Tag 725 – Gedanken zum Tag. 

Den Schock vom Dienstag habe ich einigermaßen verdaut. Ich bin immernoch sauer, aber nicht mehr unproduktiv-blockiert. Vorherrschendes Gefühl da: fuck it. War jetzt kacke, ham‘ wa draus gelernt (Zeug muss raus, nen dreiviertel Jahr auf eine einzige Analyse warten ist absurd.), jetzt weiter rumheulen bringt aber auch niemanden weiter. 

Trotzdem mache ich morgen Homeoffice. Oder „Homeoffice“. Mal sehen. Aber ich muss nichts vor Ort im Büro oder Labor machen, meine Lieblingskollegin ist nicht da, alles dauert schon wieder ewig, ich mag nicht mehr. Und der Chef ist ja auch nicht da, denn…

… er versteckt sich vor mir. Nennen Sie das vermessen, aber ich glaube, er geht mir aktiv aus dem Weg. Konflikte sind offenbar nicht so seins, mit Ansage („Wir müssen reden.“-Mail vom Montag) schon mal gar nicht und dann noch mit einer potentiell (ok, ganz sicher) emotionalen Frau, da macht der gemeine Norweger gern mal den Vogel Strauß. Und reagiert nicht auf SMS oder mail. 

Man sollte öfter einfach Besuch einladen. Vor allem, wenn nette Menschen, die kluge Bücher schreiben, auf der Durchreise von den Lofoten wieder gen Süden sind. Es war ein total netter (früher) Abend, mit vielen interessanten Gesprächen und leckerem Essen. Niemand hat gebissen, und ich bin nur ganz kurz fast unterm Tisch versunken, als Herr Rabe unser Buch zum Signieren holte. Trotzdem sollte man wirklich einfach öfter mal Leute auch zu sich nach Hause einladen, die man eh nett findet. Was soll passieren? Also außer das mit dem Signieren. Ich wünsche jedenfalls Almut, Sascha und den Kindern noch eine gute Weiterreise und gutes Wetter zum Fjorde  anschauen!

Viel über Netflix und ein wenig über Birgit Kelle nachgedacht. Vielleicht sollte Birgit Kelle öfter mal netflixen, dann hätte sie weniger Zeit und würde nicht so schwurbeliges, in sich widersprüchliches Zeugs verzapfen. (Ich verlinke das nicht. Keine Gratis-Klicks für Mist!)

Die Schnecken brauchen, glaube ich, mehr Kalk (also zugesetzten Kalk in der Erde) und bei der Gelegenhei werde ich auch einen Farn ins Terrarium pflanzen. Auf das selbiges die Feuchtigkeit besser halte und etwas hübscher aussehe. 

Tag 723 – The day I got scooped. 

Tag kann weg. Komplett. 

Heute morgen las ich den Anhang einer Mail, die wir (mein Chef, meine Kollegin und ich) gestern schon von einem Collaborator mit den Worten „I guess you have noticed this article, if not, here it is“ bekommen hatten. Im Anhang ein Artikel einer Gruppe, vom 29.6., in dem unsere bahnbrechenden Ergebnisse stehen. Also, die haben das natürlich nicht geklaut, die sind da schon selbst drauf gekommen, aber jetzt sind unsere Ergebnisse eben nicht mehr bahnbrechend, sondern… ein müder Pups. Blockflöte statt Fanfare. Das wäre ja alles schon scheiße genug, wenn nicht auch noch zwei ärgerliche Randbedingungen dazu kämen:

  1. Unser Artikel dazu sollte schon Ende letzten Jahres eingereicht werden, es fehlten nur noch zwei Bilder. Die fehlen bis heute und das ist nicht meine Schuld, sondern ne Mischung aus „der einzige Typ DER WELT, der das kann, hat wenig Zeit“ und „der priorisiert uns aber auch nicht, weil, ach, es eilt ja nicht“. 
  2. Einer der Co-Autoren war auf der Konferenz in den USA an meinem Poster und tat ganz interessiert. Der jetzt publizierte Artikel wirkt sehr wie „Oha, das muss schnell raus, sonst sind die Norweger schneller“. 

