Tag 1845 – Superwoman.

Ich komme mir grad vor wie so ne Bilderbuch-Karrieremutter aus irgendeiner amerikanischen Serie. So eine, die auch morgens mit perfektem Make-up und kunstvoll zerwühlten Haaren aus makellos weißer Bettwäsche aufsteht. Denn ich bin heute aufgestanden, habe mich fertig gemacht, dann die Kinder geweckt, denen Frühstück kredenzt, mir dabei zwei Kaffee gekocht, einen getrunken, die Kinder angezogen, Zähne geputzt, habe uns alle rechtzeitig und ohne irgendwelche Ausrüstung zu vergessen (Bonuslevel Schwimmunterricht!) aus dem Haus bekommen ohne dass irgendwer geweint hat, habe Michel, dann Pippi, dann Michels Sportzeug abgeliefert, bin 30 Minuten zur Arbeit gefahren, habe 9,5 Stunden lang gearbeitet, bin 30 Minuten zurückgefahren, habe auf dem Weg das Auto geladen, habe zu Hause Michel Harry Potter vorgelesen und ihn zu 90% ins Bett gebracht, habe dann noch mal 45 Minuten gearbeitet (interne Nachbesprechung, die wir Coronabedingt im Teams und nicht beim Hersteller in irgendeinem Raum machen), während ich das Abendessen fertig gekocht habe, und dann haben Herr Rabe und ich sogar noch Sport gemacht.

Morgen reiße ich ein paar Bäume aus oder mache noch die Meerschweinkiste sauber oder so.

Tag 1840 – Arme Maus.

Pippi hat heute ihre Brille bekommen. Die Brille schläft jetzt mit im Bett (in der Box). Pippi ist total stolz und Michel ist total neidisch. Den Vorteil, keine Brille zu brauchen sieht er nicht so wirklich. (Ich finde ja auch echt zwei Fehlsichtige in der Familie reichen, so finanziell. Für Pippis Brille bekommen wir zwar etwas erstattet, aber das deckt ungefähr 1/4 der Gesamtkosten. Hurra.)

Nach dem Brille abholen war außerdem Pippis erste Tanzstunde (Mini-Jazz 5-7 Jahre). Wegen Corona durfte ich nicht mit rein, maximal bis zur Rezeption hätte ich mit gedurft, aber die Horde rosa Tütü-bekleideter Mädchen (null Jungs und ich lasse mich jetzt nicht über den Sinn und Unsinn von Tütüs zum Tanzen aus, nein, nein, niemals) wurde an der Tür von der Lehrerin abgeholt. Also ich nehme mal an, dass das die Lehrerin war, sich vorgestellt hat sie sich nämlich nicht (möööp, sorry). Pippi und ich hatten vorher schon über das „Erwachsene dürfen nicht rein“-Thema gesprochen und ich hatte ihr gesagt, dass ich in der Nähe bleibe und die von der Tanzschule mich anrufen können. Sie war dann kurz besorgt, weil sie ja kein Telefon hat, aber glaubte mir, dass da drin alle diverse Telefone haben. Pippi ging dann auch freudig-aufgeregt mit rein und ich ging, weil ich echt keine Lust hatte, auf der nackten Steintreppe eines Einkaufszentrums rumzusitzen, einkaufen.

Eine Dreiviertelstunde später stand ich wieder wartend vor der Tanzschule, viel zu früh, aber egal, ich dachte derweil darüber nach, ob ich Pippi nicht doch Ballettschuhe kaufen sollte, weil sie ja bestimmt jetzt da überglücklich rauskäme und mir augenblicklich in den Ohren läge, dass sie auch ein rosa Tütü und Schuhe haben will.

Pippi kam pünktlich raus und ich sah schon, dass irgendwas nicht gut war. Bei mir angekommen fing sie an zu weinen und als ich fragte, warum, sagte sie „die haben dich nicht angerufen! Ich gehe da nie wieder hin!“. Bumm.

Ich gebe zu, da gehen selbst bei mir so Scheuklappen runter und die Löwenmutter kommt raus. Pippi sagte, sie habe die ganze Zeit geweint und gar nicht mitgemacht und auch überhaupt keinen Spaß gehabt, also glaubte ich ihr das und schrieb eine ziemlich entsetzte und angepisste Mail, als wir wieder zu Hause waren. Warum man mich nicht angerufen hätte.

