – Hurz!

Uff, der Tag war objektiv betrachtet echt nicht so der Knüller. Dafür bin ich da noch halbwegs elegant durchgesegelt, finde ich. Alles begann damit, dass ich um fünf Uhr morgens fast aus dem Bett gefallen wäre, weil es draußen so hell geblitzt hat, dass ich es durch die Lamellendinger und Gardinen im Schlaf wahrgenommen habe. Ein paar Sekunden später ein riesiger Knall, gefolgt von einem Rumpeln und dann prasselnder Regen. Ein Gewitter. Aber was für eins. Natürlich stand kurz drauf Michel im Schlafzimmer und hatte ein bisschen Angst und als wir alle aufstanden, wachte auch Pippi auf. Die Kinder fragten sich dann, wieso es draußen so dunkel ist (naja, Gewitter halt) und Michel wollte gerne wissen, wie oft es wohl blitzen würde. Das wusste ich nicht, aber es war einmal zu oft, bzw. einmal an einer üngünstigen Stelle, nämlich irgendwo zwischen Flughafen und Kløfta, also auf unserer Bahnstrecke, in irgendwas für die Züge wichtiges. Das wiederum erfuhren Herr Rabe und ich als wir um fünf vor halb acht am Bahnhof standen – und da merkwürdigerweise ein Nachtzug stand, der auch nicht weiter fuhr. Die Anzeigen dann alle so:

Spoiler: der 06:51-Zug, der dann um 07:41 kommen sollte war ja um 07:52 nicht gefahren und sollte auch nicht mehr fahren.

Hurra, Streckensperrung, nichts geht mehr und die Bahn völlig überfordert damit, Ersatzbusse zu organisieren. Man solle, so die Durchsage doch auf andere Transportmöglichkeiten ausweichen. Ist halt bloß die Frage, welche, wenn die Züge nicht fahren und es weder Busse noch Taxen gibt. Pferdekutschen? Elektroroller? Man weiß es nicht. Herr Rabe und ich mussten auch beide heute tatsächlich zur Arbeit, aber wir hatten ja noch Glück im Unglück und das Auto am Bahnhof. Wir stiegen also nach hektischen Mails an alle Betroffenen, dass wir zu spät kommen würden, wieder ins Auto, mit dem Ziel, nach Lillestrøm zu fahren und da in den Zug zu steigen. Natürlich waren wir mit dieser Idee nicht alleine und so war ab 20 km vor Lillestrøm schon Stau. Spontan fuhren wir in Frogner von der E6 ab, parkten da und nahmen den Bummelzug nach Oslo. So war Herr Rabe etwa eine Stunde verspätet und ich… wäre etwa 45 Minuten zu spät gewesen, hätte ich nicht aus reiner Doofheit meine Haltestelle verpasst und wieder eine zurück fahren müssen. Im Bus traf ich dann noch eine Kollegin, die ebenfalls seit über 2 Stunden unterwegs war, wir kamen also jeweils nicht alleine eine Stunde zu spät zum superwichtigen Gruppenmeeting VERPFLICHTEND FÜR ALLE KEINE AUSREDE!!1elf!

Im Laufe des Tages wurde ich dann von meinem Kollegen „spydig“ genannt, also grob übersetzt „bissig“. Initiationsritus Gruppenmeeting. Das „spydig“ bezog sich auf meine Meinung zu der Sinnhaftigkeit des Meetings in Relation zur Vorbereitung, die seitens der Leitung da rein gesteckt worden war. Denken Sie sich Ihren Teil.

[Ich hasse Gruppenarbeit leidenschaftlich seit der Schule, ich kann in gut eingespielten und gut zusammengesetzten Teams zwar sehr gut arbeiten, aber in zusammengewürfelten DIVERSITÄT! Gruppen SYNERGIEEFFEKTE! eher mal so gar nicht. Es schlichen sich BRAINSTORMING! denn auch REIFUNGSPROZESSE! diverse Buzzwortbingo-Augenroll-Gedanken ein. Aber das ist ja nur meine Meinung.]