Wenn es irgendwas gebraucht hat, um meine Entscheidung gegen Academia zu zementieren, war’s das. Ich hab so die Schnauze voll. 

(Bevor sie fragen: natürlich geht’s weiter. Krönchen richten und so. Aber es ist so SO SO!!! ärgerlich, ich finde eine Runde heulen und eine Runde Schnaps da durchaus legitim.)

Tag 718 – Allein Daheim Tag 4. 

Es geht mir sehr gut. Ich arbeite viel, aber in meinem Tempo, hier ist es sauber und ordentlich, ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich erst spät nach Hause komme. Die Sonne scheint, ich kann jeden Tag zu Fuß gehen, die Blasen an meinen Füßen heilen auch langsam. Ich gucke Fernsehen, alles nötige (und ein bisschen mehr) ist fertig geölt, das Öl ist jetzt auch fast leer. Ich esse einen Haufen getrocknete Tomaten zu allem und wenn das nicht reicht*, kippe ich noch selbstgemachten Ketchup drüber. Außerdem esse ich einen Haufen Erdbeeren. Heute habe ich drei Kilo gekauft, um nochmal Marmelade zu kochen. Außerdem habe ich heute die Anmerkungen vom Chef in die Diss fertig eingearbeitet und die Abschnitte, bei denen noch Referenzen fehlten, mit diesen gefüllt. Damit bin ich jetzt – soweit – fertig, es fehlen noch Tabellen, Abbildungen und ein wenig Prosa. Ich habe auch bei jemandem nochmal angerufen, dessen Firma ich gestern eine Bewerbung geschickt habe, nur um zu sagen, dass die Bewerbung da sein müsste und hoffentlich bald auf seinem Tisch landen wird. „It’s good that you follow up!“. 

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich freue mich sehr darauf, dass Herr Rabe und die Kinder bald wieder da sind. Ich vermisse sie auch wirklich doll. Als wir heute telefoniert haben, hatte ich das Gefühl, Pippi spricht plötzlich viel mehr und ich verpasse alles. Und als sich Michel dann wehtat, wollte ich so gerne was tun können. Aber nichtsdestotrotz genieße ich gerade die Zeit alleine auch in vollen Zügen. Ich überlege sogar, ob ich morgen Abend einfach so alleine ein Bier trinken gehe. Weil ich’s kann.

 Dochdoch. Es ist schon alles in Ordnung so. 

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*Heißhunger auf Tomaten, ist doch bestimmt irgendein Mangel. Vitamin K? Ist aber eigentlich auch egal. 

Tag 697 – Und… abgeschickt!

Ich habe meinen Chef soeben zu meinem Dokument eingeladen, ihm das pdf mit der Einleitung geschickt und ganz fix eine Präsentation zurechtgebastelt und jetzt bin ich erstmal reichlich fertig. ABER ICH BIN FERTIG! (Ich bin da vielleicht übermäßig euphorisch, aber egaaaaaal, ich bin fertig, ich habe eine fast fertige Einleitung zu meiner Dissertation in nicht mal drei Wochen geschrieben, Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!)

Bildschirmfoto 2017-07-06 um 22.33.06

Tag 695.2 – Was ich eigentlich sagen wollte. 

Es wird alles. Bestimmt wird es das. Ich kann das Ende schon sehen, zwar noch nicht greifen, aber immerhin. 

Nebenher mache ich übrigens noch ein Experiment. Es muss ja noch ein drittes Paper her, ne? Alternativ müsste ich ein Review schreiben, aber, hui, das ist viel Arbeit und muss zumindest eingereicht sein, um als Bestandteil der Diss anerkannt zu werden. Also da nur irgendwas hinklatschen geht auch nicht. Lieber Minipaper aus jetzt hastig zusammengekochten Versuchen bauen. Mithilfe der nicht mehr traurigen Masterstudentin, die aber auch „nur“ nachmittags und am Wochenende kann. 