Die Reaktion der Tanzschule kam fix und war freundlich und ebenso entsetzt, sowas soll natürlich nicht passieren. Sie würden mit der Lehrerin reden, die sei nur grad in einem anderen Kurs. Eine andere Angestellte sei in dem Kurs gewesen und hätte da mit einem anderen Kind gesprochen, der sei aber nichts weiter aufgefallen (also kein heulendes Kind in der Ecke oder so).

Ich sprach noch mal in Ruhe mit Pippi, da hörte sich schon alles viel weniger schlimm an. Sie habe in der Stunde nicht geweint, nur sehr sehr traurig ausgesehen. Sie musste ihre Brille absetzten. Und sie hat der Lehrerin gesagt, dass sie mich vermisst, aber nur leise und die Lehrerin hat das nicht gehört.

Dann hat Pippi etwa fünfhundert mal „Kopf und Schultern, Knie und Fuß“ vorgetanzt und gesungen, das haben sie nämlich heute gemacht und das war auch eigentlich lustig. Und ich fühlte mich ein bisschen dumm. Auf meine Rückmeldung „war wohl doch alles nicht so dramatisch und das Kind hat sich wohl nichts anmerken lassen“ bekam ich wenigstens die sehr nette Antwort, dass das kein Problem sei, ich* das nächste mal gerne mit rein dürfe, das hätten sie jetzt so besprochen, dass ganz neue bei den Kleinen das bei den ersten Malen eventuell einfach noch brauchen und dass auch die Lehrerin noch mal mit Pippi spricht, damit die weiß, dass sie auch laut mit ihr reden kann. Außerdem hat nun die Tanzschule meine und Herrn Rabes Nummer und Pippi sagt, sie will es nächste Woche noch mal probieren.

Puh. Das war wohl alles zu viel für einen Tag für die kleine Maus. Das tut mir echt leid, sie wirkt immer so groß, aber sie ist eben grad mal fünf.

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*das wird dann wohl Herr Rabe sein, ich bin nämlich, falls nicht noch irgendwer Covid19 bekommt, nächste Woche auf einer Inspektion. Einer richtigen echten, on-Site. Whoopwhoop!

Tag 1838 – Prööt Pröt Pröööööt.

Michel hatte heute seine erste Stunde Kornettunterricht. Naja, „Stunde“, es geht für die Anfänger*Innen nur 20 Minuten. Ein Kornett sieht aus wie eine kleine Trompete, ist aber eine Art Horn. Michel war ja im letzten Schuljahr bei der Kulturschule und durfte verschiedenes ausprobieren (Pippi wird das Angebot dieses Jahr schon machen) und nachdem er bei der Abschlussveranstaltung so ziemlich das einzige Kind war, das überhaupt einen kräftigen Ton auf der Trompete heraus bekam, und er außerdem sagte, Trompete fand er gut, fiel die Wahl auf eben Kornett oder Trompete. Für Kornett waren noch Plätze frei. So läuft das bei uns, total pragmatisch sich grob an Bedürfnissen orientierend*.

Jedenfalls hat es Michel Spaß gemacht, er hat gleich ein Leihinstrument mitbekommen, und jetzt soll er jeden Tag fünf Minuten üben. Und so pröötet er fröhlich vor sich hin und freut sich, ein maximal lautes Instrument zu haben. Schon sehr süß. (Die Nachbarn haben am Wochenende ihr Haus verkauft, mal sehen ob die neuen Nachbarn das auch so schön finden…)

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*Ich wollte gern, dass er was lernt, was ihm relativ schnell Erfolgserlebnisse beschert, weil ich mein Kind ja kenne und weiß, dass seine Freude daran sehr davon abhängt. Ich finde das überaus bedürfnisorientiert.

Tag 1826 – Muss leider draußen warten.

Long story very short: ich war mit Michel erst bei der Hausärztin, dann im Krankenhaus, da durfte ich teilweise nicht mit rein und wir wurden behandelt wie Aussätzige, weil wir vor neun Tagen aus dem Ausland(TM) zurückgekehrt sind. Michels Sprunggelenk außen ist gebrochen. Es geht ihm gut und er hat auch, im Gegensatz zu seiner Mama, nicht geweint.

Die ganze Geschichte ist natürlich ungleich länger. Aber es war alles so scheiße, dass ich mich dabei nur in Rage und eine Migräne rede. Ich habe auch das Gefühl, ich kann das kaum zusammenhängend erzählen, weil mich das emotional so geschlaucht hat. Als wir endlich zu Hause waren, musste ich mich erst mal hinlegen, so fertig war ich.