Mit einem Auge verfolgte ich den ganzen Tag die Zugapp, ob es irgendwas neues von der gesperrten Strecke gäbe. Ich fühlte mich nämlich wirklich nicht gut bei dem Gedanken, dass wenn nun was wäre im Kindergarten oder Schule ich wieder zweieinhalb Stunden nach Hause brauchen würde. Gegen Nachmittag schienen sich alle Knoten langsam zu lösen, leider erst da sonst hätte ich vermutlich all das gute Essen viel mehr genießen können. So kaute ich einigermaßen besorgt über die Heimfahrtsituation und genervt von der Gruppenarbeitssituation auf meinem Fisch, der rückblickend betrachtet köstlich war – Sei mit Pestokruste.

Nach dem Meeting fuhr ich dann mit einem Kollegen, der jetzt zweieinhalb Jahre „Abteilungsleiter“ war und jetzt wieder zurück geht zum Inspektørdasein, ein Stück weit. Mit dem zu sprechen war sehr interessant, weil er einfach noch mal ganz andere Einblicke hat. Jetzt hat sich für mich auch geklärt, wieso man einen „normalen“ Bürojob mit Personalverantwortung gegen dauerndes Reisen und Stress mit Reports, die geschrieben werden wollen, zurücktauscht. Oder eher: wieso er das gemacht hat.

Insgesamt lieg der Rückweg aber erstaunlich glatt, sodass ich um zehn nach fünf an der Musikschule auflief und Herrn Rabe und Pippi traf. Da arbeitete ich dann noch mal „richtig“ für 20 Minuten, damit der Tag nicht so ganz verschenkt war.

Zu Hause dann tatsächlich weiterhin den Kopf oben behalten und gekocht, fürs Wochenende gepackt und Sport gemacht. Jetzt ist es zwar super spät, aber diese zweite Tages“Hälfte“ war sehr dringend nötig, sonst hätte ich vermutlich irgendwas angezündet vor lauter Unproduktivitäts-Frust.

[Noch was doofes ist passiert, als ich mir ein Essen für im Flugzeug buchen wollte: die SAS-App meldete mehrmals, sie könne meinen Kauf nicht prozessieren. Ich tat also was man dann so tut und es kam, wie es kommen musste: ich habe nun drei mal das gleiche Essen gekauft.]

Morgen dann: Arbeit und dann Sommerfest bei der Arbeit. Bis maximal 22 Uhr für mich, sonst wird um 06:30 am Samstag aufstehen leider unmöglich.

Tag 1110 – Putzebackeputzekoch.

Es meldet sich zum Dienst: die frustrierte Hausfrau. Ich hasse einfach Putzen. Ich liebe leider das Endergebnis und sehe auch sehr schnell Dreck und Unordnung, aber Putzen finde ich scheiße. Zumal ich wirklich aggressiv werde, wenn ich den ganzen Tag putze, nebenher backe, dann wieder putze und dann kommen die Kinder rein und fragen „was gibt’s zu essen“. Da platzt mir dann auch recht fix der Arsch, gegenüber den Kindern, die ihren Kram einfach überall im Haus verteilen*, und gegenüber Herrn Rabe, der draußen einen Zermürbungskrieg gegen den Löwenzahn im Rasen führt und der deshalb, schade, schade, leider nicht anpacken kann. Immerhin. Es ist jetzt sauber. Endlich. Und es hat auch nur einen echten Ausraster gebraucht.

Wir brauchen, wenn sich meine Jobsituation etwas stabilisiert, unbedingt wieder eine Putzhilfe, damit wir uns nicht gegenseitig wegen des Putzens zerfleischen.

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Auto-Lobhudelei: 1 Kuchen, 2 Brote, 18 Brötchen. Küche, 2 Bäder, unten komplett gesaugt.

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*und wenn’s nur das wäre, aber dann findet man plötzlich überall seltsame blaue Krümel, die sich bei Kontakt mit Wasser auflösen und großflächig verschmieren und keiner ist es gewesen. Argh!

Tag 1100 – Eingeschult!

Michel ist jetzt ein richtiges Schulkind.

