Tag 675 – Nix zu sagen.

Pippi ist krank und schnauft auf meinem Bauch liegend herum, ich habe endlich die vierte Saffel House of Cards zu Ende geguckt, langsam kommt ein Schreibe-Gefühl* auf, das nicht nur reine Panik ist und ich veratme tapfer meinen Neid** gegenüber allen, die morgen miteinander Frau Muttis Gartyparty feiern.

Insgesamt ist das vielleicht alles nicht spektakulär, aber ich mag’s so wie’s ist.

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* Nicht, dass ich schon angefangen hätte, ne? Bisher habe ich ja nur Zeug gelesen, aber viel und hochwertiges und so langsam überwiegt halt das „weiß ich schon“ gegenüber dem „häähhh???“ Und dem „Oh Gott, das kann ich mir doch nie im Leben alles merken!“ Und das Gesamt-Gefühl verschiebt sich zu „wird schon schief gehen“***.

** Neid, nicht Missgunst, ne? Also im Sinne von: Ich wäre sehr sehr gerne auch da. Aus naheliegender Gründen geht das aber nicht. Deshalb wünsche ich einfach allen eine ganz tolle Party und schlucke den wehmütigen Seufzer einfach runter.

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*** Bester Kommentar schon im Vorfeld: „Schön, das wird spannend, mal was anderes als immer nur Base Excision Repair! Ich freu‘ mich drauf.“ (Chef).

Tag 674 – The genes, they are a’changing. 

Oslo-Trondheim Genome dynamics workshop. Der fing ja heute um elf an, vorher war ich natürlich, wie so eine streberhafte Doktorandin in den letzten Zügen, noch im Labor. Ich erklärte meiner Hilfskraft* was sie tun solle und gab mega wichtige Proben zum Messen ab. Um zehn vor elf sprang ich ins Auto, fuhr zur Konferenz, kam an und…

… es gab keine Stühle mehr. Plätze schon, nur keine Stühle. Tjanun. Ich hab also einem Hotelmenschen Bescheid gesagt** und mich dann auf einen der eilig herbeigekarrten Lobby-Design-Höcker gesetzt. 

Und dann verbrachte ich die Zeit bis zum Mittagessen eigentlich hauptsächlich damit, Paper zu lesen, weil alle Vorträge von Leuten waren, die und deren Arbeit ich eh sehr gut kenne***, oder einfach zum Sterben langweilig waren. 

Mittagessen: war durchwachsen. Der Nachtisch war gut. 

Danach wirklich interessante Vorträge, viele Notizen gemacht und keine weiteren Paper gelesen. Dafür einiges gelernt über Alkylierungen**** und die ALKBH-Enzymfamilie*****. 

Um drei sprang ich dann hektisch auf, kurz vorm letzten Vortrag der Session, setzte mich ins Auto und holte Pippi aus dem Kindergarten ab. Das war auch der Grund, weshalb ich das Auto dabei hatte: mit Bus oder Fahrrad wäre das alles noch viel enger geworden. So dachte ich jedenfalls. Im Endeffekt stand ich dann enervierend lange im Berufsverkehr herum und wäre mit dem Rad vermutlich viel schneller gewesen. Pippi versorgte ich schon im Auto mit mitgebrachter Banane und dann als wir ankamen noch mit einem Stück Kaffeepausenkuchen. Die war also happy. 

Tatsächlich war Pippi dann ein kleines Engelchen****** und ließ mich vier von fünf Vorträgen stressfrei anhören. Und alle Frauen so aaawww. Und dann hoffe ich immer, dass meine Augenringe und die Schokoflecken auf meinem Shirt und das vom Kinderschuhklettverschluss frisch reingerissene Loch in meiner Strumpfhose Abschreckung genug sind, weil eigentlich kann ich keinem Menschen guten Gewissens empfehlen, Kinder und PhD zeitlich zu kombinieren. Danach gab es einen erwas blöden Vorfall mit einem eigentlich total netten Mann******* und Pippi trank etwa vier Becher eigentlich für den Kaffee gedachte Milch und ging auch drei mal erfolglos aufs Klo, wir guckten ein minibisschen Poster an und dann fuhren wir…

… Michel abholen. Und dann nach Hause. Wo ich, ehrlich gesagt relativ erledigt direkt anfing mit…

… Beine rasieren. Wegen der Schokoflecken und der Strumpfhosenlöcher musste ich mich umziehen. Herr Rabe kam heim, ich wusch meinen rosa Lippenstift ab, machte Himbeerfarbenen drauf, nochmal schnell das Näschen nachgepudert und das Augenmakeup mit einem nach außen hin breiteren Lidstrich in dunkelblau abendtauglich gemacht, hohe Schuhe an und Zack, war es zu spät um Zeug in eine Handtasche umzupacken. Ich zog also mit meinem Rucksack los zum Dinner. Da war ich dann 10 Minuten zu spät, weil der Bus so viel Verspätung hatte. 