Die Ärztin hatte uns nur gesagt, wir sollen nach Ahus fahren. Das ist ein großes Krankenhaus mit mehreren Gebäuden. Sie hatte nicht gesagt, in welches Gebäude wir müssen und ich habe Michel erst in das falsche getragen. (Natürlich getragen, er konnte ja nicht laufen, deshalb waren wir ja da.) Danach habe ich Michel also in das richtige Gebäude getragen. Da wurden wir erst ins falsche Wartezimmer gesetzt und wenn nicht ein Patient (!) gesagt hätte, dass wir zum Röntgen sicher nicht ins HNO-Wartezimmer müssen, würden wir da vielleicht jetzt noch sitzen. Aber schon geil, wenn man ein Kind mit einem dicken Fuß reinträgt, sagt, man komme zum Röntgen des Fußes, dass einen dann Planlose Person A ins falsche Wartezimmer setzt. Whatever, jedenfalls mussten wir in den Keller.

Da fragte uns eine Westenperson, eine Infektionsschutzaufpasserin, ebenfalls ohne wirklichen Plan, ob wir in den letzten 10 Tagen im Ausland gewesen seien. Ich sagte „äh.“ und rechnete nach und sagte dann, wir seien vor 9 Tagen aus Deutschland zurückgekommen. Ich muss jetzt dazu sagen, dass Deutschland ein okayes Reiseland war und nach wie vor ist, das heißt, wir mussten und müssen nicht in Quarantäne nachdem wir da waren. Die Westenfrau war aber von dieser Information trotzdem überfordert und musste erst wen anrufen. Die kamen dann nach 10 Minuten, in denen wir wie Falschgeld auf dem Gang standen, mit 1 Mundschutz und 1 Paar Handschuhe – fürs Kind. „Oder waren Sie auch im Ausland?“ Ja zur Hölle natürlich war ich auch im Ausland. Vor neun Tagen. In einem „grünen“ Land. What the fuck? Ok, nach weiteren 5 Minuten kam also noch ein Mundschutz und ein paar Handschuhe und alles wurde uns mit sehr spitzen Fingern am sehr langen Arm gereicht.

Danach durften wir uns endlich anmelden. Also in einem Wartezimmer eine Nummer ziehen, warten, und uns dann anmelden. Als einzige mit dem Mundschutz und den Handschuhen der Schande. An der Anmeldung wurde uns dann mitgeteilt, dass wir im Auto warten müssten. Wegen der Auslandsreise. Vor neun Tagen. In einem grünen Land. Wir würden dann angerufen.

Ich schleppte also Michel wieder zum Auto. Es war weit und warm. Nach etwa 45 Minuten warten, in denen ich vorsorglich schon mal organisiert habe, dass Pippi mit einem anderen Kind nach dem Kindergarten nach Hause fahren kann (wir haben ja nur ein Auto), klingelte das Telefon. Michel sei in 5 Minuten dran. Wir sollen zum Ambulanzeingang kommen. An der kurzen Seite des Gebäudes. Ich dürfe nicht mit rein. Wegen der Auslandsreise. In einem grünen Land. Vor neun Tagen. Einem Land, das geringere Infektionszahlen hat als Oslo. Vor neun Tagen. Vermutlich haben wir sogar vor Mitternacht die Grenze passiert.

Vor dem Gebäude stehend, nachdem ich Michel da wieder hin getragen hatte, ging mir auf, dass ein Rechteck zwei kurze Seiten hat. Ich ging also rein, zu Planloser Person A (s.o.) und fragte, wo der Ambulanzeingang sei. „Sind Sie die aus Deutschland???“ „Ja.“ „Wo ist ihr Mundschutz???“ „Im Mülleimer. Wo ist der Ambulanzeingang?“ (was zur Hölle einfach? Soll ich Mundschutz und Handschuhe stundenlang anlassen, damit in mein eigenes Auto und alles mögliche anfassen und dann einfach wieder damit ins Krankenhaus? Was. Zur. Hölle.). Planlose Person A zeigte es mir auf einer Karte: auf der entgegengesetzten Seite des kompletten Krankenhausgeländes. Geschätzte 10 Minuten Fußweg für mich allein, ohne humpelndes Kind, das ich tragen muss. Da brach ich in Tränen aus. „Ist das ihr Ernst?“ „Das ist der Ambulanzeingang.“ „Ich muss ihn da hin tragen, er ist sieben, und da kriege ich ganze fünf Minuten vorher Bescheid???“ Achselzucken.