Wir haben auch direkt einen Haufen Zettel zum Ausfüllen bekommen (zum Beispiel wird das Kind furchtbar schädliche 9 Stunden am Tag in der Schule verbringen, man stelle sich das vor, das arme Kind, hätten wir uns das mal eher überlegt, dann hätten wir den eben nicht bekommen, weil wir uns nicht leisten können, beide Teilzeit zu arbeiten*) und Michels Name wurde, da bin ich sehr sicher, beim Vorlesen vergessen. Aber das ist alles nicht so wichtig, wichtig ist das Ausflippen vor Freude über den Spidermanpulli und das „Danke, Mama!“.

Ein richtiges Schulkind. Hachseufz.

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Mein Meeting war leider ziemlich furchtbar, sie haben mich nach meiner Meinung zu Sachen gefragt, was soll ich da machen, lügen? Hab also meine Meinung gesagt, alles an der Tafel vorgerechnet und befürchte jetzt, dass es eher eine Frage von Wochen als Monaten ist, bis Konkurs angemeldet wird. Vielleicht sind’s auch nur Tage. Es ist alles nicht so sehr erfreulich.

Tag 1092 – Ging so.

Heute war der Tag gar nicht so schlimm wie die letzten beiden. Ich mag den Chipsmann wirklich. Ob ich ihm mit den Algen weiter helfen kann, muss sich trotzdem noch zeigen. Ich versuche es jedenfalls. Aber ich hab auch heute eine neue Bewerbung geschrieben, die Chipsalgensache ist einfach sehr heikel, das kam heute bei dem sehr sehr langen Meeting heraus, auch wenn es keiner so direkt sagte. Durch die Blume aber eben schon und der Chipsmann war dann im Auto auf der ungeplant langen* Rückfahrt schonungslos ehrlich zu mir, was mich rührt, aber, naja, ich hab dann eben doch lieber noch kurz vor Einsendeschluss eine Bewerbung geschrieben. Sorry wegen der Kryptik, es ist alles kompliziert und ich bin da auch mit Gedanken sortieren selbst noch gar nicht fertig.

Erfreulich ist jedenfalls, dass die Kinder sich in ihren jeweiligen Betreuungseinrichtungen sehr wohl fühlen und Herr Rabe auch einen guten ersten Tag beim anderen Office seines weiterhin Arbeitgebers hatte. Das ist alles wirklich wunderbar. Und der Rest ordnet sich auch, so oder so**.

Jetzt aber sehr müde, Aufstehen um halb sechs, elf Stunden außer Haus, und dann nochmal zwei Stunden abends am Rechner – das schlaucht.

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Auto-Lobhudelei: Ich gebe mein Bestes und mein Bestes ist schon echt gut.

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*Stau. Wir haben fast zwei Stunden von Oslo nach Årnes gebraucht und das war definitiv das letzte Mal, dass ich zum Arbeiten mit dem Auto nach Oslo (mit-)gefahren bin. Ich kam dann auch ganze 3 Minuten vor Torschluss in den Kindergarten gerannt, wo Pippi ja schon seit viertel vor Acht war und ich müsste das nicht, aber ich fühle mich trotzdem deshalb schlecht.

**Hilfe, Norwegen hat mich gehirngewaschen.

Tag 1080 – Wieder sehr müde.

Ich bin geschafft. Es geht alles nicht so schnell wie es müsste, ich rödle an allen Ecken gleichzeitig, größtenteils alleine und dabei sind 28 Grad – in der Wohnung. Bitte keine Tips, keine Durchhalteparolen, ich mag nicht mehr und will einfach nur 100 Jahre schlafen, es hilft ja nix, ich ziehe es schon durch, aber, wirklich, wenn Sie nicht mein Mann sind und so Sachen sagen wollen wie „Hier ist ein Kaffee, setz dich mal hin, ich wasche solange die Wände ab*!“, dann sagen Sie lieber gar nix, ich könnte sonst um mich beißen.

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*it’s a Norweger-Thing.

Tag 918 – Vom Versuch, nicht Nachzudenken und gleichzeitig einen klaren Kopf zu behalten.