Dinner. Lecker. Ich saß am Tisch mit mir teils unbekannten, teils unsympathischen Menschen. Aber das Essen war echt gut. 

Danach Skybar für ein Stündchen. Wie putzig die Norweger*Innen sind: boaaahhh, 21 Stockwerke, der Hammer. Auch lustig: die Skybar teilten wir (verrückten Genforscher*Innen) mit irgendeiner Veranstaltung einer großen Baumarktkette. Und, was machst du so? Ich bau gern Sachen aus Holz. Und du? Ich will wissen, wie Enzym X zwischen fehlerhaften und endogenen Methylgruppen in mRNA unterscheidet. Nicht ganz so lustig: meine Fresse bin ich schlecht in Smalltalk und dem ganzen Networking-Zeug. Es ist schlimm. Nicht nur hab ich absolut kein Ansprechgesicht, ich sage halt auch einfach mal minutenlang nichts, statt irgendwas zu sagen. Damit können Leute schlecht umgehen. 

Außerdem starben irgendwann meine Füße quasi ab (nix gewohnt, aber ey, ehe ich <s> mir eingestehe, dass ich’s einfach nicht mehr kann</s> meine Schuhe ausziehe und barfuß nach Hause laufe, muss einiges passieren, ich kann lange lächelnd und mit hoch erhobenem Kopf meine tauben Zehen ignorieren, sowas lernt man beim Tanzen!) und deshalb******** sitze ich jetzt im Bus nach Hause und freue mich aufs Bett. 

* Die Masterstudentin. Ich hab sie nur diese Woche. Was blöd ist, weil ich viel viel mehr Hilfe gebrauchen könnte. 

** auf die Idee war von den ebenfalls betroffenen Norweger*Innen noch keine*r gekommen. 

*** Mein Chef zum Beispiel, der erklärte, was ich so mache. 

**** Abschnitt 1 meiner Thesis

***** Abschnitt 2 oder 3 meiner Thesis

****** Thanks to Maus-App und Peppa Pig. 

******* Er hatte ein Auto geholt, mit dem sie spielen konnte. Sie freute sich total und spielte sofort. Er fragte nach „seinem“ Namen. Ich sagte „Pippi!“. Und dann war er ganz bestürzt, er hatte gedacht, sie sei ein Junge und wenn er gewusst hätte, dass sie ein Mädchen ist, also dann hätte er ja kein Auto geholt und überhaupt täte ihm das total leid und… da hab ich innerlich so laut geseufzt, dass ich den Rest des Entschuldigungs-Sermons nicht mehr mitbekommen habe. 

******** und weil mein Chef auch schon nen norwegischen Abgang gemacht hatte, also einfach verschwunden war. 

Tag 672 – Ein bisschen mimimi. 

So viel zu lesen. 

So viel* zu schreiben. 

So wenig Zeit. 

Abwechselnd der Gedanke „jaja, das geht, irgendwie“ und dann „niemals wird das klappen“ inklusive Haareraufen. 

Vermutlich sollte ich viel zu Fuß gehen, aber ich habe doch keine Zeit! Anderthalb Stunden täglich vertrödeln**, das geht doch nicht!

Morgen ist der Mann nachmittags und Abends nicht da. Mir graut schon davor. Ich hab keine Geduld mit den und für die Kinder grad. 

Übermorgen ist der Workshop, inklusive zwischendurch losrasen, Pippi holen und dann noch eine Runde Vorträge*** anhören. Während derer sie hoffentlich still da sitzt. Obwohl ich ja auch den Veranstalter*Innen wirklich gerne unter die Nase reiben will, dass das mistig geplant ist, erst um 11 anzufangen und dann bis 18 Uhr durchzukloppen. Und dann Abendessen von acht bis zehn, danach Skybar und Zeug und am nächsten morgen um halb neun geht’s weiter. Ey, das halte ich doch selbst ohne Jetlag nicht durch!