Ich kam, mit Michel auf dem Arm, ziemlich sehr fertig, etwa den halben Weg weit, bevor mein Telefon wieder klingelte. Wo wir denn seien? „Auf dem Weg. Ich muss ihn tragen und ja um das ganze Gelände rum, ich darf ja auch nicht durch das Gebäude…“ „Warum um das Gelände rum, das ist auf der kurzen Seite des Gebäudes.“ „Ja aber welchen Gebäudes denn?“ „Dem, in dem Sie eben waren.“ „Planlose Person A in dem Gebäude hat mich grad zum anderen Gebäude geschickt!“ „Ja, das ist falsch.“ Ich brach schon wieder in Tränen aus. Wollten die mich alle verarschen? „Sie können mit dem Auto fahren und direkt vor der Tür parken.“ na immerhin etwas.

20 statt fünf Minuten nach dem Anruf, dass Michel bald dran sei, waren wir dann also am Ambulanzeingang DER ORTHOPÄDISCHEN AMBULANZ. NICHT DES GESAMTEN KRANKENHAUSES. Und ich war mit den Nerven runter. Und Michel wurde an der Tür von der Krankenpflegerin abgeholt, mit Handschuhen und Mundschutz versorgt, in einen mit Plastik ausgekleideten Rollstuhl gesetzt und davon gefahren. Ich durfte nicht mit rein. Nicht nur nicht in den Röntgenraum. In das Gebäude. Wegen der Auslandsreise. Die vor neun Tagen war. Die kein Problem gewesen wäre, wäre sie einen Tag früher beendet gewesen. Oder wenn wir in Oslo Urlaub gemacht hätten, das, ich sage es nochmal, wesentlich höhere Ansteckungszahlen hat als Deutschland, NRW und Bielefeld. Das sagte ich der Krankenpflegerin auch, als sie Michel wieder rausrollte. Dass ich das unverhältnismäßig finde, einen Siebenjährigen deshalb nicht in ein Krankenhaus begleiten zu dürfen. Sie verstand das, ich verstand, dass das nicht auf ihrem Mist gewachsen war, ich bat trotzdem um die Weitergabe meines Feedbacks.

Vielleicht deshalb durfte ich dann immerhin zur Behandlung mit rein (mit Mundschutz und Handschuhen). Wir wurden in einen leer geräumten Raum gesetzt, in dem alles, was noch drin war – ein Stuhl für mich, ein Hocker für den Arzt, ein Tischchen und diverse Türklinken – mit blauem Plastik abgedeckt war. Ich kam mir vor als hätten wir MRSA, Krätze, Syphilis und Covid19 zusammen und würden aus offenen Geschwüren heftig eitern oder so.

Nach sehr langer Warterei kam dann ein Orthopäde, der sich von einem sehr aufgeregten Michel nochmal die ganze Geschichte erzählen ließ, hielt erst übertrieben viel Abstand und musste dann doch eine körperliche Untersuchung vornehmen, Überraschung, Michel hat nicht einen meter fünfzig lange Beine. Immerhin wurde er dann zutraulicher. Zur Besprechung des Röntgenbildes holte er dann noch einen Kollegen dazu, der aber auch der Meinung war, es sei eben das Sprunggelenk etwas untypisch gebrochen, nur ein bisschen, nicht verschoben und ohne Spaltbildung, und ohne Bänderriss, also kommt da so eine abnehmbare Schiene drum, Schmerzmittel und schonen und in ein paar Wochen springt Michel wieder rum und spielt Fußball, kein großes Ding.

Auch der Rest – das Anpassen der Schiene und Herauskomplimentieren aus dem Krankenhaus – lief einigermaßen ok ab, aber ich glaube es dauert noch ne Weile, bis ich mich von der Aktion heute erholt habe.

(Und die Moral von der Geschicht: 1. bitte immer Leuten wirklich genau sagen, wo sie hinmüssen, 2. bitte nicht Ehrlichkeit mit unverhältnismäßigen Maßnahmen bestrafen, 3. Maßnahmen wenigstens erklären, damit sie Leuten nicht ganz so unverhältnismäßig vorkommen, 4. selbst Menschen mit Covid19 sind doch Menschen, die man nicht behandeln sollte wie Aussätzige.