Diese Bewerbungssache frisst mich auf. Und zwar nicht, weil es nichts gibt, auf das ich mich bewerben könnte, sondern weil es zu viel ist. Zu viel, zu breit gefächert, es ist verzweifelt und zerfasert und damit so wie ich. Es frisst meine Energie und meine gute Laune. Ich mag nicht mehr wochenlang nichts und dann „nach gründlicher Durchsicht… sorry. Bewerben sie sich aber doch ruhig weiter bei uns.“ hören. Ich mag nicht mehr Anzeigen lesen und mit meinem Profil abgleichen und Anschreiben schreiben, raten, was für eine Person sich hinter dem Namen der Kontaktperson verbirgt, den richtigen Ton treffen (oder halt auch nicht), wenn das doch vermutlich eh nicht gelesen wird.

Dazu gesellen sich dann die anderen Dinge. Michel, der sich wahnsinnig auf den Einschreibetermin an der Schule freut. Der Mietvertrag, der vermutlichhoffentlichmöglicherweise so weiterlaufen kann wie bisher. Der KiTa-Platz. Die KiTa-Plätze an einem neuen Ort, irgendwo in Europa. Oder einmal Schule, einmal KiTa. Ein Kind, das nicht gut deutsch spricht, aber unbedingt in die Schule will. Wenn ich nur befristet was kriege, was wahrscheinlich ist: in zwei, drei Jahren wieder das Gleiche?

Oder vielleicht sollte ich einfach einsehen, dass es drei von vier Familienmitgliedern hier gut geht. Hier in Trondheim. Wer bin ich, dass ich drei Menschen verpflanzen will. Irgendwas (das NAV hat ja gesagt: irgendwas wird schon gehen und ich kriege das alles alleine hin!) wird schon gehen, irgendein Post-Doc irgendwo oder irgendeine Laborhelferstelle. Ein Häuschen im nächsten Vorort, in dem es bezahlbar ist.

Und dann muss ich ja auch noch diesen Vortrag machen und es wird ja nicht besser vom Prokrastinieren, aber der Impostor-Zwerg sitzt wieder oder immernoch in meinem Kopf, stetig gefüttert durch Jobanzeigen, und lacht mich höhnisch aus. „Vergiss es einfach, das wird eh nichts!“ sagt er. „Vergessen? Du hast Scheißangst vor Präsentationen! Und diesmal geht’s um die Wurst! Als würdest du das hinkriegen.“

Und an manchen Tagen glaube ich das. Sorry. Disputieren Sie doch gerne zu einem späteren Zeitpunkt noch mal mit uns.

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Auto-Lobhudelei: drei (drei!) Mails in Job-Sachen verschickt, eine kann man wohl als Initiativbewerbung ansehen. Sehr leckeres Abendessen (Mac’n’cheese, die cleaneating-Fraktion weint in ihren Quinoasalat, aber es gibt einfach nichts besseres als massive Käsegerichte um wunde Seelen zu schmieren) früh fertig gehabt. 3-4 Kinderäquivalente in den Schlaf gekuschelt. Plus Sport und ein übertragenes und ausgeschnittenes Schnittmuster.

Tag 792 – Knapp daneben…

Da war er also, der Tag, an dem ich endlich, endlich die Mikroskopbilder für den Artikel, der wohl nie eingereicht werden wird, fixen sollte. Alles passte jetzt: „die guten“ Deckgläschen, das richtige Mounting Medium, die Färbung hatte funktioniert und die Farbstofffreien Medien hatten den Background im roten Kanal auf quasi nichts reduziert. So schön.

Und dann kolonialisieren die Drecksproteine nicht mehr. What the actual fuck?!?

Bleibt die winzige Hoffnung, dass es einfach ne blöde Idee war, die Zellen doch nicht so sehr zu stressen, damit sie nicht wie frittiert aussehen. Zellen, die auf Oberflächen wachsen, sollten nicht aussehen wie Hackbällchen, der Chef wünschte sich etwas gesündere Zellen. Vielleicht ist es ein Dosis-Effekt. Darum könnten wir herumargumentieren. Aber, Alter, hätte das nicht einfach mal klappen können? Ich wollte doch nicht meinen Kollegen drölfzig Zelllinien hinterlassen, jetzt muss ich die aber alle aufbewahren, falls ich nochmal neue aufsetzen muss. Für Bilder. Die ja einfach hätten klappen können, bittedanke.

Hrmpf.

(Bestellte Antikörper auch noch nicht da. Die Zeit rennt. Mir davon.)