Genug Mimimi. Nützt ja alles nix. Die gefühlt tausend Reviews lesen sich auch nicht von allein. 

*Ist gar nicht so viel. Echt nicht. 25 Seiten, das ist NIX. Memme, ich. 

**Jajaja, mir ist schon klar, dass das gut investierte Zeit ist, wenn ich dafür den Rest der Zeit fokussierter arbeiten kann. Und es wäre auch voll gut für alles, wenn ich nicht morgens schon am Verkehr teilnehmen müsste, weil ich mich im Moment wirklich am laufenden Band über ausnahmslos alle anderen Menschen, die wie auch immer auf der Straße unterwegs sind, aufrege. Aber! Ach…

***Arne Klungland kommt. Fangirl-Alarm. Und auch „der käme in Frage als Opponent“-Alarm. Hosepinkel-Alarm. 

Tag 667 – Liegengebliebenes. 

Während ich bei der Arbeit in unschönen Hauruck-Aktionen* die zwei Versuche zu Ende bringe und versuche, zweimal die Woche zum Sport** zu kommen, bleibt alles andere irgendwie liegen. Und ich hasse es. 

  • Brief an die Versicherung zurückschicken, bei der ich die Riester-Rente*** habe. Weil ich ja schon seit, ohhhh, 2014 gar nicht mehr unmittelbar zulagenberechtigt bin. Brief liegt seit zwei Wochen fertig auf meinem Schreibtisch. 
  • Mich als Auslandsdeutsche registrieren lassen, um mich dann ins Wahlverzeichnis  für die Bundestagswahl eintragen zu lassen. Gnäh. Auch längst überfällig. 
  • Meine Kreditkartendaten bei Apple wegen abgelaufener Karte aktualisieren. Apple droht schon damit, meinen iCloud-Speicher auf das  winzige default-Datenvolumen zurückzusetzen. 
  • Meine gmail-Accountdaten in Mail aktualisieren, damit es endlich aufhört, über die ungültigen Verbindungsdaten zu nörgeln.
  • Kindergartenbeitrag überweisen!!1Elf!
  • Aus Gründen: eine email zwei emails schreiben. 
  • Ebenfalls aus Gründen: ein Päckchen schicken. 
  • Den Frankfurt-Urlaub etwas mehr planen. 
  • Auf Blogs kommentieren. 
  • Mir diverse Musik von Herrn Rabe ziehen, aber dafür muss ich ja meinen Computer anmachen und da war ja was…
  • … mir irgendwas zu der Batterie-Problematik des Computers überlegen. 

Bestimmt müsste mir eigentlich noch mehr einfallen, aber meistens denke ich gar nicht dran, bis mir dann irgendwas in die Hände fällt und ich denke: ach ja. Da war ja noch was. 

    * zum Beispiel hab ich heute nur eine Probe von je drei Replikaten gemessen, bevor ich daraus mRNA isoliert habe. Wird schon passen. 

    ** weiterhin faszinierend. Und mein Ehrgeiz ist ja sehr simpel gestrickt: wenn ich gegen wen gewinnen kann, reicht das als Ansporn. Heute: ca. Fünfhundert Wiederholungen einer Bauchmuskelübung gemacht, aber immer schön weitergelächelt, damit der Schauf- und Fluch-Mann neben mir nichts mitbekommt. 

    ***yes, so spießig sind wir. Ist aber jetzt zurückgestuft auf 10€/Monat, wegen eben der mangelnden Zulageberechtigung. 

    Tag 665 – Der Plan.

    Diese Woche mache ich die Experimente fertig.

    Nächste Woche sichte ich noch mal die Artikel und schaue mir andere Doktorarbeiten an. Donnerstag und Freitag ist dann „Genome Dynamics Workshop“. Genome dynamics könnte man auch als Oberthema nehmen, um die zwei völlig unterschiedlichen Themen in eine Arbeit zu pressen  einer Arbeit zusammenzufassen. Außerdem: grobe Struktur anlegen und ein LaTeX-Dokument mit den richtigen Seitenmaßen anlegen (wegen der komischen Unidruckerei, das Format ist kein DIN, sondern „B5“.)

    Die drei Wochen danach: 4-5 Seiten am Tag schreiben. Das wird viel, das weiß ich. Es wird aber auch machbar, das weiß ich auch. Been there, done that, meine Masterarbeit von 115 Seiten (ok, da waren ca. 15 Seiten Verzeichnisse bei) schrieb ich in vier Wochen. 