Danke.)

(5. Zeit, in der man ansteckend wäre, Zeit bis zur Entwicklung von Symptomen, dies, das, egal.)

(6. Wenn es sich vermeiden lässt, nicht mehr nach Ahus.)

Tag 1825 – Grad noch gefehlt.

Michel hat sich im Sport-Hort (hier sind noch Schulferien) den Fuß verknackst. Beim Fußball umgeknickt und dann „mit der Seite so auf den Boden, Mama!“. Als ich ihn abholen wollte, hielt ihn das allerdings nicht davon ab, noch bleiben zu wollen um die Runde [irgendwas]ball leicht humpelnd fertig zu spielen. Durfte er dann auch, ich holte Pippi ab und stand eine Viertelstunde später wieder im Sporthort. Da schreulender Michel, wütend auf den Klassenkameraden, der irgendwie beschissen hatte, oder sich nur nicht an die Regeln gehalten, das wurde bei dem schluchzenden Gestammel nicht ganz klar, jedenfalls totale Ultrakatastrophe für das leicht übermäßig regeltreue und gerechtigkeitsliebende Kind. Und plötzlich war auch der Fuß schlimmschlimmschlimm, völlig unmöglich, damit noch einen Meter zu gehen. Im Auto zog ich Michel Schuh und Socken aus und ja, Fußgelenk außen dick und, milde ausgedrückt, berührungsempfindlich. Michel war völlig aufgelöst „MUSS ICH JETZT ZUR LEGEVAKT???“. Ich versprach, dass wir erst nach Hause fahren, Sachen holen, Pippi waschen und Michel umziehen, der hatte nämlich auch ein Loch in der dreckigen Hose. Vom Auto aus rief ich die Legevakt an (Carona ist eine unheimlich gute Freisprecheinrichtung mit eins-a Spracherkennung). Im Hintergrund ein weinendes und ein permanent „ich will Musik hören!“ grölendes Kind. Voll schön.

Die Legevakt meinte aber, wenn es nicht blau ist und er es belasten kann (minus das theatralische Anstellen halt) sollen wir erst mal abwarten, kühlen, hochlegen und Schmerzmittel geben, es sei vermutlich bloß überdehnt. Ich verfrachtete Michel also aufs Sofa und kühlte den dicken Fuß, bzw versuchte das, denn unsere Gelpacks sind Michel zufolge „viel zu hart und eiskalt!“.

Im Laufe des Abends kristallisierte sich dann raus, was ich schon länger vermutet habe: Michel hat the worst of two worlds geerbt, nämlich ein mal ein gewisses „Ich werde mindestens sterben!“-Verhalten und ein mal Aggression als Folge von körperlicher Unzulänglichkeit. Sie dürfen ja mal raten, von wem er was hat. Wir haben also jetzt ein Kind hier, das an seinem überdehnten Fußgelenk vermutlich sterben wird, aber nicht ohne vorher alles vor Wut in Schutt und Asche zu legen.

Gespräch nach dem Abendessen:

„UND WENN DER ARZT NICHT WEITER WEISS, WAS MACHEN WIR DANN? MUSS ICH DANN HUNDERT JAHRE AUF DEM SOFA LIEGEN ODER WAS???“

(Ich, inzwischen wirklich leicht genervt von stundenlangem angeschrien werden mit doomsday-Szenarien) „Nein, ich denke dann müssen wir den Fuß amputieren.“

„DAS GEHT ÜBERHAUPT NICHT, DANN HAB ICH KEINEN FUSS MEHR UND AUSSERDEM TUT DAS SCHEISSE WEH!“

Ok, der Fuß wird also nicht amputiert. Zum Schlafen gab es noch eine Ibuprofenkapsel und Harry Potter und viel kuscheln und er schlief dann auch recht schnell ein, aber nicht ohne im Schlaf unverständliches Zeug weiter zu motzen (!). Ich baue auf Wunderheilung über Nacht, ich weiß nicht, wie ich sonst die Kratzbürste zur Hausärztin bekommen soll.

Tage 1821 und 1822 – Ach, Spatzenkind.

Gestern bin ich einfach auf dem Sofa eingeschlafen, nach einem Glas Wein und einer langen Woche und quasi mit Ansage. Ich hab mich einfach zu Herrn Rabe gekuschelt und die Augen zu gemacht und gefühlt drei Sekunden später habe ich geschlafen.

