Der ElternRat der Villa Schaukelpferd tagt mal wieder und diesmal geht es um das Thema Fremdbetreuung: Ja oder Nein (und wenn ja, dann wie)? Das Thema brannte mir eh schon ein paar Tage unter den Nägeln, nachdem ich einige Blogartikel zum Thema gelesen hatte. Also schreibe ich jetzt tatsächlich darüber (fast hätte mein Inneres „du kannst auch einfach mal die Fresse halten“ gewonnen, aber wenn ich quasi nach meiner Meinung gefragt werde…).
Zuerst nochmal: mein Motto ist ja immer „Leben und leben lassen“. Jede*r soll bitte für sich den Weg finden, der sie/ihn glücklich macht. Ich will hier nicht meine Lösung als Nonplusultra für alle Familien hinstellen, ich denke auch nicht schlecht über Leute, die die Dinge anders handhaben als wir. Anders herum reagiere ich aber auch allergisch darauf, wenn andere mir ihre Sichtweise aufdrücken wollen, ohne dafür andere Argumente zu haben als „bei uns funktionierts aber und gefällt uns so“. Das erstmal als Disclaimer.
Ein Grund, weshalb wir nach Skandinavien gezogen sind, ist ja die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit hier. Das erste Mal war ich mit dem Thema konfrontiert, als ich meinem damaligen Chef von meiner Schwangerschaft berichtet habe:
Ich: „Chef, ich bin schwanger.“
Chef: „Super, herzlichen Glückwunsch! [blabla, Kinder sind so toll, braselfasel] Und, wie viele Jahre wolltest du wegbleiben?“
Ich: „Ähhhh, ich hatte an sieben Monate* gedacht…“
Ich hatte mir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so viele Gedanken drum gemacht, ob eine mehrjährige Kinderauszeit für mich in Frage käme. Ich dachte nach dem Gespräch ca. drei Sekunden darüber nach und alles in mir schrie „Nein! Bloß nicht!“ . Man muss dazu vielleicht sagen, dass meine Mutter sehr plötzlich alleinerziehend wurde. Mein Vater war vom einen Tag auf den anderen weg (lies: tot) aber alle seine Schulden waren noch da. Wenn ich eins von meiner Mutter eingetrichtert bekommen habe, dann war es „Mach Dich nicht von einem Mann abhängig!“. Deshalb war es für mich klar: wenn die Zeit der staatlichen finanziellen Unterstützung zu Ende ist, gehe ich auch wieder arbeiten. Alles andere würde mich mindestens nervös, wahrscheinlich eher verrückt machen. Jeder sogenannte Versorger kann ganz plötzlich weg sein, da muss ich in der Lage sein, mich (und meine Kinder) zu versorgen. Schon der Gedanke daran, dass ich komplett von der Arbeitskraft und auch dem Wohlwollen meines Mannes abhängig wäre, verursacht mir körperliches Unbehagen. Ich habe tatsächlich großen Respekt vor Menschen, die so auf ihren Partner und das Schicksal vertrauen können, dass sie sich wirklich fallen lassen können, auch und gerade finanziell.
Nach mehreren Jahren Pause stelle ich mir einen beruflichen Wiedereinstieg zumindest holpriger vor, als nach ein paar Monaten. Zumindest in Deutschland. Ich verfolge zwar keine großen Karriereambitionen, aber mein Job sollte uns eben im Notfall auch ohne anderweitige Unterstützung durchbringen. Dafür muss ich nur einen solchen Job auch finden oder schon haben und vor dem altbekannten „Sie haben da eine Lücke im Lebenslauf…“ hätte ich ebenfalls ziemliche Angst.