    Und Sie alle dürfen dann live mitverfolgen, wie ich vermutlich täglich mehrmals schreiend im Kreis laufe, ist das nicht schön? Das ist superschön. Jetzt muss ich aber vorschlafen gehen, vor mir liegen gelinde gesagt anstrengende Wochen.

    Tag 663 – Karriereleiter.

    Mir mangelte es heute an Ideen, also fragte ich auf Twitter nach, wozu ich denn heute schreiben solle. Es wurde vorgeschlagen, das hier mal näher zu erläutern:

    Nun. Es ist ja so, dass meine Familie als ich Teenager war nicht grade im Geld schwamm. Ich bekam, wenn ich mich recht erinnere, mit 15 Jahren 35 DM Taschengeld im Monat. Ein Paar Adidas Superstar kostete 120 DM. Meine Mutter kaufte mir zwar Schuhe, aber keinen Markenquatsch, sondern robuste Dinger von Reno, die durfte ich mir zwar aussuchen, aber naja, es waren halt keine Adidas Superstar. Ich brauchte also einen Job. Einen richtigen, nicht nur Katzen füttern von Leuten, die im Urlaub sind, weil Leute eben nur so zwei Wochen im Urlaub sind und auch maximal drei Mal im Jahr. So gefühlt einen Tag nach meinem 16. Geburtstag heuerte ich deshalb beim Obi an. Als Kassenkraft. Das war der Anfang einer langen Reihe Nebenjobs.