Und dann kommt der Mann um die Ecke und plötzlich macht man halbe Zukunftspläne. Aber wenn ich da jetzt auch noch zu viel drüber nachdenke, platzt demnächst mein Kopf* und die ganze Gedankensuppe klebt dann an den Wänden. Unschön stelle ich mir das vor. 

Also denke ich da einfach *nicht* weiter drüber nach, stecke meine Finger in die Ohren und singe schubidu. Und schreibe Zeug über N1-methyladenine in mRNA, das geht schnell, da gibt es nämlich bisher nur eine Veröffentlichung zu. Und dann Schlaf. 

*zusätzlich dazu, dass ich mir vermutlich grad mein halbes Genom wegen Stress kaputtmethyliere. R. Rabe, 32, Epigenetophobikerin

Tag 694 – Meine (total objektiven) Top Fünf der schrecklichsten Paper.

Nachdem jetzt über 200 wissenschaftliche Artikel (cooler Wissenschaftlerinnenslang: Paper) in meiner App sind, und ich davon auch die Hälfte ca. tatsächlich gelesen und die andere Hälfte zumindest angelesen habe, muss ich es doch mal langsam loswerden:

Es gibt echt furchtbare Paper.

Platz 5: So kompliziert, dass ich es auch beim dritten mal lesen nicht begreife. Meistens ist sowas im Journal „Cell Science and Nature“ und nach drölfzig Review-Runden dermaßen experimentell ausgeufert und gleichzeitig platzmäßig eingedampft, dass man ohne abgeschlossene Habilitation in *genau dem* Fachuntersubnischengebiet nichts mehr kapiert. Wird aber zitiert wie verrückt, weil ja quasi auch die Lösung auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest drin steht. Bestimmt. Irgendwo.

Platz 4: Arschlangweilig. Autor*In fängt bei Adam und Eva (oder dem Urknall, nach Gusto) an. Nach einer halben Seite fallen mir die Augen zu. Nach einer Seite lege ich es weg. Wenn der Schluss gut war, werde ich es nie erfahren.

Platz 3: „Wir haben leider keine Frau(TM) gefunden, die was zum Thema sagen wollte.“ Ohne Witz. Deutsche Forschergruppe. Zwanzig Namen. Eine Frau. EINE?!? (Und da geht’s nicht um Kernphysik oder so, sondern um *Trommelwirbel* Ernährung. Das Paper ist auch nicht von 1965, sondern von 2015. Und die Männer heißen zum Großteil sowas wie „Hermann“, „Erwin“ oder „Hans-Georg“.)

Platz 2: „Ich stelle nur Chines*Innen/Japaner*Innen/Inder*Innen ein.“ Zwanzig Namen auf dem Paper, einheitlich klingende Nationalität. Alle einer Universität irgendwo in den… wait, what?… USA! zugehörig. Leiter*In der Gruppe lebt, so ergibt kurzes stalken googeln, seit 25 Jahren dort. Genau wie Platz 3 macht das natürlich das Paper nicht inhaltlich schlechter (oder besser), aber mit bis zum Anschlag hochgezogener Augenbraue liest es sich so schlecht.

Platz 1: Der/Die emeritierte Professor*In schreibt über sein/ihr Lebenswerk. Das ganze Ding trieft vor Selbstverliebtheit. Andere Gruppen, deren Irrtümer, Irrwege und Irrelevanz werden gnadenlos durch den Kakao gezogen. Eigene Verfehlungen werden unter den Tisch gekehrt. Selbstbeweihräucherung bis mir nach ca. einer Seite davon schlecht ist und ich das Ding angewidert in den Papierkorb pfeffere aus meiner App lösche.
Es gibt natürlich auch gute Paper. Es gibt auch sehr gute Paper und dann gibt es noch die Kategorie, an die ich in meiner App kleine Herzchen male.