Wir stellen also fest, meine Gründe, zu arbeiten und das Kind betreuen zu lassen sind total egoistisch und ich habe gar nicht ans Kind gedacht. Vielleicht hätte ich mal besser dieses Finanztrauma aufarbeiten sollen, dann könnte ich ohne Panik** zu Hause bleiben. Oder? Zumal ich ja jetzt im Moment wieder in Elternzeit bin und den Großen auch aus der Kita hätte nehmen können, das würde die Haushaltskasse um gut 300 € im Monat entlasten und unseren Tagesplan entzerren. Warum also „schicke“ ich das Kind trotzdem in die „Fremdbetreuung“? Nun, zum einen finde ich das ein unsägliches Wort, denn niemals würde ich mein Kind irgendwelchen Fremden überlassen. Ich kenne die Betreuer aus dem Kindergarten, ich mag die meisten gerne, und was viel wichtiger ist, das Kind mag die auch sehr gerne und geht ausgesprochen gerne in den Kindergarten und fühlt sich bei den Betreuern sicher und geborgen (ich nehme das zumindest an, sprachlich ist es noch nicht ganz so weit, aber dass es 1. da genauso ist wie zu Hause, sich also nicht zurücknimmt und 2. gerne seine heiß geliebte kleine Schwester mitnehmen will, spricht für mich dafür). Es ist also keine Fremdbetreuung, sondern eben Betreuung. Das englische Daycare finde ich sehr viel besser, da wertneutraler. Zum anderen bin ich eben „nur“ die Mama. Ich bin keine ausgebildete oder sogar studierte Pädagogin. Ich bin nicht drei Männer und drei Frauen gleichzeitig. Ich bin nicht zweiundwanzig andere Kinder zwischen 1 und 6 Jahre. Ich finde basteln doof. Malen auch. Ich mag nicht bei jedem Wetter raus. Mein norwegisch ist zwar gut, aber nicht gut genug um es als zweite Muttersprache zu vermitteln (ne, die Migranten, die zu Hause nicht die Landessprache sprechen und sich gar nicht integrieren und so). Und ich habe ein Baby, das Aufmerksamkeit braucht und dem ich diese exklusive Mama-Zeit auch nicht vorenthalten möchte. Ich bin überzeugt, dass mein Kind sich mit mir zu Hause langweilen würde. Vielleicht nicht nach einer Woche, aber nach einem Monat sicher. (Ich fange hier nicht an von Entwicklungsfortschritten zu erzählen, denn ich habe ja keinen Vergleich. Vielleicht hätte sich das Kind exakt so entwickelt auch ohne Kindergarten. Da glaube ich nur an Studien und grade bin ich zu faul, welche zu suchen.) Da ich im Moment nicht arbeiten muss, gönnen wir uns den Luxus, morgens herumtrödeln zu können, wenn das Kind das möchte. Das Kind kann dann länger schlafen oder wir kuscheln noch oder das Kind schmeißt sich auf dem Weg in jeden einzelnen Schneehaufen. Aber in den Kindergarten geht es schon. Und das gern.
Ich bin die beste Mama für mein Kind, das ganz sicher. Es wird (hoffentlich) die Werte, die ich und sein Vater ihm vorleben, weiter tragen. Ich würde mir aber nicht anmaßen wollen, zu sagen, ich alleine könnte mein Kind erziehen. Nur bei mir hätte es es gut. Zu einem guten Kindergarten gehört für mich sympathisches und empatisches Personal, das echtes Interesse an meinem Kind hat und das eine Bindung zu ihm eingehen will. Eine Tagesbetreuung sollte das Kind eben nicht nur 8 Stunden lang verwahren, sauber und satt halten, sondern wirklich betreuen, begleiten und beachten. Wenn diese Rahmenbedingungen gegeben sind, und das sind sie bei uns, finde ich Kindergarten super. Ja, auch schon ab 1***. Ja. Heia, Kindergarten!
* 7 Monate, weil wir uns die 14 Monate Elternzeit gerecht aufteilen wollten bzw. aufgeteilt haben.
** Naja, nicht ganz ohne Panik. Ich könnte ja immer noch Angst haben vor Altersarmut und Co. In Diesem Video ist das in witzig gezeigt.
*** Heute beantragt. Das Baby ist dann 1 Jahr und ein bisschen, wenns klappt mit dem selben Kindergarten, in den auch das Kind geht.