    1. Obi also, Kassenkraft. 10 DM/Stunde, 10 Stunden die Woche, nach der Schule bis acht Uhr, dann Kasse zählen und mit der Bahn durch die komplette Stadt nach Hause. Da war ich dann um 22 Uhr. Es war der helle Wahnsinn und der Job war, offen gestanden, echt scheiße. Aber immerhin lernte ich, Petunien von Geranien zu unterscheiden. Das absolute Grauen war ein Tag, an dem es sehr warm war und an dem ich an der „Gartenkasse“ arbeiten musste. Quasi im Gewächshaus. Alleine. Es waren da sicher über 40 Grad und nach zwei Stunden (von 5) war meine Wasserflasche leer und mein (weißes) Obihemd klebte klitschnass und durchsichtig an mir dran. Abends kamen mir beim Kasse zählen vor Erschöpfung die Tränen und danach habe ich gekündigt.
    2. Jibi, Einräumkraft. Beworben hatte ich mich eigentlich für Kasse, stattdessen wurde ich von so einem Einräumdienstleister angestellt, der mich dann auch nicht nur in der Filiale bei meinem damaligen Freund ums Eck einsetzte, sondern in der halben Stadt rumschickte. Das machte ich nicht sehr lange.
    3. Schuhe verkaufen, Sommerjob. Das war super. Irgendwo hatte ich einen Aushang gesehen, Urlaubsvertretung, Vollzeit für 4 Wochen, genau in den Sommerferien. Bei einem der teuersten Schuhläden Bielefelds. In den vier Wochen verdiente ich (also, für meine Verhältnisse) einen Haufen Geld und lernte alles, was ich über Schuhe weiß. Ich war bei einer Schulung über Schuhspanner dabei, putze die Spiegel und die Glas-Auslagen, stellte Schuhe hübsch ins Regal (Frauen: immer Größe 36, Männer: immer Größe 42), versuchte, mir die internationalen Größen-Umrechnungstabellen zu merken und scheiterte, probierte Schuhe an (seitdem weiß ich, dass Prada so unheimlich klein ausfällt, dass mir oft selbst die größte damals von denen produzierte Größe (40) noch zu klein ist) und verkaufte Schuhe. Das hat mir echt Spaß gemacht. Auch wenn ich keine allzu gute Verkäuferin bin, weil einfach zu ehrlich. Ich hab mal ner Kundin gesagt, dass ich die 200 DM-Stiefeletten besser finde als die 400 DM-Stiefel und naja, so schnell hat man sich die Provision versaut, ne? Aber die Kundin war sehr dankbar für die offene Meinung. Manchmal rauchte ich mit der Chefin. Und einmal kam der Firmeninhaber, da musste ich mich fast zwei Stunden lang im Lager verstecken, damit der mir keine fiesen Fragen stellen konnte. Seit dem Job liebe ich Schuhe.
    4. Edeka, Kasse. Bei mir ums Eck. Verdienst war mäßig, aber ich hatte viel Spaß und nette Kollegen. Mit einem hatte ich danach noch ziemlich lange ääähhhhh privat zu tun, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Die Chefin war ne ziemliche Hexe. Ich lernte drölfzig neue Obst- und Gemüsesorten kennen (Lollo Rosso, PUL 7014), gefühlte tausend PULs auswendig und wie man geschmeidig Geldrollen öffnet ohne dass die Kunden in der Schlange das Seufzen anfangen. Highlights: ich (17) fragte eine 28-Jährige nach ihrem Ausweis wegen Schnaps, jemandem fiel ne Flasche Rotwein und ne Packung Eier vor der Kasse hin und es gab ne unglaubliche Sauerei und (!) ich hab damals am ersten Arbeitstag nach der Euro-Einführung gearbeitet. Wir schmissen die Mark in einen Eimer unter der Kasse und an dem Tag hatte jeder von uns an die 100 € Abweichung in der Kasse. Die Chefin tanzte im Dreieck.
    5. IKEA, Kasse. Dafür musste man 18 sein. Dafür war der Verdienst ziemlich gut und die Kollegen unheimlich nett. Die Kantine bei IKEA ist übrigens für die Angestellten auch sehr gut und dabei sehr günstig! Und der Marktleiter setzt sich da auch total Skandinavisch mit an den Tisch und sagt „Hej, ich bin der Björn*, was machst du hier?“ (*Name von der Redaktion mit extrem schlechtem Namensgedächtnis geändert). Nachteil: die IKEA-Montur. Wäh. Kratzige und unförmige Dinger, nur Bluse (die ging noch halbwegs) war nicht so gerne gesehen, aber mit Pulli drüber wars oft sehr warm und das Halstuch war… halt ein Halstuch. Ich arbeitete immer Samstags für sechs Stunden, von 14 bis 20 Uhr und kann Ihnen sagen: Samstags bei IKEA ist für keinen so richtig schön. Aber kurz vor Feierabend, da gehts eigentlich immer. Highlight: Irgendwann in der Vorweihnachtszeit ging irgendwie das EC-Bezahlsystem kaputt. Es gab ein wirklich unvorstellbares Chaos an den Kassen, inklusive wütenden Kunden, die die hilflosen Kassenmenschen beschimpften. Und hinterher gabs  Schnaps im Kassenbüro. Ich weiß nicht mehr so ganz, wie es da endete, vom Gefühl her war es irgendwie für mich doof. Vielleicht hatte ich um andere Arbeitszeiten gebeten und das nicht bewilligt bekommen, ich weiß es nicht mehr.
    6. Barista. Hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wirklich ganz doll viel. Umso niederschmetternder, dass ich nach vier Wochen per E-mail gekündigt wurde, die mail aber erst im Büro des Cafés las, als ich zu meiner Schicht morgens um sieben antreten wollte und mich meine Kollegin etwas sparsam ansah. Rolf, wenn Du das hier lesen solltest: das war echt unter aller Sau, menschlich gesehen. Aber ich lernte sehr viel über Kaffee in den vier Wochen.
    7. Irish Pub, Kellnern. War irgendwie lustig und verrückt und mies bezahlt und dreckig und stinkig und sexistisch und ich liebte es. Leider war es auch einfach gar nicht vereinbar mit dem Studium, das ja, in meinem Fall, meistens um acht Uhr morgens losging. Trotzdem zog ich das recht lange durch. Highlight: Disco-Night, bis morgens um sieben gearbeitet, dann noch nen Cocktail mit den Kollegen getrunken und halbtot nach Hause gewankt. Und Karaoke. Ach, Karaoke. Lowlight: Diverse eklige Weihnachtsfeiertische, dass ich mir irgendwann ein Pfefferspray kaufen musste, weil ich wirklich Angst hatte, nachts alleine zu meinem Roller zu gehen und dass wir immer schwarz tragen mussten. Ich kann immer noch instantan den Geruch von kaltem Zigarettenrauch und Bier abrufen. Ich lernte viel über Whiskey, Whisky und alle möglichen Guinness-Mischgetränke. Ich liebte es, erwähnte ich das? Irgendwann gings aber echt nicht mehr mit dem Studium und ich kündigte schweren Herzens.
    8. HiWi, Organisation eines Berufsfindungsseminars für Informatiker, das war blöd für alle Beteiligten und wurde nach einem Semester eingestellt.
    9. Biergarten, Kellnern. Das war noch viel besser als im Irish Pub. Weil: kein Stinken hinterher (außer die diversen Male, an denen ich mir Weizen über die Füße kippte). Und weil die Chefin, der Chef und all die anderen Angestellten wie eine Familie für mich wurden (und das meine ich ausnahmslos positiv). Ich lernte Zapfen, Weizen einschenken (ich kann zwei auf einmal!), wie man einen Laib Ciabatta in akkurat gleich breite, hübsch schräge Scheiben schneidet, ich überwand meine Wespenphobie, lernte extrem schnelles Kopfrechnen und wie man die Bitte um Rotwein-Mischgetränke charmant abwimmelt (ungefähr so: „Nä! Machen wa nich sowas! Wo komm wa denn da hin? Nä. Rotwein wird hier nich gepanscht. Das is barbarisch!“ Wichtig, dass man das im breitesten Ost-Westfälisch sacht, zu dem man fähig ist.). Ich kannte die Stammkunden und ihre Problemchen und machte mir Sorgen, wenn einer von denen unabgemeldet nicht kam. Ich fand den Job so toll, dass ich den sogar noch einen Sommer weiter machte, nachdem ich im sicheren Hafen der Ehe angekommen war einen richtigen, festen Vollzeitjob hatte. Und ich gehe da immer noch sehr gerne hin und schnacke mit den Leuten. Und vielleicht kommen mir grad ein bisschen die Tränen. Vielleicht mache ich einfach wirklich irgendwann ne Kneipe auf. (Brauchts noch Highlights? Arminia Bielefeld ist irgendwann da mal aufgestiegen. Das Stadion – Die Alm – ist da in Sichtweite und der Biergarten die erste „Tankstelle“ auf die man so trifft. Es war auch da der helle Wahnsinn, total stressig, gefühlte 200 Leute standen am Wagen und wollten jeder ein Bier (warum auch für die Kumpels mitbringen…), aber unheimlich toll. An dem Abend saßen wir hinterher noch lange auf dem Platz, die Chefin, die „Haupt-Angestellte“ und ich und tranken Prosecco (die anderen zwei) bzw. Bier (ich). Mit den geschwollenen Füßen auf den Bierkisten. Ach, war das schön.)