Wenn ich gestern gebloggt hätte, hätte ich aber wohl geschrieben, dass Michel sehr sehr froh war, denn er hat jetzt sein erstes Handy (damit wir ihn erreichen können, wenn er alleine von der Schule nach Hause geht, was er sich schon länger wünscht). Nach viel hin und her überlegen wurde es keine Kinder-Smartwatch und auch kein spezielles Kindertelefon, sondern mein altes iPhone im neuen Gewand (also einem extra festen und sogar wasserfesten Bumper drum rum) und innendrin von allem bereinigt, was das Kind nicht haben soll, und darüber hinaus mit scharfen parental controls für alles. Mit Apple kennen wir uns aus und man kann da wirklich viel kontrollieren, wenn man will. Die Schule lässt das ja leider nicht zu, richtet aber auch selbst keine entsprechenden Sperren am Schul-iPad ein und… tja. Das ist nicht so cool.

Jedenfalls hat Michel jetzt das Telefon und bald auch eine SIM-Karte mit der er dann nur uns und die Babysittermama anrufen kann (hähä). Die kommt aber per Post und weil er eine gewisse Zeit am Tag Pokémon Go spielen darf, was natürlich ohne WiFi nicht funktioniert, musste ich gestern mit ihm eine Runde drehen und mein Internet mit ihm teilen.

Ich dachte erst, ich könne das als flotten Spaziergang nutzen, aber beim Spielen geht es sich nicht so schnell und meine Uhr hat das nicht mal als Training erkannt. (Ich bin dann hinterher noch mal los, das war schön.)

Jedenfalls ist Michel so stolz und freut sich total und er kommt mir so groß vor – ein eigenes Handy, um alleine 30 Minuten nach Hause zu laufen, ohne dass Mama vor Panik zu Hause eingeht! Hammer!

Das hätte ich gestern geschrieben. Heute hatten wir den ersten Heulkrampf wegen Pokémon Go, also eher, weil Michel da sein bestes Pokémon in eine Arena gesetzt hatte, ohne zu wissen, dass er das erst wieder bekommt, wenn wer dagegen gekämpft hat. Als ihm das aufging schaltete sein Hirn gleichzeitig in Fight und Flight und er schreulte verzweifelt mitten im Ort eine halbe Stunde ohne sich zu beruhigen. Mein armer Zwerg.

Die Babysittermama hat mir neulich erklärt, dass solches Verhalten in Michels Alter (leider) normal ist. Ich weiß nur noch nicht ganz, wie ich damit umgehen soll. Er muss lernen, dass Fehler passieren, auch ihm, und dass das überhaupt nicht schlimm ist, solange man draus lernt. Dass man sich drüber ärgern kann und darf und sollte (sonst lernt man eventuell eben nicht draus), aber dass einen das nicht komplett blockieren darf.

Und wenn ich ihm das beigebracht hab, bringe ich das danach mir selbst bei.

Tag 1815 – Aufzuhausefreude.

Michel schläft neben mir. So etwa drei Minuten, nachdem wir das Licht ausgemacht haben. Endlich. Endlich ist dieser schreckliche Tag vorbei, an dem er eine Laune hatte, die man nicht mal mehr als herausfordernd bezeichnen kann sondern eher als reine Provokation.

Morgen geht es nach Hause und ich hätte echt ganz gerne mal nen Heimat“urlaub“, an dessen Ende ich mich nicht unbändig auf zu Hause freue. Natürlich waren die Umstände dieses Mal auch sehr speziell, aber es wurde halt auch rundum nicht so wirklich wesentlich besser.

Michel und ich haben auch das gemeinsam: wir wollen einfach nur nach Hause.

Um mit einer lustigen Anekdote abzuschließen: Michel und ich fuhren heute mit dem Auto des Opas Abendessen holen (Döner – das muss sein, wenn wir in der alten Heimat sind), da Carona wirklich gerade so in die Einfahrt des Opas passt und da zum Laden mit geradezu chirurgischer Präzision geparkt war. Erst fragte Michel ganz interessiert, was ich da denn mache. „Schalten.“ sagte ich. „Das kenn ich, das muss man bei Rennwagen auch machen, dann fahren die ganz schnell!“ Michel denkt jetzt also, Opas A-Klasse ist ein Rennwagen und ich bin dann wohl Rennfahrerin. Ich bin nur froh, dass ich das Auto nicht abgewürgt habe und auch nicht im 1. Gang zur Dönerbude gekrochen bin. Schaltwagen fahren ist halt doch wie Fahrrad fahren. Um das zu verlernen, muss man sich schon viel Mühe geben.