Tag 691 – Stresslevel: kurz vor Schilddrüse. 

Mein Akku ist tiefentladen. Ich schreie schon wieder dauernd die Kinder an, am See sitze ich weil alle meinen, ich müsste mich entspannen, ich entspanne aber nicht, ich sitze da und hasse es, nicht arbeiten zu können, aber ich kann auch nicht mehr schreiben. Alles was ich geschrieben habe kommt mir grad sehr überflüssig und blöd und unverständlich vor. Auf und ab und so, grade ist ab. Ich brauche mal ne Pause und die nehme ich mir jetzt, ich gehe jetzt nämlich ins Bett. Obwohl draußen noch 25 Grad sind und der Sommer morgen schon wieder vorbei sein soll. Egal. Meine Kinder verdienen eine Mutter, die nicht bei jedem bisschen sofort austickt und losbrüllt. 

Tag 690 – Schnarch.

Ich bin so müde, ich kann einfach nicht weiter arbeiten. Und auch hier schreiben mag ich jetzt nicht mehr.

Falls Sie aber zu der Sorte gehören, die mit solchen Informationen gut umgehen können: ich habe vor, äh, über drei Jahren (das Datum im Titel stimmt nicht ;) ) mal was* (*totales Understatement) geschrieben über Krebs und späte Metastasen. Bat biwähr: itz in Inglisch.

Und hier ist der Link, ich hoffe es funktioniert.

Tag 686 – I will survive.

Vermutlich ist diese auf-und-ab der Gefühlslage auch völlig normal. So wie alles. Heute jedenfalls war ein guter Tag, ich habe den Abschnitt über Alkylierungen durch Medikamente, Umweltgifte (Tabak!) und so weiter fertig, auch die hundertundeinen Reperaturmechanismen sind beschrieben, ab morgen geht es richtig los mit Epigenetik und dem ganzen Zeug und, ja, ich freu mich schon drauf. Epitranscriptomics, was ich dann danach schreiben werde, ist ein wirklich total spannendes Thema und ich gestehe ja auch gerne, Epigenetik ist schon auch cool. Auch wenn man auch da wieder eigentlich nicht ganz so genau wissen will, wie leicht (oder schwer) man sich mal eben epigenetisch irgendwo ein Gen stillgelegt hat. Aber so aus einem reich biochemischen Blickwinkel ist das alles ziemlich cool und in jedem Fall interessanter, als welche base wo warum von N-nitrosaminen alkyliert wird. Oder von Chemotherapeutika. Und wie und warum die Zellen dann gegen die Chemotherapeutika resistent werden*.

Jetzt werde ich jedenfalls noch mal ein oder zwei Reviews überfliegen und dann hoffentlich mal eine Nacht etwas mehr Schlaf bekommen als in den letzten. Und hoffentlich, hoffentlich bleiben die Kinder auch mal in ihren Betten, das wäre sehr wünschenswert. 

(P.S. Wer war das mit dem Tipp mit den Augentropfen? Der Tipp und die Tropfen sind echt Gold wert! Gut, in Anbetracht des Preises könnte man letzteres echt meinen** und beim Bezahlen kamen mir – einer Wunderheilung der trockenen Augen gleichkommend – fast die Tränen, aber wenigstens kann ich abends noch ein bisschen was sehen und ich sehe auch nicht ganz so Zombiemäßig aus, wie ich mich fühle. Also vielen Dank für den Tipp!)

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*Das passiert bei manchen Krebsarten häufiger, bei anderen seltener, aber insgesamt ist’s schon so, dass die meisten schwerwiegenden Krebserkrankungen gegen die Behandlung irgendwann immun werden und das gehört zum Beispiel zu den Sachen, die ich lieber nicht wüsste.

**Medikamente sind hier einfach unfassbar teuer. Und Süßigkeiten hat auch: heute kaufte ich zwei 0,5 L-Becher Eis und bezahlte dafür 120 NOK. Seufz. Aber dafür habe ich jetzt einen Liter Eis!