    Hier nicht aufgezählt sind: Babysitten, Katzensitten, Nachhilfe (Biologie und… Philosophie, of all things) und Schwangerschaftsvertretung in den Kindergruppen meiner Tanztrainerin.

    Doch, ich hab echt schon so einiges gemacht.

    Tag 662 – Wirres. 

    Aus Gründen habe ich heute zu viel über mich nachgedacht. Das bekommt mir nicht gut. Davon werde ich ganz… aufgekratzt, dann müde und am Ende leer. Das ist nicht schön und so schnell mache ich das nicht wieder. 

    Die Hinweise verdichten sich, dass ich sehr gestresst bin. Die einzige, die mich stresst, bin ich selbst. Der Effekt ist aber der gleiche: ich bin grenzwertig erschöpft. Schaffe dabei nichts, habe ein schlechtes Gewissen und bin dann, genau, noch erschöpfter. Vielleicht sollte ich mich einfach hinsetzen und schreiben, damit das Elend wirklich bald ein Ende hat, egal wie. 

    Ich hab den allerbesten Mann geheiratet. Nach fast 10 Jahren, die wir uns kennen, kann ich das wohl behaupten. 

    Pippi sagt immer, wenn sie sich verabschiedet: „Ha det, Pippi! ‚Is Gleiheich!“. Das ist so unglaublich niedlich!

    Heute den Wickeltisch verkauft. Jetzt muss nur noch das Beistellbett und die Windeln weg, dann ist das Gros des Babykrams weg. Und es fühlt sich sehr gut an. 

    Kinder, die keine Babys mehr sind, sind schon praktisch. Man hat viel mehr Freiheiten: ich kann über meine Brüste verfügen, wie ich es für gut und richtig halte. Michel geht nach dem Kindergarten problemlos mit zu seinem Kumpel. Beide Kinder schlafen mindestens eine Weile in ihren eigenen Betten im eigenen Zimmer. 

    Pippi kommt in die Autonomiephase. Traurige Eltern (wir) sind traurig. 