Tag 1813 – Konnte nur besser werden.

Unser Tag startete so lala, die Kinder waren zu früh wach und hatten deshalb etwas herausfordernde Laune und Herr Rabe fuhr schon früh mit seiner Schwester zu seiner Mutter ins Pflegeheim – da gibt es Coronabedingt strenge Besuchsslots und nur zwei Besuchende dürfen gleichzeitig hin, deshalb eben nur die beiden. Ich war offen gestanden nach dem späten Abend gestern etwas träge und dazu die Laune der Kinder, leichtes PMS und Herr Rabe, der nach der Rückkehr aus dem Pflegeheim sagte, er wolle A tun, aber dann sehr ausführlich B tat… puh. Schwierig. Sehr schwierig.

Meine eigene Laune besserte sich, als wir dann doch noch (auf den letzten Drücker) A taten, nämlich sehr viel Zeug entsorgen, das hier noch im Opa-Haus von Herrn Rabe herumdiffundierte. Entsorgen finde ich immer gut.

Noch besser war dann aber das Minigolfspielen danach, das hat sehr viel Spaß gemacht, auch wenn (oder grade weil) sich die Kinder nur schwer an die Regeln halten können. Ich brachte ganz zu Anfang ein Mal aus Versehen Pippi zum Weinen, weil sie mich fast mit dem Schläger erschlagen hätte, mehrmals, und ich daraufhin eine Ansage machte und etwas schreckhaft auf ihre wilden Schlägerschwünge reagierte. Nachdem das aber geklärt war, hatten wir alle Spaß, dann schiebt Pippi halt den Ball mit dem Schläger den Hügel hoch, so what. Sie ist fünf. Michel sprang quer über den Platz und jubelte „I‘m a pro gamer!“ und es war sehr niedlich, äh, cool, total cool. Auf dem Rückweg machten wir ein albernes Familienselfie und dann wollte Michel schnell nach Hause. Wir übten auf dem Weg ein bisschen englisch, dann bekam ich einen Vortrag über Pokémon und dann übte Michel schnell duschen – wir hoffen ja immer noch alle, dass er dann im nächsten Jahr schwimmen in der Schule bekommt, das ist dieses Jahr ja ausgefallen wegen Corona. Aber da steht der kleine Zwerg unter der Dusche und philosophiert darüber, wie er dann ganz schnell immer duschen wird, und dass das komisch wird, weil er nie mit anderen schwimmen war als uns und seinem Kindergartenfreund H.. Hachz.

Ich habe heute auch versucht, Michel zu erklären, wie die Beerdigung wohl morgen sein wird, was eine Urnenbeisetzung ist und dass wir das Loch auf dem Friedhof nicht selbst ausheben müssen. Besonders das mit der Urne und das ganze Thema Kremieren fand ich schwierig, kindgerecht zu erklären. Da ich in Michels Alter war, als ich eine fulminante Angst vor Friedhöfen und Sterben entwickelte, die dazu führte, dass ich z.B. Angst vorm Einschlafen hatte, geht mir das extra nahe. Es war mir ein Anliegen, sehr klar zu sagen, dass nur der Körper der gestorbenen Person verbrannt wird, dass der Körper angezogen wird und der Körper in einem Sarg liegt und dass die Person da schon lange nicht mehr da ist und davon gar nichts mehr merken kann. Ich hoffe wirklich, es ist mir gelungen. Wir werden es morgen vermutlich sehen. Michels Kommentar dazu war übrigens „Ich hab das bei YouTube gesehen. Wir weinen alle zusammen und dann ist es vorbei.“ und wer weiß. Vielleicht wird es so. Oder anders.

Michel tickt sehr wie ich, im Guten wie im Schlechten.

Abends habe ich wieder Harry Potter auf Norwegisch vorgelesen und sehr mit den Augen gerollt, aber als ich aufstehen wollte, war ich versöhnt durch zwei Kuschelkinder.

Es ist immer noch manchmal ganz absurd, dass wir die Eltern von zwei richtigen kleinen Menschen sind.

Tag 1793 – Endlich die 2.

Herr Rabe hat endlich Death Stranding durchgespielt. Ein sehr sehr seltsames Spiel, wenn Sie mich fragen.