    Tag 660 – Aggressionsproblem. 

    Dinge, über die ich in den letzten Tagen wirklich, wirklich wütend wurde (Reihenfolge spiegelt nicht die Gewichtung wieder):

    • Ein Kindergarten irgendwo in Süddeutschland schickt ein Kind nach Hause, weil es keine eigene Sonnencreme dabei hat. Obwohl die Mutter ihr Einverständnis gegeben hat, die Sonnencreme eines anderen Kindes zu benutzen. 
    • Eine Mutter sagt, sie könne und wolle nicht mehr auf Art und Weise x erziehen, ihre Tochter tanze ihr auf der Nase rum. Andere Mütter fallen über die Mutter her: sie habe x halt einfach falsch gemacht, weil sonst würde weder auf Nasen getanzt noch wäre sie so fertig. 
    • Menschen, mit denen ich Labore teilen muss, sauen rum, füllen nichts nach und brauchen meinen persönlichen Kram auf. Ohne zu fragen oder auch nur Bescheid zu sagen. 
    • Menschen finden es wichtiger, oben auf dem Brutschrank Staub zu wischen, als dass ich meine Proben nach Ablauf der 24 Stunden Inkubationszeit aus dem Brutschrank holen kann. 
    • Die Bauarbeiten*. 
    • DIE NACHBARIN**!!!
    • Die Hausärztin der Kinder, die trotz Bitte meinerseits, mir keine anderen Allergien außer der Katzenspeichelenzymallergie mitzuteilen, einfach einen Brief mit den (kompletten) Ergebnissen des IgE-Tests schickte. MIT INFOMATERIAL, WIE WIR MIT DEM (JA AUSDRÜCKLICH NICHT ERWÜNSCHTEN) NEBENBEFUND JETZT UMGEHEN SOLLEN. 
    • Hausstaubmilben. 
    • Pippi, die am Pencil vom iPad gekaut hat. 
    • Pippi, die mein Glasthermometer fand und zerstörte.
    • Michel, der morgens unglaublich trödelig und heulig drauf ist. 
    • Das gesamte Projektteam, das findet, ich könnte ja noch drölfzig Experimente machen. Während mir aber gleichzeitig niemand zuhört, was ich schon gemacht habe. 
    • Das Projekt. 
    • Das Wetter. 
    • Dass ich wirklich jedes Mal, wenn ich mein Fahrrad abschließe, mich mit Öl von der Sattelfederung einsaue. 

    Mir scheint, ich habe ein klitzekleines Aggressionsproblem. Oder vielleicht bin ich einfach sehr müde. 

    *Die eine Tür ist zu kurz und knarzt, wir haben komplett absurde Anzahlen von Schlüsseln erhalten, überall fehlen noch Leisten und Farbe und Putz und es sieht auch Stellenweise noch aus wie Sau, obwohl wir schon zwischendurch mehrmals gründlich saubergemacht haben. 

    **mit ihren SMS, ich versuche diesen Teil mental load und Nervenfresserei auf Herrn Rabe abzuwälzen, aber sie schreibt immer immer immer wieder mir. Ich will das nicht, sie und ich, das geht nicht, ich gehe inzwischen direkt an die Decke bei ihrer Art. Aber dann wird hier wieder irgendwas installiert und sie schreibt zum 15. Mal „Ich brauche die Schlüssel für vorne und hinten“ und ich erkläre wieder und wieder und wieder, dass wir nur zwei Schlüssel für vorne haben und man mit unseren Schlüsseln ja (wie sie weiß) viel Übung braucht, um die Tür zu öffnen und warum lassen wir nicht einfach die Tür auf? Und sie so: warum habt ihr nur zwei Schlüssel? Und dann platze ich.

    Tag 658 – Kurze Pause. 

    Ich liege schon im Bett. Fünf Stunden Schlaf waren nicht genug und der Tag war dank Fitness (oh, wie glücklich es mich macht! Oh, welche Schmerzen ich morgen haben werde!) und Schwimmkursbegleitung doch recht anstrengend. Außerdem hab ich direkt nach dem Abschluss des einen Zellkulturversuchs den nächsten angesetzt, muss den aber morgen früh um acht Uhr starten – also um viertel vor acht da sein. Und weil mein Kopf leer ist und meine Muskeln müde sind, hab ich mich also trotz strahlenden Sonnenscheins einfach schon mal hingelegt, werde jetzt noch die letzte Folge der dritten Staffel House of Cards gucken und mir dabei Nagelpflege angedeihen lassen und dann werde ich hoffentlich einfach schlafen. 