Es ist auch endlich eine Entscheidung gefallen, wer wann wie lange Urlaub in Deutschland macht. Es ist aber nur kurz (ich werde für grad mal vier Tage da sein und davon ist einer Beerdigung), es ist immer noch Pandemie, im Stundentakt neue Leute treffen ist also nicht drin, also bitte einfach nicht fragen.

Natürlich erste Frage meiner Personalchefin, auf die Mail „ich verlängere meinen Urlaub um einen Tag, weil ich an der Beerdigung meiner Oma teilnehme“: „Musst du danach in Quarantäne und ist das mit deinen Arbeitsaufgaben vereinbar?“. Meine Güte. Google hilft für die erste Frage und danke für die Anteilnahme und den überwältigenden Support. Hab gleich das Gefühl, dass ich nicht nur eine Arbeitsmaschine fürs Werk bin. Nicht.

Damit Sie nicht googeln müssen: nein. Ich muss danach nicht in Quarantäne, da heute, ebenfalls endlich, bekanntgegeben wurde, welche Länder im EWR+Schengen wir bereisen dürfen ohne danach in Quarantäne zu müssen und tadaaa: Deutschland ist dabei. Das war aber abzusehen, da die Kriterien vorher schon feststanden. Deshalb haben wir unsere Reise auch eine halbe Stunde vor der Bekanntgabe gebucht.

[Hier sollte ein triumphierender Satz stehen dass nach der Bekanntgabe direkt alles viel teurer geworden ist aber jetzt bekommt man die selbe Reise plötzlich für über 100€ weniger, was ist da los?]

[Toll, jetzt fühl ich mich übers Ohr gehauen.]

Nun gut. Ich gehe jetzt endlich ins Bett und nehme diverse Fernbedienungen, Konsolen und Tablets mit ins Schlafzimmer. Michel schlief heute Nachmittag im Auto ein, was darauf hindeutet, dass er die letzten Tage sehr früh wach war und sich vor den Fernseher gehängt hat, weil er da jetzt weiß, wie YouTube angeht. (Ganz wunderbar, so ein Smart-TV! So viele Möglichkeiten! Und nein, bitte, bitte, nicht vorschlagen, dass man doch am Router irgendwas oder mit Apps irgendwas anderes, nein, kann man nicht. Unser Internetprovider ist aus der Steinzeit, am Router kann man absolut gar nichts einstellen und einen anderen Router können wir nicht nehmen weil der Internetanbieter keine andere Hardware akzeptiert und nein, wir können auch nicht den Internetanbieter wechseln. Willkommen in Norwegen. Wir haben Glasfaser, aber unser Router ist entweder an oder aus. Ist er zu lange aus, müssen wir hinterher alle Lampen neu anlernen, über Nacht ausstellen ist also auch keine Lösung.) Jedenfalls müssen wir das unterbinden, dass er um sechs aufs Klo geht und danach irgendwelchen Schrott auf YouTube guckt, weil er ja wach ist und es hell ist. Genau wie ich braucht er viel Schlaf. Und hell wird es ab ca. halb vier.

Tag 1789 – Aufräumhölle.

Ich habe das Kinderzimmer aufgeräumt und ausgemistet und das hat acht Stunden gedauert und ich möchte jetzt dringend auf den Arm aber allein sein und was zerkloppen Hauptsache in einem leeren Raum eigentlich. Das war ein bisschen viel für einen Tag.

Vorher-Bilder gibt es kaum, nur vom drawer of doom. Stellen Sie sich so einfach 5 Schubladen, 6 Regalfächer, 1 Schreibtisch, 1 Spielküche und 2 randvolle Klappkörbe vor. Alle voller… Zeug. Wild durcheinander fliegendem Kleinkram.

Nachher:

Man beachte, dass auf dem Schreibtisch schon wieder was liegt. Pippi hat wirklich noch während ich aufräumte am anderen Ende schon wieder neues Chaos gemacht.

Und das ist der Haufen, der *nicht* wieder ins Kinderzimmer einzieht:

Nicht im Bild: 1 Kiste Papier- und 1/2 Sack sonstiger Müll.

Ich mag nicht mehr. Sowas machen wir ja alle 6-12 Monate und jedes Mal sortieren wir aus und es ist vielleicht nicht jedes Mal so viel aber schon viel. Dieser Überfluss. Ich wär echt sofort für Minimalismus zu haben. Allein. Auf einer Insel.