    (Ich erinnere mich etwas wehmütig an den Sommer 2014, als es so warm war, dass ich abends noch stundenlang auf der Terasse saß und las und in der ewig langen Dämmerung die Zeit vergaß. Jetzt ist es zwar sonnig, aber kalt und die Terasse haben wir auch nicht mehr.)

    Tag 657 – Sowas wie Sommer, nur in kalt.

    Komischer, zerhackter Tag. Wegen Meeting und Friseurbesuch (ja, letzteres ist quasi die Definition eines Luxusproblems, aber es war wirklich nötig und Selfcare ist ja auch so wichtig und so, nä?) musste ich einen Versuch so planen, dass ich gleich, um zwanzig nach elf, nochmal Proben nehmen muss. Danach werde ich wie ein Stein ins Bett plumpsen und morgen dann wieder früh aufstehen, weil, ach, ich weiß es doch auch nicht so recht. Weil man das halt so macht.

    Der Friseurbesuch war einerseits natürlich schön, weil Friseurbesuch und außerdem ist mein Friseur so nett, aber andererseits war er auch sehr teuer und er hat wegen „ich möchte eigentlich diese Frisur hier, dafür muss ich wohl noch ein bisschen wachsen lassen, oder?“ Nur wenig geschnitten. Eigentlich nur den Nacken und den Rest etwas ausgedünnt, damit es weniger nach Helm aussieht… (Ich muss immer ein bisschen lachen, wenn ich in die vielen, voluminösen Haare greife und drüber nörgle, dass die so schnell wachsen. Fast 20 Jahre lang waren sie lang und platt und wuchsen gefühlte 0,3 mm im Jahr.) Naja, jedenfalls hat das bisschen Geschnippel natürlich trotzdem einen Batzen Geld gekostet. Deshalb war der Friseurbesuch im Großen und Ganzen halt nur so mittel, weil teuer und so ganz fertig ist die Frisur halt auch noch nicht. 

    Auch das Wetter ist bestenfalls komisch, es ist zwar sonnig und auf der Dachterasse bei der Arbeit wird man schon wieder fast gekocht, aber im Schatten ist es saukalt. Also, zumindest wenn man – weil es in der Sonne ja so warm ist – im T-Shirt rausgeht, dann sind 14 Grad halt auch keine 25. Und nein, Ihre 35 Grad, die Sie in Deutschland grade alle haben, will ich auch nicht geschenkt, aber so ein Mittelding, das wär doch für uns alle irgendwie fein.

    Dafür aber sehr schön mit der Masterstudentin produktiv vor mich hingearbeitet und nett unterhalten. Dann mitgekriegt, wie mein einer Kollege, dessen Frau grad nach einer OP den Fuß eingegipst hat, wegen diesem ganzen Vereinbarkeitsdings ordentlich ins Strudeln geriet, nachdem er irgendwelches Zeug falsch zusammengekippt hatte und eigentlich von vorne hätte anfangen müssen, dafür aber wegen der KiTa-Öffnungszeiten die Zeit fehlte. Und ja, ich freute mich ein bisschen darüber, immerhin bin ich nicht die einzige der sowas passiert, Hurra.

    Apropos Vereinbarkeit: Am 15. haben Herr Rabe und ich eine astreine Doppelbelegung mit Terminen ohne Kinder. Herr Rabe hat erst Hackathon und dann Sommerfest, ich habe erst Mini-Konferenz und dann Dinner mit denn anderen Konferenzteilnehmern. Michel würden wir ja noch irgendwie für den späten Nachmittag loswerden, aber was machen wir mit Pippi? Im Moment spiele ich mit dem Gedanken, sie irgendwie von der KiTa abzuholen und dann zu den letzten Vorträgen einfach mitzunehmen. Auch um den Verantwortlichen zu zeigen, dass es eine eher rücksichtslose Idee ist, so eine Konferenz auf die hauptsächlich hier ansässige Leute (die zu 80% auch Kinder haben) kommen, bis 17:15 Uhr anzusetzen. Ach ja: unsere Babysitterin hat gekündigt, eine neue wurde uns von der Agentur vorgestellt, die ist aber bis Ende Juni im Urlaub, das ist also keine echte Option. 

    Und jetzt: ab ins Labor!